Nachdem ich zwei Tage vor Halloween feststellte, dass ich noch keinen Beitrag dafĂŒr hatte und eben das auf Elenor Avelle’s Discord Server verkĂŒndete, bewarf mich Ico_Gnitus direkt mit einem Plotbunny fĂŒr eine kleine Szene.
Ein bisschen mit dem Gedanken gespielt, stellte ich schnell fest, dass die beiden Figuren aus meiner Geschichte Die Teufelsmauer, die 2019 ĂŒber den BĂŒcherstadt Kurier veröffentlicht wurde, noch einmal mitspielen wollten.
Um die Figuren besser einordnen zu können, empfiehlt sich, die Geschichte vorneweg zu lesen, aber es ist kein muss, da die Szene einige Zeit in der Zukunft spielt und die wichtigsten Dinge erklÀrt/benannt werden.
Also dann viel SpaĂ!
Spuk im Tierpark
Suse konnte immer noch nicht glauben, dass sie wirklich die Halloween-Nacht im Tierpark verbringen wĂŒrde. Um sie herum nutzten viele die Möglichkeit durch teils schwer erkennbare KostĂŒme den Eintrittspreis zu verringern. Auch sie und Thorsten waren verkleidet. Thorsten trug mit weiĂen Knochenlinien versehene Kleidung, sein haarloser Kopf war komplett mit weiĂer Farbe bedeckt. Nur seine Augen, sowie falsche Nasenhöhlen und ZahnzwischenrĂ€ume hatte er eingeschwĂ€rzt. So fielen seine fehlenden Brauen und Wimpern noch weniger auf als sonst. Ihre Hexe ging vermutlich nur aufgrund des geliehenen Mantels als solche durch, den Hut wollte Suse partout nicht aufsetzen. Je weiter sie in der Schlange vorrĂŒckten, desto breiter grinste Thorsten, was sein Skelettgesicht noch unheimlicher wirken lieĂ. Seine Vorfreude allein machte das Herkommen zur richtigen Entscheidung. Auch wenn diese Nacht neben Beltane und den Sonnenwenden eine der fĂŒr Suse anstrengendsten im Jahr war. Ihre FĂ€higkeiten wĂŒrden heute schwerer zu bĂ€ndigen sein und könnten sie ĂŒberwĂ€ltigen, aber darauf waren sie vorbereitet.
Vor und hinter ihnen wuselten Kinder begeistert durch die Reihen der Erwachsenen. Eine pinke Fee duellierte sich mit einem Geist, ihre Holzschwerter klackten wild aneinander. Ein anderes Kind schwang laut rufend einen Stock ĂŒber die Dekorationen, versuchte offensichtlich die KĂŒrbisse in eine Kutsche zu verwandeln. Es klappte leider nicht, worĂŒber es sich entsprechend empörte. Suse hörte Thorsten neben sich schnauben, dann klopfte er ihr aufgeregt gegen den Arm. Mit ausgestrecktem Arm deutete er auf die Schwert-Kinder, die auf der anderen Seite des Eingangstores kleine Eimerchen in KĂŒrbisform in den HĂ€nden hielten.
âOb wir auch einen bekommen?â, fragte Thorsten mit einem schelmischen Grinsen.
Suse sah mit hochgezogener Braue zu ihrem fast einen Kopf gröĂeren Freund hinauf. âSelbst auf Knien kriechend gehst du nicht als Kind durch.â
Er seufzte theatralisch. âIrgendwas ist ja immer.â
Lachend knuffte Suse ihm in die Seite, was ihn dazu veranlasste, seinen Arm um sie zu legen und ihr einen Kuss auf die Stirn zu drĂŒcken. âDanke, dass du mitgekommen bist.â
âMal sehen, ob es hĂ€lt, was es versprichtâ, neckte Suse und erntete dafĂŒr eine herausgestreckte Zunge.
Als sie es endlich in den Tierpark geschafft hatten, war Suse beeindruckt. Der Eingang war anzusehen, aber die noch ausgeschalteten Lichter und Girlanden im Inneren waren auf einem ganz anderen Niveau. Sie konnte sich jetzt schon vorstellen, wie es spĂ€ter aussehen wĂŒrde und konnte Thorstens Begeisterung fĂŒr die Veranstaltung besser verstehen. ZunĂ€chst studierten sie allerdings das Programm und ĂŒberlegten sich einen Weg an Gehegen und Stationen vorbei. Hand in Hand machten sie sich anschlieĂend auf zu den Pinguinen, wo es eine spĂ€te FĂŒtterung geben wĂŒrde.
Die langsam hinter dem Horizont versinkende Sonne brachte nicht nur KĂ€lte mit sich, sondern auch ein Prickeln auf Suses Haut. Schon jetzt bereitete sie sich auf die Welle vor, die kommen wĂŒrde, sobald sie komplett versunken war.
Nach und nach schalteten sich um sie herum die Lichterketten an, nur sporadisch leuchteten dazwischen auch die Weglaternen. Vermutlich, damit die niemand im Dunkeln ĂŒber die eigenen FĂŒĂe stolperte. Hin und wieder sah Suse eine wie auch die Kerzen in den geschnitzten KĂŒrbissen, die auf Podesten oder UmzĂ€unungen standen, angezĂŒndet wurden. Schon vorher hatten sie das typische Halloween-GemĂŒse in einigen Gehegen gesehen und auch als Dekoration war es ĂŒberall verteilt.
Dann geschah es, blieb sie abrupt stehen und schlang die Arme um ihren Oberkörper. Sie zitterte am ganzen Leib, die Energie zuckte ĂŒber ihre Haut.
âHey, was ist los?â, fragte Thorsten besorgt und lieĂ seine HĂ€nde ĂŒber ihre Arme schweben, ohne sie zu berĂŒhren.
Aus Erfahrung wussten sie beide, dass es die Situation schlimmer machen könnte, wenn er es tat. Suse versuchte das GefĂŒhl zu akzeptieren und in sich aufzunehmen. Mehrmals atmete sie tief ein und aus, konzentrierte sich auf das hier und jetzt. Als sie die Augen öffnete, konnte sie Thorstens Aura deutlich vor sich sehen. Der warme Sommerregen, von Wolken verdunkelt.
âHĂ€tten wir doch Zuhause bleiben sollen?â Er legte die Stirn kraus.
Suse schĂŒttelte sie den Kopf. Vor diesem Moment konnte sie sich nicht verstecken, selbst in ihren eigenen vier WĂ€nden hĂ€tte es sie genauso erwischt.
âOkay, aber wenn es nicht mehr geht, sagst du Bescheid, ja?â
Mit einem Lachen lehnte sie ihre Stirn gegen seine, lieĂ ihre Ruhe in ihn ĂŒbergehen und sich selbst an seine PrĂ€senz gewöhnen. âDas wird keinen Unterschied machen.â
Sein verwirrter Blick ĂŒberraschte sie nicht, das vorsichtige LĂ€cheln schon.
âDu hast mein Make-Up verwischt.â Er zog seinen Handschuh aus und wischte sich vorsichtig ĂŒber die die Stirn, bevor er versuchte die weiĂe Farbe auf ihrer etwas zu verteilen.
Anstatt darauf zu reagieren, nahm Suse seine Hand und gab ihm einen Kuss. âGut, dass ich auch schwarzen Lippenstift trage.â
Ein paar Gehege weiter, stockte Suse an einer besonders gruseligen Fratze auf einer Steinmauer. Etwas daran rief nach ihr. Sie lieĂ Thorstens Hand los und nĂ€herte sie sich langsam. Ein Knirschen und Knacken drang daraus hervor, als wenn etwas darin nagen wĂŒrde. Vorsichtig beugte sie sich hinunter, um sich das Innere genauer anzusehen. Ein Grunzen lieĂ sie mit einem Aufschrei zurĂŒckschrecken.
âWoah, ruhig! Ist da was?â, fragte Thorsten besorgt und stellte sich stĂŒtzend hinter sie, um sie notfalls aufzufangen, wieder ohne sie zu berĂŒhren.
Suse brauchte einen Moment, um ihren wilden Herzschlag zu beruhigen, dann konzentrierte sie sich auf den KĂŒrbis. Etwas Graues schĂ€lte sich daraus hervor und sah dann aus kleinen Knopfaugen zu ihr hinauf.
âEin … Biber?â, fragte Suse verwirrt und legte den Kopf zur Seite.
Das Wesen quietschte empört, was sie nur noch stutziger machte und genauer hinsehen lieĂ. âNe, der Schwanz isÂŽ nichÂŽ platt … mehr so … rattig …â
âEine Nutria?â, schlug Thorsten vor.
âWas?â Verwirrt drehte Suse sich zu ihm um, doch er ging ein paar Schritte weiter und leuchtete mit seiner Smartphone-Lampe auf das Schild des Geheges, an dem sie standen.
âBiberratteâ, ĂŒbersetzte er erstaunt und tippte auf ein Wort darauf.
Anscheinend hatte Thorsten richtig geschlussfolgert, denn das Wesen grunzte erfreut.
âIst es ein Geist?â, fragte Thorsten und lehnte sich auf die Mauer.
Auch wenn er die Dinge, die sie wahrnahm, nicht sehen konnte, versuchte er sie dennoch zu verstehen. Die Nutria ging auf ihn zu, schnupperte, auch wenn Suse sich nicht vorstellen konnte, dass sie etwas roch. Vermutlich ein Ăberbleibsel aus Lebzeiten.
âKeine Ahnung. Es ist Halloween, es kann auch `ne Seele sein oder beides…â Verloren zuckte Suse mit den Schultern. Auren zu verstehen und GefĂŒhlen zu folgen, hatte ihre Oma ihr noch beibringen können, alles andere war seit ihrem Tod mehr Versuch und Irrtum. âAber sie scheint dich zu mögen.â
âWas?â Erstaunt richtete Thorsten sich auf, woraufhin die Nutria sich in den KĂŒrbis zurĂŒckzog.
âJetzt hast du sie erschreckt!â Suse lachte auf und Erleichterung legte sich um sie. âLass uns weitergehenâ, schlug sie vor und hielt ihm die Hand hin, die er mit einem warmen LĂ€cheln annahm.
Je weiter sie gingen, desto mehr Tiere zeigten sich. Unweigerlich duckte Suse sich, wenn Vögel ĂŒber sie hinwegrauschten. Zwischen den Beinen der Leute huschten kleinere Tiere hindurch und auch da hielt sie Thorsten auf, um nicht auf eines von ihnen zu treten. Auf einem KĂŒrbishaufen am Wegrand tummelte sich eine Schar aus MĂ€usen, Ratten und anderen Nagetieren, die Suse aus der Ferne nicht identifizieren konnte. Auf der Schulter eines Piraten, der sie im schnellen Schritt, einen kleinen Kraken an der Hand, ĂŒberholte, saĂ dem Klischee entsprechend ein mitwippender Papagei. Ein StĂŒck weiter fiel ihr der graue Schal einer Rollstuhlfahrerin auf, und es dauerte einen Moment, bis Suse verstand, dass es eine Giftschlange war, die sich so kutschieren lieĂ. Doch das war nichts gegen die gröĂeren Tiere, die bei ihren Artgenossen in Gehegen standen, als sei nichts gewesen, oder sich gelassen durch die Anwesenden hindurchbewegten. Eines von ihnen, das mitten auf dem Weg vor ihnen stehen blieb, lieĂ Suse komplett innehalten. Höher und höher ging ihr Blick, bis sie das Tier ĂŒberhaupt erfassen konnte. GemĂŒtlich sah es auf sie hinab, dann hob es den RĂŒssel zu einem sehr lauten Tröten, das ihr in den Ohren klingelte.
âEin Elefantâ, antwortete sie flĂŒsternd auf Thorstens ebenso leise Frage.
âEs gibt seit Jahrzehnten keine Elefanten mehr hier.â
âDas kĂŒmmert wandernde Seelen nicht.â
Vorsichtig hob Suse die Hand und der Elefant senkte den RĂŒssel. Mit der Spitze versuchte er sie zu berĂŒhren, doch es klappte nicht. Stattdessen durchströmte Suse eine Welle aus Trauer und Einsamkeit, die ihr TrĂ€nen in die Augen trieb. Sie wĂŒnschte, sie könnte etwas tun, aber sie hatte nie gelernt, wie sie rastlosen Seelen helfen konnte. Der Elefant senkte RĂŒssel und Kopf, dann stapfte er durch sie hindurch davon. Suse schnĂ€uzte sich und trocknete ihre TrĂ€nen.
âSollen wir gehen?â, bot Thorsten erneut an, legte den Arm vorsichtig um sie.
âNein, wir wollten doch die Feuershow sehen.â Sie versuchte sich an einem aufmunternden LĂ€cheln, aber er schien ihr nicht vollends zu glauben.
Noch wollte sie ihm nicht sagen, dass sie auf dem Heimweg noch ganz andere Dinge als Tiere erwarteten. Irgendwann wĂŒrden sie darĂŒber reden mĂŒssen. Irgendwann wĂŒrde sie versuchen zu helfen. Heute wĂŒrde sie den Rest des Abends genieĂen.
Falls ihr noch mehr gruselig-angehauchte Geschichten von mir oder anderen lesen wollt, schaut gerne hier vorbei:
Ihr wollt noch mehr Grusel? Dann schaut heute Abend ab 18 Uhr bei Saskia DreĂler auf Twitch vorbei fĂŒr eine Lesung aus der Anthologie KĂŒrbisgemetzel. (Eine Lesung aus „Dunkle Federn, Scharfe Krallen“ wird es ĂŒbrigens am 6.11. 19 Uhr auf dem Twitch-Kanal von Elenor Avelle geben.)
Wandert nicht zu tief in die dunkle Nacht!
Anne/PoiSonPaiNter
P.S. Die Titel-Assoziation zu Spuk unterm Riesenrad ist beabsichtigt. B)