Eva-Maria Obermann: Tropfen der Ewigkeit

Nach ihrem Gastbeitrag gestern geht der MĂ€rchensommer heute weiter mit meiner Rezension zum dreizehnten Band der MĂ€rchenspinnerei: Tropfen der Ewigkeit von Eva-Maria Obermann, einer Steampunk-Adaption von „Rapunzel“.

Worum geht’s?

4 of 5 stars

Valeria kennt nichts anderes als lernen im Turmzimmer. Von ihrer Mutter Stella wird sie darauf vorbereitet, eines Tages an deren Seite weiterzuforschen. Das ist es zumindest, was sie ihr weismacht.

Je lÀnger sie eingesperrt ist, um so mehr kommt Valeria hinter die Geheimnisse, die vor ihr verborgen wurden. Welche Wahrheit versteckt sich hinter dem MÀrchen vom Drachen, dass ihre Mutter stets erzÀhlte? Und wem kann sie vertrauen? Ihrer Mutter? Ihrer Freundin Minna? Oder doch nur sich selbst?

Das Leseerlebnis

Die Schrift ist mir persönlich etwas zu eng gesetzt, den Lesefluss hat das aber nicht behindert. FĂŒr mich war der Ich-ErzĂ€hler anstrengender. Wobei es schwer gewesen wĂ€re, eine andere Sicht als Valerias zu haben, ohne dabei große EnthĂŒllungen vorweg zu nehmen. Dadurch, dass der Leser diesen eingeschrĂ€nkten Blickwinkel hat, kann er ihre Erkenntnisse miterleben, auch wenn sich ein paar Dinge schon erahnen lassen. Was einerseits eine interessante ErzĂ€hlweise, andererseits fĂŒr mich anstrengend zu lesen war.

Die Charaktere

Die Hauptfrage bei einem Rapunzel-Charakter ist meist „Wieso bleibt sie im Turm und flieht nicht?“. Eva hat dies gut umgangen. Valeria ist zum einen gehorsam, zum anderen hĂ€tte eine einfache Flucht schwere Konsequenzen, da die Welt um sie herum von giftiger Luft und Staub verseucht ist. Das heißt aber nicht, dass sie keinen eigenen Willen hat. Je mehr Geheimnisse Valeria entschlĂŒsselt, umso mehr wĂ€chst sie und es macht Spaß, ihr dabei zuzusehen.

Valeria ist eine PoC-Protagonistin. Dies wird dahingehend thematisiert, dass sie sich selbst in den Kontrast zu ihrer hellhÀutigen Mutter setzt und auch von deren Kollegen entsprechend betrachtet wird. Sonst kann ich mich nicht daran erinnern, dass die Hautfarbe eine Rolle spielte.

Ihre Mutter ist eine ehrgeizige Wissenschaftlerin. Mit allen ihr zur VerfĂŒgung stehenden Mitteln versucht sie, sich in der von MĂ€nner dominierten Welt durchzusetzen und an die Spitze zu gelangen. DafĂŒr ist sie auch bereit skrupellose Opfer zu bringen … Ein sehr unsympathischer Charakter, selbst wenn ihr Drang nach Anerkennung bis zu einem gewissen Grad verstĂ€ndlich ist …

Das genaue Gegenteil dazu ist Minna, die nicht nur Valerias Zofe und beste Freundin, sondern auch eine der treibenden KrĂ€fte in der Geschichte ist. Die Art und Weise wie Eva ihre Stummheit darstellt ist wunderbar. Ein Blick oder eine Geste, die ebenso verstĂ€ndlich sind, wie ihre Frustration darĂŒber, in manchen Situationen nicht ungehindert kommunizieren zu können. Filmisch ist es einfach darzustellen, doch in schriftlicher Form ist dies eine ganz andere HĂŒrde, die Eva großartig gemeistert hat. Die ErklĂ€rung hinter dieser und einer weiteren Behinderung ist auch nicht an den Haaren herbeigezogen – haha, sorry, das Wortspiel war unbeabsichtigt – sondern ist im Weltenbau begrĂŒndet. Dadurch gibt es auch noch weitere Neben- und Randcharaktere, die ebenfalls mit EinschrĂ€nkungen leben.
Lange Rede kurzer Sinn: Minna ist mein Favorit. Sie ist einfach ne coole Socke. B)

Eva selbst hat im MĂ€rz auf Twitter erzĂ€hlt, dass Valeria Bi ist und ich muss gestehen, dass ich das Interesse an MĂ€nnern bei ihr nicht rausgelesen habe. Stattdessen fand ich ihre Beziehung zu Minna interessant, sowohl von einer freundschaftlichen, als auch von einer romantischen Perspektive aus. Das gegenseitige Vertrauen, die UnterstĂŒtzung. Großartig.

Unter den Nebencharakteren gibt es einen, der so aufdringlich und ĂŒbergriffig ist, dass ich eine seiner Szenen kurzzeitig pausieren musste. Abgesehen davon sind er und die anderen Nebencharaktere – was auch auf die KĂŒrze des Buches zurĂŒckzufĂŒhren ist – eher wenig beleuchtet, daher hier nur kurz angeschnitten.

Die Charaktere hat Eva wunderbar gezeichnet. Hinzukommt, dass alle Interaktionen und Entwicklungen nachvollziehbar sind trotz schnell voraneilender Handlung.

Generelle Meinung

Eva hat eine faszinierende Steampunk-Welt erschaffen, von der ich gerne mehr erfahren hĂ€tte. Hier schließt sich jedoch der Kreis, denn durch den eingeschrĂ€nkten POV ist das leider nicht möglich …
Die Entwicklung und Interaktion der Charaktere ist nachvollziehbar und gut dargestellt, auch wenn es ein paar Wendungen gab, die vorhersehbar waren.

Als Rapuzel-Element gab es nicht nur einen Fokus auf die Haare, die regelmĂ€ĂŸig gepflegt wurden, sondern auch einen Kletterversuch, der sehr realistisch – und vor allem schmerzhaft – dargestellt wurde. Alles gepaart mit einem etwas anderen Fluchtmanöver.

Wer noch nicht so viel mit Steampunk zu tun hatte, sollte sich diese MĂ€rchenadaption zur GemĂŒte fĂŒhren, um ein GefĂŒhl dafĂŒr zu bekommen. Die Elemente sind dezent und doch prĂ€sent und bieten damit eine gute Einstiegsmöglichkeit.

Alles in allem, eine sehr interessante Variante von Rapunzel. 🙂

Dinge, die ich hinzufĂŒgen möchte

Das Buch habe ich ĂŒbrigens beim #NornenHopping eingesammelt, als ich mit Elenor Avelle bei Eva zum FrĂŒhstĂŒcken war. 🙂

Anne/PoiSonPaiNter

© FĂŒr das Cover gehören den rechtmĂ€ĂŸigen Besitzern.

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