Tag Archives: story

Din(n)er Time!

Ich “schulde” euch noch einen Hintergrund-Beitrag zu meiner neusten Anthologie-Veröffentlichung in Din(n)er4One vom Alea Libris Verlag.

Cover Din(n)er4One

In meiner Geschichte „Versetzt“ zum Gericht „Chicken Wings wird die Elfin Anwyn von ihrem besten Freund, dem Ork Goduk, versetzt. Stattdessen bekommt sie unerwartete Gesellschaft – und ein etwas anderes Gericht als bestellt.

Es war eine interessante Erfahrung diese Geschichte zu schreiben, vor allem da es romantische Elemente drin hat, die eher nicht so mein Stil sind. NatĂŒrlich darf auch eine ordentliche Portion Humor nicht fehlen.

Wer meine Schreiberei schon etwas lĂ€nger verfolgt, dem werden die Namen der beiden Charaktere vielleicht bekannt vorkommen, denn, die beiden habe ich schon 2016 in einer Kurzgeschichte genutzt, in der ich das erwĂ€hnte Blind Date fĂŒr einen Adventskalender beschrieb. Die Geschichte ist online nicht mehr vorhanden und mĂŒsste bestimmt mal ĂŒberarbeitet werden, aber ich habe sie noch.

Ein kleines Easter Egg, dass ich mir in Anbetracht des Diner MenĂŒs nicht nehmen lassen konnte waren die Waffeln, die ebenfalls in der Geschichte auftauchen. Als langjĂ€hrige UnterstĂŒtzerin von The Gamers musste das einfach sein.

Und auch die Chicken Wings sind im Prinzip eine kleine Referenz auf die Angel Chicken Wings ĂŒber die ich einst im Urlaub philosophierte.

Vor Jahren habe ich ĂŒbrigens das ursprĂŒngliche Date auf einer LesebĂŒhne vorgetragen und wurde danach gefragt, warum der Ork ein Tablett hat, entsprechend ist in diesen Text dann die ErklĂ€rung eingeflossen, dass Smartphones zu klein fĂŒr ihn sind.

Übrigens ist es sehr wahrscheinlich, dass diese Geschichte in der gleichen Welt spielt wie meine Geschichten in Dunkle Federn, Scharfe Krallen und Dunkle Pfade Scharfe ZĂ€hne. Ich weiß noch nicht, ob die Charaktere sich jemals begegnen, aber es fĂŒhlt sich zumindest nach der gleichen Welt an.

Also dann, guten Hunger!

Anne

Noch zwei mal Lesen …

… dann ist das Jahr vorbei.

Verging die Zeit fĂŒr euch auch so schnell? Der November war wie im Flug vorbei und morgen fangen wir schon wieder an TĂŒrchen zu öffnen, um die Weihnachtszeit einzulĂ€uten.

Apropos TĂŒrchen!

Auch dieses Jahr nehme ich wieder am Lebendigen Adventskalender der Kirchengemeinde meiner Heimatstadt teil. DafĂŒr und fĂŒr eine Lesung im Gutshaus Waldberg drei Tage vorbei zu einem derer AdventsmĂ€rkte, habe ich mir ein paar Geschichten aus meinem Adventskalender von 2014, meinem allerersten, vorgenommen und aufgearbeitet.

Wer neugierig ist, was ich damals so fabriziert habe, diese Geschichten habe ich gewÀhlt:

Dazu vielleicht noch die ĂŒberarbeitete Fassung des Ruinenzaubers (Veste Landskron), die ich vor ein paar Jahren anfertigte und vielleicht einen Auszug aus meiner Geschichte aus den Acht Wochen Dunkelheit.

Das Lichtlein war tatsĂ€chlich die einfachste Überarbeitung, der Stern die schwerste. Letzterer ist auch nicht mehr mit der verlinkten Fassung vergleichbar. Auch der Weihnachtsmarkt hat eine andere Wendung genommen, denn ich habe ihn zu einer Bonusszene fĂŒr den Neubrandenwolf gemacht! (Und ja, ich muss da immer noch die Seite fĂŒr ĂŒberarbeiten … XD).

Hier alle Daten auf einen Blick:

Grafische Darstellung der im Beitrag genannten Termine

Adventsmarkt
Thema: Phantastisches MV
Wann? 10.12.2023, 16 Uhr
Wo? Gutshaus Waldberg, Waldberg 1, 17109 Demmin

Lebendiger Adventskalender
Wann? 13.12.2023, 18 Uhr
Wo? Kaminzimmer des Gemeindehaus Jarmen, Neuer Markt 6, 17126 Jarmen

Vielleicht sehen wir uns ja, ich wĂŒrde mich freuen!

Anne

P.S. Merkt euch das Gutshaus Waldberg, denn da darf ich am 2.2.24 aus dem Wolf lesen!

#CroMĂ€r: Kapitel 21

Heute endet das diesjÀhrige #CroMÀr, hoffe, es hat euch gefallen!

Das MĂ€rchensommer Banner zeigt eine Scherenschnitt-Fee, die Glitzer auf den verschnörkelten Schriftzug "MĂ€rchensommer" ĂŒber einem aufgeschlagenen Buch streut. Alles vor einer grĂŒnen Wiese neben einem Baum und Sonnenstrahlen im Hintergrund.

Kapitel 21

Entsetzt drĂŒckte Becky Regina von sich weg und sprang auf. »Verarschen kann ich mich alleine!«

Sie wollte gerade davonstĂŒrmen, da stellte Ralf sich ihr in den Weg. Wie er sich so schnell bewegen konnte, war fĂŒr Regina noch immer ein RĂ€tsel.

»Lass es dir erklÀren«, bat er sie ruhig und Regina sah Becky an, dass sie zunÀchst drauf und dran war abzuhauen, aber sich dann doch wieder setzte.

»Mischa ist ein kleiner, dĂŒrrer, uralter, grau-getigerter Kater, kein Mensch.« Den Worten fehlte jegliche Emotion und Regina setzte an, Ralf wegen des Magiegebrauchs zu maßregeln, doch er schĂŒttelte nur den Kopf.

»Ich bin ja auch kein Mensch!«, mischte Mischa sich ein und hockte sich mit angewinkelten Beinen auf den Tisch.

Wie in Trance folgte Becky der Bewegung, dann riss sie die Augen auf und Regina bemerkte dadurch, dass Mischa sich vor ihnen zurĂŒckverwandelte.

FĂŒr einen Moment beobachteten sie, wie der Kater sich aus der Kleidung wĂŒhlte, nur um sich dann ausgiebig zu putzen.

»Das ist doch alles nur ein Traum, das ist nicht real!«, entfuhr es Becky, sobald Ralf den Zauber von ihr löste.

»Oh, glaub mir, dass wĂŒnsche ich mir seit Monaten!«, pflichtete Regina ihr bei und verschrĂ€nkte die Arme.

Nun sah Becky Regina verwirrt an, doch bevor sie entsprechende Fragen stellen konnte, schlug Regina vor, den Rest des Tages zu schwÀnzen, damit sie ihr alles erklÀren konnte.

Und das tat sie dann auch, nachdem sie es sich im Campus-Park mit Kakao und Keksen auf einer Decke gemĂŒtlich gemacht hatten, die Ralf beilĂ€ufig herbeigezaubert hatte. Dass es Regina war, die die Kekse gebacken hatte, war Teil ihrer ErklĂ€rung. Mit jedem Zaubertrick schien Becky mehr zu verstehen und zu begreifen, die dazugehörigen Geschichten waren ihr allerdings zu absurd.

»Können wir dann jetzt endlich meine neuen Stiefel besorgen?«, drÀngte Mischa sich in eine Pause der Unterhaltung.

Als Ralf ihr auch das erklĂ€rt hatte, stand Regina genervt schnaubend auf und hielt Becky ihre Hand entgegen. »Sieht so aus, als mĂŒssten wir dann wohl erstmal shoppen gehen.«

Becky ließ sich aufhelfen, dann fing sie an zu lachen. »Deine Oma ist Frau Holle.«

»Ja?« Regina verstand nicht, worauf ihre Freundin hinauswollte und was daran so lustig war.

»Weißt du noch, als ich im ersten Semester mal bei dir ĂŒbernachtet habe und sie morgens bei euch war?«

Regina zermarterte sich das Hirn nach der Begebenheit, dann fiel es ihr wieder ein. Gleichzeitig zitierten sie: »Habt ihr auch die Betten ausgeschĂŒttelt?«

Diesmal brachen sie beide in schallendes GelÀchter aus und nahmen einander dabei fest in den Arm. Hoffnung und Freude durchströmte Regina, endlich hatte sie ihre beste Freundin wieder und musste ihr nichts mehr verheimlichen!

Und das Katerproblem konnten sie nun gemeinsam lösen.

Nachwort

Auch diesmal behandeln die einzelnen Kapitel wieder mÀrchenhafte Aspekte. Könnt ihr erraten, welches hier thematisiert ist?

Übrigens heißt das Kapitel in meinen Notizen: Des Katers neue Kleider

Ich hoffe, es hat euch gefallen!

Anne/Poisonpainter

#CroMĂ€r: Kapitel 20

Das #CroMĂ€r geht weiter.

Das MĂ€rchensommer Banner zeigt eine Scherenschnitt-Fee, die Glitzer auf den verschnörkelten Schriftzug "MĂ€rchensommer" ĂŒber einem aufgeschlagenen Buch streut. Alles vor einer grĂŒnen Wiese neben einem Baum und Sonnenstrahlen im Hintergrund.

Kapitel 20

WĂ€hrend die Illusionskatzen Mischas neue Besitzerin – Regina wollte sie nicht Herrin nennen – suchten, konnte sie zumindest noch den Rest der Vorlesung mitnehmen, da Ralf auf den Kater aufpasste. Die Antworten auf Beckys Fragen konnte sie zumindest bis zur Pause aufschieben. Gemeinsam gingen sie anschließend dafĂŒr in die Mensa, um dort die Zeit bis zur nĂ€chsten Vorlesung mit einem schnellen Mittagessen zu verbringen. Was Regina nicht erwartete, war Ralf und Mischa ebenfalls dort zu finden. Gezielt lenkte Regina Becky zur Seite und setzte sich mit dem RĂŒcken zu den anderen, bevor diese sie entdeckten. Gerade wollte sie nicht ĂŒber Magie und stiefellose Kater nachdenken, sondern einfach nur ein bisschen Zeit mit ihrer besten Freundin verbringen.

»Was ist passiert? Irgendetwas mit deiner Oma?«

Der Ton von Beckys Frage verwirrte Regina, es schwang etwas mit, dass sie nicht zuordnen konnte. Sie schĂŒttelte den Kopf. »Nein, meiner Oma geht’s gut. Ich musste nur wieder -« jemandem mit einem magischen Problem helfen, konnte sie leider nicht sagen. »eine Besorgung erledigen, die natĂŒrlich nicht aufgeschoben werden konnte.« Die LĂŒge schmerzte, aber somit hatte sie sich in den letzten Monaten immer herausgeredet. Bei ihren Freunden, bei ihren Dozierenden, bei ihrem Nebenjob. Sie alle bekamen Ausreden und LĂŒgen. Dass sie noch nicht ĂŒber ihr eigenes Netz gestolpert war, grenzte an ein Wunder.

»Entschuldigung?«, beendete eine unerwĂŒnschte Stimme die Unterhaltung, bevor sie ĂŒberhaupt richtig starten konnte.

Regina musste ein verĂ€chtliches Schnauben unterdrĂŒcken und drehte sich mit genervt zusammengezogenen Brauen zum Kater. Doch dieser beachtete sie nicht, sein Blick starr auf Becky gerichtet, seine HĂ€nde strichen nervös ĂŒbereinander.

»Hannchen?«, fragte Mischa, die Hoffnung deutlich in diesen einem Wort.

Becky sog scharf die Luft ein und Regina schaute verwirrt zwischen den beiden hin und her.

»So-so hat meine Oma mich immer genannt  «, kommentierte Becky im FlĂŒsterton.

Mischa nickte begeistert und setzte sich neben Regina auf die schmale Bank und legte die HĂ€nde ĂŒber Beckys. »Sie schickte mich zu dir«, verkĂŒndete er ihr sanft.

Die Augen weit aufgerissen, traf Regina die Erkenntnis wie ein Schlag. Ihre beste Freundin hatte ihre Großmutter verloren und sie war so sehr mit sich selbst beschĂ€ftigt, dass sie nichts davon mitbekommen hatte. »Warum hast du nichts gesagt?«, presste sie hervor.

»Ich wollte dich nicht belasten, du hast so viel um die Ohren«, gab Becky kleinlaut zu und TrÀnen stiegen in ihre Augen.

Ohne Umschweife stand Regina auf, umrundete den Tisch und nahm ihre Freundin in die Arme. »Egal wie beschÀftigt ich bin, du kannst mir alles erzÀhlen! Du belastest mich damit nicht!«

Sogleich ließ Becky den TrĂ€nen freien Lauf, klammerte sich an Regina und erzĂ€hlte mit belegter Stimme, wie ihre Oma plötzlich eingeschlafen war.

»Es war ihre Zeit«, kommentierte Mischa trocken als sie endete. Sein Nicken wirkte selbstgefĂ€llig und ĂŒberzeugt. »Es tat ihr leid, dass sie sich nicht mehr persönlich verabschieden konnte, aber sie war froh noch mit euch feletoniert zu haben bevor sie sich zur ewigen Ruhe bettete.«

Becky richtete sich von ihrer Position gegen Reginas Schulter auf. Regina konnte sich das Augenrollen nicht verkneifen, aber Katzen hatten vermutlich kein VerstĂ€ndnis fĂŒr TaktgefĂŒhl.

»Es heißt telefonieren«, korrigierte Ralf unvermittelt, der sich in der Zwischenzeit zu ihnen geschlichen hatte.

Mit einem »Oh« begann Mischa das Wort wiederholt vor sich herzusprechen.

»Was? Wer? Was?« Verwirrt starrte Becky sie nacheinander an.

Regina seufzte. Es war Zeit die Katze aus dem Sack zu lassen. »Das ist Mischa, der Kater deiner Oma.«

Nachwort

Auch diesmal behandeln die einzelnen Kapitel wieder mÀrchenhafte Aspekte. Könnt ihr erraten, welches hier thematisiert ist?

Übrigens heißt das Kapitel in meinen Notizen: Der Kater aus dem Sack

NĂ€chsten Mittwoch geht es weiter!

Anne/Poisonpainter

#CroMĂ€r: Kapitel 19

Das #CroMĂ€r geht weiter.

Das MĂ€rchensommer Banner zeigt eine Scherenschnitt-Fee, die Glitzer auf den verschnörkelten Schriftzug "MĂ€rchensommer" ĂŒber einem aufgeschlagenen Buch streut. Alles vor einer grĂŒnen Wiese neben einem Baum und Sonnenstrahlen im Hintergrund.

Kapitel 19

Als Ralf endlich ankam, stand Regina mehrere Meter von Mischa entfernt. Ihre Nase lief, ihre Augen trĂ€nten und am liebsten wĂ€re sie einfach weggerannt und hĂ€tte den Kater stehen lassen. Ihr schlechtes Gewissen ließ das nicht zu.

»Du siehst -«, noch bevor Ralf den Satz beenden konnte, tat Regina es fĂŒr ihn: »Scheiße aus. Ich weiß.«

Ohne, dass sie fragen musste, reichte er ihr eine Tinktur, die sie sogleich hinunterstĂŒrzte. Zum GlĂŒck dauerte es nicht lange bis die Wirkung einsetzte, sodass sie endlich wieder frei atmen konnte. Nach einem knappen Danke, brachte sie ihn auf den aktuellen Stand wĂ€hrend sie zu Mischa zurĂŒckkehrten.

»Der Zauber des gestiefelten Kater, lĂ€sst das Tier die neue Person spĂŒren, wenn der Besitz wechselt«, erklĂ€rte Ralf ruhig. »Das heißt, wenn du dich weiter durch die Stadt bewegst, wirst du irgendwann Hannchen begegnen und sie erkennen.«

»Dann is doch alles geregelt?«, wollte Regina die Situation so schnell wie möglich beenden. Vielleicht konnte sie so doch noch ein paar Vorlesungen heute mitmachen.

»So einfach ist das leider nicht. Ja, ohne die Stiefel aktiv zu tragen, kann die Verwandlung aufrechterhalten werden, aber nur fĂŒr einen begrenzten Zeitraum.« Ralf sah Mischa eindringlich an. »Je lĂ€nger es dauert, deine Stiefel oder deine neue Herrin zu finden, umso mehr wirst du vergessen wen du suchst und was deine Aufgabe ist.«

»Ich hasse Zeitfenster«, brummte Regina genervt und verschrÀnkte die Arme. Das hÀtte ihr bei der Entzauberung von Wolf schon mal fast das Genick gebrochen. »Wie schlimm wÀre es, wenn das passiert?«

»Das kommt auf Mischa an«, entgegnete Ralf und hob eine Augenbraue in Richtung des Katers. »Wenn du ein ganz normaler Kater werden willst, kannst du den Zauber auslaufen lassen.«

Entsetzt riss Mischa Augen und Mund auf. »Niemals!«, schrie er ihnen entgegen und Regina war sich sicher, ein Fauchen hinter dem Wort zu hören. »Meine Herrin hat mich Hannchen vermacht und ich werde sie unterstĂŒtzen und beschĂŒtzen, bis sie im hohen Alter einschlĂ€ft und mich weitergibt!«

Regina war sich nicht sicher, was sie davon halten sollte. Wenn sie den Zauber richtig verstand, war der Kater nahezu ein Sklave der Magie, allerdings schien er ihm auch gewisse Freiheiten wie den Gestaltwandel und die damit verbundenen Möglichkeiten zu geben. Und wer war sie ihm seinen Lebensstil auszureden?

»Seit wie vielen Generationen bist du schon Gestiefelt?«, fragte Ralf unvermittelt und kramte nebenbei in seiner Tasche.

Mischa kratzte sich mit der eingeknickten Hand am Ohr, sah hin und her, dann zuckte er mit den Schultern. »Die Zeit ist so lang, ich habe die ersten mittlerweile vergessen. Vor meiner alten Herrin erinnere ich mich an vier andere, aber ich weiß, da waren mehr.«

»Und du bleibst immer bei ihnen bis sie sterben?«, hakte Regina nach, wÀhrend sie im Kopf nachrechnete, wie alt der Kater sein musste und ob er dadurch Àlter war als Ralf.

»Oder sie mich weiterschicken«, kommentierte Mischa nur mit einem erneuten Schulterzucken.

»Es gibt einen Weg, wie wir die Suche beschleunigen können«, verkĂŒndete Ralf und setzte sich im Schneidersitz auf den Boden.

Mischa folgte ihm sogleich in die Hocke und sah ihn neugierig an, Regina betrachtete die Szene vor sich skeptisch. Auf Ralfs Schoß lag ein Zeichenblock, neben ihm ein schwarzes KĂ€stchen mit einem seltsamen Stein und einem Pinsel. Aus einer Flasche tropfte Ralf etwas Wasser in das KĂ€stchen und rieb dann in langsamen Kreisen den Stein darĂŒber. Diesen Vorgang wiederholte er einige Male, dann sah er Mischa erwartungsvoll an.

»Ich brauche einen Tropfen Blut von dir fĂŒr den Zauber.«

Erschrocken fiel Mischa auf den Hosenboden, aber dann streckte er pflichtbewusst die HĂ€nde ĂŒber die FlĂŒssigkeit, die sich im KĂ€stchen gesammelt hatte, und piekte sich mit dem spitzen Fingernagel in den Finger der anderen Hand. Ein einzelner Tropfen fiel in die seltsame Mischung und Ralf zog erneut einen Kreis, diesmal mit dem Pinsel. Dann setzte er diesen auf das Papier und begann zu zeichnen. Erst jetzt verstand Regina, dass er eine Art Kalligraphie-Technik verwendet, um den Zauber zu wirken.

Einen Zauber, der ein reales Ebenbild der gezeichneten Katze aus dem Papier steigen ließ.

Nachwort

Auch diesmal behandeln die einzelnen Kapitel wieder mÀrchenhafte Aspekte. Könnt ihr erraten, welches hier thematisiert ist?

Übrigens heißt das Kapitel in meinen Notizen: Der Zauberer der Katzen malte

NĂ€chsten Mittwoch geht es weiter!

Anne/Poisonpainter

#CroMĂ€r: Kapitel 18

Das #CroMĂ€r geht weiter.

Das MĂ€rchensommer Banner zeigt eine Scherenschnitt-Fee, die Glitzer auf den verschnörkelten Schriftzug "MĂ€rchensommer" ĂŒber einem aufgeschlagenen Buch streut. Alles vor einer grĂŒnen Wiese neben einem Baum und Sonnenstrahlen im Hintergrund.

Kapitel 18

Resigniert nahm Regina das Handy aus der Tasche und schrieb Becky, dass sie es nicht schaffen wĂŒrde und dass sie sie bitte abmelden und ihr die Mitschrift schicken solle. Auf die Nachfrage, ob etwas Schlimmes sei, kommentierte Regina nur, es sei nervig und fragte sich wiederholt, ob sie ihre Freundin einweihen sollte und ob sie das ĂŒberhaupt durfte. Uni fĂŒr den Tag abgehakt, ging sie ein paar Schritte Beiseite und rief ihren Joker in Sachen magische Probleme an. Es dauerte einen Moment bis er mit einem verschlafenen »Guten Morgen« antwortete.

Verdammter LangschlĂ€fer, sie wollte auch zurĂŒck ins Bett!

»Raaaalf! Du musst mir helfen!«, flehte sie durch den Hörer. »Ich habe einen gestiefelten Kater ohne Schuhe und Herrin und muss die ganze Zeit niesen. Das pack ich nicht allein, wenn ich ihm helfen soll!« Zur BestÀtigung tat sie genau das.

»Kannst du nicht deine Oma fragen?«

»Was meinst du, von wem ich die Katzenhaar-Allergie habe?« Sie wusste nicht, ob das so stimmte, aber so konnte sie jemanden anderen die Schuld in die Schuhe schieben. Immerhin hatte der Kater sie vermutlich aufgrund ihrer Magie oder magischen Aura oder so etwas ĂŒberhaupt erst angesprochen.

Ralf seufzte, rieb sich vermutlich die Augen, wie sie es schon oft gesehen hatte, wenn sie sich verquatscht hatten und es spĂ€t geworden war. »Okay«, sagte er schließlich. »Was ist genau passiert?«

Regina murmelte eine Kurzfassung, beschÀftigt damit, ihre laufende Nase zu bÀndigen.

Wieder seufzte Ralf, verstand sie ohne viele Worte. »Wo bist du?«

»In der Uni, wo ich eigentlich die Vorlesung hĂ€tte, auf die ich mich schon die ganze Woche freue!« Ihr Frust war unverkennbar in ihrer Stimme. Im Augenwinkel sah sie, wie Mischa sich zusammenkrĂŒmmte, aber das war ihr nur recht.

»Gib mir zwanzig Minuten, dann bringe ich dir was fĂŒr deine Nase. Bis dahin hast du vielleicht schon mehr aus dem Katerchen herausbekommen.«

»Einverstanden. Danke!«

Sie drehte sich wieder zu Mischa und nahm den vorherigen Faden wieder auf. »Du hast dir dann also Klamotten besorgt und bist hergekommen?«

»Genau, die hingen auf einer Leine!«

Regina nickte, das erklĂ€rte zumindest die unpassende Kleidung, aber eine Sache nicht: »Wie kannst du ĂŒberhaupt menschliche Gestalt annehmen ohne Stiefel?«

»Ich muss meine Stiefel nicht tragen, um es zu können, aber sie dĂŒrfen nicht zerstört werden, dann verwandel ich mich wieder zurĂŒck. Außer meine neue Herrin schenkt mir neue Stiefel.«

»Hast du denn den Namen von ihr?«

»Hannchen«, verkĂŒndete er stolz.

»Und sie geht hier zur Uni?«

Das ließ ihn in sich zusammensinken. »Meine Herrin hat immer gesagt, was fĂŒr ein kluges MĂ€dchen ihr Hannchen ist.«

»Das ist keine Antwort auf meine Frage.«

»Ich habe Orte gesucht, wo kluge Menschen sind und dann habe ich Euch bemerkt.« Der Kater verbeugte sich, was Regina noch mehr irritierte als die Förmlichkeit. Immerhin wusste sie jetzt, dass er ihre Magie tatsÀchlich erkannt.

»Du hast also keine Ahnung, wer sie ist, wo sie wohnt und wie du sie finden kannst«, fasste Regina die Situation zusammen.

Mischa zuckte mit den Schultern, ein unschuldiges LĂ€cheln im Gesicht.

»Großartig.«

Nachwort

Auch diesmal behandeln die einzelnen Kapitel wieder mÀrchenhafte Aspekte. Könnt ihr erraten, welches hier angedeutet ist?

Übrigens heißt das Kapitel in meinen Notizen: Der Kater der auszog, sein neues Zuhause zu finden

NĂ€chsten Mittwoch geht es weiter!

Anne/Poisonpainter

#CroMĂ€r: Kapitel 17

Auch in diesem MĂ€rchensommer möchte ich die Geschichte um Regina weitererzĂ€hlen und habe ein Update des #CroMĂ€r fĂŒr euch vorbereitet.

Das MĂ€rchensommer Banner zeigt eine Scherenschnitt-Fee, die Glitzer auf den verschnörkelten Schriftzug "MĂ€rchensommer" ĂŒber einem aufgeschlagenen Buch streut. Alles vor einer grĂŒnen Wiese neben einem Baum und Sonnenstrahlen im Hintergrund.

Doch zunĂ€chst …

Was bisher geschah …

Regina soll ihrer kranken Oma etwas zu Essen vorbeibringen. Auf dem Weg dahin begegnet sie ihrer Tante, die ihr einen DiĂ€t-Apfel andreht und ihrem Jugendschwarm Wolf, der sie zum Wunderjunggesellenball einlĂ€dt. Hin und hergerissen schließt Regina einen Deal um den ersten Kuss des Abends mit einem seltsamen Förster, damit sie den Apfel, den sie grad erst entsorgt hat, zurĂŒckbekommt.
Allerdings war das erst der Anfang der bizarren Ereignisse, denn bald stellt sich heraus, dass ihre Oma keine geringere als Frau Holle ist und mit der Baba Yaga eine ernstzunehmende Rivalin hat.
Das am Ende des Ballabends Wolf dann ein Frosch ist, war auch nicht das was Regina davon erwartet hatte.

Am nĂ€chsten Morgen hat Regina ein schleimiges Erwachen, denn sie hat Wolf mit nach Hause genommen. Mit Hilfe ihrer Familie und dem Förster, der eigentlich Ralf heißt und sich als Rumpelstilzchen vorstellt, macht Regina sich daran in wieder zurĂŒckzuverwandeln. Was gar nicht so leicht ist, da er einsehen muss, wie sehr sein Handeln sie verletzt hat …

AusfĂŒhrlich könnt ihr es hier nachlesen: #CroMĂ€r

Ein paar Monate spĂ€ter trifft Regina erneut mit Marie zusammen, die verzweifelt ihre mal wieder ausgebĂŒchste Ziege sucht. Doch bald stellt sich heraus, dass sie nicht nur gerne Ralfs Rapunzeln frisst, sondern auch ein verzauberter Mensch ist. Gemeinsam befreien sie die junge Frau von ihrem Fluch. Doch Regina erfĂ€hrt dabei ein Geheimnis ĂŒber Ralf, denn Rumpelstilzchen ist nur ein Deckname. FrĂŒher nannten sie ihn Koscheii und er ist der Sohn eines Aspekts der Baba Yaga.

Und nun geht es wieder ein paar Monate spÀter weiter mit:

Kapitel 17

Regina war schon wieder viel zu spĂ€t dran. Sie hielt die Schlinge ihrer Laptoptasche fest im Griff als sie schnellen Schrittes auf das UnigebĂ€ude zulief. Warum musste ihre Mutter auch darauf bestehen, dass sie jetzt jeden Morgen MagieĂŒbungen machte, bevor sie aus dem Haus ging? Damit verbrachte sie schon nahezu alle Nachmittage, Abende und Wochenenden. Sie hatte dadurch kaum noch Zeit fĂŒr ihre Freunde, denn wenn sie nicht ĂŒbte, musste sie Unikram nachholen, den sie deswegen hinauszögerte. Es war zum Kotzen. Viel lieber wĂŒrde sie in die Zeit zurĂŒckkehren, in der sie eine ganz normale Informatikstudentin gewesen war. Ohne den ganzen magischen Firlefanz. Sollte doch wer anderes den Mantel der Holle ĂŒbernehmen. Bisher hatte sich noch immer eine passende Frau fĂŒr die Rolle gefunden.

»Die Magie befindet dich fĂŒr wĂŒrdig, du wirst die nĂ€chste Holle!«, klingelten ihr die Worte ihrer Oma in den Ohren und Regina schĂŒttelte sie energisch weg.

Algorithmen und Datenstrukturen, das war jetzt wesentlich wichtiger als Wetterzauber oder Backmischungen mit dem gewissen Etwas.

»Entschuldigung?«, riss eine verÀngstigte Stimme sie aus ihrer Eile.

Regina hielt inne und fand eine merkwĂŒrdig gekleidete junge Person an die Hauswand gedrĂ€ngt. »Ja?«

»Ich brauche Hilfe«, eröffnete die Person, als wenn das nicht offensichtlich wÀre.

Die Jacke war viel zu groß, die Hose hingegen zu kurz und Schuhe trug sie gar nicht erst.

»Brauchst du die Polizei? Wurdest du ĂŒberfallen?«

Die Person schĂŒttelte den Kopf. Aus ihrem androgynen Aussehen konnte Regina nichts ableiten, dass ihr bei der weiteren Identifizierung helfen konnte.

»Ich suche meine Herrin, aber ich bin neu in der Stadt und kenne mich noch nicht mit all dem aus.«

Ein GefĂŒhl beschlich Regina, dass dies ein magisches Problem war, aber sie verdrĂ€ngte den Gedanken. Stattdessen fragte sie nach einem Namen und stellte sich selbst ebenfalls vor.

»Ich heiße Mischa.« Ihr GegenĂŒber grinste so breit, dass Regina scharfe EckzĂ€hne erkennen konnte. Auch das sprach fĂŒr ihre BefĂŒrchtung, aber noch gab es dafĂŒr keine Beweise. Stattdessen fragte sie nach dem Geschehen.

Nach ein wenig rumdrucksen packte Mischa aus. »Meine alte Herrin ist gestorben und ich soll jetzt ihrer Enkelin zur Seite stehen, also habe ich eine menschliche Gestalt angenommen und mich auf den Weg gemacht. Aber als ich hier ankam, habe ich mich verlaufen und in einer Gasse mich zum Schlafen gelegt. Als ich aufgewacht bin, waren die Sachen weg, die meine alte Herrin mir geschenkt hatte. Inklusive meiner Stiefel! Meiner wunderbaren Stiefel!« Mischa schnupfte, wischte sich mit dem Handgelenk ĂŒber die Nase.

Regina klappte die Kinnlade runter. Hatte sie das gerade richtig gehört? Menschliche Gestalt angenommen? Sie wiederholte die Worte skeptisch.

»Ja, ich bin ein waschechter gestiefelter Kater!«, verkĂŒndete Mischa stolz.

Wie zur BestÀtigung nieste Regina. Kein es-kribbelt-in-der-Nase-Niesen, nein, ein Allergie-Niesen. Regina stöhnte. Es war ein magisches Problem.

»Ein gestiefelter Kater, nur, dass  «, sie sah zu seinen schuhlosen FĂŒĂŸen, »du keine trĂ€gst.«

»Das ist Teil meines Problems.«

Wieder stöhnte Regina, den Kopf gen Himmel gestreckt. Das konnte heiter werden.

Nachwort

Auch diesmal behandeln die einzelnen Kapitel wieder mÀrchenhafte Aspekte. Könnt ihr erraten, welches hier thematisiert ist?

Übrigens heißt das Kapitel in meinen Notizen: Der ungestiefelte Kater.

NĂ€chsten Mittwoch geht es weiter!

Anne/Poisonpainter

Adventskalender: TĂŒrchen #24

Read in English

Offenbarung

FĂŒr den Rest der Nacht holte Katrin die restlichen Decken, um sie beide darin einzuwickeln. Nicholas hatte derweil die Stelle gefunden an der er sich auch mit den Fesseln hinsetzen konnte; schließlich waren sie zum Festhalten und nicht zum Foltern gedacht. Sie setzten sich dicht nebeneinander, um sich auch gegenseitig WĂ€rme zu spenden. Damit sie es beide bequem hatten, legte Nicholas seinen Arm um Katrin, da die Kette ihr sonst in den RĂŒcken drĂŒcken wĂŒrde. Sie strĂ€ubte sich zwar erst etwas dagegen, gestand sich dann aber ein, dass es so wesentlich angenehmer war.

FĂŒr eine Weile musste Katrin ihm davon erzĂ€hlen, was sie getan hatte, um die Verwandlung umzukehren. Dabei ließ sie allerdings ihren Fehlversuch aus, das war ihr dann doch zu peinlich einem nur leicht bekleideten Nicholas gegenĂŒber. Allein der Gedanke ließ sie rot werden und auch seine wiederholten Nachfragen Ă€nderten nichts an ihrer Entscheidung. Nicht viel spĂ€ter ĂŒberkam Katrin schließlich die Erschöpfung. Der Weg durch den Schnee und ihre Sorge um Nicholas forderten ihren Tribut. Ihren Kopf an Nicholas’ Schulter gelehnt schlief sie schließlich ein.

Am nĂ€chsten Morgen wurden sie von einem erstaunten “Nicholas!” geweckt. Katrin hob den Kopf und konnte den Umriss, der sich ihnen nĂ€herte, erst als Nicole erkennen, als sie schon vor Nicholas kniete und ihn fest in die Arme schloss.
“Du- ihr- was?”, fragte sie, lehnte sich etwas zurĂŒck und sah verwirrt zwischen ihnen hin und her.
“Guten Morgen”, begrĂŒĂŸte Nicholas sie mit einem breiten Grinsen, was Nicole zum Lachen brachte. Es war ein erleichtertes, fröhliches Lachen.
“Wie habt ihr das geschafft?”, brachte sie schließlich hervor.
“Das wissen wir selbst nicht so genau 
”, gab Nicholas beschĂ€mt zu. “Katrin hat auf mich eingeredet und ich hab darauf reagiert 
”
“Hauptsache, du bist wieder du selbst!” Nicole schĂŒttelte lĂ€chelnd den Kopf. Eigentlich wollte sie mit Katrin schimpfen, weil sie einfach mitten in der Nacht alleine in die Höhle gegangen war, aber sie konnte nicht. Das Ergebnis dieser wahnsinnigen Aktion war schließlich ihr kleiner Bruder, der nun nicht mehr von Fell bedeckt war.
“Ihr mĂŒsst beide ja total durchgefroren sein 
”, war alles, was sie sagen konnte und rieb Nicholas ĂŒber die Arme.
“Es geht. Mors Decken haben geholfen”, winkte Nicholas ab und klirrte dabei mit der Kette. “Nur die sind etwas lĂ€stig”, ergĂ€nzte er mit einem LĂ€cheln.
Nicole erwiderte es und prĂ€sentierte lĂ€ssig den SchlĂŒssel, den sie aus ihrer Jackentasche gezogen hatte. “Na dann wollen wir dich mal davon befreien.”

Von den Ketten befreit rieb Nicholas ĂŒber seine aufgeschĂŒrften Handgelenke. Katrin hatte ihm erzĂ€hlt, wie sehr er sich gegen seine Fesseln gewehrt hatte, aber es so zu sehen, war nochmal etwas anderes.
Nicole zog sanft seine Hand weg. „So machst du es nur noch schlimmer.“
Er gehorchte und fing damit an sich erstmal ausgiebig zu strecken. Die Decke um seine Schulter hatte er dafĂŒr abgelegt. Katrin sah beschĂ€mt zur Seite, denn die provisorisch um seine HĂŒfte gelegte Decke verdeckte nicht sonderlich viel.
“HĂ€tte ich gewusst, dass du ne Enthaarungskur gemacht hast, hĂ€tte ich dir Sachen mitgebracht”, kommentierte Nicole als die Decke vollends den Halt verlor. Vorwurfsvoll blickte sie zu Katrin, die immer weiter in sich zusammensank.
“Es ist doch nicht ihre Schuld, dass wir hier draußen keinen Empfang haben
”, gab Nicholas zu Bedenken. Er wollte damit Katrin zur Seite stehen, aber dass er dabei mit hochrotem Kopf die Decke wieder um seine HĂŒfte band, half nicht gerade.
Nicole schĂŒttelte nur den Kopf und hob eine weitere Decke auf, die sie ihrem kleinen Bruder mit einem aufrichtigen LĂ€cheln um die Schultern legte. “Jetzt sorgen wir erstmal dafĂŒr, dass du ins Warme kommst.”

Mit ihren FĂ€higkeiten hielt Nicole den Schnee, der auf sie hinab rieselte davon ab sie zu erreichen und sorgte dafĂŒr, dass der bereits liegende zu einer festen FlĂ€che wurde. Zumindest wenn sie Nicole in direkter Linie folgten, was Katrin am eigenen Fuß erfuhr, der bei einem Fehltritt tief in den Schnee einsank. Schmunzelnd half Nicholas ihr auf die Beine, wĂ€hrend Nicole es ihr knapp erklĂ€rte.

Nach einer gefĂŒhlten Ewigkeit erreichten sie endlich das Haupthaus. Katrin war trotz wĂ€rmender Decke komplett durchgefroren. Sie wollte sich gar nicht vorstellen, wie es Nicholas ging, der Barfuß durch den Schnee lief.
Nicole öffnete die TĂŒr. Geschirrklappern und GesprĂ€che drangen zu ihnen hinaus und hielten schließlich inne.
“Ist alles in Ordnung?”, fragte Natascha besorgt. Ihr Stuhl schabte ĂŒber den KĂŒchenboden.
“Schaut mal, wen ich mitgebracht habe”, verkĂŒndete Nicole stattdessen freudig und machte Platz fĂŒr Nicholas, der mit eingezogenem Kopf durch die TĂŒr ging.
“Nicholas 
”, hauchte Natascha und schloss ihren Sohn sogleich fest in die Arme und auch seine anderen Familienmitglieder kamen auf ihn zu, um ihn willkommen zu heißen.
Katrin drĂ€ngte sich an ihnen vorbei in die warme KĂŒche. Sie lĂ€chelte und war einfach nur froh, dass ihr kleines Abenteuer ein solches Ergebnis erzielt hatte.

Kaum war die erste Welle der stĂŒrmischen Umarmungen verflogen und alle hatten sich etwas beruhigt, da piepte Katrins Handy wie wild los. Alle sahen sie an und peinlich berĂŒhrt schaute sie, was das GerĂ€t wollte. 7 verpasste Anrufe, 3 Nachrichten und 5 neue E-Mails prangten auf ihrem Display, alle von der gleichen Person: Dem Vater, dem sie die Seiten zur Übersetzung gegeben hatte. Nervös öffnete sie die erste Nachricht und ĂŒberflog sie. Ein LĂ€cheln begann sich auf ihrem Gesicht auszubreiten.
“Habe auf einem Symposium einen Kollegen getroffen, der die Sprache spricht. Es handelt sich um eine Mischung aus Alt-Norwegisch und der Sprache der Sami. Er war so begeistert, er wird sich umgehend um eine Übersetzung bemĂŒhen”, stand dort in den kleinen digitalen Buchstaben. Die zweite Nachricht verkĂŒndete, dass sie die Übersetzung am Ende des Tages erwarten könnte. Die dritte verwies auf eine E-Mail. Schnell wechselte sie das Programm, noch immer unter den verwirrten Blicken der Familie. “Im Anhang die fertige Übersetzung.” Katrin konnte sich ein freudiges Quieken nicht verkneifen und öffnete diesen hoffnungsvoll. Sie las die Übersetzung und las sie noch ein zweites Mal, um sicherzugehen, dass sie alles richtig verstanden hatte. Das LĂ€cheln wurde zu einem breiten Grinsen als sie den ungeduldig Wartenden verkĂŒndete: “Die Übersetzung ist da.”

“Na, lies schon vor!”, drĂ€ngte Nick, aber es war Nicholas auf dessen Antwort sie wartete. Als er kaum merklich nickte, begann sie zu lesen.
“Der Krampus-Zauber ist einer der Ă€ltesten und mĂ€chtigsten Schutzauber Joulkys,”, Katrin musste ĂŒber die Schreibweise ‘Julki’ schmunzeln, aber vielleicht wurde es frĂŒher so geschrieben, “der seinen Wirt mit besonderen FĂ€higkeiten ausstattet, um das Dorf und die Familie zu schĂŒtzen. Mit seiner FĂ€higkeit, die Bösartigkeit eines Menschen zu erspĂŒren, kann er Gefahren bereits abwenden, bevor sie zu einer Bedrohung werden. Durch die Verwandlung in die Bestie gewinnt der Wirt an Schnelligkeit und StĂ€rke. Jedoch sind diese Vorteile nur nutzbar, sofern der Wirt seine Menschlichkeit nach der ersten Verwandlung, seiner ‘Wilden Phase’, zurĂŒckerlangt.” Katrin machte eine Pause um Luft zu holen und die Gesichter zu betrachten. Der Krampus war kein Monster, er war ein BeschĂŒtzer! Nicholas war der neue BeschĂŒtzer des Dorfes! Doch noch schien diese Nachricht nicht angekommen zu sein, denn er starrte lethargisch zu Boden, wĂ€hrend Nicole nachfragte, ob das alles war. Katrin schĂŒttelte den Kopf und las weiter. “Stirbt ein Krampus-Wirt sucht sich der Zauber einen neuen aus dem Kreis der Familie. Einst ging man davon aus, dass der Zauber von der grĂ¶ĂŸten Quelle der Wut angezogen wurde, heute wissen wir jedoch mit Bestimmtheit, dass fĂŒr die Wahl des nĂ€chsten Wirtes dessen vorhandener Hass eine stĂ€rkere Rolle spielt.” Dieser Abschnitt hatte sie schon beim vorherigen Lesen verwirrt. Sie konnte sich einfach nicht vorstellen, dass jemand wie Nicholas einen solchen Hass in sich tragen könnte. “Wurde ein neuer Wirt gefunden, so dauert es bis zu den nĂ€chsten RauhnĂ€chten, dass die Verwandlung beginnt und sich unterschiedlich schnell ausbreitet, bis er vollkommen zur Bestie wird. Nur durch eine Konfrontation mit seiner eigenen Menschlichkeit und der Wahrheit ĂŒber seine Situation, kann der Wirt aus der Wilden Phase herausgerissen werden und seinen Aufgaben gezielt nachkommen.” Katrin schluckte, bevor sie weiterlas: “Gelingt es nicht, den Krampus-Wirt aus der Wilden Phase zurĂŒckzuholen, so muss er einem magischen Ende zugefĂŒhrt werden, damit ein anderer Wirt seinen Platz einnehmen kann.” Damit schloss sie. Das Dokument endete mit einem Hinweis auf kommende Übersetzungen, da der Text wesentlich lĂ€nger gewesen war, sie aber vor allem um Passagen zur Verwandlung und Entstehung gebeten hatte. Allerdings hatte sie das Vorwort verschwiegen: “Um das Wissen ĂŒber den Krampus zu bewahren, schreibe ich diese Zeilen. Mögen sie kommenden Generationen dienen den kommenden Krampus-Wirten auf ihrem Weg zu helfen.” Das wĂŒrde Ephraim mit seinem Gewissen ausmachen mĂŒssen.

Über den Raum hatte sich Schweigen gelegt, es fĂŒhlte sich an, wie die Ruhe vor dem Sturm.

“Wen hasst du?”, brach es schließlich aus jemandem heraus. Katrin konnte nicht sagen wer es war, denn die Stimmen ĂŒberschlugen und vermischten sich, als sie auf Nicholas eindrĂ€ngten.
“Was hasst du?”
“Du bist doch immer so freundlich zu jedem!”
“MICH!”, brach es schließlich aus Nicholas hervor und er presste seine HĂ€nde gegen seine Stirn. “Ich bin ein Nichtsnutz, ein Versager
”, brummte er erschöpft, “Ich kann von allem ein bisschen, aber nichts wirklich gut
” Zwischen seinen Haaren brachen langsam die Hörner erneut hervor, aber seine Familie starrte ihn lediglich verwirrt an. Da niemand von ihnen reagierte, nahm Katrin es auf sich, ihn von den anderen wegzudrehen.
“Sieh mich an”, forderte sie ihn auf und fixierte sein Gesicht mit beiden HĂ€nden in ihre Richtung. Seine sonst so dunklen Augen hatten sich bereits aufgehellt und suchten hektisch nach Halt. “Nicholas”, versuchte sie erneut seine Aufmerksamkeit zu erlangen, vehement und mit einer Ruhe, die nicht ihr Innerstes erreichte; wie bei einem verĂ€ngstigten Kind.  Endlich blieben seine Augen auf den ihren ruhen.
“Du bist kein Versager, es ist nur dein Kopf, der dir das einreden will!”, versuchte sie ihm klar zu machen, “Das ist ganz normal. Es gibt sogar viele Leute, die so denken. Du bist damit nicht allein.” Mit einem aufmunternden LĂ€cheln fuhr sie fort: “In meiner Welt gibt es Ärzte – Psychologen –  die dir helfen können mit diesen Gedanken zu leben, damit sie dich nicht kaputt machen. Aber nur, wenn du das auch willst.”
“Einen Arzt? Der Junge ist doch nicht krank!”, protestierte Nikolaus abweisend.
Nicholas zuckte zusammen, doch Katrin ließ ihn nicht los.
“Doch ist er!”, widersprach Claudia und strich Nicholas beruhigend ĂŒber die Schulter, “Wenn sein Selbsthass so stark ist, dass der Krampus-Zauber ihn fĂŒr wĂŒrdig hĂ€lt, dann braucht er dringend Hilfe
” Über Nicholas’ Schulter hinweg sah sie zu Katrin, die zustimmend nickte. BedrĂŒckendes Schweigen hatte sich ĂŒber den Raum gelegt und Katrin spĂŒrte, wie Nicholas langsam anfing zu zittern. Seine Augen verdunkelten sich wieder und ohne Vorwarnung krallte er sich an sie, sein Gesicht an ihrer Schulter verborgen. TrĂ€nen benetzten ihre Jacke und alles was sie tun konnte war, ihm in beruhigenden Kreisen ĂŒber den RĂŒcken zu streichen.

Nachdem er sich gefangen hatte, richtete er sich wieder auf, sah sie betrĂŒbt an und flĂŒsterte: “Es tut mir Leid.”
“Das braucht es nicht”, versicherte sie ihm. “Aber jetzt brauche ich erstmal eine warme Dusche und du auch”, versuchte sie ihn abzulenken und klopfte ihm aufmunternd auf den Oberarm.
Verstohlen blickte Nicholas an sich herab und murmelte: “Etwas zum Anziehen wĂ€re auch gut
”
“Das wollte ich jetzt nicht nochmal extra betonen
”, gab Katrin zu und beiden stieg die Röte ins Gesicht.
“Geht, Claudia kann uns alles erklĂ€ren”, bestimmte Nicole und wuschelte ihrem kleinen Bruder durch die Haare.
Dieser blickte sie dankbar an und ließ sich dann von Katrin hinausbegleiten.

Als sie im Flur ankamen blieb Nicholas nachdenklich stehen und Katrin drehte sich fragend zu ihm um.
“Ich- Du- Kannst du- Kannst du noch ein paar Tage hier bleiben?”, fragte er sie, den Blick unsicher zu Boden gerichtet. “Und-und mir
 mir helfen jemanden zu finden
 der mir glaubt ..?”
“NatĂŒrlich”, versicherte sie ihm mit einem halben LĂ€cheln, “außerdem brauchst du dich nur zu verwandeln, dann glaubt dir jeder.“ Als Nicholas mit einem Schmunzeln reagierte, fĂŒgte sie ernster hinzu: ”Und wenn es dir hier zu viel wird, hast du ja mein Haus gesehen.”
Er nickte erschöpft. “Danke.”
“DafĂŒr nicht”, widersprach Katrin mit einem dezenten KopfschĂŒtteln. “Und jetzt ab unter die Dusche mit dir.”
Mit einem letzten LĂ€cheln wandte Nicholas sich zum Bad, wĂ€hrend Katrin ihm noch einen Moment lang hinterher sah. Sie dachte ihre erste Begegnung mit ihm war schon merkwĂŒrdig gewesen, aber nun half sie einem depressiven Krampus-Santa auf die Beine zu kommen. Das wĂŒrden ihr noch viel weniger Leute glauben 


Behind the Scenes

Wir haben das Ende erreicht, das ursprĂŒnglich drei Kapitel waren. Ja, es ist ein offeneres Ende, aber ich hab schon ein paar Ideen, wie es mit Nicholas und Katrin weitergehen soll … 😉

Es war ein anstrengender und interessanter Weg hier her – und ich meine nicht nur die Geschichte – und ich möchte auch an dieser Stelle nochmal ein

GANZ GROßES DANKE!

an die Autorinnen, die mir bei dieser Geschichte geholfen haben, senden:

Irina ChristmannAnne Danck, Marina von DarkFairys SenfNebuEva-Maria Obermann und Paula Roose!

Ohne euch hÀtte ich das dieses Jahr nicht geschafft!

Ich hoffe alle Leser*innen und Autorinnen hatten Spaß – und Letztere waren nicht zu arg genervt, wenn ich doch nochmal was geĂ€ndert haben wollte bzw. geĂ€ndert habe. 😉

Damit wĂŒnsche ich uns:

Besinnliche Feiertage und vielleicht noch ein paar Flocken Schnee, die unsere Zuhause zu einem kleinen Joulky machen. 😉

PoiSonPaiNter

© FĂŒr Geschichte und Charaktere liegen bei mir. Verwendung oder Weitergabe nicht ohne meine Zustimmung.
~~~~~~~ ❄ ~~~~~~~ ❄ ~~~~~~~ ❄ ~~~~~~~ ❄ ~~~~~~~ ❄ ~~~~~~~
Lies auf Deutsch

I’m sorry so far there is no translation of this door

PoiSonPaiNter

© For the story by me. Do not use or repost either without my permission.

Adventskalender: TĂŒrchen #23

Read in English

Monster

“Alles gut”, sagte Katrin, obwohl nichts gut war. Gar nichts. “Jetzt beruhigen wir uns beide erst einmal. Ich bin fĂŒr dich da. Sag mir, was das Problem ist, und wir finden gemeinsam eine Lösung. Alles wird gut.”
Aber die SĂ€tze, die sonst bei ihren Kindergartenkindern immer so gut wirkten, gingen in dem furchterregenden, langgezogenen Knurren unter, das von den HöhlenwĂ€nden widerhallte. Also verstummte sie und wartete auf eine LĂŒcke im Knurren. Sie wĂŒrde ihn nicht anschreien. Geduldig holte sie Luft und versuchte es, in der winzigen Stille noch einmal.
“Nicholas, ich will dir helfen. Ich -”
Wieder begann er zu knurren. Als hÀtte er keines ihrer Worte verstanden.
War das möglich? Konnte sich mit der Form seiner Ohren auch seine FĂ€higkeit, ihre Sprache zu verstehen – oder zu sprechen – verĂ€ndert haben?
Wenn ja, dann wĂŒrde alles Reden nichts nutzen – womöglich nahm er das nur als Knurren ihrerseits wahr. Aber wie konnte sie ihn dann dazu bringen, sich zu beruhigen? Katrin beobachtete, wie sich Nicholas immer und immer wieder gegen seine Ketten warf, seine ganze Wut und Aufmerksamkeit auf sie, den Eindringling gerichtet. Das Herz blutete ihr bei diesem Anblick. Und wenn er so weitermachte, dann wĂŒrde ihm bald die Handgelenke bluten. So ging das nicht weiter. Wenn sie schon nicht mit ihm reden konnte, dann wĂŒrde sie ihm zeigen mĂŒssen, dass sie ihm nichts böses wollte.
Warum, verdammt, hatten sie diese dumme Übersetzung noch nicht bekommen?
Entgegen allem, was ihr die Instinkte zuschrien, setzte sich Katrin in Bewegung und nĂ€herte sich dem Wildgewordenen. Ganz langsam. Wie vorher durch den Tiefschnee, so kostete sie auch jetzt jeder Schritt unglaubliche Überwindung. Denn natĂŒrlich wurde er zunĂ€chst nicht ruhiger, sondern raste nur um so mehr.
Ganz ruhig. Alles wird gut.
Jetzt war sie selbst es, der sie dieses Mantra aufsagen musste. Noch drei Meter. Zwei. Eine ArmlĂ€nge. Noch nie war ihr so deutlich bewusst gewesen wie groß Nicholas im Vergleich zu ihr war. Wie krĂ€ftig. Sie musste verrĂŒckt sein.
Auch die Hand streckte sie ganz langsam aus. Nicholas kĂ€mpfte gegen die schweren Ketten, die seine Arme zurĂŒckhielten, und versuchte stattdessen mit dem Kiefer nach ihr zu schnappen. Zu schnappen. Wie ein Tier. Katrins Atem ging flach. Trotzdem schob sie Zentimeter fĂŒr Zentimeter ihre Finger vor. Sie wagte nicht, sich vorzustellen, was es bedeuten wĂŒrde, wenn die ZĂ€hne des Krampus’ sie tatsĂ€chlich erreichten. Wenn diese Kiefer

Nicholas. Es war immer noch Nicholas.
In dem Moment, in dem er erneut nach ihr zielte, drehte sie die Hand und legte sie ihm an die Wange.
Er erstarrte. Gelbe Augen fixierten sie.
Sie bewegte die Finger, vorsichtig. Das Fell war rau unter ihren Fingerspitzen. Und er schnaufte noch immer – ob vor Wut oder Angst vermochte sie nicht zu sagen. Aber irgendetwas in ihm, schien noch Nicholas genug zu sein, um diese BerĂŒhrung als eine ungefĂ€hrliche wiederzuerkennen.
Und wenn der Weg zu seiner Erlösung damit zusammenhing? Wenn sie ihn ganz ans Menschsein erinnern musste? War es nicht auch das Wundermittel in sĂ€mtlichen MĂ€rchen? …und wenn das hier keine wahrgewordene Sagengestalt war, was dann?
Ein unangebracht aufgeregtes Prickeln stieg in ihr auf, trieb ihr das Herzklopfen in die Kehle und das Blut in die Wangen. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und kĂŒsste ihn. Einfach so. Auf den Mund.
Eine nervöse Sekunde lang passierte nichts.
Dann kam wieder Bewegung in den Krampus und er schĂŒttelte sie ab. Nicht absichtlich. Er zog und zerrte lediglich wieder mit aller Kraft an seinen Ketten und brĂŒllte auf, als er feststellte, dass sie sich nicht bewegten.
Und er besaß immer noch Hufe, Krallen und Hörner wie zuvor.
“Verdammt, Nicholas! Was soll ich denn noch tun?” Plötzlich war die Angst wieder mit voller Wucht da, schnĂŒrte ihr den Hals zu. “Du könntest mir ja auch mal nachdenken helfen, anstatt mich nur anzuknurren! Oder wenigstens stillstehen, verflucht! So machst du doch alles nur noch schlimmer!” AufgewĂŒhlt drehte sie sich fort und begann, in der Höhle auf- und abzulaufen. “Es muss einfach einen Ausweg geben! Es muss einfach! Und ich werde dich nicht im Stich lassen – da kannst du mich noch so bedrohlich anknurren! Hast du gehört, du FellschĂ€del?”
Doch genauso gut hĂ€tte sie mit der Höhlenwand reden können. Er war wieder ganz das beißwĂŒtige Monster geworden, dass allein durch die Ketten daran gehindert wurde, sich auf sie zu stĂŒrzen.
“Hörst du mir ĂŒberhaupt zu, verdammt?!” Aufgebracht bĂŒckte sich Katrin nach dem hereingewehten Schnee zu ihren FĂŒĂŸen und warf ihn Nicholas an den Kopf. Er zuckte zusammen, schĂŒttelte sich wie ein Hund und machte dann weiter wie zuvor. Manisch.
“Ach, verflucht!” Was tat sie hier? Sie konnte doch sehen, dass ihre Anwesenheit ihm mehr schadete, als half! Meine GĂŒte, hatte sie sich nicht geschworen, nicht zu schreien? Was war es dann, was sie gerade machte? Hatte sie ihn ernsthaft beworfen?
“Ich bin dir keine gute Gesellschaft, oder? Jetzt nicht
 Aber vermutlich war ich das auch zuvor nicht. Ich meine, was habe ich denn schon fĂŒr dich getan? Konnte ich dir auch nur in einem Punkt helfen? Du warst doch derjenige, der mich immerzu beschenkt hat – indem du mir das Dorf gezeigt hast. Und eure Bibliothek. Die Rentiere! Aber ich? Ich habe nur alles durcheinandergebracht. Dein Bruder hatte Recht, ich hĂ€tte nie in euer Dorf kommen dĂŒrfen. WĂ€re ich nicht gewesen, hĂ€ttest du mich auch nicht vor dem Krampus schĂŒtzen mĂŒssen. Und ohne den getöteten Krampus wĂ€rst du nie
 ”
Ein weiteres Mal warf sich Nicholas grollend gegen die Ketten. Die Haut an seinen Handgelenken war inzwischen schon beinahe fellfrei – abgescheuert, nicht erlöst.
“Was habe ich nur getan?” Katrin wĂŒrgte an dem Kloß in ihrem Hals, kĂ€mpfte gegen das Brennen in ihren Augen. Und fand sich plötzlich auf den Knien wieder, direkt vor Nicholas und doch so unendlich weit weg, und die Schluchzer rollten nur so ĂŒber sie hinweg, schĂŒttelten sie, bis sie selbst kaum noch Luft bekam. Die ganze Welt war verschwommen, nichts mehr ĂŒbrig außer dem EingestĂ€ndnis ihrer Hilflosigkeit.
Es dauerte eine Ewigkeit, ehe sie sich wieder unter Kontrolle hatte. Als sie sich auf die Lippen biss und beschloss, dass sie ebenso gut gehen und wenigstens Nicholas seine ungestörte Einsamkeit wiedergeben konnte. Schuldbewusst hob sie den Kopf, um ihn anzusehen –
Und fand sich erneut zwei goldenen Augen gegenĂŒber.
Er riss nicht an seinen Ketten, er brĂŒllte nicht. Er hatte sich so weit wie möglich zu ihr herabgebeugt und war erneut erstarrt, fixierte sie eindringlich.
Menschlichkeit, begriff Katrin durch den Nebel in ihrem Kopf hindurch. Weinen war auch etwas, was nur Menschen konnten.
Dann, jÀh, klirrte es laut und Katrin zuckte zusammen. Die Kette von Nicholas rechtem Arm war erneut straff gespannt. Er zerrte daran. Aber diesmal nur einseitig. Was

Rechts. Nicholas war RechtshĂ€nder. Er wollte etwas zeigen. Oder berĂŒhren?
Unsicher blinzelte Katrin gegen die verbliebenen TrĂ€nen an und rutschte ein winziges StĂŒck vor – wenn er jetzt erneut einen RĂŒckfall erlitt
? – und noch ein StĂŒck und noch eines

Seine Hand zielte auf ihr Gesicht. Erschrocken hielt Katrin die Luft an und schloss instinktiv die Augen.
Doch die Kralle kratzte nur ganz sacht ĂŒber ihre Haut und war dann wieder fort. Sie öffnete die Augen.
Der Krampus – Nicholas – betrachtete die TrĂ€ne auf seinem Finger.
Katrin schnappte nach Luft. Finger – keine Kralle! Und noch wĂ€hrend sie voller Unglauben darauf starrte, konnte sie sehen, wie das Fell sich, angefangen von dem Finger, immer weiter zurĂŒckzog. Auflöste, als wĂ€re es nie dagewesen, nur ein schlimmer Spuk, ein Albtraum, nichts weiter.
Mit einem Aufschrei zwischen Lachen und Weinen sprang sie auf und schlang Nicholas die Arme um den Körper. Erneut strömten die TrĂ€nen ohne Halt aus ihr heraus. Unter ihrer Wange schmolz das Fell dahin und wurde zu glatter Haut. “Du bist wieder da”, brachte sie schniefend heraus. “Also war es doch eine MĂ€rchenerlösung! Wie konnte ich nur vergessen, dass TrĂ€nen auch eine Option sind?”
“TrĂ€nen?”
Wie gut es war, seine normale Stimme wieder zu hören! Auch wenn sie vom vielen BrĂŒllen noch etwas rau klang. Ohne ihn loszulassen, lehnte sie sich zurĂŒck, um in sein Gesicht sehen zu können. Gerade in dem Moment, als der Zauber sich von seiner Stirn zurĂŒckzog und beide Hörner abbrachen und mit einem Klappern zu Boden fielen.
Nicholas blinzelte. “Was -”
Er war nun wieder ganz der Alte. Kein Krampus mehr. Einfach nur Nicholas. Und…
Sie sahen beide gleichzeitig an ihm herab.
“Ähm”, machte Katrin, rĂ€usperte sich nervös und trat einen Schritt zurĂŒck. “Vielleicht sollten wir dir etwas zum Anziehen beschaffen.”
“Ist ja auch ziemlich kalt”, stimmte Nicholas zu – und sein Tonfall klang dabei schon wieder so unbeschwert und so sehr nach ihm, dass es sie zum Lachen brachte.

“Das ist das einzige, was ich finden konnte.” Katrin hielt Nicholas eine der Decken hin. Sie waren aus Wolle gestrickt und mit Mustern von Schneeflocken und Rentieren versehen.
“Ist das
?”
“Das Werkzeug, mit dem der Krampus aufgetaut wurde? Ich vermute, ja.” Sie drĂŒckte es Nicholas mit Nachdruck in die Hand. “Nur angemessen, dass sie jetzt dich auch etwas auftauen, findest du nicht?”
UmstĂ€ndlich versuchte Nicholas, sich in die Wolle zu hĂŒllen – die Ketten kamen ihm immer wieder in den Weg. Notgedrungen sprang ihm Katrin zu Hilfe und kĂ€mpfte wĂ€hrenddessen gegen den eigenen hochroten Kopf und das Verlegenheitslachen in ihrem Hals an.
“Du solltest dir auch eine nehmen”, forderte Nicholas sie auf.
Katrin verzog den Mund. “Ich sollte eigentlich durch den ganzen Schnee zurĂŒckstapfen und dir echte Kleidung holen. Und mich bei der Gelegenheit gleich deiner ganzen Familie stellen und ihnen beichten, was ich getan habe. Wobei ich dann vermutlich nicht diejenige bin, die dir die Sachen bringt. Vermutlich werden sie mich gleich wieder zurĂŒck nach Hause verfrachten.” Je mehr Katrin darĂŒber nachdachte, desto wahrscheinlicher erschien ihr das und umso mehr sank ihr Mut. Am Liebsten hĂ€tte sie sich in der hintersten Höhlenecke unter den restlichen Decken versteckt, nur um den Reaktionen der anderen zu entgehen. Was hatte sie sich nur dabei gedacht, hierher zu kommen?
“Dann tu es nicht.”
Katrin blinzelte. “Aber -”
“Die Decken werden schon reichen. Außerdem kann ich doch nicht zulassen, dass du meine Familie konfrontierst, ohne mich als FĂŒrsprecher dabeizuhaben. Ich will nicht sagen, dass es ungefĂ€hrlich oder auch nur ansatzweise vernĂŒnftig war, was du getan hast. Aber ohne dich wĂ€re ich weiterhin in einem Zustand, in dem ich nicht einmal wĂŒsste, was Vernunft bedeutet.” Er lĂ€chelte – nein, strahlte – sie an, wie er es schon damals getan hatte, als sie ihm die OfenbĂŒrste fĂŒr den Auspuff angeboten hatte. Oder er ihr eine Schlittenfahrt angeboten hatte. Jedenfalls nicht, als hĂ€tte er nicht vor wenigen Minuten noch Hufe besessen und sich mit verzweifeltem BrĂŒllen gegen seine Ketten geworfen.
“Wenn du das sagst
 “
“Nicole wird diejenige sein, die morgens nach mir gucken kommt, denke ich. Sie sollte am leichtesten auf unsere Seite zu ziehen sein, und vielleicht kann sie mich dann auch direkt aus diesen lĂ€stige Ketten befreien. Mann, die jucken aber auch!”
“Tut mir leid.”
Nicholas winkte ab und die Ketten rasselten bei der Bewegung. “Ich hab dir doch eben schon gesagt, es liegt nicht an dir, dass du sie nicht aufbekommst. Jede Wette, dass sie mit einem Zauber belegt sind.”
“Falls ich irgendetwas tun kann
”
Nicholas schĂŒttelte den Kopf. “Nein, das ist
 – Oder warte, doch.” Er grinste ein wenig verlegen. “Ich will nicht, dass du glaubst, ich hĂ€tte schon wieder den Verstand verloren, aber -”
“DafĂŒr konntest du ja wohl kaum was!”
“Aber wĂ€rst du so nett und wĂŒrdest mich absuchen?”
“Absuchen? Wonach?”
“Ich frag mich nur
 So wie sich die RĂŒckverwandlung angefĂŒhlt hat – oder das, was ich davon mitbekommen habe – könnte ich schwören, dass es die gleiche Art von Magie war, die mich auch Eiszapfen erschaffen lĂ€sst. Und vielleicht ist das auch etwas Ă€hnliches? Jedenfalls dachte ich
”
“Dann mĂŒsstest du ein weiteres Tattoo haben.”
“Genau.” Wieder das verlegene LĂ€cheln. “WĂŒrdest du? Es wĂŒrde mir Sicherheit geben, wenn ich wĂŒsste, dass die RĂŒckverwandlung jetzt zu einer beherrschbaren FĂ€higkeit geworden ist. Aber klar, ich wĂŒrde auch verstehen, wenn es dir zu unangenehm wĂ€re, immerhin bin ich
”
“Halbnackt?” Katrin hob eine Augenbraue.
Er grinste entschuldigend. “Nun ja
”
“In Ordnung. Streck deine Arme aus. Wir fangen mit dem einfachsten an.”
Doch Arme und RĂŒcken waren tattoofrei. Ebenso Hals, Waden, und

“Hier!” Aufgeregt ging Katrin in die Knie und deutete auf Nicholas rechten Knöchel, eine Stelle, die gerade so unter der Fußfessel sichtbar war. “Wie wĂ€re es damit?”
Es war eine Miniaturausgabe eines einzelnen Krampushorns. In seiner Winzigkeit sah es unschuldig aus, geradezu irritierend harmlos, nicht annĂ€hernd so mĂ€chtig und todbringend wie es auf Nicholas‘ Kopf ausgesehen hatte.
“Könntest du dich willentlich zurĂŒck in den Krampus verwandeln?”
“Katrin, ich glaube nicht -”
“Du hast es selbst gesagt! Die Verwandlung gehört jetzt zu deinen FĂ€higkeiten. Du wirst mir nichts tun.”
“Dann trete wenigstens einen Schritt zurĂŒck.”
Sie tat wie geheißen.
Nicholas schloss die Augen. Mehr, weil er nicht ihre Reaktion auf die Verwandlung sehen wollte, denn weil er sich wirklich konzentrieren musste, vermutete sie.
Nichts geschah.
Nicholas öffnete die Augen wieder. “Ich spĂŒre die Magie, aber sie scheint zu verpuffen, sobald sie Gestalt annimmt. Ich vermute, es sind die Ketten. Ich werde es wieder versuchen, sobald ich sie los bin. Und dann
 werden wir sehen.”

Behind the Scenes

Das vorletzte Kapitel ist erneut von Anne Danck und auch hier hatten wir ein paar Positionsprobleme und mussten uns erstmal abstimmen, wer eigentlich wann, wie steht/kniet und umarmt. 😀

Was aber die lÀngste Diskussion angezettelt hat, war die eigentliche Erlösung und wie das zustatten kommt, da hatte ich das Bild in meinem Kopf anfangs nicht genau genug kommuniziert und Anne musste nochmal ran und die Stelle umschreiben.

Und ja, mir ist bewusst, dass die Nacktheit nach einer RĂŒckverwandlung ein alter Hut ist, aber immerhin ein peinlich-witziger, alter Hut. 😉

PoiSonPaiNter

© FĂŒr Geschichte und Charaktere liegen bei mir. Verwendung oder Weitergabe nicht ohne meine Zustimmung.
~~~~~~~ ❄ ~~~~~~~ ❄ ~~~~~~~ ❄ ~~~~~~~ ❄ ~~~~~~~ ❄ ~~~~~~~
Lies auf Deutsch

I’m sorry so far there is no translation of this door

PoiSonPaiNter

© For the story by me. Do not use or repost either without my permission.

Adventskalender: TĂŒrchen #22

Read in English

Eine wirklich dumme Idee

Sie drĂŒckte auf die Wahlwiederholungstaste. Es tutete. Wieder nahm keiner ab.
“Komm schon, Nicholas.” Stirnrunzelnd starrte Katrin das Telefon an und legt auf. Es machte sie nervös, diese Funkstille. Es hatte so schön funktioniert, die letzten Wochen. Sie schrieb ihm Nachrichten ĂŒber den Stand ihrer Suche, er schrieb zurĂŒck. Doch seit zwei Tagen

Erneut drĂŒckte sie auf die Wahlwiederholung. Entschied sich dagegen und legte wieder auf. Stattdessen durchsuchte sie das Telefonbuch nach Nicoles Nummer. Zögerte. Und rief dann an.
Es klingelte nur dreimal.
“Ja?”
“Ich bin’s, Katrin.” Sie presste sich die Finger gegen die Nasenwurzel. “Du, sag mal, ich kann Nicholas nicht erreichen
”
“Was? Ja
Moment.” Vom Hörer weg sagte Nicole etwas auf Norwegisch. Im Hintergrund war einiges an Tumult zu hören. Mehrere Leute riefen gleichzeitig, ohne dass Katrin jedoch hĂ€tte verstehen könne, worum es ging. “Ist gerade ein ganz schlechter Zeitpunkt”, hörte Katrin dann wieder lauter auf fast akzentfreiem Deutsch. “Ich ruf dich spĂ€ter zurĂŒck.”
“Nicole.” Katrin legte alle AutoritĂ€t in ihre Stimme wie sie es sonst nur bei ihrer Kindergartengruppe tat. “Lass mich helfen.”
“Nein, das ist -” Noch mehr laute Stimmen im Hintergrund. Ein Splittern, das klang, als wĂ€re Holz zu Bruch gegangen. “In Ordnung. Ich bin gleich bei dir.”

Auf dem Weg vom Portal zum Haus sprach keiner von ihnen. Sie hasteten nur schnellstmöglich durch die Schneemassen, beinahe sogar zu schnell, als dass Katrin Zeit zum Frieren gehabt hĂ€tte. Aber nicht schnell genug, dass nicht trotzdem die Gedanken hochgekommen wĂ€ren. Was war in ihrer Abwesenheit passiert? Wie konnte Nicholas – der Nicholas, der mit ihr im Schlitten geflogen war, sie blind an der Hand durch die Bibliothek gefĂŒhrt hatte und sich bei Verlegenheit auf die Lippe biss – wie konnte derselbe Nicholas fĂŒr das Chaos am anderen Ende des Telefons verantwortlich gewesen sein? Wollte sie wirklich sehen, wie er jetzt war? WĂŒrde sie tatsĂ€chlich etwas Ă€ndern können?
Als sie das Haus betraten, war es totenstill. Kein lautes Stimmengewirr, kein Poltern.
Am Wohnzimmertisch fanden sie dann lediglich Carlos und Natascha, umgeben von einem Chaos aus Holzsplittern und Porzellanscherben. Anscheinend hatte es Kuchen gegeben – doch die Reste des Gedecks waren ĂŒberall im Raum verteilt. Eine Gabel steckte sogar auf Augenhöhe im TĂŒrrahmen und Katrin wollte sich nicht ausmalen, wie sie dorthin gekommen war.
WĂ€hrend Carlos unbeholfen auf Natascha einredete, drĂŒckte sich diese stumm ein Taschentuch gegen die Augen, die Schultern von gelegentlichem Beben geschĂŒttelt. Doch beim Knarren ihrer Schritte auf dem Boden, verstummte Carlos und sah sich um.
“Wo sind die anderen?”, platzte Nicole sofort heraus. “Wo ist Nicholas?”
Von Natascha war lediglich ein leises Japsen zu hören.
“Carlos?”
Er murmelte etwas UnverstÀndliches.
“Was ist passiert? Was habt ihr mit ihm gemacht!”
Unter Nicoles Ausbruch schrumpfte Carlos in sich zusammen. “Nicholas – er war nicht mehr er selbst und -“
“Das habe ich gesehen!”
“Nein, es wurde noch schlimmer und er
” Carlos presste die Augen zusammen, als wĂŒrden die Bilder ihm Schmerzen bereiten.
“Er hat Klaus verletzt.” Nataschas Stimme war heiser. “Ich bin mir sicher, er wollte es nicht. Aber in seinem jetzigen Zustand
 Nick hat keine andere Wahl mehr gesehen, als die Glocke zu benutzen.”
“Die Glocke? Ihr habt ihm seinen eigenen Willen genommen? Ihn handlungsunfĂ€hig gemacht?” Nicoles Worte ĂŒberschlugen sich fast, sie begann am ganzen Körper zu zittern. “Wie könnt ihr – wie könnt ihr
”
Auch wenn Katrin selbst die Knie weich waren, so war sie doch noch geistesgegenwĂ€rtig genug, um Nicole einen Stuhl hinzuschieben und sie sanft darauf zu bugsieren. Allein dass diese es ohne Widerstand geschehen ließ, sprach BĂ€nde. “Wo ist er jetzt?”, fragte Katrin an Carlos und Natascha gewandt.
“Er musste fort von hier, wo er sich selbst oder anderen Schaden kann.”
“Wo ist er?”, wiederholte Katrin stur.
“In der Krampus-Höhle”, antwortete Natascha kaum hörbar und drĂŒckte sich erneut das Taschentuch gegen die Augenwinkel.
Sie hatten ihn weggesperrt.

Sie konnte nicht schlafen.
Katrin lag in dem fremden Bett und starrte an die Decke. Zum Fenster, vor dem die dunkle Nacht gĂ€hnte. Auf den Wecker, dessen Zahlen in schwachem GrĂŒn leuchteten. Ein Uhr drei. Wundervoll. WĂŒtend starrte sie wieder zur Decke auf.
Warum bitte war sie hier, wenn sie nichts tun konnte? Ob nun hier oder in ihrem eigenen Bett – Nicholas war unerreichbar. Nicht rĂ€umlich, vielleicht, aber dennoch geistig. Wenn sich nicht einmal mehr seine magische Familie in seine NĂ€he traute…
Plötzlich saß sie aufrecht im Bett, das Herz schmerzhaft klopfend. Statt dem dunklen Zimmer sah sie den alten Krampus vor sich, wie er eingefroren im Eisblock hing. Was, wenn
 Das wĂŒrden sie nicht
 Sie waren seine Familie! Sie wĂŒrden doch nicht

Auch der alte Krampus war Teil der Familie gewesen.
Sie hatte die Bettdecke zur Seite geschlagen und sich die Hose ĂŒbergestreift, bevor sie sich ĂŒberhaupt bewusst war, was sie tat. Sie konnte einfach nicht anders. Sie musste es wissen. Sie musste es sehen. Sie musste ihn sehen. Wenn er nun gar nicht weiter verĂ€ndert war und sie ihn trotzdem angekettet hatten? Sicher, sie wĂŒrde nichts tun können – außer ihm Gesellschaft zu leisten – aber dann hĂ€tte sie wenigstens die Gewissheit, mit was fĂŒr Menschen sie es hier zu tun hatte.
Und falls sie doch allen Grund hatten, ihn anzuketten… Aber diesen Gedanken schob sie ganz schnell wieder fort.
Pullover. Noch einen Pullover. Dicke Socken. Schal. In ihrer Hast stolperte sie beinahe ĂŒber ihre eigenen FĂŒĂŸe, als sie den Flur entlanghuschte. Dabei musste sie doch um alles in der Welt leise sein! Wenn auch nur einer von ihnen Wind davon bekam, was sie vorhatte

Die Treppe hinunter. Stiefel ĂŒberziehen. Sie angelte nach der geborgten Winterjacke und riss dabei beinahe eine andere mit hinunter. Atmen. MĂŒtze ĂŒber, Handschuhe an, Schal feststopfen. Kein ZurĂŒck.
Sie stĂŒrzte sich hinaus in die KĂ€lte.

Schon der erste Luftzug biss sich mit eisigen ZĂ€hnen von innen in ihre Lunge. Ihre Wangen erstarrten, ihre Augen brannten. Es hatte noch einmal geschneit, die weiße Schicht war jetzt noch höher, ging ihr beinahe bis zu den Knien und machte jeden einzelnen Schritt zu einem Kraftakt. Sie musste wahnsinnig sein.
Außerdem hĂ€tte sie sich eine Taschenlampe besorgen sollen. Schon hier auf der RĂŒckseite des Wohnhauses, ohne den Schein der Laternen und Lichterketten des Marktplatzes, war es so duster, dass sie kaum die Hand vor Augen sehen konnte. Auch auf die Gefahr hin, von den Fenstern aus gesehen werden zu können, zog sie ihr Handy aus der Tasche und betĂ€tigte den Bildschirm, um wenigstens den leisesten Hauch eines Lichtscheines zu haben. Die KĂ€lte kroch ihr bereits tief in die Glieder, die Hose war vom Schnee komplett durchgeweicht.
Dumme Idee, ganz dumme Idee.
Katrin biss die ZÀhne zusammen und stapfte weiter. Immer weiter. Es war zu dunkel, um von Weitem die Höhle zu erkennen und sie konnte nur hoffen, dass sie nicht in der Richtung irrte.
Wie ihre Kindergartenkinder gucken wĂŒrden, wenn sie ihnen von diesem Abenteuer erzĂ€hlte. Wie sie ganz allein und verfroren durch die Nacht stiefelte, nur um einen Blick auf Nicholas werfen zu können. Nein, besser sie hörten solche Geschichten nicht. Das hier war lĂ€ngst kein WeihnachtsmĂ€rchen mehr, es war zu einem Albtraum geworden.
Selbst in den Handschuhen waren ihre Finger allmĂ€hlich steife Eisklumpen, die kaum noch in der Lage waren, das Handy zu halten. Unsicher warf Katrin einen Blick zurĂŒck in Richtung Dorf, wo ein schwacher Lichtschimmer Schnee und Nacht erhellte. Dann schob sie das Handy zurĂŒck in die Tasche und kĂ€mpfte sich im Dunkeln weiter. Zwang sich dazu, nicht zu denken und stattdessen die Anzahl der Schritte zu zĂ€hlen.

Sie war bei zweihundertdreiundachtzig, als sie erkannte, dass die Verdichtung der Dunkelheit zu ihrer Linken die Höhle sein musste und sie beinahe daran vorbeigegangen wĂ€re. Mit unendlich steifen Gliedern und vor Frost schmerzenden Zehen legte sie die letzten Meter im Tiefschnee zurĂŒck.
In der Höhle war es auch jetzt noch erstaunlich trocken. Kein Schnee hatte es ĂŒber die ersten paar Meter hineingeschafft. Außerdem gab es hier wenigstens Fackellicht, es fĂŒhlte sich beinahe wieder wie Zivilisation an. Dankbar klopfte sich Katrin den Schnee von den Beinen und lehnte sich fĂŒr einen Augenblick nur gegen die raue Höhlenwand, um durchzuatmen. Um die Angst in Schach zu halten, was sie gleich sehen wĂŒrde.
Was, wenn er womöglich doch gar nicht hier war? Wenn sie den ganzen Weg umsonst zurĂŒckgelegt hatte?
Hastig stieß sie sich von der Wand ab und wandte sich dem Inneren der Höhle zu. “Nicholas?”, rief sie aufs Geradewohl und ihre zu hohe, halb erfrorene Stimme hallte von den schartigen WĂ€nden wider. “Nicholas, bist du hier? Nicho-”
Das Knurren, das ihr antwortete, fuhr ihr durch Mark und Bein. FĂŒr einen Herzschlag lang vergaß sie zu atmen.
Das
 das war kein Versuch gewesen, ein Wort zu formulieren. Das hatte nichts Menschliches mehr an sich gehabt.
Wieder ein Knurren. Und ein lautes Rasseln, das beinahe noch unheimlicher war.
Betroffen stĂŒrzte Katrin um die letzte Ecke.
Das Wesen, was dort angekettet war, bestand nur noch aus Fell und Klauen und gelbglĂŒhenden Augen, die ihr wild entgegenstarrten. Es hĂ€tte der alte Krampus sein können – selbst Hufe und Hörner waren identisch – hĂ€tte er nicht unverkennbar eine grĂ¶ĂŸere Statur besessen.
“Nicholas?”, hauchte Katrin.
Mit einem weiteren nackenhaarstrÀubenden Knurren warf sich das Wesen gegen seine Ketten. Nicht, wie es ein Mensch getan hÀtte, der sich befreien wollte. Sondern wie ein gefÀhrlicher, zÀhnefletschender Rottweiler, der den Eindringling aus seinem Revier verjagen wollte.

Er erkannte sie nicht mehr.

Behind the Scenes

Heute gibt es wieder ein Doppelkapitel, diesmal alle beide von Anne Danck. Auch hier war ursprĂŒnglich angedacht zwei Kapitel draus zu machen, aber es passte dann doch besser zusammen, dass Katrin im gleichen Atemzug erfĂ€hrt was geschehen ist und es mit eigenen Augen sieht. Da ich Anne erst nachtrĂ€glich gebeten haben auch den ersten Teil zu ĂŒbernehmen, war die zweite HĂ€lfte vorher fertig. 😀

Und wer aufgepasst hat, hat vielleicht gemerkt, dass ein Charakter so ziemlich die Nase voll haben sollte von Krampen, Krampussen … oder wie auch immer die Mehrzahl von Krampus ist. 😉

PoiSonPaiNter

© FĂŒr Geschichte und Charaktere liegen bei mir. Verwendung oder Weitergabe nicht ohne meine Zustimmung.
~~~~~~~ ❄ ~~~~~~~ ❄ ~~~~~~~ ❄ ~~~~~~~ ❄ ~~~~~~~ ❄ ~~~~~~~
Lies auf Deutsch

I’m sorry so far there is no translation of this door

PoiSonPaiNter

© For the story by me. Do not use or repost either without my permission.