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#litadvent: Unter dem Mistelzweig – Teil 4

Und hier ist es, das große Finale unserer diesjährigen Adventskalender Geschichte für den Bücherstadt Kurier.
Ihr habt den Anfang verpasst? Kein Problem! Alles begann im vergangenen Jahr mit Operation „Joker“.
Weiter ging es mit Teil 1 und 2 auf der Bücherstadt Kurier Seite, Teil 3 gab es letzte Woche hier und nun folgt Teil 4.
June Is und ich wünschen viel Spaß!

Unter dem Mistelzweig

– ein RAC Weihnachts-Special in vier Teilen: Teil 4

(c) Seitenkünstler Aaron

In dem Moment kam Marian aus der Küche. Er sah den Kommissar und Moritz und blieb wie angewurzelt stehen.
Darius zog eine Augenbraue hoch. „Da sind ja wirklich alle versammelt heute.“
„Das haben Weihnachtsfeiern so an sich”, gab der Kässach-Sprössling völlig überflüssig von sich.
Moritz sagte schüchtern: „Hi.“
„Du hast es doch her geschafft!“ Marian lief zu Moritz und drückte ihn.
Dieser erwiderte die Geste nur zögerlich. „Ja, aber ich habe wohl alles verpasst.“
Marian schaute Darius über Moritz’ Schulter hinweg mit einem hasserfüllten Blick an. Zu Moritz sagte er: „Hauptsache du bist jetzt da.”
Julius trat hinter die beiden. „Darauf habe ich mich den ganzen Abend gefreut: Für Verliebte eine Ausrede, für Druiden eine Zutat, für Vögel ein Nest. Was bin ich?
Marian stöhnte. „Du hast doch gesagt, es gäbe keine!”
Derweil schien sich Moritz die Worte durch den Kopf gehen zu lassen. Auf einmal lächelte er. „Kann nur ein Mistelzweig sein!”
Julius nickte und hielt einen ebensolchen über Marian und Moritz. Als die beiden sich küssten, wandte Julius sich in einem finsteren Ton an Darius: „Herr Kommissar, wollen Sie Frau Vurals Frage nicht beantworten, warum Sie einen Zivilisten zu einem Einsatz mitbringen?“ Darius betrachtete ihn argwöhnisch.
Würde er Moritz in Gefahr bringen, wenn er zugab, dass er einen Fehler gemacht hatte? Wusste Kässach etwa, dass Moritz sein Neffe war? Er beschloss, bei einer Halbwahrheit zu bleiben. „Ich hab ihn auf dem Weg hierher aufgegabelt.“
Kässach grinste nur und wandte sich zu Juliane. „Hey Schwesterherz, braucht ihr nicht noch Helden? Der Lover von Marian scheint ein helles Köpfchen zu sein.“
Juliane überlegte kurz. „Noch etwas Verstärkung wäre tatsächlich nicht schlecht.“
„Nun, vielleicht hat Moritz ja Lust? Andernfalls … solltet ihr euch vielleicht überlegen, ob es nicht besser wäre …“
Darius verstand nicht, worum es ging und was Julius flüsterte, denn die Vural lenkte ihn mit einer Frage ab, aber er sah, wie sich die Mine seines Neffen verfinsterte. Nun, er würde es eh erfahren. Früher oder später.

Julius hob seine Stimme wieder: „Es gibt noch Punsch. Herr Kommissar, wollen Sie auch einen? Für Sie natürlich alkoholfrei.“
„Nein, danke. Ich fahre wieder auf die Wache.“
„Das ist schade, wir werden uns noch einen schönen, natürlich absolut ruhigen, Abend machen. Du nimmst einen Punsch, oder, Moritz?“ Julius klang herablassend, wie immer.
Darius hätte Moritz am liebsten mit hinaus gezogen, aber da sein Neffe nur stumm nickte, blieb Darius keine andere Wahl als ihn diesen Leuten zu überlassen.
„Gut, dann einen schönen Abend.“ Darius verließ die Villa, fuhr aber noch nicht los.

Irgendwie gefiel Darius das alles gar nicht. So schlich er ums Gebäude, den ganzen langen Seitenflügel entlang, bis hinter den Brunnen. Von dort aus konnte er das erhellte Wohnzimmer gut sehen. Normalerweise würde er so eine Observierung nicht ohne Genehmigung und noch dazu im Alleingang machen, aber da Marian involviert war … der machte ihm ein ungutes Gefühl. Und zusammen mit dem Kässach-Schnösel wurde das nicht besser.
Außerdem wollte er auf Moritz aufpassen. Er war ein guter Mensch, passte da gar nicht dazu …
Schließlich beobachtete er, wie sein Neffe und Marian immer noch an derselben Stelle standen und sich aufgeregt unterhielten, während die restlichen Anwesenden weiter aufräumten. Das Gespräch war gestenreich und – nun ja, Moritz’ Gesicht wurde immer röter.
Darius fröstelte und steckte die Hände in die Taschen. Was ging da bloß vor sich?
Juliane klopfte Moritz auf die Schulter und nahm ihn mit zum Sofa.
Fast unweigerlich dachte Darius an den RAC-Pin. Wenn es diese zwei Lager gab, sollte Moritz ruhig zu den Guten gehen. Vielleicht half ihm das, sich zu sortieren.
Außerdem war es für Darius gut, immer mal etwas über die Spinner auf der anderen Seite zu erfahren. Nachdenklich trat er einen Schritt zurück. Es polterte und als er sich erschrocken umdrehte, sah er im Schein des erleuchteten Wohnzimmers einen roten Eimer voller Wasser umkippen. Der Eimer riss eine am Brunnen lehnende Harke um, die laut über das Pflaster kratzte.
„Mist!”
Sofort wurde die Glastür aufgeschoben und Darius beeilte sich, wegzukommen.

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Wir hoffen euch hat die Geschichte gefallen und wünschen euch einen schönen vierten Advent!

Anne und June

#litadvent: Unter dem Mistelzweig – Teil 3

Auch in diesem Jahr gibt es einen Adventskalender beim Bücherstadt Kurier.
Erneut haben June Is und ich uns in die Welt unserer letztjährigen Geschichte Operation „Joker“ begeben.
Teil 1 und 2 findet ihr auf der Bücherstadt Kurier Seite, Teil 3 gibt es heute und Teil 4 nächsten Sonntag hier. Viel Spaß!

Unter dem Mistelzweig

– ein RAC Weihnachts-Special in vier Teilen: Teil 3

(c) Seitenkünstler Aaron

Auf der Polizeiwache verbrachte Darius Kolb den Abend erneut mit dem Vorfall auf der Comic Convention. Seit er wusste, dass der Freund seines Neffens in die Sache mit den kostümierten Spinnern verwickelt war, verfolgte er den „RAC-Fall“ höchstpersönlich. Wie schon so oft hatte es auch dieses Mal wieder das gleiche Urteil gegeben: Freispruch mit Bewährungsauflage, Strafe: Sozialstunden. Lächerlich. Dem Verteidigungsanwalt würde er gern was erzählen. Als ob die Männer dabei etwas lernen würde. Er schloss wütend den Ordner. Dabei fiel der RAC-Pin auf den Boden. Darius hob ihn auf. „Was treibt ihr noch alles?“

Es klopfte an der Tür. Ein Kollege trat unaufgefordert ein. „Da ist ein Anruf reingekommen, Ruhestörung und unerlaubtes Feuerwerk in der Kässach-Villa.“
„Sind die Kollegen schon raus?“
„Äh … nein, das ist der Grund, wieso ich es Ihnen sage, einem ist schlecht geworden-“
„Ach, die Wochenleiche vorhin.“
„Ja … und der andere hat ihn gerade zum Krankenhaus gebracht.“
„Gut, dann fahr ich raus. Wer weiß, was die reichen Kids wieder veranstalten. Halten Sie derweil die Stellung.“ Darius erhob sich und ging zum Dienstwagen.

Als er das Polizeigelände verlassen wollte, klopfte jemand an seine Autoscheibe.
Darius betätigte den Fensteröffner. „Ah, du bist es, ich bin gerade im Einsatz.“
„Darf ich mit?“
„Nein.“
„Mir fällt die Decke auf den Kopf, es ist so leer in der Wohnung. Außerdem …”
Bei diesem Neffen war Widerstand von jeher zwecklos. Darius gab sich geschlagen. „Egal, was passiert … du bleibst im Auto.“
„Schießerei?“
„Ruhestörung.“
„Na dann.“ Er sah Moritz kichern, während er um das Auto zum Beifahrersitz lief.
Darius schmunzelte auch, denn schon als kleines Baby hatte er ihn nachts mit auf Streife genommen, um seiner Schwester ein paar ruhige Stunden zu gönnen.

„Wo geht es hin?”, fragte Moritz, nachdem sie eine Weile gefahren waren.
„Zur Kässach-Villa”, sagte Darius beiläufig, dann fiel ihm etwas sein. „Marian ist mit dem Kässach-Typen befreundet, richtig?”
Moritz rutschte unruhig auf dem Beifahrersitz herum.
„Spuck’s aus oder ich setz dich hier ab.” Dieses Mal meinte es Darius durchaus ernst.
„Marian wird vermutlich auch da sein. Sie haben da heute Weihnachtsfeier …”, gab Moritz kleinlaut zu.
„Weihnachtsfeier?” Darius schnaubte.
„Marian hatte mich auch eingeladen, aber …”
„Du bleibst definitiv im Auto.”
Moritz wollte widersprechen, aber Darius schüttelte nur den Kopf.

Als Darius in die Einfahrt zur Kässach-Villa einbog, wurde sein Neffe noch unruhiger.
Darius stoppte vor den Stufen der Haustür und schaltete das Blaulicht ab. Er stieg aus und je mehr er sich der Eingangstür näherte, desto deutlicher hörte er gedämpfte Stimmen.
Darius klingelte.
„Habt ihr was vergess-”, der junge Mann vor ihm, definitiv der Kässach-Schnösel, sah ihn erstaunt an. „Oh, Herr Kommissar, womit kann ich Ihnen helfen?” Der sarkastische Unterton entging Darius nicht.
„Herr Kässach, guten Abend. Es ging eine Beschwerde wegen Ruhestörung und unerlaubtem Abschießen von Feuerwerkskörpern ein.”
„Ruhestörung? Waren Sie nicht im Dezernat Diebstahl?” Julius klang belustigt.
„Darf ich reinkommen?“
„Aber natürlich, ich will ja nicht, dass Sie mich noch für Behinderung der Justiz anklagen.” Theatralisch legte Julius seine Hand auf die Brust.
Ganz dünnes Eis, Freundchen.”
Mit einer ausschweifenden Geste seines Armes ließ er ihn eintreten. Darius trat ins Wohnzimmer und ihm fiel sofort das Chaos auf. Konfetti und Geschenkpapier lagen über den Boden verstreut. Eine junge Frau mit Kopftuch stellte bunte Tassen auf ein Tablett, während eine Rothaarige den Tisch abwischte. Ein anderer vom RAC-Foto, an dessen Namen er sich nicht erinnern konnte, und eine Frau mit einem blutdurchtränkten Verband ums Handgelenk hievten große Müllbeutel, aus denen Raketenreste herausragten, durch die offene Terrassentür.

Darius räusperte sich und alle hielten inne. Sie richteten ihre Aufmerksamkeit auf ihn. „Guten Abend, Kolb, Polizei. Uns hat eine Beschwerde zu Ihrer Feier erreicht. Ich bitte Sie, weitere Ruhestörungen zu unterlassen. Für das unerlaubte Feuerwerk – wir haben da ein Filmchen bekommen – und die Reste sind, wie ich sehe, noch sichtbar, kriegen Sie ein Bußgeld. Und da haben Sie Glück, dass es Ihr eigenes Grundstück ist. Anderswo gäbe es Freiheitsstrafe.“
Den letzten Teil sagte er an Kässach gewandt, der ihn finster anschaute.
„Erstmal zeigen Sie uns Ihren Ausweis“, forderte die Kopftuchträgerin.
„Und Sie sind?“ Darius kam ihrem Wunsch nach.
„Alisa Vural, Anwaltsassistentin von Doktor Kerber“, verkündete sie und Darius erkannte sofort ihren Lehrmeister in der Gestik. Wie ihm dieser bestimmte Rechtsverdreher doch zuwider war.
„Was ist mit ihrer Hand passiert? Haben Sie wieder mit Ihren Cosplay-Spielchen übertrieben?”
„Sehr witzig, Herr Kommissar, das war ein Malheur beim Ente schneiden, was in Anbetracht meines Cosplays recht ironisch ist”, verteidigte sich die Verletzte.
Darius fragte sich innerlich, was mit diesen Leuten nicht stimmte.
„Warum überhaupt Bußgeld? Das ist doch angemeldet gewesen“, mischte die Rothaarige sich ein und zog einen zerknitterten Zettel aus der Tasche. „Hier die Bestätigung.” Sie reichte ihm den Wisch rüber und sagte dabei entschuldigend: „Schon weggeworfen worden.”
Mit einem verwunderten Blick an Darius vorbei fügte sie hinzu: „Sie haben sogar den jungen Mann dabei, der die Anmeldung genehmigt hat.“
„Sie bringen einen Zivilisten zu einem Einsatz?“, fragte die Vural derweil argwöhnisch.
Darius drehte sich um und tatsächlich stand Moritz hinter ihm. Er sah betreten zu Boden.
Auf die Frage ging Darius lieber nicht ein. Stattdessen widmete er sich der Anmeldung.
Moritz’ Dienststempel war eindeutig erkennbar. Ausgestellt war das Dokument auf eine Juliane Kässach, das musste die Rothaarige sein.

Ob sie das im Alleingang gemacht hatte? Zumindest wirkte der männliche Kässach-Nachkomme äußerst überrascht.
Natürlich hätte Darius vorher das Register prüfen müssen. Er seufzte.

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Wie es weitergeht erfahrt ihr am nächsten Sonntag hier.

Wir wünschen euch einen schönen dritten Advent!

Anne und June

Schreiberlinge im Interview: Torsten Low

Vor mehr als einem Jahr setzte ich Meara Finnegan einen Floh ins Ohr, oder zumindest ließ ich ihren bereits vorhandenen wachsen. Gemeinsam wollten wir den letzten Dezember nutzen, um Leuten Kurzgeschichten näher zu bringen. Leider scheiterte das an Mearas Zeitplan. Ein weiterer Versuch sollte im neuen Jahr gestartet werden, doch nun scheiterte es an meinen Plänen. Sie ließ es sich jedoch nicht nehmen und erschuf das #KGFestival, das ihr in diesem September auf ihrem und anderen teilnehmenden Blogs verfolgen konntet.

Nun habe ich die Ehre, das Festival zu abzuschließen und zwar mit einem Interview einer wahren Größe wenn es um Anthologien geht: Torsten Low, dem Kopf hinter dem Verlag Torsten Low.

2009 traf ich Torsten in Zislow auf seiner Lesereise für seine erste Anthologie Lichtbringer, bei dieser Gelegenheit entstand ein Interview, das ihr auf Literatopia finden könnt.

Seitdem ist einiges an Zeit ins Land gezogen, aber lest selbst, was sich im Hause Low alles getan hat …

1. Vor zehn Jahren sind wir uns auf deiner allerersten Lesereise persönlich begegnet. Hätte ich dir damals vorhergesagt, dass deine Anthologien regelmäßig Preise gewinnen und ein großer Bestandteil deines Verlagssortiments sind, hättest du mir geglaubt?

Hmm, ich weiß nicht. Davon geträumt hatte ich natürlich schon.

Weißt du, mein erster BuchmesseCon in Dreieich 2008 war in vielerlei Hinsicht etwas Besonderes. Auch bei der Erschaffung von Träumen. Als dann an dem Abend Oliver Plaschka seinen Preis für »Fairwater« in Empfang genommen hat, sagte ich zu meiner Frau: Nächstes Jahr ist unser »Lichtbringer« für diesen Preis nominiert. Und in zwei oder drei Jahre später gewinnen wir ihn dann!
Ich habe in den letzten Jahren sehr häufig feststellen dürfen, wie viel Kraft Träume und Wünsche haben. Und wie viele Wünsche auch wirklich in Erfüllung gehen, wenn man einfach nur für diese kämpft.

2. Seit deiner ersten Lesereise bist du auf vielen Messen und Lesungen unterwegs. Was ist für dich das Schönste und Anstrengendste an diesem Teil der Verlagsarbeit? Wie gut lässt es sich mit deiner Familie vereinbaren, dass du immer so viel auf Achse bist?

Das Anstrengendste sind die 1-4 Stunden Auto packen vor der Fahrt. Danach geht für uns alle eigentlich der Fun los. Und das Schönste ist das Treffen mit unseren AutorInnen, die gemeinsamen Essen, das gemeinsame Feiern, die gemeinsamen Lesungen, tolle Gespräche mit großartigen Menschen.

Natürlich geht so was nicht, wenn die Familie nicht mitzieht. Tina lebt genau wie ich auf Veranstaltungen und Cons. Und für Emily wurde der Begriff »Con-Kind« erfunden.
Weißt du, als Emily damals geboren wurde, sagten uns manche … hmm … Freunde oder so: »Jetzt werdet ihr endlich sesshaft!« oder »Endlich hört euer Vagabundenleben auf!« oder auch »Ihr habt jetzt Verantwortung, da müsst ihr mit euren Spielereien aufhören!«
Und Tina und ich – wir setzten uns zusammen und stellten uns die Frage: Müssen wir uns jetzt wirklich zu Hause einmauern, nur weil wir ein Kind haben? Müssen wir wirklich einfach alle unsere Träume auf den Müll werfen, nur weil wir ein Kind haben?
Ich meine, wir hatten keine tödliche Krankheit, wir hatten keine schwerwiegende Behinderung – wir hatte »nur« ein Kind.
Wir wussten, dass es nicht funktionieren würde, wenn nur einer von uns auf Veranstaltung sein würde. Der Daheimgebliebene würde es hassen und daran wäre vielleicht sogar unsere Familie zerbrochen.

Also trafen wir die Entscheidung, die bis heute gilt: Der Verlag – das sind wir drei. Und wir gehen, wann immer es passt, zu dritt auf Veranstaltungen.

Emily tourt mit uns, seit sie 2 Monate alt ist. Sie hat in ihren jungen Jahren Erfahrungen gesammelt, die viele Kinder (und selbst Erwachsene) nie sammeln können. Sie kennt Menschen in ganz Deutschland und halb Europa, ist in den Bürgerhäusern und Messehallen zu Hause und hat bei ihren Con-Besuchen ganz nebenbei eine Offenheit anderen Menschen gegenüber entwickelt, wie sie bei Kindern ihres Alters echt selten ist. Und sie liebt diese Touren, weil sie auf den Veranstaltungen auch nie zu kurz kommt. So kennt sie fast jeden Spielplatz in der Nähe jedes Congeländes, auf dem wir mal waren – und sie hat mit 8 Jahren mit Rollenspielen angefangen und mastert auch für Kinder und Erwachsene mit ihrem selbstausgedachten Spielsystem. Und vor ein paar Wochen hat sie die Kinder im Wohngebiet zu ihrer ersten Lesung aus einem Märchenbuch bei uns zu Hause eingeladen … Naja – was man halt vorgelebt bekommt.

Alles in allem – wir sind eine Con-Familie und als solche auf Veranstaltungen glücklich. Oder wie es Tom Daut mal formulierte: Wir sind die Kelly-Family der Phantastik. Und ja, darauf sind wir stolz!

3. Du gehst mit deiner Arbeit als Verleger offen um, hast u.a. für Verlorene Werke darüber geschrieben. Was war für dich das absolute Highlight deiner bisherigen Karriere und auf welche Erfahrung hättest du lieber verzichtet?

Mein persönliches Highlight ist nach wie vor die Preisverleihung für den BuCon Ehrenpreis 2017 für unsere Verdienste als Verlag um die deutschsprachige Phantastik. An dem Abend standen mir echt die Tränen der Rührung in den Augen. Und es war einer der seltenen Momente, in denen man mich mal sprachlos erleben konnte.

Tatsächlich gibt es jedoch keine Erfahrung, auf die ich verzichten möchte. Ich habe gelernt, dass auch die schlechten Erfahrungen zu was gut sind – man kann aus ihnen weitaus mehr lernen, als aus den positiven Erfahrungen. Und am Ende ist der Torsten von heute nur deshalb so, wie er ist, weil er all diese Erfahrungen – gute und weniger gute – machen durfte.

4. Gefühlt hat sich in den letzten Jahren der Buchmarkt verstärkt Anthologien zugewandt. Wie ist dein Eindruck? Würdest du jetzt den gleichen Schritt wie zur Verlagsgründung noch einmal wagen oder haben sich die Möglichkeiten zu sehr verändert um das gleiche Niveau zu erreichen, dass dein Verlag heute besitzt?

Ich bin noch nicht mal davon überzeugt, dass dem wirklich so ist. Vielmehr glaube ich, dass die heutigen Verlage sichtbarer sind, als noch vor 10, 20 Jahren. Wenn ich sehe, wie lange ich bei Libri und KNV kämpfen musste, um ins Sortiment aufgenommen zu werden und damit in Buchhandlungen als »lieferbar« gelistet zu sein und bei Amazon direkt bestellbar zu sein. Zumindest in der Beziehung haben es viele neue Verlage heute einfacher.

Wenn du meinem damaligen Ich gesagt hättest, was alles dafür nötig ist, um an dem Punkt anzukommen, wo wir heute stehen – ich glaube, mein damaliges Ich hätte abgewunken und die Sache sein lassen. Weil ich damals nicht mal ansatzweise hätte erahnen können, was uns für unsere Arbeit und unsere Zeit zurückerhalten haben (und noch immer zurückerhalten).
Man kann es niemanden erklären, der nie bei einem unserer Autorenessen dabei gewesen ist – unsere AutorInnen bringen uns eine unwahrscheinliche Liebe und ein unwahrscheinliches Vertrauen entgegen und wir erwidern dieses. Das ist unsere Familie, die wir uns selbst gewählt haben. Und von der wir damals – bei der Lesereise 2009 – noch nicht einmal ansatzweise wussten, dass wir diese Familie haben.

Deswegen würde ich heute mit dem heutigen Wissen um unsere Entwicklung den Weg jederzeit wieder beschreiten. Unabhängig von der Arbeit, unabhängig von der investierten Zeit. Einfach, weil diese – unsere – Familie all das wert ist. All das und noch viel mehr …

5. Immer mehr Selfpublisher versuchen sich an Anthologien. Was hältst du von dieser Entwicklung und siehst du sie als Konkurrenz?

Du hast vorhin das »Verlagsgeplauder« erwähnt – ich habe meine Erfahrungen und mein Wissen ja noch nie eifersüchtig gehütet wie einen Schatz. Deswegen sehe ich andere VerlegInner und andere AutorInnen auch nicht als direkte Konkurrenz an, sondern vielmehr als Kollegen, von denen jeder einzelne in seinem Gebiet auf seine ganz spezielle Weise gut ist.
Gerade deswegen finde ich Selfpublishing (jetzt nicht nur auf Anthologien bezogen) als eine großartige Möglichkeit. Aber ich sehe auch Schwierigkeiten: Nicht jeder ist für Selfpublishing gemacht und nicht jeder ist in der Lage, alle Bereiche der Verlagsarbeit selber zu stemmen. Bei manchen geht das sogar bis zur hoffnungslosen Verschuldung für den großen Traum. Das ist dann wirklich ungesund.

6. Von Einhörnern bis Chtulhu-Hommage hast du schon einige Themen abgedeckt. Welches hat dir am meisten Spaß gemacht und welches willst du unbedingt in einem zukünftigen Projekt umsetzen?

Nimm es mir nicht übel, aber diese Frage möchte ich nicht beantworten. Das ist so, als würdest du eine Mutter fragen, welches von ihren Kindern sie am liebsten hätte.
Einigen wir uns darauf: Jedes einzelne unserer Buchprojekte ist ein Herzensprojekt, wo verdammt viel Herzblut der AutorInnen, HerausgebInner und von mir drin steckt.

Und zur Zukunft kann ich leider noch nicht so viel sagen. Es ist gerade sehr, sehr viel am Entstehen, aber vieles ist doch noch … geheim 😉
Vielleicht so viel: Behaltet mal unsere neue Facebook-Fanpage mit dem ominösen Namen »TraustDuDich« im Auge …
Da ist zwar noch nicht viel zu entdecken – aber in den nächsten Tagen, Wochen, Monaten wird da so richtig der Elf abgehen.

7. Bei den »Fantastischen Sportlern« hattest du ein Wendecover, für »Geisterhafte Grotesken« gibt es Hörspielversionen, »Auf den Spuren von H.P. Lovecraft« sind Comics. Auf welche anderen Gimmicks kann man sich freuen und welche wird es weiterhin geben?

Du hast noch die Musik-Downloads in den »Metamorphosen« und den »Verbotenen Büchern« vergessen. Und bei den im Oktober erscheinenden »Geistern der Vergangenheit« machen wir mit QR-Codes herum. Lasst euch überraschen.

8. Auf der Leipziger Buchmesse 2019 hast du gemeinsam mit dem Wölfchen Verlag die Sticker-Aktion „Phantastikleser für Integration, Inklusion und Menschlichkeit“ erschaffen. Wie wichtig sind dir Beiträge zu Diversität in deinen Ausschreibungen und wie haben sich die Einreichungen dahingehend in den letzten Jahren verändert?

Der Sticker ist ja eigentlich eine Weiterentwicklung. Vorher hatten wir den Sticker, den André Wiesler entwickelt hatte: Wir bekämpfen das Böse in allen Formen – und dann ein Vampir, Cthulhu und Hitler.
Das Problem mit dem Sticker (so cool er von der Idee und Umsetzung her ist) war, dass er gegen etwas war – und es ist immer verdammt einfach, gegen etwas zu sein – aber nicht zu sagen, wofür man eigentlich ist.
Deswegen der 2. Sticker. Wölfchen und ich – wir wollten einfach bekennen, wofür wir stehen.

Für die Ausschreibungen und die Einreichungen selbst hat das keine sonderlich großen Auswirkungen. Ich denke aber, dass gerade bei den phantastischen Autoren dieses Thema grundsätzlich sehr viel stärker gewichtet ist, eben weil auch beispielsweise für manchen LeserIn der Reiz der Fantasy darin besteht, Vielfalt präsentiert zu bekommen.

9. Deine Reihe Dunkel über Daingistan war damals der Grund für die Verlagsgründung. Schaffst du es heute noch neben der Verlagsarbeit auch selbst zu schreiben?

Früher schrieb ich Romane, heute schreibe ich Verlagsverträge und Rechnungen. Und Interviews.

Naja, das ist nicht die ganze Wahrheit. Ab und an komme ich dazu, eine Kurzgeschichte zu verfassen, die dann bei einem anderen Verlag erscheint. Aber ja, ich gebe zu, meine Schreibzeit ist verdammt knapp geworden. Aber das ist nicht schlimm.

Auch wenn ich es früher nicht geglaubt hätte – quasi als »Geburtshelfer« für Herzensprojekte zu sein ist für mich genauso befriedigend – vielleicht sogar noch mehr –, wie selbst zu schreiben.

10. Spielen wir mal Orakel: Wo siehst du dich und deinen Verlag in zehn Jahren? Was hast du in der Zwischenzeit erreicht? Wird deine Tochter in deine Fußstapfen getreten sein?

Tatsächlich hat mir Emily bereits jetzt (mit 9 Jahren) ihre Hilfe im Verlag fest zugesichert – ihr werdet die Kelly-Family der Phantastik also nicht los 😉

Unser neues Label (Codename »TraustDuDich«, siehe Antwort 6), welches dann bereits seit 10 Jahren existiert, wird es geschafft haben, einen weiteren Bereich des Phantastikmarktes fest in lowsche Hände zu bringen.

Ich werde es vielleicht in 10 Jahren geschafft haben, so weit vom Verlag leben zu können, dass ich meinen Brotjob reduzieren könnte.
Ursprünglich wollt ich ja bis 2018, 2019 komplett aus dem Brotjob aussteigen. Das wäre aber nur gangbar gewesen, wenn ich auf einige Dinge verzichtet hätte, die mir wichtig sind, beispielsweise nur unter dem kompletten Verzicht auf Anthologien, den Verzicht auf deutschsprachige Autoren und den Verzicht darauf, in Deutschland zu drucken.
Diese drei Punkte sind aber meiner Meinung nach ein elementarer Bestandteil unseres Verlages. Der Verlag Torsten Low ohne Anthologien und ohne deutschsprachige Autoren wäre alles, nur nicht mehr der Verlag Torsten Low. Und dass wir eben dort drucken und Arbeitsplätze sichern, wo wir auch unsere Umsätze generieren, nämlich hier in Deutschland – das gehört für mich einfach zur unternehmerischen Verantwortung (auch wenn mancher das gerne mal ins Lustige zieht, weil wir ja vielleicht gerade mal einen drittel Arbeitsplatz in unserer Druckerei sichern). Gerade die großen Unternehmen haben viel zu oft den Art. 14, Absatz 2 des Grundgesetzes vergessen, der da sagt: Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.

Deswegen ist es mir nicht wichtig, dass ich mit dem Verlag reich wäre. Und ich möchte auch nicht um jeden Preis vom Verlag leben können. Aber vielleicht 1-2 Tage pro Woche weniger im Brotjob, die ich dann mehr für den Verlag nutzen könnte – das würde ich schon annehmen, wenn es mit meinen Grundsätzen konform geht.

Ansonsten gibt es uns in 10 Jahren seit bereits 24 Jahren, so dass wir 2029 wahrscheinlich mit der Vorbereitung einer großen Feier beschäftigt sein werden – mit einer 25-Jahre-Feier, bei der alle AutorInnen, HerausgeberInnen, LektorInnen und GrafikerInnen des Verlages eingeladen sein werden. Und von diesem Fest 2030 werden alle, die dabei gewesen sind, sagen: Das war das beste und schönste Autorenessen, das man jemals erlebt hat …

Mehr zum Verlag Torsten Low

Homepage: Verlag Torsten Low
Facebook: Verlag Torsten Low

Vielen Dank, Torsten!

Anne

Akazukin-chan und der Große Böse Wolf

Nachdem er uns schon die Mär von Chen und der Geschichte eines Brüderpaars erzählte, widmet sich Jan Laumeier einem weiteren Thema im Märchensommer.

Deutsche Märchen in japanischen Comics

Wenn ich das Wort „Märchen“ höre, denke ich zuerst an Schneewittchen, Rotkäppchen und die Sieben Geißlein. Das Bild in meinem Kopf ist ein Amalgam kreiert von den Grimms und Disney. Als zweites denke ich an Mangas.
Es ist kein Geheimnis, dass die deutsche Kultur ihre eigene Faszination auf Japan ausübt und so gibt es für uns vertraute Motive in japanischer Kunst, unter anderem deutsche (oder gemeinhin so gedachte) Märchen in Mangas. Als zwei typische Beispiele dieses internationalen Kulturaustausches sehen wir uns an: Grimms Manga von Kei Ishiyama und Ludwig Revolution von Kaori Yuki.

Ludwig Revolution erschien von 1999 bis 2007 in verschiedenen japanischen Manga-Magazinen. Die Handlung ist kurz erklärt: Prinz Ludwig, kurz Lui, muss auf Anordnungen seines Vaters eine Braut finden, also reist er durch die Lande und durch die Grimm‘schen Märchen. Der Manga kommt aus der Feder Kaori Yukis und das sollte den Ton dieser Märchenadaption bereits deutlich machen. Sie ist bekannt für ihren düsteren Stil, der stark von der Gothic- und Lolita-Szene inspiriert ist.
Das passt nicht zu Märchen? Au contraire!

Mittlerweile hat sicherlich jeder von dem Freund mit der Neigung zur Besserwisserei gehört, dass so manches Grimm‘sche Märchen eine viel düstere Geschichte ist, als es uns Disney vormachen will. Beispielsweise schneiden sich die Schwestern Aschenputtels ihre Zehen ab, um in den lieblichen Schuh zu passen. Allerdings treibt Kaori Yuki diese düsteren Elemente noch weiter an. In ihrem Manga geht Rotkäppchens Märchen wie folgt:

Lisette trägt eine graue Kappe und ist seit Kindesbeinen mit Prinz Luis Diener befreundet. Eines Tages trägt die Mutter ihr auf, Kuchen und Wein zur Oma zu bringen, die im Wald wohnt. Wie üblich wird vor dem bösen Wolf gewarnt. Als Lisette im Wald an eine Kreuzung kommt, weiß sie nicht – anders als der Leser – dass jemand den Wegweiser manipulierte und sie geht nichts ahnend in die falsche Richtung. Sie kommt an der verkohlten Ruine eines Hauses an und glaubt, dass die Leiche dort ihre Oma ist. Dann taucht ein Wolf vor ihr auf und erklärt, die Oma und Lisette seien Opferungen an den Wolfsgeist, damit die Eltern einen Haufen Gold erhalten können. Man kann sich den Zorn und Schmerz in Rotkäppchen vorstellen. Sie rennt nach Hause.

Zuhause sitzen ihre Eltern beim Essen und sorgen sich um Lisette, die ziemlich spät dran ist. Sie wissen von dem verbrannten Haus, denn was die Geschwister Hänsel und Gretel vor kurzem dort anstellten, ist in allen umliegenden Dörfern bekannt. Lisette erreicht endlich ihr Elternhaus und von Zorn geblendet tötet sie ihre Eltern mit einer Axt.

Des Prinzen Diener, genannt Will, tritt ein und sieht die Leichen und das ganze Blut überall. Auch die eigentlich graue Kappe des Mädchens ist in Blut getränkt und leuchtet nun Rot. Natürlich ist er schockiert. Lisette eröffnet ihm, dass jeder im Dorf die Gutmütigkeit des lieben Wills ausnutzt und mit hässlichen Worten lässt sie ihren Zorn auch an ihm aus. Sie versucht auch ihn zu töten, aber Prinz Lui geht dazwischen und rettet Will das Leben.

So klingt die Geschichte Rotkäppchens bereits äußerst düster, aber es gibt einen kleinen Twist in der Sache: Prinz Lui hat Lisette absichtlich zum falschen Haus gelockt und ihr mit Hilfe einer Attrappe diese Lügengeschichte erzählt. Ihre Eltern hatten den Tod, und solch einen brutalen dazu, nicht verdient.

Nachdem sie ihre Eltern tötete und das Dorf verließ, wird Lisette zu einer Auftragsmörderin mit einem Rachefeldzug gegen Prinz Lui, den sie abgrundtief hasst. Es ist offensichtlich, warum.
Dies ist nur ein kleiner Einblick in die Märchenwelt von Kaori Yuki, wo die Geschichten makaber und die Figuren abstoßend sind. Weitere Beispiele:

  • Prinz Ludwig ist selbstsüchtig und sexistisch. Im ersten Kapitel wird er als nekrophil vorgestellt und stellt in seinen privaten Räumen dutzende schöne, aber tote Frauenkörper aus.
  • Schneewittchen spannt ihrer (hier leiblichen) Mutter den Ehemann, also ihren eigenen Vater, und außerdem auch den Liebhaber aus, dann täuscht sie ihren eigenen Tod vor, um ihre Mutter in den Selbstmord zu treiben und das Königreich an sich zu bringen.
  • Dornröschen ist eine naive und egozentrische Zauberin, die sich von einer Geliebten des Königs belügen lässt und sich in Selbstmitleid gramt, weil ihr Schönheit und Intelligenz in die Wiege gelegt (oder gezaubert) wurden. Deswegen verdammt sie ihr ganzes Königreich in einen tiefen Schlaf, der schlussendlich alle Untertanen und sie selbst tötet.
  • König Blaubart ist ein Torfkopf und blind für die Wahrheit, dass er seine große Liebe aus falschem Stolz tötete und nun jede seiner anderen Frauen an einem falschem Maßstab misst. Für ihr Scheitern, das er selbst für die Frauen heraufbeschwört, muss er sie töten. Erneut eine Ausstellung toter Frauenkörper.

Und genauso geht es mit vielen anderen Märchen weiter. Ludwig Revolution hat vier Bände und erzählt zwölf dunkle Geschichten. Dies hier sind definitiv keine Kindermärchen mehr, aber dann waren die ursprünglichen Geschichten auch nicht immer jugendfrei.

Auf der anderen Seite des Spektrums japanischer Unterhaltungskunst haben wir Grimms Manga von Kei Ishiyama, in Japan erschienen 2007. Ishiyama hat einen fröhlicheren und leichteren Ansatz für eine moderne Interpretation der uns bekannten Märchen. Ihr Zeichenstil ist niedlich und romantisch.
Die Märchen werden nicht mit einer übergeordneten Handlung verbunden, sondern stehen für sich selbst als eine Reihe von Kurzgeschichten und in dem Sinne ist dies hier der Grimm‘schen Sammlung ähnlicher als unser Beispiel zuvor.
Als Vergleich Ishiyamas Version des Märchens Rotkäppchen:

Um ein wahrer Wolf zu werden muss Wölfchen eine menschliche Jungfrau fressen. Unsicher, was das genau bedeuten soll, beratschlagt er sich mit den Sieben Geißlein, aber Waldtiere haben ihre eigenen Sorgen. Sie warnen das Wölfchen vor dem Jäger.

Im Wald begegnet er zufällig Rotkäppchen und verliebt sich sofort in sie. Unbedarft erzählt sie von ihrer Oma und dass sie ihr Kuchen bringen will. Nervös über seine plötzlichen Gefühle rennt Wölfchen davon. Er läuft zum Haus der Oma. Mit einem Eimer auf dem Kopf, um seine Wolfsohren zu verstecken, hilft er der Oma mit dem Feuerholz und Kamin. Gemeinsam warten sie darauf, dass Rotkäppchen ankommt.
Allerdings bringt Rotkäppchen, unbedarft wie sie ist, den Jäger mit. Natürlich erkennt dieser sofort, dass der Junge mit dem Eimer auf dem Kopf gar kein Mensch ist und will ihn erschießen. Doch Rotkäppchen geht dazwischen und sagt einen sehr klugen Satz: „Jeder hat Angst, wenn man mit dem Gewehr auf ihn zielt.“ Das Wölfchen macht ihr daraufhin einen Heiratsantrag und mit den Worten, sie könnten zuerst Freunde werden, nimmt sie diesen irgendwie an.

Zum Abschluss sehen wir beide ein paar Jahre später als Jugendliche wieder, wo Wölfchen sie vor übergriffigen Männern beschützt. Ob er nun ein wahrer Wolf ist oder nicht, ist ihm nicht mehr wichtig, denn er hat nun jemanden, den er beschützen will. Gemeinsam spielt das Paar in einer Blumenwiese.

In dieser Geschichte gibt es keinen Twist oder doppelten Boden. Die Romantik zwischen Wölfchen und Rotkäppchen ist ehrlich und der kurze dramatische Ausflug mit dem Jäger ist verständlich und schnell behoben. Niemand kommt zu Schaden, niemand wird hinters Licht geführt. (Wölfchens Eimer, um seine Ohren zu verstecken, hat niemand geglaubt.)
Ebenso die anderen Geschichten bleiben dramatisch, aber friedvoll. Rapunzel ist hier zwar ein Mann, aber er singt gerne und freut sich, eine Familie zu gründen. Hänsel ist eingebildet und narzisstisch, aber wie wichtig Familie ist, weiß er auch ohne Mordkomplott. Die Figuren bei Ishiyama sind grundsätzlich Gut in ihrem Herzen und ihre menschlichen Fehler machen sie liebenswert. Auch gibt es hier die berühmte Moral von der Geschicht‘, die man Kindern gerne erzählt:

  • Rotkäppchen lehrt uns, dass nicht alles ein böser Wolf ist, selbst wenn es so aussieht.
  • Rapunzel lehrt uns, dass man niemals die Hoffnung aufgeben sollte, selbst wenn die Situation aussichtslos ist.
  • Hänsel und Gretel lehren uns, dass Familie wichtiger ist als Macht und Reichtum.
  • Die Zwölf Jäger lehren uns, dass wahre Liebe immer gewinnt und ähnlich erbauliche Lektionen in weite mit niedlicher Romantik und einer Spur fröhlichen Humors.

Diese Märchen sagen zwar nicht die Zauberformel, aber sie fühlen sich so an: sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage.

Diese Adaption hält sich mehr an den Geist der Grimm‘schen Märchensammlung, die kinderfreundlich und lehrreich sein wollte.

Es gibt noch zahlreiche andere Adaptionen der Grimm‘schen Märchen und anderen Geschichten dieser Art in japanischen Comics. Meist pendeln sie zwischen diesen beiden Extremen: Entweder sie sind düster und gruselig, es fließt viel Blut und psychische Angriffe sind so weit verbreitete wie physische. Oder die Mangas sind romantisch und lustig, mit süßen Zeichnungen und einem wahren Happy End. In allen Fällen sieht man die alten Geschichten in einem neuen Licht.

Der Gastautor:

In Greifswald studierte Jan Laumeier Sprachwissenschaft und trat mit dem Autorenverein GUStAV zu Lesungen auf. Das Publikum lachte, weinte und staunte mit seinen Kurzgeschichten. Er schreibt von Problemen der Liebe und des Alltags, von Mythen, Magie und Tod, von fremden Kulturen und Sprachen. Sein Lieblingszitat ist: „Habe keine Angst vor der Perfektion: du wirst sie nie erreichen.“ (Salvador Dalí)

Homepage: Tintenlöwe
Facebook: Tintenlöwe
Twitter: Ingenius11

Anne/PoiSonPaiNter

Die Sage hinter dem Roman

Gestern habe ich euch Die Braut von Bärenfels vorgestellt. In diesem Märchensommer erzählt Irene L. Krauß ein bisschen zu deren Hintergründen.

Wirklichkeit und Fiktion – wie eine Sage zu einem Roman wird

Entstehung der Idee

Skizze von Agnes aus Die Braut von Bärenfels (c) Irene L. Krauß


In meiner Freizeit spiele ich Saxofon in einem Blasorchester, und vor einigen Jahren haben wir bei einem Konzert das Stück „Wildenstein“ aufgeführt, mittelalterlich angehauchte Musik, bei der es um die Sage von Agnes von Bärenfels geht. Da die Geschichte im Südschwarzwald spielt, wo ich selbst sieben Jahre lang gewohnt habe, wurde ich gleich hellhörig und habe im Internet nach der Sage geforscht. Von der Geschichte über die Ritterstochter war ich so fasziniert und berührt, dass für mich klar war: Agnes hat das Potential einer neuen Disney-Prinzessin, und wenn Disney schon nicht auf sie aufmerksam wird, muss zumindest ich ihre Geschichte aufschreiben.

Die Sage

Der Wildenstein ist ein rund 200 Meter hoher Felsen in der Wehraschlucht im Südschwarzwald. Ein Kreuz auf seiner Spitze soll an Agnes von Bärenfels erinnern, die dort in einer Situation höchster Not ein Versteck fand.
Der Kaiser hatte zum Kreuzzug aufgerufen, und Agnes’ Vater, Ritter Engelbrecht von Bärenfels, und ihr Bruder Wernher mussten die Familie zurücklassen und sich auf den Weg ins Heilige Land begeben. Die Schönheit von Agnes hatte sich weithin herumgesprochen, und so umwarben sie viele Männer. Ein fremder Ritter bedrängte sie in der Abwesenheit ihres Vaters sehr und wollte sie zwingen, ihn zu heiraten. In ihrer Not floh Agnes von der Burg, ohne ihre Mutter Elsbeth einzuweihen, und kämpfte sich durch die Wildnis. Dabei verließ sie sich ganz auf den Schutz der Heiligen Jungfrau Maria, die ihr das Versteck unter dem Wildenstein zuwies. Die Muttergottes schickte Agnes durch Tauben Essen und Trinken. Als die Ritter vom Kreuzzug heimkehrten, machte Engelbrecht sich sofort auf die Suche. Wieder kamen dabei die Tauben zu Hilfe, und er konnte seine geliebte Tochter in die Arme schließen. Der fremde Ritter aber wurde verjagt und ward nie wieder gesehen.

Ein realer Hintergrund

Burgruine Bärenfels (c) Adolf Krauß


Die Burg Bärenfels existiert ebenso wie der Felsen „Wildenstein“ im wunderschön wilden Wehratal im Südschwarzwald. Bärenfels ist inzwischen nur noch eine Ruine, deren gut erhaltener Wehrturm jedoch bestiegen werden kann und einen wunderbaren Ausblick bis weit in die Schweiz und die Alpen hinein bietet.
Die Familie Bärenfels war im Mittelalter sehr einflussreich und stellte lange Zeit die Schultheißen und später Bürgermeister von Basel.

Der geschichtliche Hintergrund im Roman

Die erwähnten geschichtlichen Ereignisse wie der Kreuzzug gegen Alexandria fanden tatsächlich statt. Die Seefahrt nach Alexandria nahm die im Buch beschriebene Route ein, sämtliche Ereignisse drumherum sind eine Mischung aus geschichtlichen Fakten und meiner Einbildungskraft.

Urlaubstipp

Das Wehratal (c) Irene Krauß


Wandern im Schluchtensteig, der auch durch die Wehraschlucht führt vorbei an Agnes’ einstmaligem Zuhause, gehört zu den schönsten Wandererlebnissen in Deutschland. Die südbadische Küche ist von der feinen schweizer und französischen Küche beeinflusst, die Natur im Südschwarzwald ist einzigartig. Die Wanderwege können auch gut von Kindern bewältigt werden, sind jedoch nicht immer Kinderwagen geeignet. In der Regel trifft man nur wenige andere Wanderer unterwegs.

Die Gastautorin:

Geboren in Wales, aufgewachsen in GB, Afrika und Deutschland lebt I. L. Krauß heute dort, wo andere Urlaub machen: im wunderschönen Allgäu. Egal ob Fantasy oder Liebesroman – eines vereint ihre Romane: Spannung und Abenteuer liebt sie über alles und baut diese deshalb auch in ihre Geschichten ein. Nebenbei arbeitet die Autorin auch als Architektin, in ihrer Freizeit spielt sie Saxophon und malt und liest viel.

Homepage: Irene Krauß
Facebook: Irene Krauß Autorin

Anne/PoiSonPaiNter

#fairytaleandmefacts

Heute mal ein bisschen was anderes. Auf Twitter und Facebook habt ihr es vielleicht schon gesehen, aber hier noch mal ausführlicher.

June Is erstellte Anfang des Märchensommers diese kleine Challenge für Twitter. Für jeden Like galt/gilt es einen Fakt zu beantworten. Das ist bei mir rausgekommen:

1. Was magst du an/in Märchen?

Ich mag an Märchen, das sie sich eigentlicj alles erlauben und total absurd sein können. Sprechende Tiere? Verzauberte Menschen? Geister, die einem zur Hilfe eilen? Klar! Gibt’s alles!

2. Bücherverbrennung. Welches einzige Märchen rettest du? Warum?

Ich rette … öhm … ein Märchen, das von ganz vielen anderen erzählt. So wie 1001 Nacht, nur halt mit allen Märchen, die es gibt.

3. Mit wem würde sich Schneewittchen in Hogwarts anfreunden?

Denke, Schneewittchen würde sich mit den Hauselfen anfreunden. Die Disney-Version hat ja das ganze Tierlieb-Zeugs, aber alle eint, dass sie gern gemocht wird, außer von ihrer Stief/mutter also wird sie so Anschluss finden.

Zum Thema Stiefmutter empfehle ich Eva-Maria Obermanns Gastbeitrag. Wer mehr über Schneewittchen lernen mlchte, widme sich Katherina Ushachovs.

4. Wenn Hänsel und Gretel in deiner Stadt spielte – wer wäre die Hexe?

Puh, ich kenne zwar ein paar Leute, die über Kochen mit Kindern nachdenken, aber ich denke, da müsste man doch eher ein paar Orte weiter im Penzliner Hexenkeller nachsehen, ob da noch wer überlebt ubd sich verkrümelt hat …

5. Du wachst auf und bist auf einmal Aschenputtel. Deine Lösung?

Nach anfänglicher Verwirrung, würde ich das Gespräch mit Vaddern suchen. Sollte das nicht helfen, vertraue ich auf meine natürliche Haushaltsunfähigkeit und Faulheit, dass sie sich dann jemanden vernünftiges anschaffen oder mithelfen.

6. Rapunzel – Past or Future of Dating?

Im Turm rumsitzen und darauf warten, das irgendwer an den Haaren hochklettert? Näääh … da meine Haare eh viel zu kaputt & dünn dafür sind, zieh ich lieber selbst hinaus in die weite Welt & guck, wer so guckt. Reisen macht eh viel mehr Spaß.

7. Nenne ein Märchen, das dir Kopfzerbrechen bereitet (+ Grund).

Hans. Im. Glück. Ich werde es wohl nie verstehen … er ist einfach so … aaargh … ich mein Goldklumpen … er tauscht nen verdammten Goldklumpen gegen nen bockiges Pferd und freut sich drüber …

Etwas ausführlicher, könnte ihr meine Jammerei *hier* nachlesen.

8. Dornröschen als Film – welche Schauspieler wählst du als Regisseur?

Schauspieler … puh … iwie mag ich Tessa Thompson als Dornsröschen nehmen, damit sie sich neben ihren Kickass-Rollen mal ausruhen kann. Königspaar kann irgendwer Altes sein. Maleficent … hmm … der Film hat sie recht sympatisch gemacht, daher bin ich versucht einen gewissen Pinguin dafür nehmen zu wollen und eine männliche Fee hätte auch mal was … als Frau wäre Kate Blanchett vermutlich zu dicht an Jolies Version, wenn man Hel bedenkt … und ich höre besser auf, bevor ich mir noch ein Plotbunny einfange …

9. Roleplay Wolf. Frisst du Rotkäppchen oder den Inhalt ihres Korbes?

Ich denke, ich nehm den Korb. Rotkäppchen lass ich lieber andere Abenteuer bestreiten … und schau ihr dabei Kuchen futternd und Wein schlürfend bei zu …

10. Welcher Song passt für dich zum tapferen Schneiderlein?

Zum Tapferen Schneiderlein passt glaube ganz gut Schandmauls „Drei Prüfungen“, auch wenn es da um andere Prüfungen als Einhorn-, Wildschweinjagd und Riesenbekämpfung geht.

11. Welches Tier wärst du bei den Bremer Stadtmusikanten? Warum?

Da ich irgendwie immer diejenige bin, die bei Projekten am meisten macht, bin ich wohl der Esel … sieht man schließlich auch an meinem Maskottchen … was ja doch eher nach Esel aussieht, auch wenn ich es gelegentlich noch als „Deer“ also Reh bezeichne.

12. Magst du eigentlich Frösche?

Ja, doch, Frösche sind in Ordnung. Bin mir nicht sicher, ob ich irgendwann mal Froschenkel probieren würde, aber doch, vermutlich schon … als Kind Grasfrösche fangen und als Erwachsene Susi essen hab ich mich schließlich auch getraut.

Aufgepasst!

Unter allen, die jetzt Gefallen an den Fragen gefunden haben und sich auch beantworten wollen, verlost June bis zum Ende des Sommers noch ein mobi E-Book von „Das Haus am grünen See“, einer Anthologie des OhneOhren Verlag, mehr Infos: hier. Die Challenge ist auf Twitter ausgelegt, da sie nur da einen Account hat. Wer es über FB ausprobieren will, verlinkt mich oder kann auch hier mit einem Link in den Kommentaren reagieren, um in den Lostopf zu hüpfen.

Da ich wesentlich mehr als die zwölf notwendigen Likes bekommen habe, bat ich um noch ein paar Fragen.

Diese drei bekam ich von Christina Löw:

13. Siehst du dich eher als Rapunzel oder Schneewittchen?

Oben schrob ich ja schon was zu beiden, aber ich denke Rapunzel passt eher, vielleicht liegt das aber auch daran, dass mir noch kein vernünftiges Schneewittchen begegnet ist. Sie sind zwar beide leichtgläubig, aber ich denke Rapunzel ist eigenständiger und sie muss sich bis zum Prinzen nur mit ihrer Mutter rumärgern und nicht mit sieben Mitbewohnern, die bekocht und betüttelt werden wollen … und wieso lauern da schon wieder Plotbunnies?

14. Was würdest du der Ziege aus „Tischlein deck dich“ gerne mal sagen?

Gute Frage … hmmm … ich denke, ich würde sie an eine Stelle binden, wo man den Fraß sehen kann und dann den Vadder dazu holen, das er es sieht, sie ihn aber nicht und dann fragen: „Na, satt geworden?“ Ist glaube lustiger als mein initiales „Dann friss halt nicht du dummes Vieh“ …

15. Wie sähe dein perfektes Date mit einem Märchenprinzen oder einer Märchenprinzessin aus?

Schlosserkundung muss drin sein, tolles Essen auch und vielleicht irgendwas sportliches zum Spaß, Bogen schießen oder so.

Mehr Zusatzfragen habe ich leider nicht erhalten, wer mag kann aber gerne hier noch welche stellen, ich ergänze sie dann. 🙂

Anne/Poisonpainter

Schneewittchen oder doch nicht?

Auch diesen Märchensommer widmet sich Katherina Ushachov einem Vergleich. Dieses Mal:


Russische & Amerikanische Märchenfilme: Schneewittchen

Kurz vorneweg:

Dieser Artikel behandelt ausschließlich die gezeichnete und animierte Fassung von „Schneewittchen“ bzw. „die tote Prinzessin“. Über die zahlreichen Realverfilmungen wird ein anderes Mal zu schreiben sein und nicht zwingend von mir. Entsprechend lässt der Artikel einige Aspekte bewusst aus. Einige Quellen sind auf Russisch, hier ist der Google Translator zu bemühen.

Wer an animierte Umsetzungen der großen Märchenklassiker denkt, wird in erster Linie an Disney denken – dies ist so verbreitet, dass bisweilen sogar Trickfilme Disney zugeschrieben werden, mit denen das Studio nichts zu tun hat, wie beispielsweise „The Swan princess[1] aus dem Hause Columbia TriStar/New Line Cinema. Jüngere Leser*innen kennen zusätzlich noch die Barbie-Filme, von denen zumindest die ersten sich sehr oft mit Märchenstoffen beschäftigen[2] und diese mit Hilfe von Barbie-Figuren darstellen (von denen anschließend einige käuflich zu erwerben waren und teils noch sind).

Sowjetische Kinder – und später auch junge Leute wie ich, die in der Postsowjetzeit in russischsprachigen Ländern aufgewachsen sind – lernten jedoch zuerst andere Trickfilme kennen. Die von „Sojusmultfilm“. Anders als Disney, eine Privatfirma und geleitet von einem einzelnen, handelte es sich dabei um ein staatliches Animationsstudio.

Beide bezogen und beziehen ihre Stoffe aus Märchen. Doch die Ergebnisse sind bisweilen sehr unterschiedlich. Ich möchte untersuchen, warum dies der Fall sein könnte und ein wenig auf die verschiedenen Ansätze der beiden Filmstudios eingehen.

Allgemeiner Vergleich:

Ein wichtiger Unterschied lag bereits im System begründet: Disney ist ein privates, 1923 zum ersten Mal gegründetes Filmstudio, das mehrere Anläufe gebraucht hat[3]. Walt Disney hat Anfang der 30er nicht zuletzt darum die Idee von einem abendfüllenden Zeichentrickfilm entwickelt, weil die Einnahmen für seine Kurzfilme zunehmend stagnierten und er sie nicht – anders als andere Studios – mit anderen Produktionen gegenfinanzieren konnte[4].

Diesen Druck hatte Sojusmultfilm – 1936 gegründet – nicht. Alle dortigen Filmschaffenden waren im Grunde genommen staatliche Angestellte, deren Honorare nicht vom kommerziellen Erfolg der Trickfilme abhängig waren. Somit konnten sich die Künstler*innen in gewissem Sinne austoben und schufen insgesamt über 1500 Trickfilme[5], die meisten davon sehr kurz.

Hierbei dienten interessanterweise die Walt-Disney-Studios anfangs als Vorbild für die Sowjetunion, nicht zuletzt, weil dort zum damaligen Zeitpunkt einige Erfindungen gemacht wurden, die das Erstellen von Trickfilmen maßgeblich veränderten (wie beispielsweise die erste Nutzung des Storyboards im heutigen Sinne[6] oder die Einführung der Arbeitsteilung bei der Erstellung von Trickfilmen[7]) – später wollte man sich bewusst von ihnen abgrenzen. Dem ersten Zeichentrickfilm, damals noch in Schwarz-Weiß und nur acht Minuten lang, sieht man den Einfluss in Hinblick auf Bewegung, Animation und Figurenstil tatsächlich noch recht gut an: YouTube-Video.

Interessanterweise haben beide Filmstudios während des zweiten Weltkriegs auch Propagandafilme und Instruktionen für die Armee gemalt – Sojusmultfilm auf staatliche Verordnung hin, Walt Disney hingegen, um mit der eigenen Firma über die Runden zu kommen. Durch einen Streik und daraus folgende Gehaltserhöhungen, drei aufeinander folgende teure Flops und die Tatsache, dass „Bambi“ auf einem von den Nazis verbotenen Buch basierte und somit nicht in besetzten Gebieten gezeigt werden konnte, brachte das Studio an den Rand des Ruins. Auch wenn er „Victory through air power“ tatsächlich aus Überzeugung gezeichnet und gedreht hat.[8] Sojusmultfilm hat allerdings nur wenige Monate Kriegstrickfilme gezeichnet, diese Aufgabe betrachtete man später als „nicht so wichtig“ und ließ das Studio wieder Trickfilme schaffen.[9]
Die große Blütezeit der Trickfilme mit „All Age“-Zielgruppe begann vor allem nach 1946, wobei in den Jahren 46 bis 53 dezidiert der Wunsch nach einer eigenen Ästhetik in Abgrenzung zu Disney gewünscht wurde – so fällt beispielsweise auf, dass Sojusmultfilm den Schritt zu abendfüllenden Zeichentrickfilmen eigentlich erst in den 90ern vollzogen hat – alle in diesem Artikel vorgestellten Filme aus ihrem Studio sind deutlich kürzer als die Disney-Pendants, darauf werde ich in den einzelnen Abschnitten genauer eingehen. Selbst Filme, die ich als vergleichsweise lang in Erinnerung habe (wie „Die zwölf Monate“ haben eine Laufzeit unter einer Stunde[10], mit wenigen Ausnahmen, wie dem Märchen vom buckligen Pferdchen, das 1975 um einige neue Szenen ergänzt und neu synchronisiert wurde[11] . Interessanterweise ist es genau dieser Trickfilm, der in der Fassung aus den 40ern von Walt Disney seinen Zeichner*innen gezeigt wurde – während die ersten Trickfilme von Sojusmultfilm noch nach amerikanischen Lehrbüchern aus seiner Zeichenschule entstanden.
Teilweise fanden aber auch parallele Entwicklungen statt – so stiegen beide Filmstudios annähernd zeitgleich auf die Rotoskopietechnik[12] um, nicht zuletzt, um Zeit und Geld einzusparen. Kurioserweise in beiden Fällen bei Tierfilmen: „101 Dalmatiner“ bei Disney, „Kashtanka[13] bei Sojusmultfilm.

Andere Entwicklungen verliefen in einigem zeitlichen Abstand – so hat Disney recht früh und recht oft das Aussehen der Figuren den Synchronsprecher*innen angepasst (auch wenn das nicht immer aufgegangen ist, ein plakatives Beispiel dafür sind die Rollen der Geier im „Dschungelbuch[14]). Dies wurde bei Sojusmultfilm erst Mitte der 50er Jahre üblich.

Beide Filmstudios bestehen im Übrigen bis heute – auch wenn Sojusmultfilm vom Zusammenbruch der Sowjetunion arg gebeutelt wurde.

„Schneewittchen“ (1936) vs. „Die tote Prinzessin und die sieben Recken“ (1951)

Zunächst einmal muss festgehalten werden, dass hier das Ausgangsmaterial nicht zu 100% identisch ist. Die Disneyverfilmung basiert auf dem Märchen der Brüder Grimm, während die Variante von Sojusmultfilm – wie auch am Namen ersichtlich – vom Kunstmärchen von A. S. Puschkin abgeleitet wird.
Während also das amerikanische Kinostudio ein „deutsches“ Märchen adaptiert, greifen die Filmemacher*innen aus der Sowjetunion auf Stoff zurück, der unter anderem die Funktion einer gesamtsowjetischen Sinnstiftung hat. Die Amtssprache in allen Republiken ist Russisch, Puschkins Lyrik und seine Dramen sind zumindest in Russland bis heute Schulstoff und gelten als hochliterarisch, während Volksmärchen nach wie vor den Ruf von „Kinderkram“ haben.

Etwas, das Sojusmultfilm auch – soweit möglich – für andere Märchenstoffe fortgeführt hat. Die Märchen der Brüder Grimm waren in der Sowjetunion durchaus bekannt, das beweisen mehrere meiner aus der Zeit stammenden Märchenbücher. Ebenso beispielsweise die Märchen von Charles Perrault, jedoch wurden meist die russischen Pendants adaptiert, sofern vorhanden. „Die scharlachrote Blume[15] statt „Die Schöne und das Biest“ ist ein weiteres Beispiel dafür.

Dabei halten sich beide Filmstudios mal mehr, mal weniger akribisch an die literarische Vorlage, wobei Sojusmultfilm in der Regel und so auch bei diesem Beispiel näher am Original bleibt.

Interessanterweise sorgen jedoch ausgerechnet Disneys Kürzungen an der Grimm’schen Geschichte dafür, dass die Handlungsverläufe mehr Parallelen haben, als die ursprünglichen Märchen. So sieht die russische Variante von vornherein nur einen Mordanschlag auf die Prinzessin vor, der durch den vergifteten Apfel erfolgt. Bei den Brüdern Grimm versucht die böse Königin, Schneewittchen vorher noch mit einem Kamm und einem Gürtel zu töten. Beide Versuche kommen in Disneys Verfilmung nicht vor.

Dadurch, dass Disney außerdem die Anfangssequenz weglässt, bei der Schneewittchens Äußeres vorhergesagt wird („weiß wie Schnee, rot wie Blut, schwarz wie Ebenholz“) ähneln sich hier teilweise die Anfänge, diese Metaphorik fehlt in der russischen Variante weitestgehend. Zwar wird auch hier die Zarentochter als „weiß von Angesichts mit schwarzen Brauen“[16] beschrieben, dies ist jedoch nicht so stark mit Symbolismen aufgeladen, wie der Grimm’sche Anfang. Eine weitere Gemeinsamkeit entsteht dadurch, dass in der Anfangssequenz von „Snow White and the Seven Dwarfs“ der Prinz zumindest einmal mit Schneewittchen singt und sie dem Wunschbrunnen vorsingt, dass sie gerne von einem Prinzen gefunden und gerettet werden würde. Anders als im Originalmärchen findet er sie also nicht zufällig, sie haben eine Begegnung, bei der Schneewittchen jedoch in Panik vor dem Prinzen flieht, offensichtlich aufgrund ihrer Lumpen beschämt. Sie teilen sich sogar einen zarten Taubenkuss.

Ein wichtiger Unterschied besteht außerdem in der Art, wie der Film erzählt wird. Beide beginnen zwar mit einer reich illustrierten Märchenseite, doch während Disney frei erzählt, hält sich die russische Variante strikt an die Verse des Originals. Mehr noch, sie werden zumindest zu Beginn im Hintergrund von einer weiblich klingenden Person rezitiert, während der Beginn des Märchens in Standbildern dargestellt wird. In diese wird gezoomt, um den Eindruck von Bewegung zu erzeugen, die ersten Sequenzen sind nicht animiert und erinnern in ihrer Ästhetik an ein Ölgemälde.

Erst ab der Wiederverheiratung des Zaren ist der Trickfilm weitestgehend durchgängig animiert. Das führt im Übrigen zu einem interessanten Effekt – da die negativen Eigenschaften der neuen Zarin in der Versform aufgezählt werden, müssen sie nicht von den Zuschauer*innen durch konkrete Taten der Figur erschlossen werden:

weiß, von stolzem Gliederbau,
eine schöne, kluge Frau;
doch voll Hochmut nebenbei,
auch von Eifersucht nicht frei,
eigenwillig, eigensinnig,
aber wirklich schön und minnig.[17]

Die längere Spielzeit der Disneyvariante kommt nicht zuletzt durch die zahlreichen Lieder. Das erste singt Schneewittchen in der dritten Filmminute, während sie die Treppe schrubbt. Andere dadurch, dass die Protagonistin bei Disney durch Kleinigkeiten zusätzlich charakterisiert wird – in der achten Minute spricht Schneewittchen recht lange mit einem aus dem Nest gefallenen Vögelchen.

Weitere Sequenzen, die zur Länge beitragen, bestehen beispielsweise in Schneewittchens recht gruselig gestalteter Flucht durch den Wald, an deren Ende sie weinend auf der Erde liegt. Die gruseligen Gestalten entpuppen sich als niedliche (und fortan hilfreiche) Tiere des Waldes (10./11. Filmminute). Darunter auch das kleine, blaue Vögelchen, das sie vorher gerettet hat. Es sind auch die Tiere, die ihr den Weg zum Haus der Zwerge zeigen.

Szenen, die in der Märchenfassung fehlen, werden hinzugefügt – wie die Beratung der Zwerge, als sie ihr hell erleuchtetes Haus sehen und die folgende Anschleichsequenz, die sich über mehr als sieben Filmminuten hinzieht. Auch die Szene, in der die Zwerge Schneewittchen mit Musik und Tanz unterhalten, kommt weder im originalen Märchen noch in der sowjetischen Variante vor und beinhaltet unter anderem einige Slapstickeinlagen und jodelnde Zwerge. Die sowjetische Variante verzichtet weitestgehend auf jede Form von Füllszenen, einzig die Episode, in der sich die Magd und die Zarentochter im Wald immer wieder anrufen, könnte als solche gesehen werden.

Interessant sind hier auch die Kleider der Figuren. Während das Kleid, das Schneewittchen die meiste Zeit trägt und das der Königin streng genommen gar nicht während der gleichen Epoche getragen werden würden – das Kleid der Königin erinnert an mittelalterliche Hofkleidung, das von Schneewittchen eher an eine Art Dirndl, ohne dass Epoche oder Ort näher dargestellt werden würden – sind die Kleider der Figuren bei Sojusmultfilm eindeutig russisch. Alle Frauen tragen einen Kokoschnik auf dem Kopf, auch die Magd der bösen Zarin.

In beiden Trickfilmfassungen sieht man die „gute“ Frau im Übrigen auffällig oft bei häuslichen Tätigkeiten:
Schneewittchen

  • Schrubbt die Treppen
  • Räumt erst einmal ausgiebig im Haus der Zwerge auf
  • Backt einen Kuchen
  • Achtet darauf, ob die Zwerge ihre Hände vor dem Essen waschen
  • Gibt den Zwergen mütterliche Abschieds- und Gute-Nacht-Küsse auf die Stirn

Die Zarentochter

  • Wird in ihrer ersten Sequenz beim Sticken am Rahmen gezeigt
  • Wird fortgelockt, um Pilze und Beeren zu sammeln (im Vergleich dazu soll Schneewittchen mit dem Jäger lediglich Blümchen pflücken)
  • Bringt den unordentlichen Haushalt der Recken erst einmal in Ordnung und deckt den Tisch mit traditionell russischem Geschirr
  • Spinnt Wolle, als die verkleidete Zarin auf dem Hof der Recken ankommt

Die Antagonistin sieht man dahingehend in weiten Teilen des Trickfilms ausschließlich entweder dabei, den Spiegel zu befragen (und sich vor dem Spiegel zu putzen) oder dabei, ihre Gefolgsleute (jeweils den Jäger oder die Magd) auszuschicken. Ihr letzter Gang besteht dann darin, sich selbst auf den Weg zu ihren Opfern zu machen.

Auch Sojusmultfilm kürzt Details um der Dramatik willen aus der Handlung – so wird nicht erwähnt, dass das Paar aus Zarentochter und Zarewitsch Jelissej an dem Tag heiraten soll, an dem die Zarin ihre Stieftochter aussetzen lässt. Diese Verse werden nicht mehr verlesen, ebenso fehlt im Trickfilm eine Auflistung ihrer Mitgift (laut der Übersetzung von „Projekt Gutenberg“ hundertvierzig Prunkpaläste und sieben große Städte[18].
Während die Szene, in der Schneewittchen den Jäger verängstigt anschaut und er sie schließlich gehen lässt, in der Disney-Variante groß ausgeführt wird, fehlt eine ähnliche Szene im sowjetischen Pendant vollkommen. Sie kommt zwar im Originalmärchen vor, im Film wird jedoch lediglich gezeigt, wie die Magd sich zurückzieht und allein zur Zarin zurückkehrt. Die Konfrontation der beiden Frauen wird ausgelassen.[19]

Interessanterweise kürzt die sowjetische Fassung außerdem heraus, dass die Recken nicht nur jagen, sondern zumindest im Originalmärchen auch in den Krieg ziehen. Sie ändert außerdem ab, dass die Zarentochter im Original vor Erschöpfung unter der Ikone einschläft. Sie versteckt sich vor den Recken und tritt hervor, als sie nach ihr fragen.

Andere Änderungen lassen sich auf den Einfluss von Disneys „Schneewittchen“ zurückführen, darauf gehe ich etwas später ein.

Für das Filmen von „Snow White and the seven Dwarfs” entwickelte Disney ein Filmverfahren, bei dem Teile der Landschaft auf verschiedene Glasplatten aufgetragen wurden. Dadurch schien sich der Hintergrund beim Reinzoomen oder bei Kamerafahrten zu bewegen, es entstand der Eindruck von Tiefe. Darüber hinaus konnte so beispielsweise Regen auf eine separate Platte aufgetragen und so gefilmt werden. Darüber hinaus ließ er die Zeichner*innen die Bewegungen von Tänzer*innen studieren, um für damalige Zeit revolutionär realistische Bewegungen von Menschen zu animieren[20].

Welche Filmtechniken Sojusmultfilm zur Verfügung standen, ist für mich schwer zu sagen, aber rein optisch hatte ich beim Anschauen öfter das Gefühl, dass der Hintergrund im Vergleich eher statisch blieb, oft ähnelte er einem Ölgemälde. Zumindest das Verwenden verschiedener Ebenen scheint aber nicht gänzlich unbekannt zu sein, die Sequenz im letzten Drittel, bei dem Jellisej mit der Zarentochter durch ein Blumenfeld reitet und bei der sich eine halb transparente Blumenhecke vor die Figuren schiebt, legt nahe, dass diese auf einer anderen Ebene gewesen sein muss als der Hintergrund und die drei Figuren.

Interessanterweise übernimmt Sojusmultfilm, dessen Fassung wesentlich später entstanden ist, einige Motive und Handlungselemente aus dem Disneyfilm und unterscheidet sich in diesen Punkten vom Original. So schickt im Originalmärchen die Zarin ihre Magd mit dem vergifteten Apfel aus, doch in der Filmfassung von 1951 ist es die verkleidete Stiefmutter, die zudem in einer sehr ähnlichen Kutte und mit einem ähnlichen Wanderstock zum Haus der Recken geht.

Eine Verwandlung oder der Einsatz schwarzer Magie erfolgt hier jedoch nicht.

Auch dass der Hofhund die Recken holt und versucht, sie rechtzeitig nach Hause zu führen, ehe die Zarentochter in den Apfel beißen kann, könnte von der Szene inspiriert sein, in der die Tiere des Waldes die Zwerge aus dem Bergwerk holen, damit sie verhindern, dass Schneewittchen in den Apfel beißen kann. In beiden Fällen kommen die Retter zu spät. Im Original des russischen Märchens springt der Hund lediglich um die Tote herum und demonstriert die giftige Wirkung des Apfels, indem er davon frisst und verendet. Dies tut er in der Filmversion erst, nachdem er die Recken zu ihr geführt hat. Ein weiterer möglicher Einfluss von Disney liegt in der Szene, in der Jelissej die Zarentochter findet – und mit einem Kuss erweckt. Im Original zerbricht er den Sarg und kann sie so erwecken.
Der Filmkuss ist im Falle von Schneewittchen allerdings eine Erfindung von Disney. Die ursprünglichen Märchenfassungen sehen hier verschiedene Varianten vor (je nach Ausgabe) – die ursprünglichste schildert, wie Schneewittchen von den Diener*innen des Prinzen geschlagen wird[21], die es unheimlich finden, wie der Prinz all seine Zeit mit einer Leiche verbringt, sodass der Apfel rausspringt. Kinderfreundlichere und vor allem bekanntere Varianten lassen einen Diener des Prinzen oder dessen Pferd straucheln, sodass der Apfel aus Schneewittchens Kehle fällt, noch ehe es vom Prinzen ins Schloss gebracht werden kann[22].
Film-Schneewittchen ist an dieser Stelle mit ihrem Prinzen – den sie ja am Anfang kennen gelernt hat – vereint und alle sind glücklich. Da die Königin bereits anderweitig eliminiert wurde, hat also die Disneyfassung keine Notwendigkeit, die Hochzeit (und die Rolle der Königin dort) darzustellen. Also gibt es keine glühenden Schuhe, in denen sie sich tottanzen muss.

Anders als in der Disneyfassung, wird in der sowjetischen Fassung die Zarin nicht gejagt und getötet. Sie kann erfolgreich nach Hause zurückkehren und führt sogleich die Spiegelprobe zu ihren Gunsten durch. Anders als bei Disney besteht somit die Notwendigkeit, die Filmhandlung auch nach dem Kuss fortzuführen. Entsprechend blendet der Film noch einmal zu einer Spiegelprobe ab und zeigt, wie die Zarin erfährt, dass die angeblich tote Widersacherin lebt. Sie sieht die namenlose Zarewna auf den Hof einreiten und fällt tot um. Hier setzt die Erzählstimme vom Anfang wieder ein und schildert das Ende – die Liebenden werden getraut.

Weitere Unterschiede ergeben sich schlicht aus den Unterschieden in der Fassung, die jeweils adaptiert wird und haben nichts mit dem Unterschied zwischen Disney und Sojusmultfilm zu tun. Sie würden hier an dieser Stelle somit zu weit führen.

Für den Vergleich wurden die Filmfassungen mehrfach angeschaut:
„Das Märchen von der toten Zarentochter und den sieben Recken“ zu finden auf YouTube.
„Snow White and the seven Dwarfs“ – in Deutschland über YouTube nicht zugänglich.

Screenshots sind jeweils aus diesen Videos.

Fazit

Auch wenn der Kalte Krieg spätestens seit Kriegsende unerbittlich tobte, ist es unmöglich, die größten Filmstudios der beiden rivalisierenden Staaten vollkommen getrennt von einander zu betrachten.

Nicht nur, weil sich Sojusmultfilm anfangs Disneys Arbeiten zum Vorbild nimmt und die eigenen Zeichner*innen anhand seiner Materialien unterrichtet, sondern auch, weil sich die beiden Studios später gegenseitig immer wieder beeinflussen. Und sei es, indem das eine versucht, sich zwingend vom anderen abzugrenzen.

Liebt man die Zeichentrickversionen von Märchen, kann es sehr bereichernd sein, das gleiche Märchen jeweils in verschiedenen Fassungen zu sehen und zu vergleichen. Das ist nicht nur vergnüglich, sondern auch höchst lehrreich.

[1] The Swan Princess -Wikipedia
[2] Barbie Filme – Wikipedia
[3]The Walt Disney Company (Gründung und Anfänge (1923-1927)) – Wikipedia
[4][20] It All Started with a Fairy Tale: Disney’s Snow White and the Seven Dwarfs – Tor.online
[5]Союзмультфи́льм – Wikipedia (Ru)
[6] Storyboards (Origins) – Wikipedia
[7] Советская фабрика грёз: как появился «Союзмультфильм»
[8] Animation as War Propaganda: Disney’s Victory Through Air Power
[9] Непростая история студии «Союзмультфильм», мультфильмы которой нас вырастили
[10] Die zwölf Monate (1956) – Wikipedia
[11] Конёк Горбунок (мультфильм) Редакция 1975 года 2 – Wikipedia (Ru)
[12] Rotoskopie
[13] Каштанка (мультфильм, 1952)
[14] Buzzie, Flaps, Ziggy, and Dizzy
[15] The Scarlet Flower – Wikipedia
[16] Eigene Übersetzung, „Projekt Gutenberg“ übersetzt die Stelle mit „blendend von Gesicht, schönre Jungfrau sah man nicht“ und lässt somit die expliziten Farbzuweisungen verschwinden
[17] [18] Märchen von der toten Zarentochter und den sieben Recken
[19] Projekt Gutenberg übersetzt dies so:
Bald
kam Tschernawka in den Wald
mit dem schönen Zarenkinde,
schickt sich an, daß sie es binde.
Und das Zarenkind erschrickt,
jammernd auf zur Zofe blickt,
fleht mit ausgestreckten Armen
sie um Mitleid und Erbarmen:
»Gott, was ist denn mein Verschulden,
daß ich solches soll erdulden?
Rette mich, laß mich am Leben,
reichen Lohn will ich dir geben
künftig, wenn ich Zarin werde!«
ruft sie flehender Gebärde.
Und die Zofe hört ihr Flehen,
kann, gerührt, nicht widerstehen,
denn sie liebt die schöne Maid,
spricht: »Ich tue dir kein Leid,
mög der Himmel mit dir sein!«
Ließ sie, kam nach Haus allein.

[21] Schneewittchen (Genese der Grimmschen Fassung) – Wikipedia
[22] Schneewittchen (Schneewittchens Erlösung und der Tod der Königin) – Wikipedia

Die Autorin

Katherina Ushachov zog im Alter von sechs Jahren aus dem sonnigen Odessa nach Deutschland. Zwanzig Jahre später machte sie Vorarlberg zur neuen Wahlheimat. Sie schreibt seit der Schulzeit, weil sie ohne das Schreiben nicht mehr leben kann. Wenn die freie Lektorin nicht gerade an einem ihrer Romane arbeitet, textet sie für mehrere gemeinschaftlich geführte Blogs oder erzählt auf ihrer Homepage vom Alltag als junge Autorin.

Homepage: Keller im 3. Stock
Lektorat: Phoenixlektorat
Weltenbau: Weltenschmiede
Facebook: Katherina Ushachov – Autorin
Twitter: @evanesca

Anne/Poisonpainter

Nicht die Mama!

Der erste Gastbeitrag diesen Märchensommer stammt von Eva-Maria Obermann, die uns schon im ersten Märchensommer von der Mär fürs Volk erzählte. Diesmal widmet sie sich dem Thema …

Böse Stiefmütter in Märchen

Die böse Stiefmutter. Wenn uns Märchen eines gelehrt haben, dann das Stiefmütter böse sind. Abgrundtief fiese Gestalten, gemeine Hexen und Menschenfresserinnen. Sie wollen ihre Ziehkinder ermorden lassen, beuten sie aus, misshandeln sie oder setzen sie im Wald aus. Heute, 200 Jahre nach Erscheinen der grimmschen Märchensammlung, ist es fast unmöglich, „Stiefmutter“ zu denken, ohne das Bild, dass die Märchen geschaffen haben, wachzurufen.

Wer sich ein bisschen mit dem Motiv beschäftigt, findet schnell heraus, dass die Stiefmütter in den ersten Fassungen der grimmschen Sammlung – vor der Überarbeitung 1819 – Mütter waren. Es war die Mutter, die Schneewittchens Schönheit so ärgerte, dass sie ihre Tochter im Wald ermorden lassen wollte und auch Aschenputtels Mutter war es, die ihre Tochter im Dreck hat schlafen lassen. Diese erste Fassung war brutal, voller Sex und Blut und Grausamkeit. Die Kritik daran war so groß, dass die Märchen grundlegend überarbeitet wurden. Extrem entschärft wurden sie zu den Geschichten, die wir heute kennen. Und die Mütter zu Stiefmüttern.

Problematisch ist, dass dabei tatsächlich psychologische Grundpfeiler verschwimmen. Die Märchen, in denen die Mutter zur fürchterlichen Antagonistin wird, sind auch jene, in denen sie vorab als diejenige gezeigt wird, die einen intensiven Kinderwunsch hegt. Schneewittchens Mutter sitzt am Fenster und träumt vom Kind, so weiß wie Schnee, so rot wie Blut, so schwarz wie Ebenholz. Und auch Aschenputtels Mutter hegt zu Beginn einen Kinderwunsch. Es sind die gleichen Mütter, die sich so sehr nach einem Kind sehnen, die zunächst dem liebvollen Ideal gleichen und dann so entfremdet wurden, dass sie zu Stiefmüttern umgedichtet wurden, um sich die Abkehr von jenem Ideal zu erklären.

Gleichzeitig sind jene Märchen ausschließlich Adoleszenzgeschichten. Die junge Protagonistin ist mit irgendeiner Eigenschaft ausgestattet, die der gealterten Mutter fehlt. Schneewittchens Schönheit, Aschenputtels Klugheit und Fleiß. Der Kontrast zwischen Alt und Jung wird zum Kern der Konflikte. Das, was die Mütter ausgemacht hat, als sie selbst noch keine entsexualisierten und auf die Seite geschobenen Mütter waren, erkennen sie in ihren Töchtern. Eifersucht und Sehnsucht, aber auch das Wissen um die Vergänglichkeit dieser Attribute sind den Konflikten als elementare Bestandteile angedichtet. Dahinter aber steht noch ein weiterer Aspekt.

Mütter sind niemals nur perfekt gut oder entsetzlich böse. Sie bewegen sich, aus Sicht des kleinen Kindes, zwischen den Extremen hin und her. Die Mutter die kuschelt, spielt und füttert, küsst und vorliest, wird im kindlichen Gedankengang der Mutter gegenübergestellt, die fordert, Regeln aufstellt und mit Ablehnung begegnet, wenn das Kind dagegen rebelliert. Das kann Schimpfen oder Bestrafung sein, aber auch die simple Forderung, das eigene Zimmer aufzuräumen oder Abends die Zähne zu putzen. Es entstehen zwei Mütter-Imagi, eine absolut liebevolle und eine in jedem Bezug böse. Diese zwiegespaltene Vorstellung der Mutter war in den sich verändernden Müttern der ursprünglichen grimmschen Sammlung zu erkennen.

Die Loslösung des Motivs hin zur konkreten Trennung zwischen leiblicher, guter Mutter und böser Stiefmutter aber erzeugte nicht nur im Märchen zwei Figuren, sondern beeinflusste auch unser Mutterbild (und tut es bis heute). Noch immer werden Mütter in der idealisierten Vorstellung zur liebevollen Bewahrerin, die sämtliche eigenen Bedürfnisse hintenanstellt und nur noch für das Kind lebt. Wer dagegen verstößt wird zur Rabenmutter deklariert. Stiefmüttern dagegen unterstellt dieses Bild, per se einen schwierigeren Zugang zum Kind, da sie angeblich mit ihm um die Gunst des Vaters buhlen müssten. Kurz, Mutterschaft heute ist von der grimmschen Edition der (Stief-)Mütter in hohem Maße betroffen und muss sich immer wieder dem überhöhten Muttermythos stellen.

Die Autorin

Eva-Maria Obermann wuchs in einer pfälzischen Kleinstadt auf und liebt gute Geschichten seit jeher. Sie hat in Mannheim Literaturwissenschaften studiert, vier Kinder bekommen und promoviert über die Mutterfigur. 2017 erschien der erste Teil ihrer Urban Fantasyreihe „Zeitlose“ und der humoristische Liebesroman „Ellas Schmetterlinge“. Die fantastische Trilogie wird 2019 beendet. Für die Märchenspinnerei hat sie Rapunzel in ein Steampunk-Setting gebracht und arbeitet bereits an einer zweiten Märchenadaption.

Autorenblog: Schreibtrieb
Facebook: Eva-Maria Obermann
Twitter: Variemaa

Anne/Poisonpainter

Türchen #24

Man glaubt es kaum, aber schon sind wir am letzten Tag des Adventskalenders angelangt!

Diesen heiligen Abend versüßt uns Angelika Depta mit ihrer Kurzgeschichte

Das Weihnachtsgeschenk

Eingepackt in einem schweren mit Lammfell gefütterten Ledermantel eilt ein Mann durch die vor Kälte klirrende Weihnachtsnacht. Das Atmen fällt ihm schwer. Jeder Atemzug schmerzt, weil sich die Kälte ihren Weg durch die Luftröhre bahnt. Er zieht sich seinen Schal über Mund und Nase. Im hellen Schein des Vollmondes leuchtet das Feld. Der Wanderer nimmt die Umgebung heute Nacht kaum wahr, er hastet seinen Weg weiter. Trotz der Kälte bilden sich Schweißtropfen auf seiner Stirn. In Zwiesprache mit sich selbst schimpft er: „Ausgerechnet heute muss das Auto liegen bleiben. Hätte ich doch nur getankt. Herr im Himmel lass mich nicht zu spät kommen“, dabei wirft er einen Blick nach oben. Die Sterne blinken über ihm wie die Birnchen einer Lichterkette. Eine Sternschnuppe fliegt durch das Blickfeld des Mannes, schnell schickt er dem verglühenden Schweif einen Wunsch hinterher, und stapft so schnell es geht weiter. Ein paar Schritte vor ihm erkennt er die Spuren eines fliehenden Rehes in der sonst unberührten weißen Pracht. Am nächtlichen Horizont zeichnen sich bereits die Umrisse seines Hauses ab. Er und seine Familie wohnen am Rande eines kleinen Dorfes auf der Schwäbischen Alb. Es ist ein kleines altes Bauerndorf mit drei Höfen, die gerade so die Familien über Wasser halten können. Der Ort ist in einer verschneiten hügligen Landschaft eingebettet und schmiegt sich im Osten schutzsuchend an ein größeres Waldgebiet

„Gott sei Dank habe ich es gleich geschafft.“ Mit noch schnelleren Schritten schreitet er auf sein Ziel zu. Bei dieser Eile übersieht er den vor ihm liegenden Schneehügel. Er stürzt über das Hindernis der Länge nach hin und bleibt einen Moment auf dem kalten Boden liegen. Unter dem Schnee verborgen lag ein großer Stein. Verärgert über sich, dass er nicht aufgepasst hat, schickt er einen Schwall Schimpfwörter in die Nacht hinaus. Der Mann versucht aufzustehen und setzt sich gleich wieder hin. Er hat sich seinen Fuß verstaucht. Beim zweiten Versuch kommt er auf seinem verletzten Fuß zu stehen. Mit schmerzverzerrtem Gesicht humpelt er weiter auf sein Ziel zu. „Du schaffst es! Komm! Los, beeil dich! Du hast es versprochen dabei zu sein!“ Den Rest des Weges passt er auf, wohin er tritt. Aus einem Gebüsch, an dem er vorbeieilt springt ein aufgescheuchtes Reh und sucht das Weite. Vor Schreck fängt ihm das Herz an zu rasen. Durch das ruckartige Stehenbleiben meldet sich sein schmerzender Fuß erneut. Das Tier verschwindet in dem in der Nähe liegenden Wäldchen. Die Laufgeräusche des Rehs schluckt der Schnee, es ist noch nicht einmal ein Knirschen des weißen Belages zu hören. Langsam beruhigt sich sein Herz wieder, der Mann hinkt weiter. Nach einer kleinen Ewigkeit erreicht er den Asphaltweg, der direkt zu seinem Ziel führt. Er sieht wie ein Auto auf dem Parkplatz vor dem Haus einparkt. Er bleibt kurz stehen um seine letzten Reserven zu aktivieren, einen Moment nimmt er sein vor ihm liegendes Haus auf. Es sieht heimelig von außen aus, alles ist weihnachtlich geschmückt. Einige mit selbstgebastelten Strohsternen geschmückte Fenster, sind in warmes Licht getaucht. Aus dem Kamin auf dem schneebedeckten Dach steigt der Rauch auf. Er kann sogar das Kaminholz durch die kalte Luft riechen. Die wie ein zerfließender Nebel wirkende Milchstraße mit ihren unzähligen Sternen ziert den Nachthimmel über seinem Haus. Nicht an den Schmerz in seinem Fuß denkend, läuft er so schnell wie möglich  auf sein Heim zu.

Im Vorgarten steht ein mit einer Lichterkette geschmückter Lebensbaum. Direkt am Hauseingang begrüßt ihn ein Schneemann. Dieser trägt auf dem Kopf eine Nikolausmütze, um den Hals einen Wollschal gewickelt. Steine dienen als Augen, Nase und Knöpfe.

Der Hausherr atmet einmal tief durch, endlich hat er es geschafft, eiligst betritt er den Flur seines Zuhauses. Es duftet nach gebackenen Plätzchen, gemischt mit dem Geruch von Tannenharz des bereits geschmückten Weihnachtsbaums.

Marie seine kleine Tochter kommt ihm wie ein kleiner Wirbelwind entgegengegerannt, aufgeregt quietscht sie: „Papa, komm ganz schnell! Mama hat ganz doll Bauchweh! Sie sagt, das Baby kommt gleich!“

Die Augen des Mannes strahlen zufrieden. Er ist doch noch pünktlich eingetroffen. „Ja, mein kleiner Schatz, ich komme ja schon.“

Er gibt der Kleinen einen Kuss auf die Wange, nimmt sie an die Hand und erklimmt mit ihr humpelnd die Treppe zum Schlafzimmer. Die Hebamme hatte schon alles vorbereitet. Jeden Moment würde es losgehen. Ria seine Frau liegt bleich und mit verschwitztem Haar im Bett. Alle Strapazen sind für einen Moment vergessen, als sie ihren Mann Joe sieht. Er lässt Maries Hand los, eilt zu seiner Frau ans Bett, nimmt sie liebevoll in die Arme und gibt ihr einen Kuss.

“Da bin ich Liebling, pünktlich zum Eintreffen unseres Weihnachtsgeschenkes.“

Sie strahlt ihn mit glücklichen Augen an: „Wir haben nur auf dich gewartet.“

Die Autorin

Angelika Depta wohnt mit ihrem Mann, zwei Hunden und einem Kater im schönen Rheinhessen. 2015 hat sie das Schreiben für sich entdeckt. Sie belegt immer wieder Seminare um das Handwerk der Schreibkunst richtig zu lernen. Nebenbei unterhält sie eine Homepage und ist viel in den sozialen Netzwerken wie Facebook und Instagram unterwegs.

Homepage: ad wie es mir gefällt
Facebook: Angelika Depta Autorin
Facebook-Gruppe: Schreiben – Mein Leben – Was mir gefällt
Instagram: @angelika.depta.autorin

Hinter den Kulissen

Ein kleines Drabble von mir erscheint heute auch auf der Instagram-Seite des Nornennetzes. Schaut mal vorbei!

Ich hoffe alle Leser*innen und Autorinnen hatten Spaß – und Letztere waren nicht zu arg genervt, wenn ich doch nochmal was geändert haben wollte.

Damit wünsche ich uns:

Besinnliche Feiertage mit euren Lieben und vielleicht noch ein paar Flocken Schnee!

Anne

Türchen #23

Die vorletzte Gastgeschichte stammt von der wunderbaren Irina Christmann.

Freut euch auf

Heiße Weihnachten

Weihnachten … kein Fest polarisiert die Menschen so wie dieses. Gehasst oder geliebt. Dazwischen gibt es nichts. Ich liebe Weihnachten. Jedenfalls die Idee dahinter. Seine Lieben um sich sammeln, gemeinsam etwas Gutes essen, einander zeigen, dass man sich mag. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich in einer Pflegefamilie aufgewachsen bin. Noch heute besuche ich das einzige Zuhause, das ich je kannte regelmäßig. Hanna und Klaus haben nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass ich nicht ihr Kind bin. Sie ließen mir die Wahl, ob ich sie Mama und Papa nennen wollte. Und als ich alt genug war, unterstützten sie mich auch dabei Kontakt mit meiner Mutter Miriam aufzunehmen. Sie war gerade mal 13, als sie mich zur Welt brachte. Sie ist eine verrückte, liebenswerte Frau und eine gute Freundin. Seit ich studiere, wohnen wir nur ein paar Kilometer voneinander entfernt.

Ich muss ein Stück durch die Fußgängerzone, wo der Weihnachtsmarkt noch einmal alles gibt, bevor er heute Abend zum letzten Mal für dieses Jahr schließt. Von allen Seiten duftet es nach Essen. Geräucherter Fisch, Bratwurst, Crêpes, Plätzchen und Glühwein bilden diese ganz spezielle Mischung, die zu dem Trubel einfach dazugehört. Heute habe ich allerdings keine Zeit und eile weiter. Irgendwo muss es den Film doch noch geben. Im Kaufhaus riecht es leider mehr nach verschwitzten Menschen und Stress, als nach Weihnachten. Die Spielwarenabteilung ist ein Chaos aus quengelnden Kindern und genervten Erwachsenen, die am Tag vor Heiligabend noch auf Geschenkejagd sind. Mein Ziel liegt dahinter. Vorsichtig schlängele ich mich durch die Menschen und halte den Eingang zur Medienabteilung im Auge. Für meinen Geschmack sind dort auch eindeutig zu viele Leute.

Zuerst suche ich im Sonderregal für Zeichentrick- und Kinderfilme. Leider jedoch ohne Erfolg. Dann durchsuche ich die alphabetisch sortierten Titel. Unglaublich wie viele Filme mit einem ‘Z’ beginnen. Ich bin kurz davor, die Suche aufzugeben, als ich im vorletzten Fach doch noch fündig werde.
“Yes”, jubele ich und drücke die Hülle an mich.
“Muss ja ein toller Film sein”, spricht mich da jemand an und ich drehe mich erschrocken um.
“Ich liebe Faultiere”, sage ich perplex. Mein Gegenüber lacht leise.
“Kann ich verstehen”, ahmt er die extrem langsame Sprechweise von Flash aus dem Film nach. “Ich mag Zeichentrickfilme auch.”
“Cool”, sage ich wenig eloquent, denn irgendwie scheint mein Kopf plötzlich leer zu sein.
“Ist noch eine da? Mein Ex hat die komplette Sammlung mitgenommen. Dieser Arsch. Und ich brauch Stoff für die Feiertage.”
“Nein, Ich glaube das war die Letzte. Aber die hab ich noch nicht durchgeschaut.” Ich deute auf die beiden letzten Fächer und freue mich, dass ich zwei zusammenhängende Sätze formuliert habe. “Ach, schade. Ich hab einfach kein Glück”, meint er und zuckt mit den Schultern. “Dann such ich mir wohl was anderes.”
“Monster Uni”, schlage ich vor, ohne nachzudenken. Am liebsten würde ich mir sofort auf die Zunge beißen. Er legt den Kopf schief und sieht mich an.
“Gute Idee, der hat ja sogar zwei Teile”, meint er dann und geht an den Regalreihen entlang. Noch einmal schaut er sich nach mir um und lächelt. Dann beginnt er die Hüllen durchzusehen und ich bin wieder in der Lage mich zu bewegen. Ich stecke gerade meinen Einkauf in den Rucksack, als auch ER bezahlt.
“Brauchst du noch was? Oder hättest du Zeit und Lust auf einen Glühwein?”
Überrascht sehe ich von meinem Rucksack auf.
“Wer? Ich?”, quietsche ich überrascht. Er grinst nur und nickt.
“Äh, klar, gerne”, stammele ich.
“Super. Ich lad dich ein. Als Danke für die Empfehlung, okay? Ich bin übrigens Dominik.”
Er streckt mir seine Hand entgegen.
“Tobias”, stelle ich mich vor und lege meine Hand in seine. Sein Händedruck ist erstaunlich vorsichtig, wahrscheinlich hat er Angst meine dünnen Finger zu zerquetschen. Auf seinem Handrücken prangt eine große Narbe, die noch nicht allzu alt zu sein scheint. Zusätzlich sorgt sein Lächeln für ein sanftes Kribbeln in meinem ganzen Körper.
“Wollen wir dann?”
Dominik sieht mich fragend an und ich nicke stumm. Endlich lasse ich auch seine Hand los. Er bahnt sich souverän einen Weg durch die Leute, die auch je näher wir dem Ausgang kommen glücklicherweise weniger werden. Immer wieder sieht er sich um, ob ich auch noch da bin.

Vor der Tür atme ich erst einmal tief durch. Stadtluft als frisch zu bezeichnen wäre wahrscheinlich übertrieben, aber besser als in einem stickigen Kaufhaus ist sie allemal.
Nur wenige Meter weiter steht die erste Glühweinbude und Dominik hält direkt darauf zu.
“Mit oder ohne Alkohol”, erkundigt er sich bei mir.
“Lieber ohne, ich rede sonst nur wirres Zeug.”
“Dann vielleicht beim nächsten Mal”, meint er und geht die letzten Schritte, um unsere Bestellung aufzugeben. Mir schwirrt noch das “nächste Mal” durch den Kopf, da steht er auch schon mit einem Becher in jeder Hand wieder vor mir. “Bitteschön.”
Sein Lächeln ist eindeutig eine Gefahr. Und nicht nur für mich. Denn ich fange den Blick einer jungen Frau auf, die ihn ganz offen mustert. Dominik zwinkert ihr zu, stellt sich dann so, dass sie ihn nur noch von hinten sehen kann und hält mir einen Becher entgegen.
“Danke”, antworte ich. Unsere Finger streifen sich, als ich diese nehme. Vielleicht sogar etwas länger, als eigentlich nötig. Wir schlendern zwischen den Buden entlang, nippen an unserem Punsch. Dominik fragt mich nach meinem Lieblingsfilm, wir unterhalten uns über die neuesten Superheldenfilme. Selten habe ich mich so schnell so gut mit jemandem verstanden. Ohne uns abzusprechen, geben wir die zwischenzeitlich leeren Tassen zurück und stellen uns in die Reihe der Crepês-Liebhaber. Es dauert eine Weile, bis wir an der Reihe sind. Dominik entscheidet sich für die herzhafte Schinken-Käse-Variante , ich für die klassische Bananen-Schoko-Kombination.
“Dacht ich mir doch, dass du ein Süßer bist”, kommentiert Dominik lachend. Ich grinse lediglich. Noch immer bin ich überfordert, wenn ich so offensiv angeflirtet werde. Ich bin nicht gerade der Typ, der einem sofort auffällt. Eigentlich genau das Gegenteil, der Typ, den man schnell übersieht oder gleich wieder vergisst. Normalerweise macht mir das auch gar nichts aus. „Naja, eigentlich versuch ich nur auf Fleisch und so zu verzichten“, kommentiere ich lächelnd. Hoffentlich gerate ich jetzt nicht in eine Grundsatzdiskussion über meine Ernährung. Doch Dominik beißt einfach in seinen Crêpes und geht weiter. Eigentlich müsste ich dringend nach Hause. Meine Tasche muss noch gepackt werden und ich fürchte außerdem, dass ich erst noch ein paar Klamotten waschen und trocknen muss, bevor ich morgen mit Miriam zu meinen Eltern fahren kann.

Wir haben die letzten Buden in der Fußgängerzone erreicht.
„Du hast da was“, meint Dominik und deutet auf mein Gesicht. „Darf ich?“
Da es sich dabei bestimmt um Schokosauce handelt, und ich sie mir im Zweifel nur mehr im Gesicht verteile, als sie zu entfernen, nicke ich nur. Dominik beugt sich zu mir herunter, legt eine Hand in meinen Nacken. Ich blinzele verwirrt, und will protestieren. Da küsst er mich schon und jeglicher Protest verflüchtigt sich. Nur Augenblicke später werfe ich sämtliche weiteren Einwände meines Hirns über Bord, das mir zuflüstert, dass ich eine Dummheit mache, dass man nicht einen fast Fremden küsst. Dafür macht es einfach viel zu viel Spaß. Doch leider endet dieser Kuss – wie jeder andere auch – irgendwann. Dominik hält mich fest an sich gedrückt. Ich genieße seine Wärme, seine Nähe und fühle mich einfach wohl.
„Sorry, aber ich konnte einfach nicht widerstehen“, entschuldigt er sich.
„Hast du das Gefühl, dass es mir nicht gefallen hat?“ Er lacht leise und ich lege meinen Kopf an seine Schulter, schließe die Augen und wünsche mir, dass das hier nur der Anfang ist.

„Verdammt“, Dominik drückt mich sachte von sich weg, greift in seine Jackentasche und zieht einen Pieper hervor. „Scheiße, ich muss sofort weg … Gib mir mal schnell dein Handy“, sagt er nachdem er einen schnellen Blick darauf geworfen hat.
Vollkommen perplex reiche ich ihm das Gerät und er tippt hastig eine Nummer ein.
„Ruf mich an, bitte!“ Ich nicke und sehe ihm nach, wie er im Laufschritt durch die Menschen eilt und nach wenigen Augenblicken von der Masse verschluckt wird.

Werft einen Blick hinter die Kulissen, um zu erfahren, wie es weitergeht …

Die Autorin

Seit 2017 schreibt Irina Christmann unter diesem Pseudonym alles. Die Einhornfreundin ist eine Vielleserin, aber auch Vielschreiberin. Täglich schreibt sie in „ihrem“ Café, ob nun von verliebten Jungs, historischen Charakteren oder nun auch phantastische Geschichten.

Facebook: Irina Christmann
Twitter: Ridani76

Hinter den Kulissen

Da die gute Irina nicht nur sofort inspiriert war (s. #WeihnachtenFürPoison), sondern auch die Wortvorgabe von ~1.000 Wörtern versechsfacht hat, haben wir uns entschieden, das ich hier nur das erste Kapitel präsentiere.
Wie es mit Tobias und Dominik weitergeht, könnt ihr auf Bookrix nachlesen: Heiße Weihnachten.

Viel Spaß

Anne