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Warum wir aus unserem MĂ€rchentĂŒmpel auftauchen mĂŒssen! – Teil 2

Die Grundlagen gelegt, hier nun der zweite Teil von Palandurwens MĂ€rchensommer Gastbeitrag zu den Meerjungfrauen von u.a. Hans-Christian Andersen – jetzt geht es um die Flossen!.

Das MĂ€rchensommer Banner zeigt eine Scherenschnitt-Fee, die Glitzer auf den verschnörkelten Schriftzug "MĂ€rchensommer" ĂŒber einem aufgeschlagenen Buch streut. Alles vor einer grĂŒnen Wiese neben einem Baum und Sonnenstrahlen im Hintergrund.

Tief Luft holen: Die Meerjungfrauen des 19. Jahrhunderts

Frauen wurden also lange Zeit schon als Unheilbringerinnen gezeichnet. Sie galten als verfĂŒhrerisch, was die MĂ€nner anzog, aber gleichzeitig auch in Gefahr brachte. Sie wurden mit der Natur gleichgesetzt, u. a. eben dem Wasser. Doch genau wie bei diesem Element wollte der Mensch – um genau zu sein der Mann – auch die Frau als fĂŒr ihn nutzbar gestalten, sie kontrollieren und dadurch seine Macht demonstrieren. 

Es traten also immer hĂ€ufiger ErzĂ€hlungen auf, in denen die weibliche Hauptfigur – einst frei, ungehemmt, mit eigenen Gedanken und WĂŒnschen – aus irgendwelchen GrĂŒnden erlöst oder gerettet werden musste, um eine höhere Ebene erreichen zu können. Und selbstverstĂ€ndlich konnte diese Ruhmestat nur ein Mann vollbringen.

Um diesem Narrativ Gestalt zu verleihen, wurden die Meerjungfrauen aus den Untiefen hervorgezogen. Ihnen wurde eine ErlösungsbedĂŒrftigkeit angedichtet, untermauert mit diversen religiösen Spielarten, um dem Bild eine quasi göttliche Legitimierung zu verleihen. Demnach hatten sie keine Seele, waren dadurch also verdammt. Um diesen Umstand auszurĂ€umen, gab es nur einen Weg: die Liebe eines Mannes. Diese wurde allerdings meist mit der Ehe gleichgesetzt, bei der es sich zu jener Zeit aber eher um einen wirtschaftlichen Vertrag zwischen zwei Herren (Vater und BrĂ€utigam) handelte und die Frau das zu verschachernde Gut war. Somit hatte hier nie wirklich jemand ihr Wohl im Auge. Es wurde nur eine weitere BegrĂŒndung fĂŒr die gĂ€ngigen ZustĂ€nde gesucht. 

Denken wir diesen Gedanken einmal ein StĂŒckchen weiter, könnten wir sogar so weit gehen und sagen, dass Frauen vor der Hochzeitsnacht keine Menschen waren, sondern vermeintlich nur durch die Zusammenkunft mit dem Ehemann an Wert gewannen. Die ohnehin schon stets der Weiblichkeit entgegen gebrachte Skepsis und Verachtung gipfelt hier also in zunĂ€chst einer völligen Entmenschlichung, die durch einen sexuellen Akt (die Hochzeitsnacht) erst “behoben” wird. Ein erneutes hierarchisches GefĂ€lle auf Kosten der Frau.

Genau diese Entwicklung ist in Friedrich de la Motte FouquĂ©s “Undine” zu beobachten. Zu Beginn ist sie ein ungestĂŒmes Wesen, wunderschön, mit lauter Stimme. Sie ist neugierig, sie lacht und ist manchmal auch ein wenig egoistisch. Eine von der Gesellschaft losgelöste, junge Frau. Kein Wunder, dass sie die Aufmerksamkeit des Ritter Huldbrands auf sich zieht. NatĂŒrlich gerĂ€t dieser durch ihre Schuld zunĂ€chst einmal in eine gefĂ€hrliche Situation. Dennoch wĂŒrde er sie gern zur Frau nehmen.

Gesagt, getan. Und als wĂ€re ein DĂ€mon in der Hochzeitsnacht in sie gefahren, verliert Undine in dieser all ihre vorab so reizvollen Eigenschaften. Sie wird sanft, geduldig, demĂŒtig – und still. Sie versucht sogar, ihren Mann vor ihrer Familie aus Wassergeistern zu schĂŒtzen. Doch letztendlich kommt es zum ZerwĂŒrfnis, die Wasserfrau muss zurĂŒck zu ihren Verwandten und soll, als der Ritter erneut heiraten will, diesen auf Geheiß ihres Vaters töten. Selbst jetzt versucht sie, ihn zu retten. Doch sie kann es nicht verhindern und gibt ihm in der Nacht vor seiner Hochzeit einen tödlichen Kuss. Aus Trauer darĂŒber wird sie zu einer Quelle auf seinem Grab.

Undine ist eine tragische Figur, die betrogen und gezwungen wird. Denn im Laufe der Geschichte kommt heraus, dass es eben ihr Vater war, der sie dazu getrieben hat, ĂŒberhaupt erst eine Ehe einzugehen, um eine unsterbliche Seele zu erlangen. Sie ist somit – ganz im gesellschaftlich bekannten Sinne – ein Spielball zweier MĂ€nner und wird am Ende dennoch als Unheilsbringerin stilisiert. Sie verliert alles, was sie ausmacht, alles, was sie liebt. Sie gibt sich selbst völlig auf, um zwei MĂ€nnern zu gefallen. Die Frau wird leidend, ja mĂ€rtyrerhaft dargestellt. Es erinnert an christliche Motive, in denen der fast schon dankbar erduldete Schmerz der SchlĂŒssel zum Seelenheil sei. Die Gewalt und den Zwang im Leben zu ertragen, soll somit also der Weiblichkeit erstrebenswert gemacht werden. Und mit solchen Versprechungen zementiert sich das ewige MachtgefĂ€lle weiter fest.

Eine Schippe drauf legte einige Zeit spĂ€ter Hans Christian Andersen. Auch er verfasste ein KunstmĂ€rchen, das uns allen wohl spĂ€testens seit Disneys “Arielle” bestens bekannt ist – oder etwa doch nicht? TatsĂ€chlich hat der Zeichentrickfilm kaum etwas mit dem dĂ€nischen Original zu tun.

In “Die kleine Meerjungfrau” strebt die Heldin immerhin aus eigenem Willen danach, eine unsterbliche Seele zu erringen, zusammen mit der Liebe eines jungen Prinzen. Diesen hatte sie vor dem Ertrinken gerettet, obwohl sie das nicht durfte. Ein weiteres Anzeichen einer gewissen SelbststĂ€ndigkeit. Doch die wird sie nicht lange behalten dĂŒrfen.

Um sich ihre beiden WĂŒnsche zu erfĂŒllen, nimmt sie die gefĂ€hrliche Reise zur Meerhexe auf sich. Diese braut ihr einen Trank, der ihr unter großen Schmerzen zwei Beine wachsen lĂ€sst, auf denen sie zwar nach wie vor einen fast schwebenden Gang hat, jedoch jeder Schritt ist, als trete sie in Glas. Der Preis dafĂŒr: Sie wird fĂŒr immer stumm und kann nie wieder zu ihrer Familie zurĂŒck. Wenn der Prinz sich nicht in sie verliebt, wird sie zudem zu Meerschaum werden.

Sie trifft auf den besagten Königssohn, dem sie auch gefĂ€llt. Allerdings nicht wie eine Frau und Partnerin, sondern wie ein kleines Kind. Als solches erfĂ€hrt sie mit einer SelbstverstĂ€ndlichkeit diverse DemĂŒtigungen, welche sie geduldig hinnimmt. So schlĂ€ft sie beispielsweise auf einem Kissen vor seiner TĂŒr statt in einem Bett. 

Als der Mann sich schließlich entscheidet, eine andere zu heiraten, kommen die Schwestern der Meerjungfrau ihr zur Hilfe. Sie ĂŒberreichen ihr einen magischen Dolch. Wenn sie den Prinzen mit diesem ersticht, wĂ€chst ihr Fischschwanz wieder und sie darf zurĂŒck nach Hause. Doch sie kann es nicht, wirft das Messer ins Meer und springt hinterher. Statt zu Meerschaum wird sie durch diese selbstlose Tat allerdings zu einer Tochter des Windes und kann, wenn sie weiter Gutes bewirkt, doch noch irgendwann eine unsterbliche Seele erlangen.

Klingt tragisch-schön? In der Tat. Allerdings zeichnet der ErzĂ€hler auch hier wieder ein Frauenbild, welches hochgradig toxisch ist. Um dem Mann zu gefallen, darf sie nicht sprechen, muss Schmerzen und DemĂŒtigung erdulden und kann nur durch ihren Körper seine Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Und trotz all des Leides wĂ€hlt sie am Ende den Freitod, die totale Selbstaufgabe, um ihn zu schĂŒtzen. Aber selbst dadurch erhĂ€lt sie keine wirkliche Belohnung, sondern muss sich weiterhin beweisen, um ihr Ziel zu erreichen. Das MachtverhĂ€ltnis bleibt also sogar nach ihrem Tod bestehen. 

Andersens Meerjungfrau spiegelt die damalige kleinbĂŒrgerliche Geschlechtermoral somit sehr deutlich wider. Die Frau wird einerseits als aufopferndes Wesen, andererseits als unschuldig-naiv gezeichnet. Die kleine Meerjungfrau ist zwar liebreizend und versucht zu gefallen. Sie nimmt auch alles Leid als Lebensinhalt fĂŒr das höhere Ziel in Kauf. Aber wenn der Mann es nicht will, erreicht sie dieses nie. Die AbhĂ€ngigkeitsverhĂ€ltnisse zwischen den Geschlechtern werden hier beeindruckend erkenntlich.

Man reiche mir ein Handtuch: das Fazit 

WĂ€hrend Frauen in den tradierten ErzĂ€hlungen, Sagen, Mythen und MĂ€rchen immer entweder gruselig und mĂ€chtig oder aber liebreizend und hilflos waren, zeigen die KunstmĂ€rchen uns eine andere Art der Weiblichkeit. Sie ist anfangs facettenreicher, doch es wird auch eindeutig kommuniziert, dass das unerwĂŒnscht ist. Die angedachte Rolle der Frau ist klar abgesteckt. Erst, wenn sie dem Wunsch des Mannes entspricht, kann sie GlĂŒck erfahren. Und selbst dann nur so lange, wie es ihm gefĂ€llt. Ihm wird jegliche Dominanz zugesprochen und diese mit einer scheinbaren AllgemeingĂŒltigkeit, weil es ja auch im echten Leben so ist, legitimiert. 

Niemand hinterfragt diese Darstellung. Keinem fĂ€llt daran etwas auf. Es wird als gegeben betrachtet. Der Deckmantel der Romanze darĂŒber ausgebreitet. Doch der kann kaum den wahren Kern der Sache verbergen. Wir mĂŒssen uns nur trauen, hinzuschauen. Uns der Erkenntnis stellen, dass unsere MĂ€rchen in diesem Punkt Wunden reißen – seit Generationen. Und wir mĂŒssen uns darin einig werden, diese endlich zu schließen. Indem wir das Bewusstsein dafĂŒr schĂŒren und die richtigen Fragen stellen. Indem wir das Wissen annehmen und daraus lernen. Und indem wir damit wunderschöne neue MĂ€rchen entstehen lassen, die die Welt so zeigen, wie sie hoffentlich eines Tages auch wirklich ist.

Die Gastautorin

Palandurwen macht im echten Leben fĂŒr andere etwas mit Wörtern. DafĂŒr muss sie nicht einmal ihr malerisch im Elbtal, direkt an einem Weinberg gelegenes Zuhause verlassen. So kann sie sich rund um die Uhr von ihrer Katze herumkommandieren lassen, ob sie arbeitet oder in ihrem Atelier malt und scrapbookt. MĂ€rchen haben sie schon seit frĂŒhester Kindheit fasziniert und inspiriert. Doch spĂ€testens durch ihr Germanistik-Studium scheut sie sich nicht mehr, diese auch kritisch zu hinterfragen, immer mit dem Ziel, irgendwann ein eigenes verfassen zu können.

Instagram: @palandurwen
Twitch: palandurwen

Anne/PoiSonPaiNter

Warum wir aus unserem MĂ€rchentĂŒmpel auftauchen mĂŒssen! – Teil 1

Heute hinterfragt Palandurwen in ihrem MÀrchensommer Gastbeitrag ein Element von u.a. einem der bekanntesten KunstmÀrchen von Hans-Christian Andersen, doch bevor sie damit richtig im zweiten Teil einsteigt, zunÀchst ein paar Grundlagen.

Das MĂ€rchensommer Banner zeigt eine Scherenschnitt-Fee, die Glitzer auf den verschnörkelten Schriftzug "MĂ€rchensommer" ĂŒber einem aufgeschlagenen Buch streut. Alles vor einer grĂŒnen Wiese neben einem Baum und Sonnenstrahlen im Hintergrund.

Warum wir aus unserem MĂ€rchentĂŒmpel auftauchen mĂŒssen!

Was sind GrĂŒnde dafĂŒr, dass wir heutzutage MĂ€rchen lesen? Die meisten antworten darauf wohl: “Schöne Kindheitserinnerungen wachrufen.” Und zu diesen Personen zĂ€hle ich mich selbst genauso. Allerdings ist da noch eine andere Seite in mir, die mit erwachsenen Augen auf diese Texte, Zeugen ihrer Zeit, schaut und zĂ€hneknirschend feststellt, dass nicht jedes StĂŒckchen davon heute so sorglos oder zumindest kommentarlos konsumiert werden kann wie frĂŒher.

Dazu gehört auf jeden Fall die in MĂ€rchen stĂ€ndig dargestellte, traditionelle Geschlechterrollen-Verteilung. GemĂ€ĂŸ Bruno Bettelheims 1977 erschienenen Klassikers “Kinder brauchen MĂ€rchen” soll diese zwar keinerlei negative Auswirkungen auf die Kinder haben. Allerdings verfolgt die moderne PĂ€dagogik inzwischen immer stĂ€rker geschlechtsneutrale AnsĂ€tze, denn sie hat in diversen Studien festgestellt, dass die mediale Darstellung von Frauen und MĂ€nnern Kinder definitiv schon von Beginn an beeinflusst und in Klischees treibt. Entsprechend gibt es immer mehr moderne MĂ€rchen, die neutrale Darstellungen ihrer Figuren wĂ€hlen. 

Vielleicht grĂŒbeln jetzt einige und finden, dass das doch gar nicht so schlimm war. Aber ich muss hier einmal den Finger in die Wunde legen, um deutlich zu machen: Doch, leider war es das. Und dessen mĂŒssen wir uns bewusst werden, um daraus zu lernen und es in Zukunft besser zu machen. Denn MĂ€rchen zeigen sehr oft stereotype und gefestigte patriarchale Strukturen, die wir alle so verinnerlicht haben, dass sie uns gar nicht mehr auffallen. Kein Wunder, denn die aufschreibenden Personen waren in den meisten FĂ€llen MĂ€nner. Und sie gestalteten die Geschichten so, wie sie es fĂŒr richtig hielten. 

In diesen ErzĂ€hlungen waren Frauen den MĂ€nnern stets entweder untergeordnet oder fĂŒr sie gefĂ€hrlich. Sie wurden als Bedrohung gezeichnet oder klein gehalten, um eine (scheinbar der Sache inhĂ€rente) Überlegenheit darzustellen. Man(n) wĂ€hlte fĂŒr Frauen Bilder, die diese Gefahr symbolisierten. Man(n) dichtete ihnen dĂ€monische KrĂ€fte an (etwa bei Hexen) oder eine allumfassende Hilflosigkeit. Frauen wurden nur positiv bewertet, wenn sie mit der Wunschvorstellung der Dichter ĂŒbereinstimmten. Ein beeindruckendes Beispiel dafĂŒr sind die beiden miteinander eng verwandten KunstmĂ€rchen “Undine” von Friedrich de la Motte FouquĂ© sowie deren Nachfolgerin “Die Kleine Meerjungfrau” von Hans Christian Andersen.

Hinein ins KĂŒhle Nass: Ursprung der Meerjungfrauen

Dies lĂ€sst sich aber bereits viel frĂŒher beobachten: So faszinierten Elemente uns Menschen schon immer. Wir stellten sie uns als belebt vor, als mĂ€chtig. Kein Wunder, waren wir ihnen doch ausgeliefert. Wir ersannen sogar Gottheiten, die mit ihnen zusammenhingen – so war etwa die griechische Aphrodite bzw. spĂ€ter im römischen Reich die Venus eine gewisse Art des Wassergeistes. Geboren aus dem Meerschaum galt sie als die Schutzherrin der Liebe, Schönheit und Sinnlichkeit. Sie konnte mit diesen Attributen aber auch gefĂ€hrlich werden, etwa wenn jemand sie reizte. 

Dieser zweischneidige Gedanke speiste viele weitere Geschichten um Wassergeister. Sie wurden oft als verlockende Wesen beschrieben. Sie konnten zwar Leben spenden, aber auch Menschen ins Verderben treiben. Und in den meisten FĂ€llen wurden sie (von den tendenziell mĂ€nnlichen ErzĂ€hlern) weiblich dargestellt. 

Ein gĂ€ngiges Beispiel sind die Sirenen. Sie waren ursprĂŒnglich zwar Mischwesen aus Menschen und Vögeln, wurden im Mittelalter aber zu halben Fischen umgedeutet. In ihnen vereinte sich die Schönheit mit der Gefahr, denn wenn die hĂŒbsch anzusehenden Halb-Frauen auftauchten und zu singen begannen, erlagen ihnen reihenweise Seefahrer. Kaum dass die MĂ€nner aber in Reichweite der vermeintlichen Jungfern kamen, rissen diese sie blitzschnell in die Tiefen des Meeres, wo sie jĂ€mmerlich starben. 

Aus heutiger Sicht sollten hier doch die Alarmglocken ringen. Denn das Narrativ der schönen, aber todbringenden Frau wird auch heute immer noch allzu gern verwendet, ist aber schlichtweg eine völlige Verzerrung der Tatsachen. Denn beispielsweise haben ca. 90 % der gewaltsamen TodesfĂ€lle in Partnerschaften Frauen zum Opfer – die TĂ€ter dabei MĂ€nner. Möglich sind solche Femizide durch nach wie vor herrschende MachtgefĂ€lle und hierarchische Unterlegenheit der weiblichen Beteiligten. Und diese Quote wird frĂŒher nicht wesentlich anders gewesen sein. 

Im Laufe der Zeit wandelten sich die Geschichten der Wassergeister allerdings. Immer hĂ€ufiger konstruierten sich auch Begebenheiten, in denen die Frau zwar das schreckliche Wesen war, aber durch einen Mann auch errettet werden konnte. Ein sehr prominentes Beispiel hierfĂŒr ist die Melusinen-Sage, welche vielfach verarbeitet wurde.

Grob zusammengefasst verlĂ€uft die ErzĂ€hlung immer nach einem Ă€hnlichen Muster: Ein Ritter trifft eine schöne Frau. Er will sie heiraten, sie stellt davor aber eine Bedingung: Wenn er sie niemals (oder nie an einem bestimmten Tage) nackt sehen wĂŒrde, kĂ€me großes GlĂŒck ĂŒber ihn. Bricht er sein Versprechen, wĂŒrde er allerdings alles verlieren. NatĂŒrlich kommt es, wie es kommen muss, und der Ritter sieht sie doch nackt im Bade. Melusine verwandelt sich wahlweise in eine Schlange oder einen Drachen und ist auf und davon samt dem GlĂŒck des Mannes.

Mal wieder wird der Fokus auf den Mann gerichtet, der wegen einer Frau Unheil erfĂ€hrt. Dass sie selbst von nun an als Monster umherirren muss, weil sie eigentlich verflucht war, ignorieren die meisten ErzĂ€hlungen. HĂ€tte der Ritter zu seinem Wort gestanden, wĂ€re die junge Frau erlöst gewesen. Es lag also nie in ihrer Absicht, ihm Schlechtes zu wollen, ganz im Gegenteil. Dennoch wird auch hier ein eigentlicher Betrug sowie eine klare Übergriffigkeit an ihr zu einem knappen Entkommen seinerseits umstilisiert.

Schwimmt nicht zu weit raus, wir sehen uns morgen mit der Fortsetzung!

Die Gastautorin

Palandurwen macht im echten Leben fĂŒr andere etwas mit Wörtern. DafĂŒr muss sie nicht einmal ihr malerisch im Elbtal, direkt an einem Weinberg gelegenes Zuhause verlassen. So kann sie sich rund um die Uhr von ihrer Katze herumkommandieren lassen, ob sie arbeitet oder in ihrem Atelier malt und scrapbookt. MĂ€rchen haben sie schon seit frĂŒhester Kindheit fasziniert und inspiriert. Doch spĂ€testens durch ihr Germanistik-Studium scheut sie sich nicht mehr, diese auch kritisch zu hinterfragen, immer mit dem Ziel, irgendwann ein eigenes verfassen zu können.

Instagram: @palandurwen
Twitch: palandurwen

Anne/PoiSonPaiNter

Von Kompassen und MĂ€rchen

Heute stellt Kaja Paulan in ihrem MĂ€rchensommer Gastbeitrag eine ganz besondere Sammlung von MĂ€rchenadaptionen vor.

Das MĂ€rchensommer Banner zeigt eine Scherenschnitt-Fee, die Glitzer auf den verschnörkelten Schriftzug "MĂ€rchensommer" ĂŒber einem aufgeschlagenen Buch streut. Alles vor einer grĂŒnen Wiese neben einem Baum und Sonnenstrahlen im Hintergrund.

Von His Dark Materials zu den Grimmschen MĂ€rchen – Eine fantastische Reise

Philip Pullman ist ein Schriftsteller, der mit seinen Werken neue MaßstĂ€be in der Fantasy Literatur gesetzt hat. Seine epische „His Dark Materials“ Trilogie ist weltbekannt und begeistert immer noch die Menschen ĂŒberall. Mit dieser Trilogie eröffnete er seinen Leser*innen nicht nur eine faszinierende Fantasy Welt, er beeindruckte sie auch durch deren philosophische und moralische Elemente. Doch wer von euch weiß eigentlich, dass er sich auch den Grimmschen MĂ€rchen zuwandte? Ich selbst bin ziemlich spĂ€t darauf gestoßen, und doch ist es eigentlich naheliegend, denn wir alle schreiben ja nicht im luftleeren Raum, auch die berĂŒhmtesten FantasyerzĂ€hler nicht.

Der Spiegel schreibt ĂŒber Philip Pullman: „Wie alle großen MĂ€rchenerzĂ€hler bedient Philip Pullman sich ohne Scheu aus anderen MĂ€rchen. Nach der Maxime »Lies wie ein Schmetterling und schreib wie eine Biene!« hat er, wie er selbst sagt, »Ideen aus jedem Buch gestohlen, das ich gelesen habe«.“

Einige dieser Ideen stammen sicher aus den Kinder- und HausmĂ€rchen der BrĂŒder Grimm, wie ich euch in meinem Beitrag zeigen möchte.  Dabei beziehe ich mich vor allem auf Pullmans Kommentare und Anmerkungen aus „Grimm Tales: For Young and Old“, erschienen 2012.

In „Grimm Tales: For Young and Old“ hat Philip Pullman 50 MĂ€rchen der BrĂŒder Grimm neu interpretiert. Dabei hat er sie nicht umgeschrieben oder verĂ€ndert, er hat versucht, sie mit seiner eigenen Stimme zu erzĂ€hlen. Selbst sagte er darĂŒber: „Doch mein vorrangiges Interesse galt immer der Frage, wie die MĂ€rchen als Geschichten funktionieren. Mit diesem Buch verfolge ich einzig und allein das Ziel, die besten und interessantesten von ihnen zu erzĂ€hlen und alles aus dem Weg zu rĂ€umen, was ihren freien Lauf hindert. “

Sein Ziel war es also, die MĂ€rchen fĂŒr ein modernes Publikum zugĂ€nglicher zu machen, indem er den ErzĂ€hlstil und die Sprache an die heutige Zeit anpasste. Er wollte die zeitlose Bedeutung und die moralischen Botschaften der Menschen bewahren, aber gleichzeitig auch seinen eigenen, kĂŒnstlerischen Stil einbringen.

MĂ€rchen im Wandel der Zeit – Pullmans kreative NeuerzĂ€hlungen

Wie eingehend Philip Pullman sich mit den MĂ€rchen befasst hat, zeigt sich in mehreren Interviews und Artikeln, die er diesem Thema gewidmet hat. Hier versucht er, dem Wesen der MĂ€rchen auf den Grund zu gehen. Er setzt sich mit ihren Figuren, ihrem Tempo, ihrer Poesie und der Bildsprache auseinander. Dabei stellt er fest, dass MĂ€rchen nicht einfach Texte sind, die aufgeschrieben wurden und nun unverĂ€ndert so stehenbleiben wie die Werke großer Schriftsteller. Er meint, dass sich MĂ€rchen fortwĂ€hrend im Wandel befinden, sich durch die Jahrhunderte hinweg stĂ€ndig verĂ€ndert haben und verĂ€ndern werden.  Der Grund ist seiner Meinung nach, dass es mĂŒndlich ĂŒberlieferte Geschichten sind. Viele Details hĂ€ngen von der Befindlichkeit des ErzĂ€hlers, der ErzĂ€hlerin, ab. Pullman also schreibt die MĂ€rchen neu mit der Leitfrage im Kopf: „Wie wĂŒrde ich diese Geschichte erzĂ€hlen, wenn ich sie von jemand anderem gehört hĂ€tte und sie weitergeben wollte?“

Jeder MĂ€rchenerzĂ€hler, jede MĂ€rchenerzĂ€hlerin drĂŒckt den MĂ€rchen einen individuellen, unverwechselbaren Stempel auf.  So auch Philip Pullman. Er sieht sich in der Tradition von MĂ€rchenerzĂ€hler*innen wie Dorothea Viechmann, Otto Runge, Dortchen Wild und all den anderen, die den BrĂŒdern Grimm damals die MĂ€rchen erzĂ€hlt haben, um sie zu bewahren.

Logik und Dramaturgie – Die Quellenforschung

Insgesamt hat Philip Pullman eine Menge Arbeit in seine MĂ€rchensammlung investiert. Er las die Kinder- und HausmĂ€rchen in allen verschiedenen Auflagen und untersuchte ihre VerĂ€nderungen, er befasste sich mit ihren Quellen und wĂ€hlte fĂŒr seine NacherzĂ€hlung immer die seiner Meinung nach passendste Version aus. Er erklĂ€rt in den Anmerkungen zu „Grimm Tales: For Young and Old“, warum er gerade diese Versionen ausgewĂ€hlt hat, wie er versuchte, logische SchwĂ€chen auszugleichen und aus dramaturgischen GrĂŒnden kleine Details hinzufĂŒgte. Pullman hat jedes MĂ€rchen grĂŒndlich untersucht und dabei BezĂŒge zu anderen MĂ€rchen hergestellt. Er untersuchte Quellen und entdeckte manchmal sogar Logikfehler, die im Verlaufe der MĂ€rchenbearbeitung durch die BrĂŒder Grimm aufgetaucht sind. Auch hier beziehe ich mich wieder auf sein Buch „Grimm Tales: For Young and Old“. Seine Kommentare zu jedem einzelnen MĂ€rchen sind dort zwar recht knapp gehalten, aber dennoch Ă€ußerst informativ und interessant.

DenkanstĂ¶ĂŸe und VerĂ€nderungen – Tradition und Moderne

WĂ€hrend Philip Pullman die meisten MĂ€rchen unverĂ€ndert ließ und ihnen nur durch seinen ErzĂ€hlton eine eigene Note gab, fĂŒgte er an anderen Stellen kleine Verbesserungen hinzu. Beispielsweise gab er im MĂ€rchen „BrĂŒderchen und Schwesterchen“ dem Reh die Möglichkeit, an Stelle der Kinderfrau den König ĂŒber die böse Hexe aufzuklĂ€ren. Denn es ist fĂŒr ihn, und da stimme ich ihm zu, völlig unverstĂ€ndlich, warum dieses Reh keine andere Funktion mehr im zweiten Teil des MĂ€rchens ĂŒbernimmt. Im MĂ€rchen von Rapunzel griff er eine ursprĂŒngliche Nuance auf, indem er die Schwangerschaft der Hauptfigur wieder einfĂŒhrte. Pullman dachte auch ĂŒber die Rolle des Vaters im MĂ€rchen von HĂ€nsel und Gretel grĂŒndlich nach. Er versuchte, logische SchwĂ€chen auszugleichen und ergĂ€nzte aus dramaturgischen GrĂŒnden kleine Details. In einigen FĂ€llen entwickelte Pullman sogar alternative Versionen oder Lösungen fĂŒr die MĂ€rchen. Im MĂ€rchen „Allerleirau“ suchte er nach einer Möglichkeit, den Vater zu bestrafen, der sein Kind durch geplanten Missbrauch aus dem Palast trieb. Jedoch verĂ€nderte er das MĂ€rchen nicht direkt, sondern fĂŒgte seine Gedanken und Ideen in die Kommentare ein, um die Lesenden zum Nachdenken anzuregen.

So stellt er die MĂ€rchen auf den PrĂŒfstand, gibt moralische und philosophische DenkanstĂ¶ĂŸe und liefert Diskussionsstoff fĂŒr heutige Betrachtungs- und ErzĂ€hlweisen.

Philip Pullman – MĂ€rchenerzĂ€hler des 21. Jahrhunderts

Mit „Grimm Tales: For Young and Old“ hat Philip Pullman bewiesen, dass er nicht nur ein Meister der Fantasy-Literatur ist, sondern auch ein herausragender Interpret der Grimmschen MĂ€rchen. Pullmans grĂŒndliche Untersuchung und seine Ideen fĂŒr Verbesserungen oder alternative Versionen verleihen diesen MĂ€rchen eine neue Tiefe und regen dazu an, sie heute aus einer anderen Perspektive zu betrachten.

Philip Pullman hat mit seinem Werk einen wertvollen Beitrag zur MĂ€rchentradition geleistet und den Leser*innen die Möglichkeit gegeben, die Grimm’schen MĂ€rchen in einem neuen Licht zu sehen. Seine Interpretationen laden dazu ein, ĂŒber die moralischen, philosophischen und zeitlosen Botschaften der MĂ€rchen nachzudenken und sie in den heutigen Kontext zu ĂŒbertragen.

Quellen

Die Autorin

Kaja Paulan ist eine Autorin, die bereits als Kind ihre Liebe zum Schreiben entdeckte. Sie verbrachte Stunden damit, abenteuerliche und spannende Geschichten zu erfinden und in fantastischen Buchwelten zu versinken. Sie hat bereits mehrere Veröffentlichungen vorzuweisen, darunter den Fantasyroman „Ragnamar – Einbruch der DĂ€mmerung“.

Die Leidenschaft fĂŒr das ErzĂ€hlen von Geschichten begleitet sie auch in ihrer Arbeit als Grundschullehrerin. Kaja Paulan hat zwei erwachsene Kinder und wohnt mit ihrem Mann in der NĂ€he der Ostsee. Dort arbeitet sie unermĂŒdlich an weiteren Geschichten und Romanen.

Homepage: Kaja Paulan
Facebook: Kaja Paulan Autorin
Instagram: @kajapaulan_fantasy oder @kajapaulan_kinderbuch

NĂ€chste Woche erfahrt ihr noch mehr ĂŒber Kaja und Ragnamar, bleibt gespannt!

Anne/PoiSonPaiNter

Was passiert danach? – Eine Schreibaktion von Gipfelbasilisk

Heute stellt euch Gipflebasilisk in seinem MĂ€rchensommer Gastbeitrag eine sehr coole Aktion vor, die seit letztem Jahr thematisch auf den Sommer abgestimmt ist!

Das MĂ€rchensommer Banner zeigt eine Scherenschnitt-Fee, die Glitzer auf den verschnörkelten Schriftzug "MĂ€rchensommer" ĂŒber einem aufgeschlagenen Buch streut. Alles vor einer grĂŒnen Wiese neben einem Baum und Sonnenstrahlen im Hintergrund.

Was ist das, „Was passiert danach?“

Es ist ein monatlich stattfindender kleiner Schreibwettbewerb, bei dem die Freude am Schreiben vermittelt werden soll. Jeden Monat gibt es drei bis vier AnfĂ€nge + eine Sonderaufgabe. Die Teilnehmer*innen sollen sich im Idealfall von AnfĂ€ngen und Sonderaufgabe inspirieren lassen und dazu einen Text schreiben. Aber wie ich schon sagte, die Freude am Schreiben ist das, was mir wichtig ist zu vermitteln. Sprich, wenn euch meine Überschrift inspiriert, der Rest aber nicht interessiert, ist das vollkommen okay. Ich möchte mit diesem Projekt Menschen zum Schreiben ermutigen, den Spaß vermitteln.

Im September diesen Jahres wird das „Was passiert danach?“ Drei Jahre alt. Was bedeutet, es gab 36 Aufgabenstellungen, von denen fĂŒnf ein MĂ€rchenthema hatten.

Das „Was passiert danach?“ nimmt in diesem Jahr zum zweiten Mal am MĂ€rchensommer teil.

MĂ€rchen im „Was passiert danach?“

MĂ€rchen haben mich schon immer fasziniert. Sie waren auch schon immer Teil meines Twitch-Kanals und im ersten Wpd? Jahr (ein Wpd? Jahr beginnt im September) hatten wir im Januar 2020 den MĂ€rchenadaptionsmonat.

Ich war zu diesem Zeitpunkt noch neu auf Twitch und hatte nur wenige Zuschauer*innen. Zu dem Zeitpunkt hatte auch nur Chaotisch_Aber_Liebenswert und ich am „Was passiert danach?“ teilgenommen. Es gab auch noch keine Gewinne und nur einen Anfang in diesem Fall ein MĂ€rchen: Rumpelstilzchen.

Ich kann mich an Chaotisch_Aber_Liebenswerts Geschichte noch hervorragend erinnern, sie hatte ihre Adaption in die Moderne gezogen und Influencer-Marketing als Thema gesetzt.

Zitat: »Heute feil ich, morgen peel ich,
ĂŒbermorgen bin ich die berĂŒhmteste der Welt;
Ach, wie gut ist, dass niemand weiß,
dass ich Stella Kuppström heiß!«

Ich weiß noch, wie ĂŒberrascht ich war, als ich den Text das erste Mal las, und habe mich ĂŒber die Reaktionen im Chat sehr gefreut, denn ich find’ die Idee und den Witz des Textes recht gelungen. An meine eigene Adaption erinnerte ich mich gar nicht. Ich musste sie fĂŒr diesen Text nachlesen. Offen gestanden, weiß ich, warum ich sie verdrĂ€ngt hatte, ich finde sie nicht sonderlich gelungen. Ich habe mich mit dem Namen vom Rumpelstilzchen auseinandergesetzt, genauer gesagt mit dem Umstand, dass der Name Macht ĂŒber das kleine Wesen hat.

Im Februar 2022 kehrte das: „Was passiert danach?“ mit dem Thema MĂ€rchenadaption zurĂŒck. Der goldene SchlĂŒssel, Der Froschkönig und Rapunzel standen zur Wahl. Als Sonderaufgabe sollte ein LGBTQIA+ Aspekt in die Geschichte eingebaut werden.

Es gab vier Einsendungen, zwei zum goldenen SchlĂŒssel und zwei zum Froschkönig. Auch hier wurden die Geschichten zum Teil modern, zum Teil mit VerĂ€nderungen, aber in alter Zeit erzĂ€hlt.

Ich habe zugegebenermaßen mir diese Aufgabe mit ebendiesen MĂ€rchen gewĂŒnscht, weil mich schon immer genervt hat, dass der Froschkönig am Ende die Prinzessin heiratet, obwohl die ihn schlecht behandelt hat. Weshalb in meiner Variante der Froschprinz am Ende den eisernen Heinrich geheiratet hat. Ich finde, gerade bei diesem MĂ€rchen bot sich die Gay-Romance an, weil der eiserne Heinrich, als hingebungsvoller Diener schon im OriginalmĂ€rchen angelegt ist. Warum, wenn er ihn nicht wirklich innig liebt, sollte er sich eiserne Bande ums Herzen legen lassen? Es war auch mein zweites Jahr auf Twitch, ich habe sehr viel gelernt und sehr viel in der Zeit geschrieben und bin wesentlich zufriedener mit diesem Text, als mit meiner ersten MĂ€rchenadaption.

Im Juni und Juli 2022 gab es dann im Rahmen des MĂ€rchensommers zwei weitere mĂ€rchenhafte Themen. Im Juni innerhalb der Sonderaufgabe, man sollte seinem Text einen mĂ€rchenhaften Aspekt beimischen, das konnte mehr oder weniger direkt umgesetzt werden und im Juli, dienten MĂ€rchenlieder als Inspiration fĂŒr den Text. Im Juni gab es sechs und im Juli fĂŒnf Texte. In beiden Monaten erinnere ich mich sehr an die Texte von Palandurwen, die in beiden Texten mĂ€rchenhafte Motive eingebaut hatte, aber es geschafft hat, schwierige Themen in ihren Geschichten zu verarbeiten.

Die Teilnehmer*innen gehen die Aufgabenstellungen sehr unterschiedlich an. Am „Was passiert danach?“ im Allgemeinen, aber insbesondere bei den MĂ€rchenthemen, finde ich, merkt man erst wie unterschiedlich. Wir alle kennen die MĂ€rchen, wir interpretieren sie oft aber völlig unterschiedlich, je nach individueller Wahrnehmung. Jede schreibende Person hat einen anderen Blick und gewichtet die Themen innerhalb des Textes unterschiedlich. Ich glaube, gerade hier zeigt sich, dass obwohl wir alle denselben Startpunkt haben, sehr unterschiedliche Texte am Ende entstehen.

Das ist das, was mich nach wie vor an diesem Projekt fasziniert und weswegen ich es seit fast drei Jahren jeden Monat durchfĂŒhre.

Im Juli 2023 haben wir nun erneut eine Aufgabe zum Thema MĂ€rchenadaption. Zur Auswahl stehen drei Klassiker der BrĂŒder Grimm: Frau Holle, Sneewittchen und Die Wassernix. Die Sonderaufgabe fordert, sich mit dem Thema Gut gegen Böse auseinanderzusetzen und der damit einhergehenden schwarz/weiß Malerei. Es geht darum, ebendiese aufzubrechen. Stellt euch die Frage, was wĂ€re, wenn die böse Königin aus Sneewittchen einen triftigen Grund außer Eitelkeit gehabt hĂ€tte, so zu handeln. Was wĂ€re, wenn es gar keine wirklich bösen Charaktere in einem diesen MĂ€rchen geben wĂŒrde und alle grau wĂ€ren?

Hier geht es zur Aufgabe – bis 26.07. könnt ihr eure Texte noch einreichen!

Ich freue mich schon sehr auf eure Interpretationen dieser klassischen MĂ€rchen.

(Alle angesprochenen Texte findet ihr hier)

Der Gastautor

Gipfelbasilisk wurde in Hannover geboren und verbrachte seine Jugend in Langenhagen. Der Liebe wegen zog es ihn in den Harz, wo er seit 2011 zusammen mit seinem Mann in einem 300 Jahre alten Haus wohnt. Er liebt den Harz, die Natur und seinen verwilderten Garten. Sein BĂŒcherregal wird von den Genres Horror und Fantasy dominiert. Wenn er nicht gerade schreibt, streamt er regelmĂ€ĂŸig auf Twitch als Gipfelbasilisk. Im Sommer 2023 wird sein erster Roman: Die Myzelchroniken ein High Fantasy Abenteuer erscheinen.

Website: https://gipfelbasilisk.de/
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Anne/PoiSonPaiNter

Antisemitismus in MĂ€rchen

Heute widmet sich Rachel in ihrem MĂ€rchensommer Gastbeitrag einem Thema, dass, wenn es um MĂ€rchen geht, hĂ€ufig verschwiegen wird. Dennoch bildet genau das die Grundlage fĂŒr so viele Anwendungen in modernen Medien.

Das MĂ€rchensommer Banner zeigt eine Scherenschnitt-Fee, die Glitzer auf den verschnörkelten Schriftzug "MĂ€rchensommer" ĂŒber einem aufgeschlagenen Buch streut. Alles vor einer grĂŒnen Wiese neben einem Baum und Sonnenstrahlen im Hintergrund.

Antisemitismus in MĂ€rchen

2017 hat Eva-Maria Obermann uns schon etwas ĂŒber die MĂ€r fĂŒrs Volk erzĂ€hlt, doch was ist ĂŒberhaupt Folklore?

Laut Wikipedia:

Die Folklore (von englisch folk „Volk“, und lore „Überlieferung“ oder „Wissen“) ist der sichtbare Ausdruck des immateriellen kulturellen Erbes einer ethnischen oder religiösen Gemeinschaft. Sie umfasst althergebrachte Traditionen des Volkes und beruht auf generationsĂŒbergreifender Überlieferung, die in mĂŒndlicher, unter UmstĂ€nden aber auch schon seit geraumer Zeit schriftlich oder bildlich fixierter Form vorliegen kann.

Folklore geht oftmals auch mit Nationalismus und dem Genre der Romantik einher. Daraus entstand im 18. Jahrhundert die Mischbewegung des romantischen Nationalismus, das als Antwort auf diverse politische Krisen. Ein gutes Beispiel ist die Französische Revolution. Religiöse Strukturen wurden massiv geschwĂ€cht, viele Technologische Fortschritte standen an einen Wendepunkt, dies in Kombination mit den politischen Ereignissen stĂŒrzte die Bevölkerung in eine tiefe IdentitĂ€tskrise. Um dem entgegen zu wirken und eine neue nationale IdentitĂ€t aufzubauen, haben einzelne LĂ€nder Heilung in einem gemeinsamen Erbe gesucht. Kultur umfasste Sprache, Geografie, Politik und Geschichte und erlaubte dem Nationalismus Fuß zu fassen.

Romantik, deren Hauptinhalte die Liebe zur Folklore, Mystik und Erhabenheit sind, ließ sich sehr gut mit den Konzepten des Nationalismus vereinen und somit wurde die Romantik das Mittel der Wahl um Nationalismus in die Gesellschaft einzufĂŒhren. So wurden z.B. in Deutschland nach der Napoleonischen Invasion, Herder dessen Ideen zur Nationsgestaltung und die Werke der BrĂŒder Grimm miteinander verschmolzen um so der Gesellschaft eine nationale IdentitĂ€t wiederzugeben.

So hatten die Nazis im 3. Reich die Geschichten der BrĂŒder Grimm instrumentalisiert und umgeschrieben, sodass ~der Jude~ jeder einzelne Bösewicht war. ~Der Jude~ wurde die böse Stiefmutter, das Monster im Wald, der Untermensch, der von Gold besessene Kobold. So wurde z.B. RotkĂ€ppchen zum unschuldigen deutschen MĂ€dchen, das dem großen jĂŒdischen Wolf zum Opfer fiel u.v.m.. So geschah es auch mit anderen Folklore Werken. Sie haben vor allem mĂŒndliche Folklore in Form von MĂ€rchen, Legenden, Witten und Sprichwörtern verwendet um „zu beweisen, dass der gesunde Menschenverstand schon lange all die negativen Eigenschaften des Juden erkannt haben.“ (Steven K. Baum, Psychologe) Antisemitismus und Folklore haben aber ein Tandem miteinander entwickelt, schon 2000 Jahre bevor Hitler ĂŒberhaupt geboren wurde. Die Nazis haben hier also nicht Sachen aus dem nichts erfunden, sondern sie einfach weiter auf die Spitze getrieben.

In der Romantik wurde z.B. das Stereotyp des wandernden Juden weiter verstĂ€rkt. Dieses Stereotyp, das schon seit dem 13. Jahrhundert existiert, stellt den Juden als ein unsterbliches Wesen da, das dazu verdammt ist auf ewig in der Welt „umherzuwandern“ als Strafe fĂŒrs verhöhnen Jesu vor seiner Kreuzigung. Es wird davon ausgegangen, dass diese Legende ihren Ursprung im Johannes Evangelium hat (18:20-22) wo von einem Beamten berichtet wird, der Jesus geschlagen haben soll. Dieses Stereotyp erlebte im Deutschland des Jahres 1602 ein Revival. Er wurde auf Pamphlete gedruckt, die in der Bevölkerung große Beliebtheit fanden und antisemitische Unruhen weiter vorantrieben und wurde spĂ€ter von Dichtern der Romantik als sehr beliebter Trope verwendet.

Auch die Darstellung spezifischer MĂ€rchengestalten, bediente sich einer Vielzahl antisemitischer Stereotype. Wie wird die klassische Hexe in einem MĂ€rchen oder Kinderbuch portraitiert? Meistens hat sie eine lange Hakennase, ist gierig, hat einen enormen Appetit auf Kinder … Klingelt da was? Lange Hakennasen, gierig, opfert Kinder…..u get it? So wurden auch JĂŒdinnen*Juden dargestellt. Ritualmord an Kindern inklusive. Als die Hexenverfolgung im Mittelalter Fahrt aufnahm, fielen auch viele jĂŒdische Menschen dem zum Opfer. Hexen wurden als Teufelsanbeter*innen angesehen und jĂŒdische Menschen, waren der Teufel selbst. Dieser galt als enorm verfĂŒhrerisch, ĂŒbermĂ€ĂŸig sexuell und zudem auch den christlichen Menschen ĂŒberlegen. Auch die Bezeichnungen fĂŒr die Hexenversammlungen waren deutlich antisemitisch markiert. Es wurde von einem ‚Hexensabbat‘ und zuvor von ‚Hexensynagogen‘ gesprochen.

Im Endeffekt waren die Hexenverfolgungen stark davon motiviert, die „Ketzer“ zu entlarven und wir alle wissen, dass das lediglich ein Synonym fĂŒr „nicht-christlich“ ist – und wer war offen nicht-christlich? Bingo! JĂŒdinnen*Juden!

Ich hatte ja auch einen Thread zu Antisemitismus in der Folklore und Romantik geschrieben, da findet ihr nochmal mehr Beispiele, aber der antisemitische Dreisatz:

  • Lange Hakennase
  • Geldgier
  • Ritualmord an Kindern

bewĂ€hrte sich anschließend oft, wie in Roald Dahls „Hexen Hexen„.

Die Gastautorin

Rachel, 27 Jahre aus Köln, ist jĂŒdische Buchbloggerin & Buchtuberin, die sich desweiteren auch als Aktivistin gegen Antisemitismus und fĂŒr jĂŒdischen Leben einsetzt.

Twitter: @livenitup_de
Instagram: @livenitup_de

Anne/Poisonpainter

Hans Christian Andersen – Zwischen Armut, Ruhm und Phobien

Na, habt ihr schon den Weg durch die MĂ€rchenrallye gefunden?

Heute starten wir mit dem ersten Gastbeitrag dieses MĂ€rchensommers. Bisher haben wir uns ja recht hĂ€ufig mit den BrĂŒder Grimm beschĂ€ftigt. Mit diesem Gastbeitrag von Carola KĂ€pernick von der Textgemeinschaft widmen wir uns dem wohl berĂŒhmtesten Autoren von KunstmĂ€rchen: Hans Christian Andersen.

Das MĂ€rchensommer Banner zeigt eine Scherenschnitt-Fee, die Glitzer auf den verschnörkelten Schriftzug "MĂ€rchensommer" ĂŒber einem aufgeschlagenen Buch streut. Alles vor einer grĂŒnen Wiese neben einem Baum und Sonnenstrahlen im Hintergrund.

Hans Christian Andersen – Zwischen Armut, Ruhm und Phobien

In dem Fall des Dichters Hans Christian Andersen trifft das Sprichwort „Eigenlob stinkt“ wohl nicht so gut zu. Sicherlich war er ein begnadeter Schriftsteller, doch er beschĂŒttete sich nicht mit Eigenlob – auch, wenn er es aufgrund der Bekanntheit und der Beliebtheit seiner Werke durchaus verdient hĂ€tte. Die breite Öffentlichkeit kennt ihn als Verfasser verschiedener KunstmĂ€rchen, doch er schrieb auch in anderen Genren, was zu seinem eigenen Verdruss aber nur wenige Menschen wahrnahmen. Auch heute ist es vielen unbekannt.

Aus Hans Christian Andersens insgesamt MĂ€rchen sind vor allem diese bekannt:

  • Das hĂ€ssliche Entlein,
  • Die Prinzessin auf der Erbse,
  • DĂ€umelinchen,
  • Die kleine Meerjungfrau
  • Des Kaisers neuen Kleider
  • Die Schneekönigin
  • Das MĂ€dchen mit den Schwefelhölzern

Aber er schrieb auch sechs Romane, sieben ReisebĂŒcher, 46 TheaterstĂŒcke und 1000 Gedichte. Er wollte auf keinen Fall das Bild des „harmlosen Idyllikers“ verkörpern, sondern von den Menschen ernstgenommen werden. Erst acht Jahre, nachdem seine ersten MĂ€rchen erschienen sind, fand er sich damit ab, als Dichter fĂŒr Kinder berĂŒhmt geworden zu sein.

Doch, wer war Hans Christian Andersen ĂŒberhaupt? Was wissen wir ĂŒber den Schriftsteller, der so viele schöne KunstmĂ€rchen geschrieben hat und somit eine echte Konkurrenz fĂŒr die GebrĂŒder Grimm darstellt?

Hans Christian Andersen – eine kleine Biographie

Hans Christian Andersen erblickte am 2. April 1805 in Odense, DĂ€nemark als das Kind eines Schuhmachers und einer WĂ€scherin das Licht der Welt. Weder seine Mutter noch sein Vater verdienten viel Geld, weshalb er in Armut groß wurde und die Eltern so wenig Geld zur VerfĂŒgung hatten, dass es ihnen schwerfiel ihrem Sohn einen Besuch in der Schule zu ermöglichen.

Das soll nun keine Steilvorlage fĂŒr Kinder sein, die Andersen als Beispiel nutzen, um ihre Aussage zu unterstreichen, dass man auch ohne Schulbesuch berĂŒhmt und reich werden kann. Zwar mag das auf ihn zutreffen, doch das Leben in Armut war fĂŒr ihn kein Zuckerschlecken.

Hintergrundwissen: In dem MĂ€rchen „Das hĂ€ssliche Entlein“ reflektiert Hans Christian Andersen seine eigenen GefĂŒhle sich selbst und seines Erscheinungsbildes gegenĂŒber. Als Junge war er aufgrund seiner Optik und seiner recht hohen Stimme oft Opfer von Mobbing.

Mit nur 14 Jahren verlor Hans Christian Andersen seinen Vater, was nicht nur emotional einen großen Einschnitt in seinem Leben darstellte. Er zog in die dĂ€nische Hauptstadt Kopenhagen und arbeitete dort als Schauspieler in einem Theater. In diesem Zusammenhang fĂŒhrte er auch eigene verfasste Texte auf, die die Menschen ansprachen, sodass die Menschen schnell das große Talent erkannten, das in ihm steckte.

Der Direktor des königlichen Theaters nahm Andersen auf und ließ ihn sogar bei sich wohnen. Dank seiner Hilfe besuchte er nach der Lateinschule spĂ€ter auch die UniversitĂ€t und schrieb weiterhin eigene Texte. Seine Werke gibt es heute in mehr als 120 Sprachen. Doch auch Andersen selbst kam viel in den Kontakt mit anderen LĂ€ndern, da er ab dem Jahr 1831 leidenschaftlich gerne reiste und sich so oft, wie es ihm möglich war, in andere LĂ€nder begab. In diesem Zusammenhang verbrachte er auch einige Zeit in Deutschland.

Hintergrundwissen: Dass viele der MĂ€rchen, die Hans Christian Andersen verfasste mit einer augenscheinlich aussichtslosen und schlechten Situation der Protagonisten starten, kommt nicht von ungefĂ€hr. Der Schriftsteller verarbeitete in den Geschichten seine persönlichen Traumata, wie die Kindheit in Armut und den Tod des Vaters. 

Hans Christian Andersen heiratete nie und hat auch keine Kinder bekommen, wobei diese beiden Aspekte fĂŒr ihn keine zwingenden Bestandteile eines Happy Ends darstellten – zumindest nicht fĂŒr sein eigenes Leben. Denn in seiner spĂ€teren Autobiographie schrieb er Folgendes: „Mein Leben ist ein hĂŒbsches MĂ€rchen, so reich und glĂŒcklich.“

In dem Alter von 70 Jahren starb Andersen am 4. August 1875 an Leberkrebs und hinterließ der Welt viele schöne Werke, die Kinder und Erwachsene in vielen LĂ€ndern auch heute noch in ihren Bann ziehen, aber auch Kritiker finden, die in MĂ€rchen nur von wahrwerdenden TrĂ€umen lesen möchten.

Hintergrundwissen: Obwohl er selbst sein Leben als hĂŒbsches MĂ€rchen, reich und glĂŒcklich beschreibt, litt Hans Christian Andersen sein ganzes Leben lang unter vielen Phobien. So hatte er unter anderem Angst vor Hunden und aß kein Schweinefleisch, weil er Angst vor dem Parasiten „Trichinae“ hatte, der in Schweinefleisch vorkommen kann. Eine seiner grĂ¶ĂŸten Phobien war es allerdings fĂ€lschlicherweise fĂŒr Tod erklĂ€rt und lebendig begraben zu werden. Aus diesem Grund schrieb er jeden Abend, bevor er zu Bett ging einen Zettel auf dem er festhielt: „Ich scheine nur tot zu sein“, um sicher zu gehen, nicht lebendig begraben zu werden.

Wer einmal in die eigenen Kindheitserinnerungen zurĂŒckreist wird sich bestimmt an eines oder auch mehrere MĂ€rchen des beliebten Schriftstellers zurĂŒckerinnern. Nicht nur Hans Christian Andersens Leben selbst war also ein hĂŒbsches MĂ€rchen, sondern auch seine MĂ€rchen selbst verzaubern vielen Kindern das Leben und bescheren ihnen ganz besondere Momente. Nicht zuletzt aus diesem Grund gilt Andersen in seinem Heimatland DĂ€nemark als „national treasure“ – also als „Schatz der Nation“.

Zu Ehren von Hans Christian Andersen:

  • feiern wir immer am 2. April (dem Geburtstag des beliebten Schriftstellers) den internationalen Kinderbuchtag.
  • ließ die dĂ€nische Regierung damals eine Statue fĂŒr ihn bauen, die sich im Königsgarten in Kopenhagen wiederfindet. Andersen konnte diese noch zu Gesicht bekommen, starb jedoch vier Monate spĂ€ter, nachdem sie zu Ehren seines 70. Geburtstags aufgestellt wurde.
  • kann man sich heute sein Geburtshaus in Odense ansehen.
  • gibt es an der Langelinje SeebrĂŒcke eine Statue von der kleinen Meerjungfrau, die in der Originalfassung im ĂŒbrigen weitaus grausamer ist und kein Happy End findet, wie wir das von der heute bekannten und beliebten Filmadaption gewöhnt sind.

Die Gastautorin

Geboren im Februar 1969, lebt Carola KĂ€pernick in SĂŒdbaden. Sie betreibt die Textgemeinschaft als Herzensprojekt und sieht sich als Netzwerkerin fĂŒr Autor:innen. Zudem schreibt sie eigene BĂŒcher in verschiedenen Genren von der Romanze bis zum Krimi. MĂ€rchen liebt sie und hat mit einer ihrer Anthologieausschreibungen auch MĂ€rchen fĂŒr Erwachsene von verschiedenen Autor:innen gesammelt und herausgegeben (FrĂŒhlingserwachen im MĂ€rchenwald, dass diesen Sommer auch wieder einer der Preise ist).

Homepage: Carola KĂ€pernick
Twitter: @Textgemeinscha1

Wie die MĂ€rchen in die Rap-Songs kamen …

Read in English

In den letzten MĂ€rchensommern hat Hannes Laumeier sich mit Sprache (MĂ€r vom Chen, Einfluss der BrĂŒder Grimm auf die deutsche Sprache) und Adaptionen im Japanischen beschĂ€ftigt. Diesmal geht er wieder einen neuen Weg und nimmt uns mit in die Texte seines Lieblings-Rappers.

Das MĂ€rchensommer Banner zeigt eine Scherenschnitt-Fee, die Glitzer auf den verschnörkelten Schriftzug "MĂ€rchensommer" ĂŒber einem aufgeschlagenen Buch streut. Alles vor einer grĂŒnen Wiese neben einem Baum und Sonnenstrahlen im Hintergrund.

Teilnehmerin der ersten Stunde, reiht sich Anne Danck nun in die Reihen der MÀrchensommer Gastbeitragschreiber:innen ein und erzÀhlt euch ein bisschen was zu verschiedenen MÀrchenadaptionen.

Das MĂ€rchen von Marshall Mathers

Wenn ich an MĂ€rchen denke, habe ich zuerst Disney-Filme vor Augen, manche habe ich gesehen und manche nicht. Dann kommen mir die BrĂŒder Grimm in den Sinn, gelesen habe ich ihre AusfĂŒhrungen meist nicht oder vielleicht doch. NatĂŒrlich gibt es 1001 Weg, MĂ€rchen zu erleben, doch das Interessante ist: Selbst wer sie nicht aktiv aufsucht, kennt eine Handvoll genug um Referenzen zu verstehen. MĂ€rchen schlagen tiefe Wurzeln in unsere Kultur.

Es sollte daher nicht ĂŒberraschen, dass MĂ€rchen nicht nur in Disney-Filmen sondern auch in Fernsehserien auftauchen, dass sie fĂŒr Kinder aufbereitet werden aber auch in Erwachsenenunterhaltung vorkommen. Es gibt sie in BĂŒchern und im Theater und in Comics und in der Musik.

Beispielsweise: Eminem. Der erste Gedanken bei diesem KĂŒnstlername ist sicherlich Rapper, manche glauben zu wissen, dass er frauen- und schwulenfeindliche Lieder schreibt (darĂŒber kann man streiten) und vielleicht finden sie ihn lustig oder eklig oder inspirierend – je nachdem welches Lied gerade aus den Kopfhörern tönt. Lose Yourself lautet das Motto.

Was nicht jeder sofort sieht, Eminem ist ein ziemlicher Nerd, nicht nur was Hip Hop angeht sondern auch die typischen Dinge des Nerdtums wie Comics und Videospiele. In seinen Liedern finden sich dazu stÀndig Referenzen.

„So you’ll be Thor, I’ll be Odin
You rodent, I’m omnipotent“
(Tr.: Also wirst du Thor sein, und ich werde Odin sein. Du ein Nagetier, ich allmÀchtig)

(Rap God, Marshall Mathers LP 2)

Im Zuge der Comic-Verfilmungen von Marvel wissen nun auch viele nicht-Comicleser, dass es die nordischen Götter in eben diesem Medium gibt. So kann Eminem hier eine schnelle Referenz zum Allvater Odin aufbauen und seine eigene Überlegenheit hervorheben. Eminem als Allvater des Hip Hop, als Gott der Dichtung und des Kampfes – zwei wichtige Zutaten des Battleraps, aus dessen Szene Eminem einst hervortrat und in dessen Geist er heute noch an seine Kunst herangeht. Rap God ist, wie der Titel des Liedes bereits verrĂ€t, eine hyperbolische Prahlerei seiner FĂ€higkeiten und Erfolge im Rap. Unter anderem ausgewiesen durch den Fast Rap im dritten Vers, wo er stellenweise 4 Wörter pro Sekunde rappt.

Von den nordischen Göttern ist es nicht weit zu europÀischen MÀrchen, Legenden und anderen Mythen, die in der westlichen KultursphÀre weit verbreitet sind. Im gleichen Song kommt diese Zeile vor:

„And I don’t know what the fuck that you rhyme for
You’re pointless as Rapunzel with fuckin‘ cornrows“
(Tr.: Und ich weiß nicht, wozu zur Hölle du reimst. Du bist sinnlos wie Rapunzel mit verdammten Cornrows)

(Rap God, Marshall Mathers LP 2)

Rapunzel ist fĂŒr ihr sehr langes, wallendes Haar bekannt und dies wird hĂ€ufig offen oder in einem einfachen Zopf dargestellt. Cornrows bezeichnet eine Flechtfrisur, die aus Afrika stammt und zum Markenzeichen hat, dass die Zöpfe sehr eng an der Haut anliegen – also nichts mit Wallen. Der schnelle Hinweis auf die beiden Haartraditionen und ihre gegensĂ€tzlichen Herangehensweisen werden damit zum Sinnbild der Inkompetenz des GegenĂŒbers.

Aber Eminem nutzt Referenzen auf MĂ€rchen nicht nur, um sich ĂŒber sich selbst zu prahlen, sondern auch um seine Lebensgeschichte prĂ€zise zusammenzufassen. Seine Lebensgeschichte kann anderen als Inspiration dienen.

„turn nothin‘ into somethin‘, still can make that
Straw into gold, chump, I will spin—Rumpelstiltskin in a haystack“
(Tr.: wandel nichts in etwas um, trotzdem kann ich das Stroh zu Gold machen, Trottel, ich werde spinnen – Rumpelstilzchen in einem Heuhaufen)

(Monster ft. Rihanna, Marshall Mathers LP 2)

Aus Stroh Gold spinnen, aus dem Nichts etwas Erschaffen ist im Grunde genau das, was Eminem mit seinem Leben getan hat. Ihm waren nicht viele Möglichkeiten auf den Weg gegeben, sich eine Karriere aufzubauen und in seinem Leben erfolgreich zu sein. Man kennt die Geschichte vielleicht: alleinerziehende Mutter, auf Sozialhilfe angewiesen, Schulabbrecher; dazu noch die Spannung wie er als Weißer in einer Musikrichtung von und fĂŒr Schwarze Fuß fassen will. Geschafft hat er es dennoch, trotz der widrigen UmstĂ€nde – aus dem Stroh hat er eine der langlebigsten und erfolgreichsten Karrieren im Hip-Hop geschaffen.

Ein letztes Beispiel, wie eine kĂŒnstlerische Umformung von MĂ€rchen und Sprichwörtern neuen und personalisierten Sinn gibt.

„Unicorn in human form, saw a gift horse
Looked him dead in the mouth“
(Tr.: Einhorn in Menschengestalt, sah einen geschenkten Gaul und sah ihm direkt ins Maul)

(Lord Above ft Mary J. Blige & Eminem, Family Ties von Fat Joe & Dr. Dre)

Bekannt sind Einhörner als weiße, meist pferdeĂ€hnliche Wesen mit einem Horn auf der Stirn. Ein mĂ€rchenhaftes Wesen als Vergleich zu seinem mĂ€rchenhaften Leben. Einhörner sind magisch aber auch wild, das gleiche lĂ€sst sich leicht ĂŒber seine Lieder sagen. Seine Gabe, Wörter in komplexe Reime zu verpacken, wird von vielen Meistern des Genres hochgelobt. Gleichzeitig umgeben ihn immer wieder Kontroversen bezĂŒglich seiner Texte, ĂŒber vermeintliche frauen- und schwulenfeindliche Äußerungen, die blutrĂŒnstigen Horror-Elemente und die Verherrlichung von Drogen, ganz abgesehen von all dem Fluchen. Aber statt, dass ihn harsche Kritik zĂ€hmt, macht er unbeirrbar weiter.

Die Abwandlung des auch im Englischen vorkommenden Sprichworts: einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul, spielt auf sein schwieriges VerhÀltnis mit Ruhm an. Seine FÀhigkeiten im Rap sind ihm sowohl Segen als auch Fluch manchmal, ein wiederkehrendes Thema in seiner Musik.

Es zeigt sich also, Referenzen auf MĂ€rchen, Legen und Mythen sind nicht nur althergebrachte Elemente des westlichen Kulturkreises, sie können noch heute produktiv eingesetzt werden. Auch in einer Kunstform, die man nicht sofort mit den BrĂŒdern Grimm assoziiert.

Der Gastautor:

In Greifswald studierte Hannes Laumeier Sprachwissenschaft und trat mit dem Autorenverein GUStAV zu Lesungen auf. Das Publikum lachte, weinte und staunte mit seinen Kurzgeschichten. Er schreibt von Problemen der Liebe und des Alltags, von Mythen, Magie und Tod, von fremden Kulturen und Sprachen. Sein Lieblingszitat ist: „Habe keine Angst vor der Perfektion: du wirst sie nie erreichen.“ (Salvador Dalí)

Homepage: Tintenlöwe
Twitter: @Ingenius11


Lies auf Deutsch

During the last MĂ€rchensommers (Fairy Tale Summrs) Hannes Laumeier talked about language (Tale of Chen, Influence of the Brothers Grimm on German) and about adaptions in Japanese. This time he takes a new route and takes a closer look at the lyrics of his favourite rapper.

Das MĂ€rchensommer Banner zeigt eine Scherenschnitt-Fee, die Glitzer auf den verschnörkelten Schriftzug "MĂ€rchensommer" ĂŒber einem aufgeschlagenen Buch streut. Alles vor einer grĂŒnen Wiese neben einem Baum und Sonnenstrahlen im Hintergrund.

The Eminem Tale

When I think about fairy tales, I think about Disney movies first, some I watched and some I haven’t. Second thought goes to Brothers Grimm, which I probably haven’t read or maybe I did. Of course there are 1001 ways to consume fairy tales, but the interesting thing is: Even if we don’t engage with them actively, we know about a handful well enough to understand references. Fairy tales have deep roots in our culture.

It’s then unsurprising, that fairy tales don’t only appear in Disney movies but also in TV shows, they are sanitized for children to enjoy but are also part in more adult content. They are present in books and in theaters, in comics and in music.

Case and point: Eminem. Your first thought reading that name probably is: rapper, some think he writes misogynistic and homophobic song (which is debatable), but some might find him funny or disgusting or inspiring – depends entirely on the song you’re listing to. Lose yourself in the music.

What you might not know is that Eminem is quite the nerd, not just all things hip hop, but also about rather typical aspects of nerd culture like comic books and video games. In his songs are numerous references to this.

„So you’ll be Thor, I’ll be Odin
You rodent, I’m omnipotent“

(Rap God, Marshall Mathers LP 2)

Now with all of Marvel’s movies even people without much knowledge about comic books know, that the nordic gods are very well present in this medium. So, Eminem can throw a quick line about allfather Odin to show his own superiority. Eminem as the allfather of hip hop, as the god of poetry and battle – two important pieces of competitive rap, which is where Eminem comes from and how he still views his work. Rap God, as the title implies, is a hyperbolic bravado about his skills and success in rap. Not the least exemplified by the fast rap in the third verse, when he gets as fast as four words per second.

Close to the nordic pantheon are European fairy tales, legends and myths, which are common in Western culture. In the same song we hear this line:

„And I don’t know what the fuck that you rhyme for
You’re pointless as Rapunzel with fuckin‘ cornrows“

(Rap God, Marshall Mathers LP 2)

Rapunzel is widely known for her very long and flowy hair, often depicted open or in a simple pigtail. Cornrows describe a hair tradition from Africa, in which the hair is braided very close to the scalp – the opposite of flowy. This quick juxtaposition of hair traditions highlights the opposing strategies and the mix of them signifies the incompetence of Eminem’s opponent.

But he uses references to fairy tales not just to overtly brag about himself, but also to concisely sum up his life’s story. A life story that shall inspire the listener.

„turn nothin‘ into somethin‘, still can make that
Straw into gold, chump, I will spin—Rumpelstiltskin in a haystack“

(Monster ft. Rihanna, Marshall Mathers LP 2)

Make straw into gold, make something out of nothing is precisely what Eminem did with his life. He didn’t have many opportunities growing up to build himself a better life or a career. You heard the story before: single mom, dependent on welfare, high school drop-out. On top of that, the tension of him, a white guy, wanting to be a respected part of a music genre made by and for Black people. Nevertheless, he succeeded despite all adversity – from straw he made one of the long-lasting and most successful careers in hip hop.

A last example of how art can reshape fairy tales and proverbs into a new and personalized truth.

„Unicorn in human form, saw a gift horse
Looked him dead in the mouth“

(Lord Above ft Mary J. Blige & Eminem, Family Ties von Fat Joe & Dr. Dre)

Basic knowledge about unicorns is that they are white, horse-like creatures with a horn on their head. A legendary creature to compare a legendary life. Unicorns are magic but also wild, the same can be said about his music. His skill to put words into complex rhyme schemes is broadly praised but other masters of the craft. At the same time, Eminem is surrounded by controversy: His songs are often perceived as misogynistic and homophobic, the horror elements are often too bloodthirsty and there’s some glorification of drug use; also all the cursing. But the harsh critic never tamed him, instead he raps on single-mindedly.

The modification of the proverb: never look a gift horse in the mouth, alludes to the difficult relationship he has with fame. His skills sometimes feel like a gift but also like a curse, a recurring motive in his songs.

Although fairy tales, legends and myths are old and traditional elements of Western culture, they are still productive pieces of our shared imagination. Equally so in an art form one may not readily associate with the Brothers Grimm.

The Guest-Author:

Hannes Laumeier studied linguistics in Greifswald and performed readings with the author association GUStAV. The audience laughed, cried and marveled at his short stories. He writes about the problems of Love and everyday life, about myths, magic and death, about foreign cultures and language. His favourite quote is: „Don’t fear perfection: You will never reach it.“ (Salvador Dalí)

Homepage: Tintenlöwe
Twitter: @Ingenius11

Anne/Poisonpainter

Tiere im MĂ€rchen

Im heutigen MÀrchensommer Gastbeitrag erzÀhlt uns Christina Löw ein bisschen was zu Tieren in MÀrchen, besonders ihren eigenen beiden.

Das MĂ€rchensommer Banner zeigt eine Scherenschnitt-Fee, die Glitzer auf den verschnörkelten Schriftzug "MĂ€rchensommer" ĂŒber einem aufgeschlagenen Buch streut. Alles vor einer grĂŒnen Wiese neben einem Baum und Sonnenstrahlen im Hintergrund.

– und wo sie in meinen Adaptionen zu finden sind

Beim Thema »Tiere im MĂ€rchen« fallen den meisten sicherlich einige ganz bekannte Vertreter:innen ein: der Wolf in »RotkĂ€ppchen«, der titelgebenden Frosch im »Froschkönig«, die Zicklein samt Ziegenmutter in »Die sieben Geißlein« und viele andere. Die Liste an MĂ€rchen, in denen Tiere eine Haupt- oder Nebenrolle spielen, Prota- oder Antagonist:innen sind, ist ziemlich lang – und könnte das eine oder andere Buch fĂŒllen.

Deshalb beschrĂ€nke ich mich fĂŒr meinen Beitrag im MĂ€rchensommer 2020 lieber auf die MĂ€rchen, mit denen ich mich bisher in meinen Adaptionen beschĂ€ftigt habe, und natĂŒrlich die Tiere darin.

Von Eichhörnchen, Meerschweinchen und einer Gans

Als ich ĂŒberlegt habe, welches MĂ€rchen ich fĂŒr meinen DebĂŒtroman adaptieren möchte, hat die tierische Besetzung von »Der Zwerg Nase« von Wilhelm Hauff eine gar nicht so kleine Rolle bei meiner Entscheidung gespielt. Ich erinnerte mich an das KunstmĂ€rchen noch aus meiner Kindheit, hatte direkt das Eichhörnchen vor Augen, in das Protagonist Jakob zwischenzeitlich verwandelt wurde, und auch die Gans, die ihm spĂ€ter half, anstelle seiner zwergischen wieder eine â€șnormaleâ€č menschliche Gestalt zu bekommen.

Rational kann ich es nicht wirklich erklĂ€ren, ich mag hilfreiche Tiere in MĂ€rchen einfach. Und bei der Figur der Mimi (der Tochter eines Zauberers, die in der Gestalt einer Gans feststeckt) gefiel mir von Anfang an, dass sie absolut nicht auf den Schnabel gefallen ist. Bei den Eichhörnchen und Meerschweinchen wiederum, die der Fee des MĂ€rchens in KĂŒche und Haushalt zu Diensten sind, fand ich den Spagat zwischen tierischem und menschlichem Gebaren spannend. Sie sind Tiere und doch irgendwie auch wieder nicht.

Ein Thema, das sich durch das ganze MĂ€rchen zieht: Schein und Sein, CharakterzĂŒge, die sich auf die eine oder andere Weise im Äußeren niederschlagen, das wahre Antlitz, die verwandelte Gestalt. Und oft genug die Frage: Was ist wirklich und was nicht?

Knuffige Tiere, untote Tiere und eine Gans mit schrÀgem Humor

Cover TrÀume voller Schatten

FĂŒr meinen Roman »TrĂ€ume voller Schatten« habe ich die tierische Besetzung aus »Der Zwerg Nase« ein kleines bisschen erweitert 
 Und so tummeln sich neben den bereits erwĂ€hnten Meerschweinchen und Eichhörnchen dort auch Zombie- bzw. Skelett-Varianten eben dieser Tiere, die meinem Protagonisten fĂŒr eine gewisse Zeit im Schlafen wie auch im Wachen ziemlich zusetzen. Die Gans durfte natĂŒrlich ebenfalls nicht fehlen – mit einem durchaus etwas eigenen Humor. Wer sich hier hinter dieser Gestalt verbirgt, habe ich bewusst offen gelassen, aber meine Leser:innen haben durchaus schon die eine oder andere Vermutung angestellt.

Auch mein Protagonist Patrick durchlĂ€uft in der Geschichte so einige (Ver-)Wandlungen, Ă€ußerer wie innerer Natur, manche echt, manche vielleicht auch nur getrĂ€umt oder in seiner Wahrnehmung begrĂŒndet. So stellt er sich irgendwann die Frage, die wir alle uns wahrscheinlich hin und wieder auch stellen: Tragen wir nicht alle eine Maske? Oder manchmal gleich mehrere?

Wer wir sein wollen und wer wir sind, mag durchaus voneinander abweichen. Ebenso offenbaren wir ganz sicher nicht jedem, dem wir begegnen, (direkt) unser tiefstes Inneres. Wer in unserem Leben bekommt welche Facette von uns zu sehen? Was gestehen wir uns selbst ein?

Tierische Gestalten und was wirklich dahintersteckt

In vielen MĂ€rchen, in denen die tierische Gestalt der Figuren nicht zwangslĂ€ufig dauerhaft ist, geht es darum, jemanden trotz eben jener Verwandlung zu erkennen – und zu erlösen. Es geht darum, die WesenszĂŒge der vertrauten Person trotz der fremden Gestalt zu identifizieren und dadurch zu beweisen, dass man als Paar zusammengehört. Und natĂŒrlich, dass man bereit ist, alle möglichen PrĂŒfungen fĂŒreinander zu bestehen.

Im MĂ€rchen »Der Zwerg Nase« sieht das etwas anders aus. Hier hat Jakob bei seiner RĂŒckverwandlung zwar auch Hilfe (durch die Gans Mimi), aber er muss einiges an Entwicklung erst einmal selbst leisten. Zum Beispiel erkennen, dass das Äußere nicht alles ist, wie verletzend es sein kann, wenn andere einen plötzlich so vorschnell verurteilen, wie man selbst es wenige Zeit vorher getan hat. Und dass einen das GlĂŒck ganz unverhofft finden kann, wenn man nicht nur auf sich selbst bedacht ist, sondern z.B. anderen hilft, ohne direkt eine Gegenleistung zu erwarten.

Ähnliche Aspekte greife ich in meiner Adaption auf, denn auch hier hat Patrick auf seiner albtraumhaften Reise durch die Geschichte UnterstĂŒtzung – er muss sie nur erst erkennen und auch zulassen –, viele Schritte muss er aber selbst gehen. Oft reicht im Leben nun mal nicht ein bloßes Fingerschnippen, um eine VerĂ€nderung zu bewirken, ist in den meisten FĂ€llen harte Arbeit nötig.

Von WĂŒnschen und magischen Katzentieren

Cover Kater unterm Korallenbaum

Dass das mit dem Fingerschnippen – oder in ihrem Fall: dem WĂŒnschen – durchaus so eine Sache sein kann, muss auch die Protagonistin aus meinem zweiten Roman »Der Kater unterm Korallenbaum, oder: WĂŒnschen will gelernt sein« erkennen. Ganz im Gegensatz zu dem MĂ€rchen, auf dem diese Geschichte basiert. Denn in »Der gestiefelte Kater« von den BrĂŒdern Grimm kommt der jĂŒngste MĂŒllersbursche doch recht einfach an das, was er sich von dem titelgebenden Flauschtiger wĂŒnscht.

Ich persönlich stand der Figur des gestiefelten Katers immer recht zwiespĂ€ltig gegenĂŒber. Denn einerseits mag ich wie gesagt hilfreiche Tiere im MĂ€rchen, aber andererseits sind die Methoden, mit denen der Kater die WĂŒnsche des MĂŒllersburschen erfĂŒllt, gelinde gesagt, etwas fragwĂŒrdig. Und auch das ganze MĂ€rchen hat mich nach dem Lesen immer etwas unbefriedigt zurĂŒckgelassen 
 Was ist schließlich hier die Moral der Geschichte? Was lernt unser Held?

Da sagt mir doch die umgedichtete Version aus »Janosch erzĂ€hlt Grimms MĂ€rchen« deutlich mehr zu. Diese war es schließlich auch, die mich zu meiner Adaption des MĂ€rchens inspirierte – zusammen mit einem gewissen realen Katzentier, das beim Schreiben sehr oft auf meinen Beinen oder irgendwo in meiner NĂ€he flauscht. Aus der Sicht dieses KĂ€tzchens war ein Roman mit Katze bzw. Kater lĂ€ngst fĂ€llig!

Kommt ein Kater aus Japan nach Köln

Schlussendlich habe ich in dem Roman »Der Kater unterm Korallenbaum, oder: WĂŒnschen will gelernt sein“ sowie der Novelle »Maneki-neko«, welche die Vorgeschichte des Romans erzĂ€hlt, nicht nur das Grimmsche MĂ€rchen, sondern auch die Legende der japanischen GlĂŒckskatze aufgegriffen. Die Maneki-neko (japan. Winke-Katze) ist heute vor allem als beliebter GlĂŒcksbringer in Gestalt einer aufrecht sitzenden Katze bekannt, die Betrachter:innen mit ihrer rechten oder linken erhobenen Pfote herbeizuwinken scheint.

Gemeinsam ist beiden literarischen Katzengestalten, dass sie denjenigen helfen, mit denen es das Schicksal (scheinbar) nicht sonderlich gut gemeint hat. In der japanischen Legende sind es z.B. eine alte Frau, die durch eine fehlende Einkommensquelle Not leidet, oder die Bewohner:innen eines Tempels, die nur durch die UnterstĂŒtzung einer Maneki-neko einem Überfall entgehen. Und im Grimmschen MĂ€rchen kĂŒmmert sich der gestiefelte Kater um den jĂŒngsten MĂŒllersburschen, der im Gegensatz zu seinen Ă€lteren BrĂŒdern nicht die MĂŒhle oder den Esel erbt, sondern eben â€șnurâ€č den Kater.

In meinen beiden katzigen Geschichten kommt die (magische) Samtpfote in der Gestalt von Kater Sasuke daher. Dieser steht in der Novelle erst Mamoru Saito bei und hilft im Roman, rund 25 Jahre spĂ€ter, seiner jĂŒngsten Tochter Yuki.

Ein Kater, der alle deine WĂŒnsche erfĂŒllen kann?

Da sagt der MĂŒllersbursche aus dem Grimmschen MĂ€rchen bekanntlich nicht gerade Nein. Und auch meine Protagonistin Yuki zögert nicht lange, als Kater Sasuke ihr offenbart, dass er nicht nur sprechen kann, sondern auch ĂŒber gewisse FĂ€higkeiten verfĂŒgt, mit denen ihre WĂŒnsche Wirklichkeit werden können.

Allerdings liest sie dabei das Kleingedruckte nicht bzw. hört nicht wirklich zu, als der Kater ihr sagt, dass Magie nicht leichtfertig verwendet werden sollte 
 Was darauf folgt, könnt ihr euch sicherlich schon denken, denn im Gegensatz zum MĂ€rchen hört meine Adaption nicht damit auf, dass Yuki alles bekommt, was sie sich wĂŒnscht. Im Gegenteil.

Vielmehr lernt sie etwas Ă€hnliches wie das, was der gestiefelte Kater aus »Janosch erzĂ€hlt Grimms MĂ€rchen« zu seinem SchĂŒtzling sagt: »Ich bin reicher als reich. [
] Denn ich brauche nicht reich zu sein. Und das ist mehr. Obendrein bin ich noch lustig. Und gesund.«

Das mÀrchenhaft-tierische Fazit

In meinen bisherigen MĂ€rchenadaptionen helfen die Tiere den Protagonist:innen der Geschichten nicht â€șeinfach nur soâ€č, sondern sie unterstĂŒtzen sowohl Patrick wie auch Yuki dabei, sich selbst zu helfen. Ihr Leben in die eigenen zwei HĂ€nde zu nehmen, herauszufinden, was sie wirklich wollen, was ihnen wichtig ist – und wer sie tief in ihrem Innen sind bzw. sein wollen. Das zieht sich als ein gemeinsames Thema durch beide Romane, so unterschiedlich sie ansonsten auch sein mögen.

FĂŒr meine zukĂŒnftigen MĂ€rchenadaptionen, die aktuell in Planung sind bzw. gerade geschrieben werden, kann ich auf jeden Fall schon verraten, dass es auch in ihnen wieder die eine oder andere tierische Rolle geben wird 
 möglicherweise bietet sich also im nĂ€chsten Jahr eine Neuauflage dieses Beitrags an. Mit mehr Tieren, mehr MĂ€rchen – und auch ein paar ganz neuen tierisch-mĂ€rchenhaften Aspekten.

Die Gastautorin

Christina wĂŒrde am liebsten den ganzen Tag ĂŒber schreiben, um allen Ideen, die ihr durch den Kopf hĂŒpfen, die angemessene Aufmerksamkeit zu schenken. Im Moment mĂŒssen sich ihre Plotbunnies jedoch auf die Abendstunden beschrĂ€nken. TagsĂŒber arbeitet sie als Literatur-Übersetzerin und Lektorin/Korrektorin sowie Journalistin und Kunstvermittlerin.

Homepage: Christina Löw
Facebook: Christina Löw
Twitter: @christina_loew
Instagram: @katz_und_buch

Anne/Poisonpainter

BrĂŒder Grimm Festspiele in Hanau

Im heutigen MĂ€rchensommer Gastbeitrag nimmt uns Jule Reichert mit zu den BrĂŒder Grimm Festspielen nach Hanau.

Das MĂ€rchensommer Banner zeigt eine Scherenschnitt-Fee, die Glitzer auf den verschnörkelten Schriftzug "MĂ€rchensommer" ĂŒber einem aufgeschlagenen Buch streut. Alles vor einer grĂŒnen Wiese neben einem Baum und Sonnenstrahlen im Hintergrund.

MĂ€rcheninszenierungen fĂŒr Groß und Klein

Die Corvid-19-Pandemie wirft dieses Jahr alles durcheinander. Diverse Veranstaltungen wurden abgesagt, darunter auch die BrĂŒder Grimm Festspiele in Hanau.

Ja, Hanau. Ihr habt richtig gelesen. Hanau ist die Geburtsstadt der BrĂŒder Grimm und bildet somit auch den Anfang der Deutschen MĂ€rchenstraße. Seit 35 Jahren finden in Hanau daher die BrĂŒder Grimm Festspiele statt.

Die Premiere der MĂ€rchenfestspiele war 1985, zum 200 Geburtstag Jacob Grimms. Den Auftakt machten “Rumpelstilzchen” und “RotkĂ€ppchen” als die ersten AuffĂŒhrungen der Festspiele. Neben zahlreichen anderen bekannten MĂ€rchen kehrten beide im Laufe der Jahre wieder zurĂŒck auf die BĂŒhne, RotkĂ€ppchen zuletzt als Musical.

Dabei wurden auch die Inszenierungen immer einfallsreicher und moderner. So trat RotkĂ€ppchen im Musical als Lotte auf, ein phantasievolles MĂ€dchen, dass “in der perfekten Stadt” wohnt. Ihre Großmutter ist selbst eine – nicht ganz so gute – Hexe und der böse Wolf kommt mitsamt seines Neffen daher. Der ist ĂŒbrigens Vegetarier und sehr fasziniert von Pflanzen. Irgendjemanden fressen will er nicht, stattdessen freundet er sich mit RotkĂ€ppchen und deren neuen Freundin Petunia an. Am Ende landet ĂŒbrigens die BĂŒrgermeisterin in ihrer wahren Gestalt im Bauch des Wolfes.

Neben den Inszenierungen fĂŒr Kinder, wie RotkĂ€ppchen, gibt es natĂŒrlich auch welche, die sich an ein erwachsenes Publikum richten. In den letzten Jahren kamen zusĂ€tzlich StĂŒcke der Zeitgenossen Grimms wie Johann Wolfgang von Goethe oder von Franz von Kobell dazu.

Seit 2000 finden die MÀrchenfestspiele im Amphitheater Hanau in einer passenden und mÀrchenhaften AtmosphÀre statt.

Von den BrĂŒder Grimm Festspielen könnt ihr euch selbst ein Bild machen, am besten natĂŒrlich, in dem ihr nĂ€chstes Jahr ein StĂŒck besucht. So lange könnt ihr euch auf der Webseite http://www.festspiele.hanau.de tummeln und vielleicht Merchandise erwerben. Unter anderem auch das Musical RotkĂ€ppchen. Es lohnt sich auch ein Blick auf Instagram und natĂŒrlich in den YouTube-Kanal. Dort wurden in den letzten Wochen Live-Aufnahmen ganzer StĂŒcke veröffentlicht, mit denen man sich – trotz heiserer Fee in „Dornröschen“ – doch einen gemĂŒtlichen Streaming-Abend machen kann.

https://www.youtube.com/watch?v=2nhkBA27Vzo

Die Gastautorin

Vollzeitmutter, Teilzeitbibliothekarin und Möchtegernautorin – so beschreibt sich Jule Reichert mit einem Augenzwinkern selbst. 1981 in Hessen geboren, entdeckte sie bereits in der Schulzeit ihre Liebe zu Geschichten; insbesondere zum Fantasy-Genre. Heute lebt und arbeitet sie im Großraum Frankfurt. Wann immer es ihr möglich ist, frönt sie ihrer grĂ¶ĂŸten Leidenschaft: dem Schreiben. Dabei ist ihre Familie nicht nur ihre beste Motivation, besonders ihre Kinder sind auch die besten Zuhörer.

Autorinnenblog: moechtegernautorin
Twitter: @JMH_Reichert
Instagram: moechtegernautorin_jr

Anne/Poisonpainter

Es war einmal
 und wird immer wiedererzÀhlt

Teilnehmerin der ersten Stunde, reiht sich Anne Danck nun in die Reihen der MÀrchensommer Gastbeitragschreiber:innen ein und erzÀhlt euch ein bisschen was zu verschiedenen MÀrchenadaptionen.

Das MĂ€rchensommer Banner zeigt eine Scherenschnitt-Fee, die Glitzer auf den verschnörkelten Schriftzug "MĂ€rchensommer" ĂŒber einem aufgeschlagenen Buch streut. Alles vor einer grĂŒnen Wiese neben einem Baum und Sonnenstrahlen im Hintergrund.

MĂ€rchenadaptionen im Vergleich

Ob als Film, Serie oder Buch – es gibt so viele verschiedene MĂ€rchenadaptionen und (beinahe) jede bedient einen anderen Aspekt des MĂ€rchens, hat einen anderen Blickwinkel. Da ich genau diese kleinen Unterschiede spannend finde, habe ich hier mal einen Überblick zusammengestellt, mich dabei allerdings auf die Adaptionen in Buchform konzentriert (da es sonst den Rahmen gesprengt hĂ€tte). Ich weise daraufhin, dass es sich natĂŒrlich nur um meine eigene persönliche Interpretation / Meinung handelt.

Eine schöne Zusammenfassung darĂŒber, was fĂŒr allgemeine „Typen“ der MĂ€rchenadaption es gibt, hat Janna Ruth im MĂ€rchensommer 2017 erstellt. Und falls ihr noch mehr ĂŒber die einzelnen Varianten wissen wollt, sind außerdem die Blogartikel und Rezensionen von Poisonpainter verlinkt.

Aschenputtel

Aschenputtel wurde tausendfach als Film adaptiert und wenn man das MĂ€rchen auf seine Grundhandlung herunterbricht (hilflose Außenseiter:innen werden auf quasi magische Weise aus ihrem Schicksal erlöst), findet man vermutlich fast in jeder Geschichte Aschenputtel-Elemente. Doch es gibt viele Möglichkeiten, wieder Schwung in die vermeintlich abgenutzte Geschichte zu bringen:

Aschenkindel (Roman von Halo Summer) – Ihre gute Fee hat es einfach nicht drauf und Aschenputtel will eigentlich auch gar nicht auf den Ball, weil sie den Prinzen noch als sehr anstrengend und weinerlich von einem Kindergeburtstag in Erinnerung hat. Eine Adaption mit sehr viel Augenzwinkern.

Das Auge des HĂ€hers (Von Fuchsgeistern und Wunderlampen, MĂ€rchen-Anthologie, Kurzgeschichte von Nina Blazon) – Aschenputtel muss in der Asche schlafen, weil das böse Zauber fernhĂ€lt, und Putzen ist eine Tradition, die alle im entsprechenden Alter durchmachen mĂŒssen.

Guilded Ashes (Novelle von Rosamund Hodge) – Warum ist Aschenputtel trotz ihres Schicksals immer fröhlich und gut gelaunt? Ganz klar, weil sie den Geist ihrer Mutter bei Laune halten muss, der jedem etwas antut, der sie zum Weinen bringt

Ein Happy End ist harte Arbeit (Es war einmal
 ganz anders, MĂ€rchen-Anthologie, Kurzgeschichte von Tina Skupin) – Aschenputtel aus Sicht der Fee, die den Ball fĂŒr den Prinzen organisiert. Hierbei sind einige Rollen anders als man sie erwartet.
[Anm.: Einen Ausschnitt aus dieser Geschichte könnt ihr euch hier anhören: MÀrchenlesung]

Wie Monde so silbern (Luna-Chroniken Band 1, Roman von Marissa Meyer) – Aschenputtel trifft SciFi. Und als Cyborg verliert sie natĂŒrlich nicht ihren Schuh
 sondern gleich den ganzen Fuß.

Dornröschen

Dornröschen ist mehr als nur das MĂ€rchen ĂŒber den Schlaf, ĂŒber ein unbeeinflussbares Schicksal und einen plötzlichen Retter. Gerade in der Frage danach, wie es zu diesem Schlaf kam, und woher der Retter kommt, werden in den Adaptionen unter die Lupe genommen.

Die dreizehnte Fee: Erwachen (Band 1 der Die dreizehnte Fee-Reihe, Roman von Julia Adrian) – Interessanterweise sind hier Dornröschen und die böse Fee, die sie in den Schlaf versetzt, ein und dieselbe Person. Sie ist manchmal etwas melodramatisch veranlagt, ansonsten ist es aber sehr interessant, sie dabei zu beobachten, wie sie nach ihrem Erwachen zusehends entsetzt ĂŒber die Person ist, die sie frĂŒher war. Außerdem begegnet sie dabei diversen anderen MĂ€rchengestalten (die bekannten Hexen / Feen aus anderen MĂ€rchen sind hier ihre Feen-Schwestern).

Als ich Dornröschen war (Es war einmal
 ganz anders, MĂ€rchen-Anthologie, Kurzgeschichte von Barabara Schinko) – Eine sehr kurze und sehr treffende Geschichte darĂŒber, dass man nicht sein Leben verschlafen sollte.

HĂ€nsel und Gretel

Die Unschuld gegen das Böse: gegen die Eltern, gegen den Wald, gegen den Hunger, gegen die Hexe. Interessant ist hierbei natĂŒrlich, dass die Unschuld im Doppelpack auftritt, und daher auch die Beziehung zwischen den Geschwistern hĂ€ufig eine Rolle in den Adaptionen spielt.

Ansell & Greta (Von Fuchsgeistern und Wunderlampen, MĂ€rchen-Anthologie, Kurzgeschichte von Trudi Canavan) – HĂ€nsel und Gretel als Urban Fantasy, in einer fast schon dystopischen Welt ohne MitgefĂŒhl, in der nicht Steine gestreut, sondern Graffiti Tags gesprayt und Kinder des Geldes wegen weggegeben werden.

Kein Schnee im Hexenhaus (Roman von Susanne Eisele) – HĂ€nsel und Gretel als drogenabhĂ€ngige Teenager, das Hexenhaus als Entzugsklinik. Ergibt insgesamt keine ganz Runde Geschichte, enthĂ€lt aber viele unterhaltsame Einzelelemente.

Der Kamm der Hexe (Palast aus Glas, Kurzgeschichten-Anthologie zur Reckless-Reihe von Cornelia Funke) – Hier gibt es einen ganzen Schlag Hexen („Kinderfresserinnen“), die ihre HĂ€user alle nach einem bestimmten Muster bauen, um Kinder anzulocken. Denn nur, wer sich von der Unschuld ernĂ€hrt, kann wahrhaft dunkle Zauber wirken.

Die kleine Meerjungfrau

Die kleine Meerjungfrau verkörpert meiner Meinung nach vor allem das Motiv der Sehnsucht: nach dem Meer, nach dem Land, nach dem Unbekannten oder dem, was man nicht haben darf. Das spiegelt sich auch in den Adaptionen wider:

Elian und Lira – Das wilde Herz der See (Roman von Alexandra Christo) – Die kleine Meerjungfrau als skrupellose PrinzenjĂ€gerin und der Prinz als skrupelloser SirenenjĂ€ger. Da treffen auf jeden Fall zwei Fronten aufeinander.

Meerschaum (Roman von Anna Holub) – Wie fĂŒhlt sich eine Meerjungfrau an Land, fern ihrer Heimat, unter Leuten, deren Sprache sie nicht spricht und deren Gewohnheiten sie nicht kennt? Das MĂ€rchen als Krimi bzw. Thriller, aus Sicht eines Journalisten, der auf der Suche nach der Frau auf einem Foto ist und dabei auf Menschenschmuggel stĂ¶ĂŸt.

Ein Teil deiner Welt (Es war einmal
 ganz anders, MĂ€rchen-Anthologie, Kurzgeschichte von Sabrina Schuh) – Ein MĂ€dchen, das nur heimlich schwimmen darf, weil ihr streng muslimischer Vater es verbietet, dass sie ihren Körper in Badekleidung zur Schau stellt. Unter diesen UmstĂ€nden ist es natĂŒrlich auch unerhört, dass sie einen Jungen aus dem Wasser rettet und wiederbelebt.

Way of Being a Mermaid‘s Daughter (desires and dreams and powers, Kurzgeschichten-Athologie von Rosamund Hodge) – Wenn die Meerjungfrau tatsĂ€chlich ihren Menschen heiratet und Kinder bekommt: Was wird aus ihren Töchtern? Wie kommen sie mit der Sehnsucht ihrer Mutter nach dem Meer klar? Was macht das selbst aus ihnen? Eine etwas verstörende Zusammenstellung verschiedener Möglichkeiten.

Rapunzel

Das Motiv, das ich in Rapunzel sehe, ist die Einsamkeit: die der Zauberin, denn warum sonst sollte sie ein MĂ€dchen (auf mehr oder weniger legalem Weg) aufnehmen? Und natĂŒrlich auch die von Rapunzel, die weitgehend isoliert von ihrer Umwelt aufwĂ€chst.

Bitter Greens (Roman von Kate Forsyth) – Hier wird zugleich Rapunzels Geschichte erzĂ€hlt, die der Zauberin und die der Frau, die das MĂ€rchen vor vielen Jahrhunderten aufschrieb. Vor allem letzteres gibt sehr interessante Einblicke und lassen das MĂ€rchen in neuem Licht erscheinen.

Das einsame Herz (Durch EiswĂŒsten und Flammenmeere, MĂ€rchen-Anthologie, Kurzgeschichte von Julia Dessalles) – Rapunzel trifft die Artussage. Die Hexe Morgaine kann es nicht ertragen, dass Rapunzels Vater fĂŒr das gemeinsame Kind doch zu seiner Frau zurĂŒckkehrt, und nimmt ihm deswegen das Kind weg.

Wie Sterne so golden (Luna-Chroniken Band 3, Roman von Marissa Meyer) – Rapunzel trifft SciFi. SelbstverstĂ€ndlich sitzt Rapunzel deswegen hier auch nicht in einem Turm, sondern in einem Satelliten fest und ist in ihrer Einsamkeit auch ein ganz kleines Bisschen verrĂŒckt geworden.

Schneewittchen

In Schneewittchen geht es ohne Zweifel ums Aussehen, aber auch um jede Menge Beziehungen und (fehlende?) Liebe – die einer Mutter zu ihrem Kind und des Kind zu seiner Mutter, die des Vaters zur Mutter und des Vaters zu seiner Tochter. Erstaunlicherweise geht es in den Adaptionen, die ich kenne, eher selten um den Prinz.

Eine Krone fĂŒr die Freundschaft (Es war einmal
 ganz anders, MĂ€rchen-Anthologie, Kurzgeschichte von Christina Löw) – Hier geht um die Schönste im ganzen Land: Dahlia möchte Schönheitskönigin werden und muss ĂŒberlegen, wie weit sie dafĂŒr bereit zu gehen ist.

Wie Schnee so weiß (Luna-Chroniken Band 4, Roman von Marissa Meyer) – Schneewittchen trifft SciFi. Schneewittchen kommt vom Mond und ist halb verrĂŒckt, weil sie zu viel Grausamkeit gesehen hat und sich außerdem weigert, ihre Magie einzusetzen, um sich Ă€ußerlich zu verschönern, wie alle anderes es tun.

The Lamps Thereof Are Fire and Flames (desires and dreams and powers, Kurzgeschichten-Athologie von Rosamund Hodge) – Hier vermischen sich die Perspektiven von Schneewittchen und ihrer Mutter so sehr, bis man nicht mehr weiß, wer wer ist, wer gut und wer böse und ob nicht vielleicht alle das gleiche wollen: gesehen und geliebt werden.

Schwarz wie Ebenholz (Durch EiswĂŒsten und Flammenmeere, MĂ€rchen-Anthologie, Kurzgeschichte von Christian Handel) – Schneewittchen, ihre Mutter und deren Mutter, alles Zauberinnen, deren Geschichte sich wiederholt, auf der Suche nach Liebe und gefangen in ihrem Aussehen. Ich hatte leider den Nachteil, die oben genannte Geschichte zuerst gelesen zu haben, danach kam mir diese sehr Ă€hnlich vor und hatte leider nicht mehr viele Überraschungen.

Die Schöne und das Biest

Die Schöne und das Biest geht im Wesentlichen darum, dass das Innere zÀhlt und man nicht nach OberflÀchlichkeiten oder Vorurteilen gehen sollte. Das ist eine Handlung, die man in tausenden Geschichten wiederfinden könnte, sei es Stolz und Vorurteil von Jane Austen, Pocahontas oder Avatar. Vielleicht ist es deswegen nicht so einfach, Adaptionen zu finden, die nicht in Klischees abdriften und die Botschaft im Blick behalten.

Cruel Beauty (Roman von Rosamund Hodge) – Hier ist das Biest zwar Ă€ußerlich schön, aber der Herrscher ĂŒber die DĂ€monen und Grund fĂŒr einige schreckliche Schicksale. Die Schöne wiederum ist ebenfalls nur Ă€ußerlich schön und sie heiratet das Biest nur, um es zu zerstören. Eingebettet in eine Welt basierend auf der griechischen Mythologie und ihrem Sinn fĂŒrs Makaber-tragische.

Das Reich der sieben Höfe – Dornen und Rosen (Das Reich der sieben Höfe Band 1, Roman von Sarah J. Maas) – Das Biest ist hier ein wunderschöner Elf, die anfĂ€ngliche Abneigung basiert eher auf Vorurteilen. Verlor dadurch fĂŒr mich leider die eigentliche Bedeutung des MĂ€rchens.

Wintersong (Erlkönig-Saga Band 1, Roman von S. Jae-Jones) – Auch hier ist das Biest leider wunderschön. TatsĂ€chlich ist die Sicht der Protagonistin meiner Meinung nach dermaßen mit Diskriminierungen aufgrund von Äußerlichkeiten (vor allem gegenĂŒber den Kobolden), die auch im Laufe der Geschichte nicht verbessert werden, dass es der Botschaft des MĂ€rchens vollkommen widerspricht und einen unschönen Beigeschmack hinterlĂ€sst.

RotkÀppchen

Auch RotkĂ€ppchen ist eine sehr beliebtes MĂ€rchen fĂŒr Adaptionen, schließlich geht es vermeintlich simpel um den Kampf des Unschuldigen gegen das Böse. Doch die Gestalt, die das Böse annehmen kann, ist sehr vielfĂ€ltig, und auch das RotkĂ€ppchen kann mal mehr oder weniger unschuldig sein. Interessant finde ich hierbei, dass auch die Vermischung von RotkĂ€ppchen und dem JĂ€ger ein beliebtes Motiv zu sein scheint.

Crimson Bound (Roman von Rosamund Hodge) – RotkĂ€ppchen jagt Bestien und ist durch einen roten Faden an den Wolf gebunden (nur, dass er hier beinahe menschliches Aussehen hat). Sie ist schuld daran, dass ihre Großmutter starb und kĂ€mpft daher permanent gegen ihre SchuldgefĂŒhle. DĂŒster und verbunden mit weiteren MĂ€rchen, unter anderem „Das MĂ€dchen ohne HĂ€nde“ (hier ĂŒbrigens mĂ€nnlich). Eingebettet in die Kulisse des absolutistischen Königshofs in Frankreich.

Böser Wolf (Roman von Nele Neuhaus) – Eigentlich ein Krimi, in dem die Bedeutung des Wolfs im MĂ€rchen (Missbrauch, hier sogar Kindesmissbrauch) jedoch sehr eindrĂŒcklich thematisiert wird.

Das Labyrinth des Fauns (Roman von Cornelia Funke) – Sieht vielleicht auf den ersten Blick nicht nach einer MĂ€rchenadaption aus, steckt aber jede Menge drin. Angefangen mit dem Stiefvater, der nur als „der Wolf“ bezeichnet wird, ĂŒber eine verschollene Prinzessin, die magische Aufgaben lösen muss, bis hin zum Kinderfresser, der seine Beute mit Essen anlockt. Das alles vor dem Hintergrund der spanischen Faschisten.

Die Seele der Bestie (Durch EiswĂŒsten und Flammenmeere, MĂ€rchen-Anthologie, Kurzgeschichte von Michelle Natascha Weber) – RotkĂ€ppchen auf der Jagd nach dem Wolf, um sich selbst etwas zu beweisen. Nur sind nicht alles Monster gleich als solche zu erkennen.

Das VermĂ€chtnis der Grimms (Grimm-Chroniken Band 1, Roman von Nicole Böhm) – Halb Urban Fantasy, halb Thriller. Kristin kann zwischen den Zeilen lesen und wird dabei in Visionen hineingezogen, in denen sie der Grimm jagt und sie sich in Albion befindet – das Land, in dem alle MĂ€rchen spielen.

Wie Blut so rot (Luna-Chroniken Band 2, Roman von Marissa Meyer) – RotkĂ€ppchen trifft SciFi. RotkĂ€ppchens Großmutter wurde entfĂŒhrt und der StraßenkĂ€mpfer Wolf (ja, wirklich) könnte ihr dabei helfen, sie zu finden.

Eine weitere Interpretation stammt ĂŒbrigens von mir 😉

Die Schöne und die Bestien (Noir Anthologie 1, Kurzgeschichten-Anthologie, Kurzgeschichte von Anne Danck) – RotkĂ€ppchen ist zur BestienjĂ€gerin geworden, sie fĂŒrchtet keine Wölfe, sondern die NĂ€he von Menschen. Hier steckt, wie der Name schon verrĂ€t, auch ein bisschen Die Schöne und das Biest mit drin.

Die Gastautorin:

Anne Danck, geboren 1991 und aufgewachsen in Berlin, war von jeher von zwei Dingen fasziniert: Vom Schreiben und von der Biologie. Letzteres fĂŒhrte sie zum Studium aus Berlin fort und anschließend zurĂŒck, um dort als begeisterte Verhaltensbiologin zu promovieren. Ersteres wiederum ist die tĂ€gliche Therapie, die ihr beim Sortieren der Gedanken hilft. Mit fĂŒnfzehn Jahren erhielt sie ihre erste Auszeichnung fĂŒr eine Kurzgeschichte, es folgten diverse Veröffentlichungen in Anthologien, darunter auch die „Anthologie Noir 1“, die mit dem Deutschen Phantastik Preis 2019 ausgezeichnet wurde. Wiederkehrende Themen sind dĂŒstere Zukunftsszenarien und MĂ€rchen, auf den Kopf gestellt und aus anderen Blickwinkeln beleuchtet.

Facebook: Anne Danck
Instagram: Anne Danck

Anne/Poisonpainter