Adventskalender: Türchen #11

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Die alten Santas

“Heute erzähl ich dir ein bisschen über meine Familie. Ein paar hast du ja bereits kennengelernt”, erklärte Nicholas gespielt dozierend, als er die Türen in das große Kuppelzimmer öffnete.
Ehrfürchtig ging Katrin in den Raum hinein und blickte sich um; überall um sie herum blickten Männer mit beeindruckenden Bärten von Gemälden auf sie herab. “Das sind alles Santas?”, fragte sie schließlich, als Nicholas die Tür geschlossen hatte.
“Die jeweils Obersten Santas zumindest, es gibt meistens mehr als einen pro Generation. So wie in unserer ja auch”, Nicholas wies sie zu einer Sesselgruppe in der Mitte des Raums. “Es ist Tradition, dass der älteste oder am besten dafür geeignete Mann einer Generation diese Aufgabe übernimmt. Momentan ist mein Vater der Oberste Santa.” Er wies auf das Gemälde über der Tür, welches einen Mann zeigte, der Nicholas nicht unähnlich sah, nur, dass er schon einen Graustich in Vollbart und Haar hatte. Unter dem Gemälde stand in geschwungenen Buchstaben ‘Nikolai’. “Allerdings wird mein ältester Bruder Klaus bereits dafür ausgebildet bald zu übernehmen. Fliegen lässt Mutter Vater jetzt schon nicht mehr”, ergänzte er mit einem leichten Grinsen auf den Lippen.
“Nikolai, Nicholas, Klaus, das klingt nach Absicht”, vermutete Katrin und drehte sich zu ihm, woraufhin Nicholas auflachte.
“Ja, es ist Absicht. Irgendwann wurde mal festgelegt, dass unsere Namen alle ähnlich klingen sollen, um die Tradition zu wahren”, erklärte er, “Mein Großvater heißt sogar Nikolaus.”
“Das ist doch albern”, lachte Katrin.
“Wirklich? Was meinst du wie es ist damit aufzuwachsen gerufen zu werden und erstmal abzuwarten, ob es bei Nick bleibt oder noch weiter geht?”, scherzte Nicholas.
“Warum macht ihr es dann?”, wollte Katrin wissen.
“Weil es Tradition ist”, zuckte Nicholas mit den Schultern, “wir haben eine Weile versucht auch Jack-Varianten als Vornamen zu nehmen, als Jack Frost beliebt war, aber das hat sich nicht wirklich gehalten. Nur Claudia konnte sich bisher durchsetzen, dass ihre Kinder nicht dem Namensschema folgen. Das war ein Kampf mit Großvater…aber sie hat ihn gewonnen”, ergänzte er beeindruckt.
“Warte. Heißt dein Bruder dann Klaus Claus?”
“Claus?”, Nicholas lachte, “Nein, wir heißen nicht Claus, wir haben vor Ewigkeiten unseren Namen an das russische Väterchen Frost angepasst.” Als Katrin ihn verwirrt ansah, ergänzte er: “Djed Moros heißt es im Original und wir haben Maros daraus gemacht.”
“Nicholas Maros, also”, schlussfolgerte Katrin daraus und wurde etwas rot. Es war ihr peinlich, auch hier wieder auf die amerikanischen Filme hereingefallen zu sein.
“Genau.”

Die beiden schwiegen während Katrin langsam an den Bilderreihen entlang ging. Man merkte den Bildern ihr unterschiedliches Alter an, an einigen standen sogar Jahreszahlen, die weit in die Vergangenheit reichten.
“Deine Familie macht das schon ganz schön lange…”, kommentierte Katrin als sie vor einem Gemälde aus dem fünfzehnten Jahrhundert stand.
“Oh ja, ein paar noch ältere Gemälde sind sicher verwahrt in den Schubladen da hinten”, stimmte Nicholas zu.
“Wie läuft das überhaupt ab? Werdet ihr von Anfang an dafür ausgebildet irgendwann Geschenke auszuliefern?” Katrin setzte sich wieder auf den Sessel und sah Nicholas erwartungsvoll an.
“Nicht direkt. Wir müssen nach und nach verschiedene Aufgaben übernehmen und irgendwann willst du dann mit ausliefern oder zumindest so weit mithelfen, dass die anderen einen sorgenfreien Flug haben.”
“Du hast erzählt, dass du erst dieses Jahr das erste Mal ausliefern durftest, wieso hat das so lange gedauert?”
Nicholas lachte. “Ich bin das jüngste von vier Kindern, normalerweise würde ich gar nicht in die Situation kommen auszuliefern.” Als Katrin ihn verständnislos ansah führte er aus: “Du hast die Schlitten gesehen, wir hatten lange Zeit eigentlich nur zwei, den traditionellen und einen experimentellen Schlitten. Klaus hat, bis die Kinder kamen, den traditionellen gefahren, seitdem macht das Nick. Nicole als Älteste hat die Experimente übernommen, auch wenn Großvater es anfangs nicht gerne sah, dass eine Frau ausliefert. Dieses Jahr hatten wir dann drei Schlitten und Claudia hat vorgeschlagen, dass ich mitfliege, um die Effizienz zu steigern. Das ist alles.” Nicholas zuckte mit den Schultern.
“Ihr hört also auf sobald ihr Kinder habt?”
“Haha, nein, das ist nur Claudia’s Dickkopf. Sie möchte nicht, dass Klaus sich in Gefahr bringt und sie dann mit den Kindern alleine hier ist.”
“Ist das Ausliefern denn so gefährlich?”, wollte Katrin wissen.
“Naja, es kann immer mal was mit dem Schlitten sein…”, versuchte Nicholas abzuwinken, aber es gelang ihm nicht wirklich, “das Wetter kann manchmal auch sehr unberechenbar sein…”
“Warum macht ihr es dann?”, wollte Katrin nach einem Moment wissen.
Nicholas zuckte nur mit den Schultern. “Ich denke, weil es toll ist, zu sehen, wie sich die Kinder über unsere Geschenke freuen. Wunder, Hoffnung und Freude zu verbreiten ist es ja was wir eigentlich tun und gerade das ist doch das Wichtigste für Kinder oder nicht?”
“Ja, da hast du recht. Kinder brauchen einen Weihnachtsmann, auch wenn er mit seltsamen Schlitten fährt”, stimmte sie ihm zu und versuchte die Stimmung etwas aufzulockern.
“Hey, den Schlitten hat meine Schwester entworfen!”, verteidigte sich Nicholas mit einem Lachen.

“Wenn eure Arbeit so gefährlich ist, warum hat dann nur dein Bruder eine Familie?”, wunderte sich Katrin.
Nicholas sah sie verwirrt an. “Wie meinst du das?”
“Naja, braucht ihr dann nicht immer genügend Nachschub sozusagen?”, versuchte Katrin zu erklären und begriff, wie merkwürdig ihre Frage eigentlich war. “Vergiss die Frage einfach”, winkte sie ab, Röte auf ihren Wangen.
Nicholas schmunzelte. “Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Ihm als Ältestem wurde angeraten schnell zu heiraten, dass er Claudia gefunden hat, war aber eher Zufall. Bei uns anderen ist das nicht so wichtig, wir dürfen uns die Hörner abstoßen, bevor wir uns eine feste Beziehung suchen, wovon Nicole und Nick ausgiebig Gebrauch machen. Gerade in der Weihnachtszeit stehlen sie sich gern zu Weihnachtsfeiern auf denen Nick leicht bekleidete Weihnachtsfrauen aufgabelt und Nicole zieht sich dementsprechend an, um sich selbst jemanden zu angeln.”
“Und du?”
“Ich strande zufällig vor irgendwelchen Häusern und lasse mir Ofenbürsten leihen”, scherzte Nicholas.
“An der Masche musst du aber noch üben”, kommentierte Katrin und knuffte ihn spielerisch in den Oberarm.
“Ich hätte gerne eine Familie, irgendwann, aber ich hab’s nicht eilig, mich drängt niemand”, offenbarte er ihr ernster.
Katrin wusste nicht, was sie daraufhin sagen sollte. Ja, sie hatte selbst nachgefragt, aber bedeuteten Nicholas’ Antworten, dass er sich insgeheim etwas mit ihr erhoffte? Unsicher sah sie zur Seite. Nicholas schien das ganz recht zu sein. Er stierte einfach vor sich hin.

“Du hast vorhin was von Hörner abstoßen gesagt. Gibt es eigentlich auch einen Krampus?”, änderte Katrin das Thema.
Verdutzt schaute Nicholas sie an und nickte dann kaum merklich, “Ja den gibt es. Ich könnte ihn dir zeigen …?”
Nachdem Katrin dies mit einem Nicken bestätigte und sich warm eingepackt hatte, führte Nicholas sie aus dem Hintereingang in des Esszimmers im Haupthaus hinaus. Hinter dem Haus thronte ein hohes Gebirge, dem sie sich immer weiter näherten. Der Wind pfiff ihnen um die Ohren und Katrin konnte sich gut vorstellen, wie die Fläche und Berge im Winter von einer hohen Schneeschicht bedeckt waren. Aber jetzt im Spätfrühling war davon kaum noch etwas zu sehen. Nach einer gefühlten Ewigkeit näherten sie sich einer Höhle, die tiefer ins Innere des Gebirges führte.
“Bist du bereit?”, fragte Nicholas vorsichtig. Er stand im Höhleneingang und hatte sich mit besorgter Miene zu ihr umgedreht.
Katrin war sich nicht sicher. Aus Erzählungen von Freunden und ein paar Internet-Artikeln kannte sie Bilder von Leuten, die sich als Krampus verkleideten. Nun würde sie einem echten Krampus begegnen und so wie Nicholas sie ansah, würde es kein angenehmer Anblick werden. Ihr Herz begann zu rasen. War es wirklich klug gewesen, auch das sehen zu wollen? Sie schüttelte den Kopf und traf ihre Entscheidung: “Nein, aber jetzt sind wir hier.”
Nicholas lächelte verhalten und ging voran. Die Höhle war in den Stein gehauen, ein einfaches Loch im Felsen. Beleuchtet wurde der niedrige Raum von Fackeln an den Wänden, alten Fackeln, die rußig vor sich hin qualmten und flackerndes Licht verbreiteten. Nur langsam ließ Katrin ihren Blick zum eigentlichen Inhalt des Raumes schweifen. Die Flammen glitzerten auf dem meterdicken Eisblock in dem eine Kreatur eingeschlossen war. An Armen und Beinen mit metallenen Ringen festgekettet, starrte das Monstrum mit gelben Augen ins Leere, sein Maul war noch wie zum Schrei aufgerissen, sodass Katrin die scharfen Zähne sehen konnte. Noch furchteinflößender waren jedoch die großen, geschwungenen Hörner, die am Haaransatz begannen und deren Spitzen bis zum Hinterkopf reichten, ohne den Kopf weiter zu berühren. Der Körper war über und über mit zotteligem, braunen Fell bedeckt, die Beine endeten in Hufen, die Hände in scharfen Krallen. Das also war der Krampus. Vorsichtig berührte Katrin die Eisschicht, zog ihre Hand aber schnell wieder zurück. Das Eis war kälter, als alles, was sie je zuvor gespürt hatte.
“Es ist magisches Eis”, erklärte Nicholas daraufhin. Auch in seiner Stimme schwang etwas Angst mit, ihm schien es ebensowenig zu gefallen hier zu sein.
“Warum ist er eingefroren?”, hörte Katrin sich flüstern. Sie traute sich einfach nicht lauter zu reden.
“Er würde töten, sobald er freikommt. Deswegen müssen wir darauf achten, dass er nicht aus seinem Gefängnis ausbricht. Es kommt täglich jemand her um das sicherzustellen”, erklärte Nicholas.
“Können wir bitte gehen?”, bat Katrin, ein Zittern in der Stimme.
“Natürlich.”

Behind the Scenes

Weihnachten hat viele Mythen, daher habe ich versucht den klassischen Weihnachtsmann und den doch eher im Süden bekannten Krampus zu kombinieren, den es ja hier oben eher in der Form des Knecht Ruprecht gibt – auch wenn ich nie weiß, ob sie wirklich die Gleichen sind. Wie logisch mir das gelungen ist wird sich später vermutlich zeigen. Ansonsten weiß ich tatsächlich nicht, wie weit die Santas zurückgehen und wer der Anfang war und vor allem wann es angefangen hat. „Nikolaus von Myra„? „Väterchen Frost„? Irgendwer ganz anderes? Vielleicht fällt mir dazu eines Tages irgendetwas passendes ein.

Und ja, mit der Namenskonvention der „Klaus“e und „Nikola(e)us“e hab ich mir ein bisschen selbst ein Bein gestellt und für SEHR viel Verwirrung gesorgt unter den Gastautorinnen. Bei einer wurde Nicholas zu Nick und sorgte dann für Durcheinander. Nikolai stammt übrigens von Nebu, ebenso wie Claudia. Daraufhin beschloss ich den ältesten Santa, den sogenannten <Opa-Santa>, sogar Nikolaus zu nennen. 😀 Und ich glaube, wenn ich mich an meine ganz frühe Planungsphase erinnere, stammt Nicole sogar von InGenius, der ursprünglich auch mithelfen wollte/sollte, es dann aber doch nicht geschafft hat.

PoiSonPaiNter

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