Category Archives: Fairy Tale Summer

Wo bleibt eigentlich der MĂ€rchensommer?

Das MĂ€rchensommer Banner zeigt eine Scherenschnitt-Fee, die Glitzer auf den verschnörkelten Schriftzug "MĂ€rchensommer" ĂŒber einem aufgeschlagenen Buch streut. Alles vor einer grĂŒnen Wiese neben einem Baum und Sonnenstrahlen im Hintergrund.

Der Juni ist fast vorbei und es gab noch keine Information zum diesjĂ€hrigen MĂ€rchensommer – was ist da los?

Kurze Antwort: Weil es dieses Jahr keinen geben wird.

Lange Antwort:

Sieben Jahre lang habe ich den MĂ€rchensommer organisiert und es war jedes Mal ein Wechselbad der GefĂŒhle. Es erfreute mich, viele interessierte und engagierte Leute zu vereinen und es frustrierte mich, dass es immer noch etwas zu tun gab – und dann spĂ€ter die Zahlen gewaltig absackten, sobald ich keine Preise mehr anbot.

ZusĂ€tzlich dazu baute sich Druck bei mir auf, MĂ€rchenbĂŒcher lesen zu mĂŒssen. Besonders in den letzten beiden Sommer-Jahren steckte ich in einer gewaltigen Leseflaute, da war ich froh, ĂŒberhaupt etwas zu lesen.

Und ich merke schon jetzt, dass es mir gut tut, den ganzen Stress nicht zusÀtzlich zu meinem Brotjob und meinen anderen Terminen zu haben. Abgesehen davon, habe ich schon jetzt mehr MÀrchen/Adaptionen gelesen, als in den letzten Jahren zusammen und das sagt doch schon einiges 


Es tut mir leid fĂŒr alle, die sich auf einen weiteren Sommer voller mĂ€rchenhafter BeitrĂ€ge und Vorstellungen und RĂ€tsel und Interviews gefreut haben, aber ich brauche eine Pause.

Vielleicht greife ich das Konzept irgendwann wieder auf, mal schauen.

Danke auf alle FĂ€lle fĂŒr sieben spannende Jahre!

Anne/PoiSonPaiNter

Warum wir aus unserem MĂ€rchentĂŒmpel auftauchen mĂŒssen! – Teil 2

Die Grundlagen gelegt, hier nun der zweite Teil von Palandurwens MĂ€rchensommer Gastbeitrag zu den Meerjungfrauen von u.a. Hans-Christian Andersen – jetzt geht es um die Flossen!.

Das MĂ€rchensommer Banner zeigt eine Scherenschnitt-Fee, die Glitzer auf den verschnörkelten Schriftzug "MĂ€rchensommer" ĂŒber einem aufgeschlagenen Buch streut. Alles vor einer grĂŒnen Wiese neben einem Baum und Sonnenstrahlen im Hintergrund.

Tief Luft holen: Die Meerjungfrauen des 19. Jahrhunderts

Frauen wurden also lange Zeit schon als Unheilbringerinnen gezeichnet. Sie galten als verfĂŒhrerisch, was die MĂ€nner anzog, aber gleichzeitig auch in Gefahr brachte. Sie wurden mit der Natur gleichgesetzt, u. a. eben dem Wasser. Doch genau wie bei diesem Element wollte der Mensch – um genau zu sein der Mann – auch die Frau als fĂŒr ihn nutzbar gestalten, sie kontrollieren und dadurch seine Macht demonstrieren. 

Es traten also immer hĂ€ufiger ErzĂ€hlungen auf, in denen die weibliche Hauptfigur – einst frei, ungehemmt, mit eigenen Gedanken und WĂŒnschen – aus irgendwelchen GrĂŒnden erlöst oder gerettet werden musste, um eine höhere Ebene erreichen zu können. Und selbstverstĂ€ndlich konnte diese Ruhmestat nur ein Mann vollbringen.

Um diesem Narrativ Gestalt zu verleihen, wurden die Meerjungfrauen aus den Untiefen hervorgezogen. Ihnen wurde eine ErlösungsbedĂŒrftigkeit angedichtet, untermauert mit diversen religiösen Spielarten, um dem Bild eine quasi göttliche Legitimierung zu verleihen. Demnach hatten sie keine Seele, waren dadurch also verdammt. Um diesen Umstand auszurĂ€umen, gab es nur einen Weg: die Liebe eines Mannes. Diese wurde allerdings meist mit der Ehe gleichgesetzt, bei der es sich zu jener Zeit aber eher um einen wirtschaftlichen Vertrag zwischen zwei Herren (Vater und BrĂ€utigam) handelte und die Frau das zu verschachernde Gut war. Somit hatte hier nie wirklich jemand ihr Wohl im Auge. Es wurde nur eine weitere BegrĂŒndung fĂŒr die gĂ€ngigen ZustĂ€nde gesucht. 

Denken wir diesen Gedanken einmal ein StĂŒckchen weiter, könnten wir sogar so weit gehen und sagen, dass Frauen vor der Hochzeitsnacht keine Menschen waren, sondern vermeintlich nur durch die Zusammenkunft mit dem Ehemann an Wert gewannen. Die ohnehin schon stets der Weiblichkeit entgegen gebrachte Skepsis und Verachtung gipfelt hier also in zunĂ€chst einer völligen Entmenschlichung, die durch einen sexuellen Akt (die Hochzeitsnacht) erst “behoben” wird. Ein erneutes hierarchisches GefĂ€lle auf Kosten der Frau.

Genau diese Entwicklung ist in Friedrich de la Motte FouquĂ©s “Undine” zu beobachten. Zu Beginn ist sie ein ungestĂŒmes Wesen, wunderschön, mit lauter Stimme. Sie ist neugierig, sie lacht und ist manchmal auch ein wenig egoistisch. Eine von der Gesellschaft losgelöste, junge Frau. Kein Wunder, dass sie die Aufmerksamkeit des Ritter Huldbrands auf sich zieht. NatĂŒrlich gerĂ€t dieser durch ihre Schuld zunĂ€chst einmal in eine gefĂ€hrliche Situation. Dennoch wĂŒrde er sie gern zur Frau nehmen.

Gesagt, getan. Und als wĂ€re ein DĂ€mon in der Hochzeitsnacht in sie gefahren, verliert Undine in dieser all ihre vorab so reizvollen Eigenschaften. Sie wird sanft, geduldig, demĂŒtig – und still. Sie versucht sogar, ihren Mann vor ihrer Familie aus Wassergeistern zu schĂŒtzen. Doch letztendlich kommt es zum ZerwĂŒrfnis, die Wasserfrau muss zurĂŒck zu ihren Verwandten und soll, als der Ritter erneut heiraten will, diesen auf Geheiß ihres Vaters töten. Selbst jetzt versucht sie, ihn zu retten. Doch sie kann es nicht verhindern und gibt ihm in der Nacht vor seiner Hochzeit einen tödlichen Kuss. Aus Trauer darĂŒber wird sie zu einer Quelle auf seinem Grab.

Undine ist eine tragische Figur, die betrogen und gezwungen wird. Denn im Laufe der Geschichte kommt heraus, dass es eben ihr Vater war, der sie dazu getrieben hat, ĂŒberhaupt erst eine Ehe einzugehen, um eine unsterbliche Seele zu erlangen. Sie ist somit – ganz im gesellschaftlich bekannten Sinne – ein Spielball zweier MĂ€nner und wird am Ende dennoch als Unheilsbringerin stilisiert. Sie verliert alles, was sie ausmacht, alles, was sie liebt. Sie gibt sich selbst völlig auf, um zwei MĂ€nnern zu gefallen. Die Frau wird leidend, ja mĂ€rtyrerhaft dargestellt. Es erinnert an christliche Motive, in denen der fast schon dankbar erduldete Schmerz der SchlĂŒssel zum Seelenheil sei. Die Gewalt und den Zwang im Leben zu ertragen, soll somit also der Weiblichkeit erstrebenswert gemacht werden. Und mit solchen Versprechungen zementiert sich das ewige MachtgefĂ€lle weiter fest.

Eine Schippe drauf legte einige Zeit spĂ€ter Hans Christian Andersen. Auch er verfasste ein KunstmĂ€rchen, das uns allen wohl spĂ€testens seit Disneys “Arielle” bestens bekannt ist – oder etwa doch nicht? TatsĂ€chlich hat der Zeichentrickfilm kaum etwas mit dem dĂ€nischen Original zu tun.

In “Die kleine Meerjungfrau” strebt die Heldin immerhin aus eigenem Willen danach, eine unsterbliche Seele zu erringen, zusammen mit der Liebe eines jungen Prinzen. Diesen hatte sie vor dem Ertrinken gerettet, obwohl sie das nicht durfte. Ein weiteres Anzeichen einer gewissen SelbststĂ€ndigkeit. Doch die wird sie nicht lange behalten dĂŒrfen.

Um sich ihre beiden WĂŒnsche zu erfĂŒllen, nimmt sie die gefĂ€hrliche Reise zur Meerhexe auf sich. Diese braut ihr einen Trank, der ihr unter großen Schmerzen zwei Beine wachsen lĂ€sst, auf denen sie zwar nach wie vor einen fast schwebenden Gang hat, jedoch jeder Schritt ist, als trete sie in Glas. Der Preis dafĂŒr: Sie wird fĂŒr immer stumm und kann nie wieder zu ihrer Familie zurĂŒck. Wenn der Prinz sich nicht in sie verliebt, wird sie zudem zu Meerschaum werden.

Sie trifft auf den besagten Königssohn, dem sie auch gefĂ€llt. Allerdings nicht wie eine Frau und Partnerin, sondern wie ein kleines Kind. Als solches erfĂ€hrt sie mit einer SelbstverstĂ€ndlichkeit diverse DemĂŒtigungen, welche sie geduldig hinnimmt. So schlĂ€ft sie beispielsweise auf einem Kissen vor seiner TĂŒr statt in einem Bett. 

Als der Mann sich schließlich entscheidet, eine andere zu heiraten, kommen die Schwestern der Meerjungfrau ihr zur Hilfe. Sie ĂŒberreichen ihr einen magischen Dolch. Wenn sie den Prinzen mit diesem ersticht, wĂ€chst ihr Fischschwanz wieder und sie darf zurĂŒck nach Hause. Doch sie kann es nicht, wirft das Messer ins Meer und springt hinterher. Statt zu Meerschaum wird sie durch diese selbstlose Tat allerdings zu einer Tochter des Windes und kann, wenn sie weiter Gutes bewirkt, doch noch irgendwann eine unsterbliche Seele erlangen.

Klingt tragisch-schön? In der Tat. Allerdings zeichnet der ErzĂ€hler auch hier wieder ein Frauenbild, welches hochgradig toxisch ist. Um dem Mann zu gefallen, darf sie nicht sprechen, muss Schmerzen und DemĂŒtigung erdulden und kann nur durch ihren Körper seine Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Und trotz all des Leides wĂ€hlt sie am Ende den Freitod, die totale Selbstaufgabe, um ihn zu schĂŒtzen. Aber selbst dadurch erhĂ€lt sie keine wirkliche Belohnung, sondern muss sich weiterhin beweisen, um ihr Ziel zu erreichen. Das MachtverhĂ€ltnis bleibt also sogar nach ihrem Tod bestehen. 

Andersens Meerjungfrau spiegelt die damalige kleinbĂŒrgerliche Geschlechtermoral somit sehr deutlich wider. Die Frau wird einerseits als aufopferndes Wesen, andererseits als unschuldig-naiv gezeichnet. Die kleine Meerjungfrau ist zwar liebreizend und versucht zu gefallen. Sie nimmt auch alles Leid als Lebensinhalt fĂŒr das höhere Ziel in Kauf. Aber wenn der Mann es nicht will, erreicht sie dieses nie. Die AbhĂ€ngigkeitsverhĂ€ltnisse zwischen den Geschlechtern werden hier beeindruckend erkenntlich.

Man reiche mir ein Handtuch: das Fazit 

WĂ€hrend Frauen in den tradierten ErzĂ€hlungen, Sagen, Mythen und MĂ€rchen immer entweder gruselig und mĂ€chtig oder aber liebreizend und hilflos waren, zeigen die KunstmĂ€rchen uns eine andere Art der Weiblichkeit. Sie ist anfangs facettenreicher, doch es wird auch eindeutig kommuniziert, dass das unerwĂŒnscht ist. Die angedachte Rolle der Frau ist klar abgesteckt. Erst, wenn sie dem Wunsch des Mannes entspricht, kann sie GlĂŒck erfahren. Und selbst dann nur so lange, wie es ihm gefĂ€llt. Ihm wird jegliche Dominanz zugesprochen und diese mit einer scheinbaren AllgemeingĂŒltigkeit, weil es ja auch im echten Leben so ist, legitimiert. 

Niemand hinterfragt diese Darstellung. Keinem fĂ€llt daran etwas auf. Es wird als gegeben betrachtet. Der Deckmantel der Romanze darĂŒber ausgebreitet. Doch der kann kaum den wahren Kern der Sache verbergen. Wir mĂŒssen uns nur trauen, hinzuschauen. Uns der Erkenntnis stellen, dass unsere MĂ€rchen in diesem Punkt Wunden reißen – seit Generationen. Und wir mĂŒssen uns darin einig werden, diese endlich zu schließen. Indem wir das Bewusstsein dafĂŒr schĂŒren und die richtigen Fragen stellen. Indem wir das Wissen annehmen und daraus lernen. Und indem wir damit wunderschöne neue MĂ€rchen entstehen lassen, die die Welt so zeigen, wie sie hoffentlich eines Tages auch wirklich ist.

Die Gastautorin

Palandurwen macht im echten Leben fĂŒr andere etwas mit Wörtern. DafĂŒr muss sie nicht einmal ihr malerisch im Elbtal, direkt an einem Weinberg gelegenes Zuhause verlassen. So kann sie sich rund um die Uhr von ihrer Katze herumkommandieren lassen, ob sie arbeitet oder in ihrem Atelier malt und scrapbookt. MĂ€rchen haben sie schon seit frĂŒhester Kindheit fasziniert und inspiriert. Doch spĂ€testens durch ihr Germanistik-Studium scheut sie sich nicht mehr, diese auch kritisch zu hinterfragen, immer mit dem Ziel, irgendwann ein eigenes verfassen zu können.

Instagram: @palandurwen
Twitch: palandurwen

Anne/PoiSonPaiNter

Warum wir aus unserem MĂ€rchentĂŒmpel auftauchen mĂŒssen! – Teil 1

Heute hinterfragt Palandurwen in ihrem MÀrchensommer Gastbeitrag ein Element von u.a. einem der bekanntesten KunstmÀrchen von Hans-Christian Andersen, doch bevor sie damit richtig im zweiten Teil einsteigt, zunÀchst ein paar Grundlagen.

Das MĂ€rchensommer Banner zeigt eine Scherenschnitt-Fee, die Glitzer auf den verschnörkelten Schriftzug "MĂ€rchensommer" ĂŒber einem aufgeschlagenen Buch streut. Alles vor einer grĂŒnen Wiese neben einem Baum und Sonnenstrahlen im Hintergrund.

Warum wir aus unserem MĂ€rchentĂŒmpel auftauchen mĂŒssen!

Was sind GrĂŒnde dafĂŒr, dass wir heutzutage MĂ€rchen lesen? Die meisten antworten darauf wohl: “Schöne Kindheitserinnerungen wachrufen.” Und zu diesen Personen zĂ€hle ich mich selbst genauso. Allerdings ist da noch eine andere Seite in mir, die mit erwachsenen Augen auf diese Texte, Zeugen ihrer Zeit, schaut und zĂ€hneknirschend feststellt, dass nicht jedes StĂŒckchen davon heute so sorglos oder zumindest kommentarlos konsumiert werden kann wie frĂŒher.

Dazu gehört auf jeden Fall die in MĂ€rchen stĂ€ndig dargestellte, traditionelle Geschlechterrollen-Verteilung. GemĂ€ĂŸ Bruno Bettelheims 1977 erschienenen Klassikers “Kinder brauchen MĂ€rchen” soll diese zwar keinerlei negative Auswirkungen auf die Kinder haben. Allerdings verfolgt die moderne PĂ€dagogik inzwischen immer stĂ€rker geschlechtsneutrale AnsĂ€tze, denn sie hat in diversen Studien festgestellt, dass die mediale Darstellung von Frauen und MĂ€nnern Kinder definitiv schon von Beginn an beeinflusst und in Klischees treibt. Entsprechend gibt es immer mehr moderne MĂ€rchen, die neutrale Darstellungen ihrer Figuren wĂ€hlen. 

Vielleicht grĂŒbeln jetzt einige und finden, dass das doch gar nicht so schlimm war. Aber ich muss hier einmal den Finger in die Wunde legen, um deutlich zu machen: Doch, leider war es das. Und dessen mĂŒssen wir uns bewusst werden, um daraus zu lernen und es in Zukunft besser zu machen. Denn MĂ€rchen zeigen sehr oft stereotype und gefestigte patriarchale Strukturen, die wir alle so verinnerlicht haben, dass sie uns gar nicht mehr auffallen. Kein Wunder, denn die aufschreibenden Personen waren in den meisten FĂ€llen MĂ€nner. Und sie gestalteten die Geschichten so, wie sie es fĂŒr richtig hielten. 

In diesen ErzĂ€hlungen waren Frauen den MĂ€nnern stets entweder untergeordnet oder fĂŒr sie gefĂ€hrlich. Sie wurden als Bedrohung gezeichnet oder klein gehalten, um eine (scheinbar der Sache inhĂ€rente) Überlegenheit darzustellen. Man(n) wĂ€hlte fĂŒr Frauen Bilder, die diese Gefahr symbolisierten. Man(n) dichtete ihnen dĂ€monische KrĂ€fte an (etwa bei Hexen) oder eine allumfassende Hilflosigkeit. Frauen wurden nur positiv bewertet, wenn sie mit der Wunschvorstellung der Dichter ĂŒbereinstimmten. Ein beeindruckendes Beispiel dafĂŒr sind die beiden miteinander eng verwandten KunstmĂ€rchen “Undine” von Friedrich de la Motte FouquĂ© sowie deren Nachfolgerin “Die Kleine Meerjungfrau” von Hans Christian Andersen.

Hinein ins KĂŒhle Nass: Ursprung der Meerjungfrauen

Dies lĂ€sst sich aber bereits viel frĂŒher beobachten: So faszinierten Elemente uns Menschen schon immer. Wir stellten sie uns als belebt vor, als mĂ€chtig. Kein Wunder, waren wir ihnen doch ausgeliefert. Wir ersannen sogar Gottheiten, die mit ihnen zusammenhingen – so war etwa die griechische Aphrodite bzw. spĂ€ter im römischen Reich die Venus eine gewisse Art des Wassergeistes. Geboren aus dem Meerschaum galt sie als die Schutzherrin der Liebe, Schönheit und Sinnlichkeit. Sie konnte mit diesen Attributen aber auch gefĂ€hrlich werden, etwa wenn jemand sie reizte. 

Dieser zweischneidige Gedanke speiste viele weitere Geschichten um Wassergeister. Sie wurden oft als verlockende Wesen beschrieben. Sie konnten zwar Leben spenden, aber auch Menschen ins Verderben treiben. Und in den meisten FĂ€llen wurden sie (von den tendenziell mĂ€nnlichen ErzĂ€hlern) weiblich dargestellt. 

Ein gĂ€ngiges Beispiel sind die Sirenen. Sie waren ursprĂŒnglich zwar Mischwesen aus Menschen und Vögeln, wurden im Mittelalter aber zu halben Fischen umgedeutet. In ihnen vereinte sich die Schönheit mit der Gefahr, denn wenn die hĂŒbsch anzusehenden Halb-Frauen auftauchten und zu singen begannen, erlagen ihnen reihenweise Seefahrer. Kaum dass die MĂ€nner aber in Reichweite der vermeintlichen Jungfern kamen, rissen diese sie blitzschnell in die Tiefen des Meeres, wo sie jĂ€mmerlich starben. 

Aus heutiger Sicht sollten hier doch die Alarmglocken ringen. Denn das Narrativ der schönen, aber todbringenden Frau wird auch heute immer noch allzu gern verwendet, ist aber schlichtweg eine völlige Verzerrung der Tatsachen. Denn beispielsweise haben ca. 90 % der gewaltsamen TodesfĂ€lle in Partnerschaften Frauen zum Opfer – die TĂ€ter dabei MĂ€nner. Möglich sind solche Femizide durch nach wie vor herrschende MachtgefĂ€lle und hierarchische Unterlegenheit der weiblichen Beteiligten. Und diese Quote wird frĂŒher nicht wesentlich anders gewesen sein. 

Im Laufe der Zeit wandelten sich die Geschichten der Wassergeister allerdings. Immer hĂ€ufiger konstruierten sich auch Begebenheiten, in denen die Frau zwar das schreckliche Wesen war, aber durch einen Mann auch errettet werden konnte. Ein sehr prominentes Beispiel hierfĂŒr ist die Melusinen-Sage, welche vielfach verarbeitet wurde.

Grob zusammengefasst verlĂ€uft die ErzĂ€hlung immer nach einem Ă€hnlichen Muster: Ein Ritter trifft eine schöne Frau. Er will sie heiraten, sie stellt davor aber eine Bedingung: Wenn er sie niemals (oder nie an einem bestimmten Tage) nackt sehen wĂŒrde, kĂ€me großes GlĂŒck ĂŒber ihn. Bricht er sein Versprechen, wĂŒrde er allerdings alles verlieren. NatĂŒrlich kommt es, wie es kommen muss, und der Ritter sieht sie doch nackt im Bade. Melusine verwandelt sich wahlweise in eine Schlange oder einen Drachen und ist auf und davon samt dem GlĂŒck des Mannes.

Mal wieder wird der Fokus auf den Mann gerichtet, der wegen einer Frau Unheil erfĂ€hrt. Dass sie selbst von nun an als Monster umherirren muss, weil sie eigentlich verflucht war, ignorieren die meisten ErzĂ€hlungen. HĂ€tte der Ritter zu seinem Wort gestanden, wĂ€re die junge Frau erlöst gewesen. Es lag also nie in ihrer Absicht, ihm Schlechtes zu wollen, ganz im Gegenteil. Dennoch wird auch hier ein eigentlicher Betrug sowie eine klare Übergriffigkeit an ihr zu einem knappen Entkommen seinerseits umstilisiert.

Schwimmt nicht zu weit raus, wir sehen uns morgen mit der Fortsetzung!

Die Gastautorin

Palandurwen macht im echten Leben fĂŒr andere etwas mit Wörtern. DafĂŒr muss sie nicht einmal ihr malerisch im Elbtal, direkt an einem Weinberg gelegenes Zuhause verlassen. So kann sie sich rund um die Uhr von ihrer Katze herumkommandieren lassen, ob sie arbeitet oder in ihrem Atelier malt und scrapbookt. MĂ€rchen haben sie schon seit frĂŒhester Kindheit fasziniert und inspiriert. Doch spĂ€testens durch ihr Germanistik-Studium scheut sie sich nicht mehr, diese auch kritisch zu hinterfragen, immer mit dem Ziel, irgendwann ein eigenes verfassen zu können.

Instagram: @palandurwen
Twitch: palandurwen

Anne/PoiSonPaiNter

MĂ€rchensommer Buchvorstellung #4

Willkommen in der letzten Woche des MĂ€rchensommers!

Ein letztes Mal stelle ich euch wieder MĂ€rchenadaptionen vor, die seit dem letzten Jahr erschienen, bzw. die ich seit dem entdeckt habe!

Das MĂ€rchensommer Banner zeigt eine Scherenschnitt-Fee, die Glitzer auf den verschnörkelten Schriftzug "MĂ€rchensommer" ĂŒber einem aufgeschlagenen Buch streut. Alles vor einer grĂŒnen Wiese neben einem Baum und Sonnenstrahlen im Hintergrund.
Cover Des Nachts im finstren Wald
Cover Die MÀrchenhochzeit fÀllt aus

Des Nachts im finstren Wald von Jana Oltersdorff und Die MĂ€rchenhochzeit fĂ€llt aus von David Pawn sind etwas andere MĂ€rchenbĂŒcher. WĂ€hrend das eine die bekannten Stoffe dĂŒster in verschiedenen Kurzgeschichten verarbeitet, geht das andere eher humorvoll mit der Dornröschen-Geschichte um. Wer will auch schon einen Menschen heiraten, den sie kaum kennen?

Beide habe ich auf Messen entdeckt und konnte ich nicht stehen lassen. Gerade diese anderen Blickwinkel faszinieren mich an Adaptionen.

Wie sieht es bei euch aus?

Cover Chwedlau Tywyll
Cover Rosenweiss

Auch Chwedlau Tywyll von Nadja Losbohm ist eine Kurzgeschichtensammlung. Diesmal basieren die Geschichten jedoch eher auf keltischen Motiven und Thematiken, die sich mal dĂŒster, mal emotional, mal humorvoll prĂ€sentieren.

Als Abschluss des diesjĂ€hrigen MĂ€rchensommers gibt es fĂŒr euch noch Rosenweiß von Elenor Avelle.

Frisch geschlĂŒpft ist dies die Fortsetzung von Schneerot und somit der zweite Teil ihrer Solarpunk/Clockpunk MĂ€rchenadaption der Schneeweißchen und Rosenrot Fabel. Im Crowdfunding finanziert, konnte die Geschichte um Rota, Wite und Jiulano [Anm. ich vertippe mich nahezu immer bei seinem Namen] weitergehen und wird im Winter mit (dem ungeplanten) Band 3 SonnengrĂŒn beendet werden.

Habt ihr eines der BĂŒcher schon gelesen?

Anne/PoiSonPaiNter

#CroMĂ€r: Kapitel 21

Heute endet das diesjÀhrige #CroMÀr, hoffe, es hat euch gefallen!

Das MĂ€rchensommer Banner zeigt eine Scherenschnitt-Fee, die Glitzer auf den verschnörkelten Schriftzug "MĂ€rchensommer" ĂŒber einem aufgeschlagenen Buch streut. Alles vor einer grĂŒnen Wiese neben einem Baum und Sonnenstrahlen im Hintergrund.

Kapitel 21

Entsetzt drĂŒckte Becky Regina von sich weg und sprang auf. »Verarschen kann ich mich alleine!«

Sie wollte gerade davonstĂŒrmen, da stellte Ralf sich ihr in den Weg. Wie er sich so schnell bewegen konnte, war fĂŒr Regina noch immer ein RĂ€tsel.

»Lass es dir erklÀren«, bat er sie ruhig und Regina sah Becky an, dass sie zunÀchst drauf und dran war abzuhauen, aber sich dann doch wieder setzte.

»Mischa ist ein kleiner, dĂŒrrer, uralter, grau-getigerter Kater, kein Mensch.« Den Worten fehlte jegliche Emotion und Regina setzte an, Ralf wegen des Magiegebrauchs zu maßregeln, doch er schĂŒttelte nur den Kopf.

»Ich bin ja auch kein Mensch!«, mischte Mischa sich ein und hockte sich mit angewinkelten Beinen auf den Tisch.

Wie in Trance folgte Becky der Bewegung, dann riss sie die Augen auf und Regina bemerkte dadurch, dass Mischa sich vor ihnen zurĂŒckverwandelte.

FĂŒr einen Moment beobachteten sie, wie der Kater sich aus der Kleidung wĂŒhlte, nur um sich dann ausgiebig zu putzen.

»Das ist doch alles nur ein Traum, das ist nicht real!«, entfuhr es Becky, sobald Ralf den Zauber von ihr löste.

»Oh, glaub mir, dass wĂŒnsche ich mir seit Monaten!«, pflichtete Regina ihr bei und verschrĂ€nkte die Arme.

Nun sah Becky Regina verwirrt an, doch bevor sie entsprechende Fragen stellen konnte, schlug Regina vor, den Rest des Tages zu schwÀnzen, damit sie ihr alles erklÀren konnte.

Und das tat sie dann auch, nachdem sie es sich im Campus-Park mit Kakao und Keksen auf einer Decke gemĂŒtlich gemacht hatten, die Ralf beilĂ€ufig herbeigezaubert hatte. Dass es Regina war, die die Kekse gebacken hatte, war Teil ihrer ErklĂ€rung. Mit jedem Zaubertrick schien Becky mehr zu verstehen und zu begreifen, die dazugehörigen Geschichten waren ihr allerdings zu absurd.

»Können wir dann jetzt endlich meine neuen Stiefel besorgen?«, drÀngte Mischa sich in eine Pause der Unterhaltung.

Als Ralf ihr auch das erklĂ€rt hatte, stand Regina genervt schnaubend auf und hielt Becky ihre Hand entgegen. »Sieht so aus, als mĂŒssten wir dann wohl erstmal shoppen gehen.«

Becky ließ sich aufhelfen, dann fing sie an zu lachen. »Deine Oma ist Frau Holle.«

»Ja?« Regina verstand nicht, worauf ihre Freundin hinauswollte und was daran so lustig war.

»Weißt du noch, als ich im ersten Semester mal bei dir ĂŒbernachtet habe und sie morgens bei euch war?«

Regina zermarterte sich das Hirn nach der Begebenheit, dann fiel es ihr wieder ein. Gleichzeitig zitierten sie: »Habt ihr auch die Betten ausgeschĂŒttelt?«

Diesmal brachen sie beide in schallendes GelÀchter aus und nahmen einander dabei fest in den Arm. Hoffnung und Freude durchströmte Regina, endlich hatte sie ihre beste Freundin wieder und musste ihr nichts mehr verheimlichen!

Und das Katerproblem konnten sie nun gemeinsam lösen.

Nachwort

Auch diesmal behandeln die einzelnen Kapitel wieder mÀrchenhafte Aspekte. Könnt ihr erraten, welches hier thematisiert ist?

Übrigens heißt das Kapitel in meinen Notizen: Des Katers neue Kleider

Ich hoffe, es hat euch gefallen!

Anne/Poisonpainter

Von sprechenden BĂ€nken und unbekannten Sagen

Diesen MĂ€rchensommer bekommt ihr seid langem mal wieder einen Beitrag aus meiner Feder und zwar ĂŒber eine sehr interessante Art mit unbekannten Sagen in Mecklenburg-Vorpommern umzugehen!

Das MĂ€rchensommer Banner zeigt eine Scherenschnitt-Fee, die Glitzer auf den verschnörkelten Schriftzug "MĂ€rchensommer" ĂŒber einem aufgeschlagenen Buch streut. Alles vor einer grĂŒnen Wiese neben einem Baum und Sonnenstrahlen im Hintergrund.

Es war einmal…

Als ich 2021 zu den LesenĂ€chten des Dichtfest Verlag ging, ĂŒbernachteten wir an einem Ort, der ein mir bis dato unbekanntes Schild sein eigen nannte.

Auf jenem Schild stand:

Sagen- & MĂ€rchenstraße MV

Neugierig habe ich es direkt nachgeschlagen und das Tab ist auch heute noch in meinem Handy offen.

Leider schaffte ich es durch die bekannten EinschrÀnkungen nicht, mich nÀher damit zu befassen.

Doch dieses Jahr begegnete sie mir erneut als fĂŒr den Brotjob am MV-Tag teilnahm, denn dort prĂ€sentierte sie sich auf einer der BĂŒhnen – und natĂŒrlich lauschte ich der ErklĂ€rung und der ErzĂ€hlung des MĂ€rchens Die drei Spinnerinnen und fand mich spĂ€ter auch in ihrem Landkreis-Pavillon ein, um mich noch etwas auszutauschen, damit ich euch heute diesen Beitrag schreiben kann.

Immaterielles Kulturerbe

Hinter der Sagen- & MĂ€rchenstraße steht der gleichnamige Verein mit Sitz in Gadebusch, dessen BemĂŒhungen um das Sagen- und MĂ€rchengut des Bundeslandes 2021 in einer Anerkennung als immaterielles UNESCO Kulturerbe mĂŒndeten.

Eines der Projekte, dass dieses Erbe nun der Öffentlichkeit zugĂ€nglich macht, sind die sogannten „Sprechenden BĂ€nke“. In ganz Mecklenburg und Teilen Vorpommerns verteilt finden sich BĂ€nke, zum Ruhen, Rasten und vor allem Lauschen. Über QR-Code können Lesungen der am Sitzplatz verorteten Sagen und MĂ€rchen angehört werden – fĂŒr Personen mit Hörbehinderung auch zum Nachlesen und in Braille zumindest ein Hinweis auf die Natur der Bank, aber nicht die Texte selbst.

Die Bank, die zu dieser Aktion inspirierte, steht in Neubrandenburg vor dem MĂ€rchenhaus – in dem ich vor ein paar Jahren aus der ersten Anthologie der MĂ€rchenspinnerei lesen durfte.

Ein weiteres Projekt der Sagen- und MĂ€rchenstraße MV ist eine Heftreihe, die mit der Geschichte einer Buntmalerin beginnt, die auch in den FolgebĂ€nden immer wieder erscheint. Aktuell gibt es vier kostenlose Hefte von denen leider der erste Band vergriffen ist. Jeder Band ist in sich abgeschlossen und mit Illustrationen verziert. Inhaltlich ist es eher an jĂŒngere Lesende gerichtet, aber das hat mich noch nie abgehalten in etwas reinzuschmökern.

Wie sieht’s aus, habt ihr Ă€hnliche Projekte bei euch? Ode kennt ihr sogar eine der BĂ€nke?

Lasst es mich gerne wissen, der nÀchste MÀrchensommer kommt, in dem wir es vorstellen können!

Anne/PoiSonPaiNter

Schreiberlinge im Interview: Kaja Paulan

Diesen MĂ€rchensommer gibt es ein Interview mit einer Neuentdeckung: Kaja Paulan, deren Werk Ragnamar – Einbruch der DĂ€mmerung ich euch Montag vorstellte, aber lest selbst, was sie zur Arbeit daran zu sagen hat!

Das MĂ€rchensommer Banner zeigt eine Scherenschnitt-Fee, die Glitzer auf den verschnörkelten Schriftzug "MĂ€rchensommer" ĂŒber einem aufgeschlagenen Buch streut. Alles vor einer grĂŒnen Wiese neben einem Baum und Sonnenstrahlen im Hintergrund.

Kaja Paulan

Ein paar Daten zu dir:

Kaja Paulan ist eine Autorin, die bereits als Kind ihre Liebe zum Schreiben entdeckte. Sie verbrachte Stunden damit, abenteuerliche und spannende Geschichten zu erfinden und in fantastischen Buchwelten zu versinken.

Besonders fasziniert Kaja die Fantasy-Literatur, da sie hier komplexe Welten, Charaktere und Geschichten erschaffen kann, die in der realen Welt nicht möglich wĂ€ren. Ihre BĂŒcher sind oft von MĂ€rchen und Mythen beeinflusst. Inspirieren lĂ€sst sich die Autorin von der Ostsee und dem Wald, die sie oft auf ausgedehnten SpaziergĂ€ngen erkundet.

Sie hat bereits mehrere Veröffentlichungen vorzuweisen, darunter Kurzgeschichten in verschiedenen Anthologien. Es folgten das Adventskalenderbuch „Aufregung im Advent – Wo ist Herr Polymorf?“ und ein Fantasyroman „Ragnamar – Einbruch der DĂ€mmerung“. „Die Wildparkdetektive“ ist ihr zweites Kinderbuch, das vor kurzem erschien. Eine Fortsetzung von „Ragnamar“ folgt im Herbst. 

Die Leidenschaft fĂŒr das ErzĂ€hlen von Geschichten begleitet sie auch in ihrer Arbeit als Grundschullehrerin. Kaja Paulan hat zwei erwachsene Kinder und wohnt mit ihrem Mann in der NĂ€he der Ostsee. Dort arbeitet sie unermĂŒdlich an weiteren Geschichten und Romanen.

Vorneweg ein paar Fragen zu deinem MĂ€rchen Ragnamar:

1. Welches Element deines MĂ€rchens war am Schwierigsten umzusetzen?

Am schwierigsten war es, die HandlungsfĂ€den alle miteinander zu verknĂŒpfen, sodass es am Schluss keine losen Enden gab und die verschiedenen Charaktere im Blick zu behalten. Darauf aufzupassen, dass im Verlauf der ziemlich komplexen Handlung keiner verloren ging. 

2. Was hat dich bei der Arbeit am MĂ€rchen am meisten zur Verzweiflung gebracht?

Ich war immer eine Bauchschreiberin. Aber wĂ€hrend der Arbeit an „Ragnamar“ wurden mir die Grenzen dieser Schreibmethode aufgezeigt. Es gab immer wieder Zeiten, in denen ich nicht schreiben konnte, weil Arbeit und Privates meine volle Aufmerksamkeit erforderten. Nach Phasen des Nichtschreibens jedes Mal neu in die Handlung einzusteigen, brachte mich manchmal fast an den Rand der Verzweiflung, und ich hĂ€tte beinahe aufgegeben. Nachdem ich dieses Manuskript beendet hatte, wurde ich zu einer ĂŒberzeugten Planerin meiner folgenden Geschichten.

3. Welche Fassung (Film, ErzĂ€hlung, Adaption) deines MĂ€rchens, außer deiner eigenen, magst du am liebsten?

Da es in meinem MĂ€rchen und in der Welt Ragnamar, die ich erschaffen habe, um den ganzen MĂ€rchenkosmos der BrĂŒder Grimm geht, kann ich keine vergleichbare MĂ€rchenadaption nennen. Philip Pullman hat die MĂ€rchen in seinem Buch „Grimms MĂ€rchen“ auf eine eigene Art erzĂ€hlt und versucht, ihren Kern zu erfassen und sie auf das Wesentliche zu reduzieren. Es ist mein liebstes MĂ€rchenbuch, auch dank der Illustrationen von Shaun Tan.

4. Ein Film-Mensch kommt auf dich zu und möchte dein MÀrchen umsetzen. Wen siehst du in den Hauptrollen?

Ich mochte Saoirse Ronan in „Wer ist Hanna?“ sehr gern. Aber sie dĂŒrfte mittlerweile zu alt fĂŒr die Rolle von Mila sein.

5. Was wĂŒnscht du dir fĂŒr die Zukunft deines MĂ€rchens?

Dass es bekannter wird, natĂŒrlich. Dass es gelesen und weiterempfohlen wird. Und dass die Fortsetzung „Ragnamar – Im Reich der Nachtschatten“ erfolgreich an seinen VorgĂ€nger anknĂŒpfen kann.

Schauen wir uns deine MĂ€rchenleidenschaft mal etwas genauer an…

6. Was ist deine schönste Erinnerung, wenn es um MÀrchen geht?

Die Vorlesestunden mit meiner Mutter sind meine schönsten Erinnerungen. Es war ein regelmĂ€ĂŸiges Ritual, und ich erinnere mich noch gut an das MĂ€rchenbuch, aus dem sie vorgelesen hat, und seine Illustrationen.

7. Was magst du lieber? Happy End oder Bad End?

Ich liebe natĂŒrlich Happy Endings. Dann kann ich beruhigt einschlafen, und alles ist gut. Aber sie mĂŒssen nachvollziehbar und dĂŒrfen nicht kitschig sĂŒĂŸ sein. In meinen eigenen Geschichten bevorzuge ich offene Enden, so wie das Leben sie schreibt. Es bleibt immer etwas UngeklĂ€rtes ĂŒbrig.

8. Was stört/begeistert dich bei MÀrchen am meisten?

Mich stört nichts an den MĂ€rchen. Es sind universale Geschichten, die unendlich viele Interpretationen zulassen. Sozusagen die Schablonen fĂŒr alle Geschichten der Welt. Außerdem begeistert mich an den MĂ€rchen, dass alle Wesen ziemlich gleichberechtigt sind. Jeder kann ein König, eine Königin werden und sein, sogar Tiere und Pflanzen. Und zu jeder Zeit kann ein Wunder passieren, man muss nur geduldig darauf warten.

9. Was ist fĂŒr dich typisch an einem MĂ€rchen?

Das ist zum einen ihre einfache und klare Handlung, die archetypischen Charaktere und natĂŒrlich die fantastischen Elemente, magische GegenstĂ€nde und Zahlen, Zauberer, Feen, sprechende Tiere 


Zum Schluss noch ein paar mÀrchenhafte Fragen:

10. Du triffst auf ein sprechendes Tier, das dir weismachen will, dass es ein verzauberter Mensch ist. Was wĂŒrdest du tun?

Das wĂŒrde ich ihm natĂŒrlich sofort glauben, aus welchem Grund sollte dieses Tier sonst mit mir in menschlicher Sprache kommunizieren? Nur, wenn es ein Papagei wĂ€re, hĂ€tte ich Zweifel. Ich wĂŒrde mir anhören, was es von mir will und dann versuchen, ihm zu helfen.

11. Eine gute Fee will dir drei WĂŒnsche erfĂŒllen, was wĂŒrdest du dir wĂŒnschen?

Als Kind hĂ€tte ich mir den Weltfrieden gewĂŒnscht, aber das liegt außerhalb der Macht einer Fee, das weiß ich inzwischen. Ich kann nur WĂŒnsche fĂŒr eine ĂŒberschaubare Personenzahl Ă€ußern. Also zunĂ€chst einmal wĂŒrde ich mir Gesundheit und GlĂŒck fĂŒr meine Familie wĂŒnschen. Das ist das Wichtigste. Mein zweiter Wunsch wĂ€re, dass ich meinen Geschichten Leserinnen und Leser auf der ganzen Welt erreichen könnte. Und zum Schluss eine magische Bibliothek, so wie ich sie mir fĂŒr den dritten Band von Ragnamar vorstelle.

12. Welchen MĂ€rchenweg wĂŒrdest du wĂ€hlen um jemanden aus dem Weg zu rĂ€umen?

Ich wĂŒrde einen machtvollen Zauberspruch wĂ€hlen.

13. Bonusfrage: Mit welcher MĂ€rchenfigur wĂŒrdest du gerne tauschen?

Ich wĂŒrde mit keiner MĂ€rchenfigur wirklich tauschen wollen. Vielleicht wĂ€re ich gern eine Figur in einem BĂŒcherreich. Dann hĂ€tte ich Zugang zu einer unendlichen Vielfalt von BĂŒchern und könnte in verschiedenste BĂŒcherwelten gehen, es gĂ€be aber auch jederzeit einen Weg hinaus.

Mehr zu Kaja gibt es hier:

Homepage: Kaja Paulan
Facebook: Kaja Paulan Autorin
Instagram: @kajapaulan_fantasy oder @kajapaulan_kinderbuch

Vielen Dank, Kaja!

Anne/PoiSonPaiNter

MĂ€rchensommer Buchvorstellung #3

Willkommen in der vorletzten Woche des MĂ€rchensommers!

Auch dieses Mal stelle ich euch wieder MĂ€rchenadaptionen vor, die seit dem letzten Mal erschienen, bzw. die ich seit dem letzten Mal entdeckt habe!

Das MĂ€rchensommer Banner zeigt eine Scherenschnitt-Fee, die Glitzer auf den verschnörkelten Schriftzug "MĂ€rchensommer" ĂŒber einem aufgeschlagenen Buch streut. Alles vor einer grĂŒnen Wiese neben einem Baum und Sonnenstrahlen im Hintergrund.
Cover Der Zar der Gezeiten
Cover Der FrĂŒst von Frost und Gebein

Letztes Jahr, habe ich euch die ersten beiden Teile der Feuervogel Chroniken von Ria Winter vorgestellt, heute folgen die letzten beiden Romane der Tetralogie.

Der Kampf geht in die nĂ€chste Runde und nun stehen sie Koschei dem Unsterblichen gegenĂŒber, kann der Zar der Gezeiten ihnen helfen? Der FĂŒrst von Frost und Gebein schleißt die Reihe mit einem Verrat und einer Frage ab: Können sie das Reich wirklich retten?

Cover Jagd auf den Grimm(sch)en Schnitter
Cover Ragnamar

Neben der „SchĂ€tze neu erzĂ€hlt“ Reihe, die ich euch neulich vorgestellt habe, hat Katharina Gerlach mit „Jagd auf den Grimm(sch)en Schnitter“ auch ein etwas anderes „MĂ€rchenbuch“. Einen Choose-Your-Own Adventure MĂ€rchen Krimi! Ich bin schon sehr gespannt darauf, hatte ich doch einst einen Adventskalender in diesem Stil (anderes Genre)!

Ganz anders Kaja Paulans „Ragnamar – Einbruch der DĂ€mmerung„, dem ersten Teil einer Young Adult Adaption, die viele MĂ€rchenelemente verbindet und zu einer faszinierenden Welt zusammenbaut. Kann die junge Protagonistin ihren Freund retten, bevor das Zwielicht alles verschlingt?

Neben Katharina und Ria wird es auch noch ein Interview mit Kaja geben, bleibt also gespannt!

Habt ihr eines der BĂŒcher schon gelesen?

Anne/PoiSonPaiNter

#CroMĂ€r: Kapitel 20

Das #CroMĂ€r geht weiter.

Das MĂ€rchensommer Banner zeigt eine Scherenschnitt-Fee, die Glitzer auf den verschnörkelten Schriftzug "MĂ€rchensommer" ĂŒber einem aufgeschlagenen Buch streut. Alles vor einer grĂŒnen Wiese neben einem Baum und Sonnenstrahlen im Hintergrund.

Kapitel 20

WĂ€hrend die Illusionskatzen Mischas neue Besitzerin – Regina wollte sie nicht Herrin nennen – suchten, konnte sie zumindest noch den Rest der Vorlesung mitnehmen, da Ralf auf den Kater aufpasste. Die Antworten auf Beckys Fragen konnte sie zumindest bis zur Pause aufschieben. Gemeinsam gingen sie anschließend dafĂŒr in die Mensa, um dort die Zeit bis zur nĂ€chsten Vorlesung mit einem schnellen Mittagessen zu verbringen. Was Regina nicht erwartete, war Ralf und Mischa ebenfalls dort zu finden. Gezielt lenkte Regina Becky zur Seite und setzte sich mit dem RĂŒcken zu den anderen, bevor diese sie entdeckten. Gerade wollte sie nicht ĂŒber Magie und stiefellose Kater nachdenken, sondern einfach nur ein bisschen Zeit mit ihrer besten Freundin verbringen.

»Was ist passiert? Irgendetwas mit deiner Oma?«

Der Ton von Beckys Frage verwirrte Regina, es schwang etwas mit, dass sie nicht zuordnen konnte. Sie schĂŒttelte den Kopf. »Nein, meiner Oma geht’s gut. Ich musste nur wieder -« jemandem mit einem magischen Problem helfen, konnte sie leider nicht sagen. »eine Besorgung erledigen, die natĂŒrlich nicht aufgeschoben werden konnte.« Die LĂŒge schmerzte, aber somit hatte sie sich in den letzten Monaten immer herausgeredet. Bei ihren Freunden, bei ihren Dozierenden, bei ihrem Nebenjob. Sie alle bekamen Ausreden und LĂŒgen. Dass sie noch nicht ĂŒber ihr eigenes Netz gestolpert war, grenzte an ein Wunder.

»Entschuldigung?«, beendete eine unerwĂŒnschte Stimme die Unterhaltung, bevor sie ĂŒberhaupt richtig starten konnte.

Regina musste ein verĂ€chtliches Schnauben unterdrĂŒcken und drehte sich mit genervt zusammengezogenen Brauen zum Kater. Doch dieser beachtete sie nicht, sein Blick starr auf Becky gerichtet, seine HĂ€nde strichen nervös ĂŒbereinander.

»Hannchen?«, fragte Mischa, die Hoffnung deutlich in diesen einem Wort.

Becky sog scharf die Luft ein und Regina schaute verwirrt zwischen den beiden hin und her.

»So-so hat meine Oma mich immer genannt  «, kommentierte Becky im FlĂŒsterton.

Mischa nickte begeistert und setzte sich neben Regina auf die schmale Bank und legte die HĂ€nde ĂŒber Beckys. »Sie schickte mich zu dir«, verkĂŒndete er ihr sanft.

Die Augen weit aufgerissen, traf Regina die Erkenntnis wie ein Schlag. Ihre beste Freundin hatte ihre Großmutter verloren und sie war so sehr mit sich selbst beschĂ€ftigt, dass sie nichts davon mitbekommen hatte. »Warum hast du nichts gesagt?«, presste sie hervor.

»Ich wollte dich nicht belasten, du hast so viel um die Ohren«, gab Becky kleinlaut zu und TrÀnen stiegen in ihre Augen.

Ohne Umschweife stand Regina auf, umrundete den Tisch und nahm ihre Freundin in die Arme. »Egal wie beschÀftigt ich bin, du kannst mir alles erzÀhlen! Du belastest mich damit nicht!«

Sogleich ließ Becky den TrĂ€nen freien Lauf, klammerte sich an Regina und erzĂ€hlte mit belegter Stimme, wie ihre Oma plötzlich eingeschlafen war.

»Es war ihre Zeit«, kommentierte Mischa trocken als sie endete. Sein Nicken wirkte selbstgefĂ€llig und ĂŒberzeugt. »Es tat ihr leid, dass sie sich nicht mehr persönlich verabschieden konnte, aber sie war froh noch mit euch feletoniert zu haben bevor sie sich zur ewigen Ruhe bettete.«

Becky richtete sich von ihrer Position gegen Reginas Schulter auf. Regina konnte sich das Augenrollen nicht verkneifen, aber Katzen hatten vermutlich kein VerstĂ€ndnis fĂŒr TaktgefĂŒhl.

»Es heißt telefonieren«, korrigierte Ralf unvermittelt, der sich in der Zwischenzeit zu ihnen geschlichen hatte.

Mit einem »Oh« begann Mischa das Wort wiederholt vor sich herzusprechen.

»Was? Wer? Was?« Verwirrt starrte Becky sie nacheinander an.

Regina seufzte. Es war Zeit die Katze aus dem Sack zu lassen. »Das ist Mischa, der Kater deiner Oma.«

Nachwort

Auch diesmal behandeln die einzelnen Kapitel wieder mÀrchenhafte Aspekte. Könnt ihr erraten, welches hier thematisiert ist?

Übrigens heißt das Kapitel in meinen Notizen: Der Kater aus dem Sack

NĂ€chsten Mittwoch geht es weiter!

Anne/Poisonpainter

Von Kompassen und MĂ€rchen

Heute stellt Kaja Paulan in ihrem MĂ€rchensommer Gastbeitrag eine ganz besondere Sammlung von MĂ€rchenadaptionen vor.

Das MĂ€rchensommer Banner zeigt eine Scherenschnitt-Fee, die Glitzer auf den verschnörkelten Schriftzug "MĂ€rchensommer" ĂŒber einem aufgeschlagenen Buch streut. Alles vor einer grĂŒnen Wiese neben einem Baum und Sonnenstrahlen im Hintergrund.

Von His Dark Materials zu den Grimmschen MĂ€rchen – Eine fantastische Reise

Philip Pullman ist ein Schriftsteller, der mit seinen Werken neue MaßstĂ€be in der Fantasy Literatur gesetzt hat. Seine epische „His Dark Materials“ Trilogie ist weltbekannt und begeistert immer noch die Menschen ĂŒberall. Mit dieser Trilogie eröffnete er seinen Leser*innen nicht nur eine faszinierende Fantasy Welt, er beeindruckte sie auch durch deren philosophische und moralische Elemente. Doch wer von euch weiß eigentlich, dass er sich auch den Grimmschen MĂ€rchen zuwandte? Ich selbst bin ziemlich spĂ€t darauf gestoßen, und doch ist es eigentlich naheliegend, denn wir alle schreiben ja nicht im luftleeren Raum, auch die berĂŒhmtesten FantasyerzĂ€hler nicht.

Der Spiegel schreibt ĂŒber Philip Pullman: „Wie alle großen MĂ€rchenerzĂ€hler bedient Philip Pullman sich ohne Scheu aus anderen MĂ€rchen. Nach der Maxime »Lies wie ein Schmetterling und schreib wie eine Biene!« hat er, wie er selbst sagt, »Ideen aus jedem Buch gestohlen, das ich gelesen habe«.“

Einige dieser Ideen stammen sicher aus den Kinder- und HausmĂ€rchen der BrĂŒder Grimm, wie ich euch in meinem Beitrag zeigen möchte.  Dabei beziehe ich mich vor allem auf Pullmans Kommentare und Anmerkungen aus „Grimm Tales: For Young and Old“, erschienen 2012.

In „Grimm Tales: For Young and Old“ hat Philip Pullman 50 MĂ€rchen der BrĂŒder Grimm neu interpretiert. Dabei hat er sie nicht umgeschrieben oder verĂ€ndert, er hat versucht, sie mit seiner eigenen Stimme zu erzĂ€hlen. Selbst sagte er darĂŒber: „Doch mein vorrangiges Interesse galt immer der Frage, wie die MĂ€rchen als Geschichten funktionieren. Mit diesem Buch verfolge ich einzig und allein das Ziel, die besten und interessantesten von ihnen zu erzĂ€hlen und alles aus dem Weg zu rĂ€umen, was ihren freien Lauf hindert. “

Sein Ziel war es also, die MĂ€rchen fĂŒr ein modernes Publikum zugĂ€nglicher zu machen, indem er den ErzĂ€hlstil und die Sprache an die heutige Zeit anpasste. Er wollte die zeitlose Bedeutung und die moralischen Botschaften der Menschen bewahren, aber gleichzeitig auch seinen eigenen, kĂŒnstlerischen Stil einbringen.

MĂ€rchen im Wandel der Zeit – Pullmans kreative NeuerzĂ€hlungen

Wie eingehend Philip Pullman sich mit den MĂ€rchen befasst hat, zeigt sich in mehreren Interviews und Artikeln, die er diesem Thema gewidmet hat. Hier versucht er, dem Wesen der MĂ€rchen auf den Grund zu gehen. Er setzt sich mit ihren Figuren, ihrem Tempo, ihrer Poesie und der Bildsprache auseinander. Dabei stellt er fest, dass MĂ€rchen nicht einfach Texte sind, die aufgeschrieben wurden und nun unverĂ€ndert so stehenbleiben wie die Werke großer Schriftsteller. Er meint, dass sich MĂ€rchen fortwĂ€hrend im Wandel befinden, sich durch die Jahrhunderte hinweg stĂ€ndig verĂ€ndert haben und verĂ€ndern werden.  Der Grund ist seiner Meinung nach, dass es mĂŒndlich ĂŒberlieferte Geschichten sind. Viele Details hĂ€ngen von der Befindlichkeit des ErzĂ€hlers, der ErzĂ€hlerin, ab. Pullman also schreibt die MĂ€rchen neu mit der Leitfrage im Kopf: „Wie wĂŒrde ich diese Geschichte erzĂ€hlen, wenn ich sie von jemand anderem gehört hĂ€tte und sie weitergeben wollte?“

Jeder MĂ€rchenerzĂ€hler, jede MĂ€rchenerzĂ€hlerin drĂŒckt den MĂ€rchen einen individuellen, unverwechselbaren Stempel auf.  So auch Philip Pullman. Er sieht sich in der Tradition von MĂ€rchenerzĂ€hler*innen wie Dorothea Viechmann, Otto Runge, Dortchen Wild und all den anderen, die den BrĂŒdern Grimm damals die MĂ€rchen erzĂ€hlt haben, um sie zu bewahren.

Logik und Dramaturgie – Die Quellenforschung

Insgesamt hat Philip Pullman eine Menge Arbeit in seine MĂ€rchensammlung investiert. Er las die Kinder- und HausmĂ€rchen in allen verschiedenen Auflagen und untersuchte ihre VerĂ€nderungen, er befasste sich mit ihren Quellen und wĂ€hlte fĂŒr seine NacherzĂ€hlung immer die seiner Meinung nach passendste Version aus. Er erklĂ€rt in den Anmerkungen zu „Grimm Tales: For Young and Old“, warum er gerade diese Versionen ausgewĂ€hlt hat, wie er versuchte, logische SchwĂ€chen auszugleichen und aus dramaturgischen GrĂŒnden kleine Details hinzufĂŒgte. Pullman hat jedes MĂ€rchen grĂŒndlich untersucht und dabei BezĂŒge zu anderen MĂ€rchen hergestellt. Er untersuchte Quellen und entdeckte manchmal sogar Logikfehler, die im Verlaufe der MĂ€rchenbearbeitung durch die BrĂŒder Grimm aufgetaucht sind. Auch hier beziehe ich mich wieder auf sein Buch „Grimm Tales: For Young and Old“. Seine Kommentare zu jedem einzelnen MĂ€rchen sind dort zwar recht knapp gehalten, aber dennoch Ă€ußerst informativ und interessant.

DenkanstĂ¶ĂŸe und VerĂ€nderungen – Tradition und Moderne

WĂ€hrend Philip Pullman die meisten MĂ€rchen unverĂ€ndert ließ und ihnen nur durch seinen ErzĂ€hlton eine eigene Note gab, fĂŒgte er an anderen Stellen kleine Verbesserungen hinzu. Beispielsweise gab er im MĂ€rchen „BrĂŒderchen und Schwesterchen“ dem Reh die Möglichkeit, an Stelle der Kinderfrau den König ĂŒber die böse Hexe aufzuklĂ€ren. Denn es ist fĂŒr ihn, und da stimme ich ihm zu, völlig unverstĂ€ndlich, warum dieses Reh keine andere Funktion mehr im zweiten Teil des MĂ€rchens ĂŒbernimmt. Im MĂ€rchen von Rapunzel griff er eine ursprĂŒngliche Nuance auf, indem er die Schwangerschaft der Hauptfigur wieder einfĂŒhrte. Pullman dachte auch ĂŒber die Rolle des Vaters im MĂ€rchen von HĂ€nsel und Gretel grĂŒndlich nach. Er versuchte, logische SchwĂ€chen auszugleichen und ergĂ€nzte aus dramaturgischen GrĂŒnden kleine Details. In einigen FĂ€llen entwickelte Pullman sogar alternative Versionen oder Lösungen fĂŒr die MĂ€rchen. Im MĂ€rchen „Allerleirau“ suchte er nach einer Möglichkeit, den Vater zu bestrafen, der sein Kind durch geplanten Missbrauch aus dem Palast trieb. Jedoch verĂ€nderte er das MĂ€rchen nicht direkt, sondern fĂŒgte seine Gedanken und Ideen in die Kommentare ein, um die Lesenden zum Nachdenken anzuregen.

So stellt er die MĂ€rchen auf den PrĂŒfstand, gibt moralische und philosophische DenkanstĂ¶ĂŸe und liefert Diskussionsstoff fĂŒr heutige Betrachtungs- und ErzĂ€hlweisen.

Philip Pullman – MĂ€rchenerzĂ€hler des 21. Jahrhunderts

Mit „Grimm Tales: For Young and Old“ hat Philip Pullman bewiesen, dass er nicht nur ein Meister der Fantasy-Literatur ist, sondern auch ein herausragender Interpret der Grimmschen MĂ€rchen. Pullmans grĂŒndliche Untersuchung und seine Ideen fĂŒr Verbesserungen oder alternative Versionen verleihen diesen MĂ€rchen eine neue Tiefe und regen dazu an, sie heute aus einer anderen Perspektive zu betrachten.

Philip Pullman hat mit seinem Werk einen wertvollen Beitrag zur MĂ€rchentradition geleistet und den Leser*innen die Möglichkeit gegeben, die Grimm’schen MĂ€rchen in einem neuen Licht zu sehen. Seine Interpretationen laden dazu ein, ĂŒber die moralischen, philosophischen und zeitlosen Botschaften der MĂ€rchen nachzudenken und sie in den heutigen Kontext zu ĂŒbertragen.

Quellen

Die Autorin

Kaja Paulan ist eine Autorin, die bereits als Kind ihre Liebe zum Schreiben entdeckte. Sie verbrachte Stunden damit, abenteuerliche und spannende Geschichten zu erfinden und in fantastischen Buchwelten zu versinken. Sie hat bereits mehrere Veröffentlichungen vorzuweisen, darunter den Fantasyroman „Ragnamar – Einbruch der DĂ€mmerung“.

Die Leidenschaft fĂŒr das ErzĂ€hlen von Geschichten begleitet sie auch in ihrer Arbeit als Grundschullehrerin. Kaja Paulan hat zwei erwachsene Kinder und wohnt mit ihrem Mann in der NĂ€he der Ostsee. Dort arbeitet sie unermĂŒdlich an weiteren Geschichten und Romanen.

Homepage: Kaja Paulan
Facebook: Kaja Paulan Autorin
Instagram: @kajapaulan_fantasy oder @kajapaulan_kinderbuch

NĂ€chste Woche erfahrt ihr noch mehr ĂŒber Kaja und Ragnamar, bleibt gespannt!

Anne/PoiSonPaiNter