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Adventskalender: TĂŒrchen #24

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Offenbarung

FĂŒr den Rest der Nacht holte Katrin die restlichen Decken, um sie beide darin einzuwickeln. Nicholas hatte derweil die Stelle gefunden an der er sich auch mit den Fesseln hinsetzen konnte; schließlich waren sie zum Festhalten und nicht zum Foltern gedacht. Sie setzten sich dicht nebeneinander, um sich auch gegenseitig WĂ€rme zu spenden. Damit sie es beide bequem hatten, legte Nicholas seinen Arm um Katrin, da die Kette ihr sonst in den RĂŒcken drĂŒcken wĂŒrde. Sie strĂ€ubte sich zwar erst etwas dagegen, gestand sich dann aber ein, dass es so wesentlich angenehmer war.

FĂŒr eine Weile musste Katrin ihm davon erzĂ€hlen, was sie getan hatte, um die Verwandlung umzukehren. Dabei ließ sie allerdings ihren Fehlversuch aus, das war ihr dann doch zu peinlich einem nur leicht bekleideten Nicholas gegenĂŒber. Allein der Gedanke ließ sie rot werden und auch seine wiederholten Nachfragen Ă€nderten nichts an ihrer Entscheidung. Nicht viel spĂ€ter ĂŒberkam Katrin schließlich die Erschöpfung. Der Weg durch den Schnee und ihre Sorge um Nicholas forderten ihren Tribut. Ihren Kopf an Nicholas’ Schulter gelehnt schlief sie schließlich ein.

Am nĂ€chsten Morgen wurden sie von einem erstaunten “Nicholas!” geweckt. Katrin hob den Kopf und konnte den Umriss, der sich ihnen nĂ€herte, erst als Nicole erkennen, als sie schon vor Nicholas kniete und ihn fest in die Arme schloss.
“Du- ihr- was?”, fragte sie, lehnte sich etwas zurĂŒck und sah verwirrt zwischen ihnen hin und her.
“Guten Morgen”, begrĂŒĂŸte Nicholas sie mit einem breiten Grinsen, was Nicole zum Lachen brachte. Es war ein erleichtertes, fröhliches Lachen.
“Wie habt ihr das geschafft?”, brachte sie schließlich hervor.
“Das wissen wir selbst nicht so genau 
”, gab Nicholas beschĂ€mt zu. “Katrin hat auf mich eingeredet und ich hab darauf reagiert 
”
“Hauptsache, du bist wieder du selbst!” Nicole schĂŒttelte lĂ€chelnd den Kopf. Eigentlich wollte sie mit Katrin schimpfen, weil sie einfach mitten in der Nacht alleine in die Höhle gegangen war, aber sie konnte nicht. Das Ergebnis dieser wahnsinnigen Aktion war schließlich ihr kleiner Bruder, der nun nicht mehr von Fell bedeckt war.
“Ihr mĂŒsst beide ja total durchgefroren sein 
”, war alles, was sie sagen konnte und rieb Nicholas ĂŒber die Arme.
“Es geht. Mors Decken haben geholfen”, winkte Nicholas ab und klirrte dabei mit der Kette. “Nur die sind etwas lĂ€stig”, ergĂ€nzte er mit einem LĂ€cheln.
Nicole erwiderte es und prĂ€sentierte lĂ€ssig den SchlĂŒssel, den sie aus ihrer Jackentasche gezogen hatte. “Na dann wollen wir dich mal davon befreien.”

Von den Ketten befreit rieb Nicholas ĂŒber seine aufgeschĂŒrften Handgelenke. Katrin hatte ihm erzĂ€hlt, wie sehr er sich gegen seine Fesseln gewehrt hatte, aber es so zu sehen, war nochmal etwas anderes.
Nicole zog sanft seine Hand weg. „So machst du es nur noch schlimmer.“
Er gehorchte und fing damit an sich erstmal ausgiebig zu strecken. Die Decke um seine Schulter hatte er dafĂŒr abgelegt. Katrin sah beschĂ€mt zur Seite, denn die provisorisch um seine HĂŒfte gelegte Decke verdeckte nicht sonderlich viel.
“HĂ€tte ich gewusst, dass du ne Enthaarungskur gemacht hast, hĂ€tte ich dir Sachen mitgebracht”, kommentierte Nicole als die Decke vollends den Halt verlor. Vorwurfsvoll blickte sie zu Katrin, die immer weiter in sich zusammensank.
“Es ist doch nicht ihre Schuld, dass wir hier draußen keinen Empfang haben
”, gab Nicholas zu Bedenken. Er wollte damit Katrin zur Seite stehen, aber dass er dabei mit hochrotem Kopf die Decke wieder um seine HĂŒfte band, half nicht gerade.
Nicole schĂŒttelte nur den Kopf und hob eine weitere Decke auf, die sie ihrem kleinen Bruder mit einem aufrichtigen LĂ€cheln um die Schultern legte. “Jetzt sorgen wir erstmal dafĂŒr, dass du ins Warme kommst.”

Mit ihren FĂ€higkeiten hielt Nicole den Schnee, der auf sie hinab rieselte davon ab sie zu erreichen und sorgte dafĂŒr, dass der bereits liegende zu einer festen FlĂ€che wurde. Zumindest wenn sie Nicole in direkter Linie folgten, was Katrin am eigenen Fuß erfuhr, der bei einem Fehltritt tief in den Schnee einsank. Schmunzelnd half Nicholas ihr auf die Beine, wĂ€hrend Nicole es ihr knapp erklĂ€rte.

Nach einer gefĂŒhlten Ewigkeit erreichten sie endlich das Haupthaus. Katrin war trotz wĂ€rmender Decke komplett durchgefroren. Sie wollte sich gar nicht vorstellen, wie es Nicholas ging, der Barfuß durch den Schnee lief.
Nicole öffnete die TĂŒr. Geschirrklappern und GesprĂ€che drangen zu ihnen hinaus und hielten schließlich inne.
“Ist alles in Ordnung?”, fragte Natascha besorgt. Ihr Stuhl schabte ĂŒber den KĂŒchenboden.
“Schaut mal, wen ich mitgebracht habe”, verkĂŒndete Nicole stattdessen freudig und machte Platz fĂŒr Nicholas, der mit eingezogenem Kopf durch die TĂŒr ging.
“Nicholas 
”, hauchte Natascha und schloss ihren Sohn sogleich fest in die Arme und auch seine anderen Familienmitglieder kamen auf ihn zu, um ihn willkommen zu heißen.
Katrin drĂ€ngte sich an ihnen vorbei in die warme KĂŒche. Sie lĂ€chelte und war einfach nur froh, dass ihr kleines Abenteuer ein solches Ergebnis erzielt hatte.

Kaum war die erste Welle der stĂŒrmischen Umarmungen verflogen und alle hatten sich etwas beruhigt, da piepte Katrins Handy wie wild los. Alle sahen sie an und peinlich berĂŒhrt schaute sie, was das GerĂ€t wollte. 7 verpasste Anrufe, 3 Nachrichten und 5 neue E-Mails prangten auf ihrem Display, alle von der gleichen Person: Dem Vater, dem sie die Seiten zur Übersetzung gegeben hatte. Nervös öffnete sie die erste Nachricht und ĂŒberflog sie. Ein LĂ€cheln begann sich auf ihrem Gesicht auszubreiten.
“Habe auf einem Symposium einen Kollegen getroffen, der die Sprache spricht. Es handelt sich um eine Mischung aus Alt-Norwegisch und der Sprache der Sami. Er war so begeistert, er wird sich umgehend um eine Übersetzung bemĂŒhen”, stand dort in den kleinen digitalen Buchstaben. Die zweite Nachricht verkĂŒndete, dass sie die Übersetzung am Ende des Tages erwarten könnte. Die dritte verwies auf eine E-Mail. Schnell wechselte sie das Programm, noch immer unter den verwirrten Blicken der Familie. “Im Anhang die fertige Übersetzung.” Katrin konnte sich ein freudiges Quieken nicht verkneifen und öffnete diesen hoffnungsvoll. Sie las die Übersetzung und las sie noch ein zweites Mal, um sicherzugehen, dass sie alles richtig verstanden hatte. Das LĂ€cheln wurde zu einem breiten Grinsen als sie den ungeduldig Wartenden verkĂŒndete: “Die Übersetzung ist da.”

“Na, lies schon vor!”, drĂ€ngte Nick, aber es war Nicholas auf dessen Antwort sie wartete. Als er kaum merklich nickte, begann sie zu lesen.
“Der Krampus-Zauber ist einer der Ă€ltesten und mĂ€chtigsten Schutzauber Joulkys,”, Katrin musste ĂŒber die Schreibweise ‘Julki’ schmunzeln, aber vielleicht wurde es frĂŒher so geschrieben, “der seinen Wirt mit besonderen FĂ€higkeiten ausstattet, um das Dorf und die Familie zu schĂŒtzen. Mit seiner FĂ€higkeit, die Bösartigkeit eines Menschen zu erspĂŒren, kann er Gefahren bereits abwenden, bevor sie zu einer Bedrohung werden. Durch die Verwandlung in die Bestie gewinnt der Wirt an Schnelligkeit und StĂ€rke. Jedoch sind diese Vorteile nur nutzbar, sofern der Wirt seine Menschlichkeit nach der ersten Verwandlung, seiner ‘Wilden Phase’, zurĂŒckerlangt.” Katrin machte eine Pause um Luft zu holen und die Gesichter zu betrachten. Der Krampus war kein Monster, er war ein BeschĂŒtzer! Nicholas war der neue BeschĂŒtzer des Dorfes! Doch noch schien diese Nachricht nicht angekommen zu sein, denn er starrte lethargisch zu Boden, wĂ€hrend Nicole nachfragte, ob das alles war. Katrin schĂŒttelte den Kopf und las weiter. “Stirbt ein Krampus-Wirt sucht sich der Zauber einen neuen aus dem Kreis der Familie. Einst ging man davon aus, dass der Zauber von der grĂ¶ĂŸten Quelle der Wut angezogen wurde, heute wissen wir jedoch mit Bestimmtheit, dass fĂŒr die Wahl des nĂ€chsten Wirtes dessen vorhandener Hass eine stĂ€rkere Rolle spielt.” Dieser Abschnitt hatte sie schon beim vorherigen Lesen verwirrt. Sie konnte sich einfach nicht vorstellen, dass jemand wie Nicholas einen solchen Hass in sich tragen könnte. “Wurde ein neuer Wirt gefunden, so dauert es bis zu den nĂ€chsten RauhnĂ€chten, dass die Verwandlung beginnt und sich unterschiedlich schnell ausbreitet, bis er vollkommen zur Bestie wird. Nur durch eine Konfrontation mit seiner eigenen Menschlichkeit und der Wahrheit ĂŒber seine Situation, kann der Wirt aus der Wilden Phase herausgerissen werden und seinen Aufgaben gezielt nachkommen.” Katrin schluckte, bevor sie weiterlas: “Gelingt es nicht, den Krampus-Wirt aus der Wilden Phase zurĂŒckzuholen, so muss er einem magischen Ende zugefĂŒhrt werden, damit ein anderer Wirt seinen Platz einnehmen kann.” Damit schloss sie. Das Dokument endete mit einem Hinweis auf kommende Übersetzungen, da der Text wesentlich lĂ€nger gewesen war, sie aber vor allem um Passagen zur Verwandlung und Entstehung gebeten hatte. Allerdings hatte sie das Vorwort verschwiegen: “Um das Wissen ĂŒber den Krampus zu bewahren, schreibe ich diese Zeilen. Mögen sie kommenden Generationen dienen den kommenden Krampus-Wirten auf ihrem Weg zu helfen.” Das wĂŒrde Ephraim mit seinem Gewissen ausmachen mĂŒssen.

Über den Raum hatte sich Schweigen gelegt, es fĂŒhlte sich an, wie die Ruhe vor dem Sturm.

“Wen hasst du?”, brach es schließlich aus jemandem heraus. Katrin konnte nicht sagen wer es war, denn die Stimmen ĂŒberschlugen und vermischten sich, als sie auf Nicholas eindrĂ€ngten.
“Was hasst du?”
“Du bist doch immer so freundlich zu jedem!”
“MICH!”, brach es schließlich aus Nicholas hervor und er presste seine HĂ€nde gegen seine Stirn. “Ich bin ein Nichtsnutz, ein Versager
”, brummte er erschöpft, “Ich kann von allem ein bisschen, aber nichts wirklich gut
” Zwischen seinen Haaren brachen langsam die Hörner erneut hervor, aber seine Familie starrte ihn lediglich verwirrt an. Da niemand von ihnen reagierte, nahm Katrin es auf sich, ihn von den anderen wegzudrehen.
“Sieh mich an”, forderte sie ihn auf und fixierte sein Gesicht mit beiden HĂ€nden in ihre Richtung. Seine sonst so dunklen Augen hatten sich bereits aufgehellt und suchten hektisch nach Halt. “Nicholas”, versuchte sie erneut seine Aufmerksamkeit zu erlangen, vehement und mit einer Ruhe, die nicht ihr Innerstes erreichte; wie bei einem verĂ€ngstigten Kind.  Endlich blieben seine Augen auf den ihren ruhen.
“Du bist kein Versager, es ist nur dein Kopf, der dir das einreden will!”, versuchte sie ihm klar zu machen, “Das ist ganz normal. Es gibt sogar viele Leute, die so denken. Du bist damit nicht allein.” Mit einem aufmunternden LĂ€cheln fuhr sie fort: “In meiner Welt gibt es Ärzte – Psychologen –  die dir helfen können mit diesen Gedanken zu leben, damit sie dich nicht kaputt machen. Aber nur, wenn du das auch willst.”
“Einen Arzt? Der Junge ist doch nicht krank!”, protestierte Nikolaus abweisend.
Nicholas zuckte zusammen, doch Katrin ließ ihn nicht los.
“Doch ist er!”, widersprach Claudia und strich Nicholas beruhigend ĂŒber die Schulter, “Wenn sein Selbsthass so stark ist, dass der Krampus-Zauber ihn fĂŒr wĂŒrdig hĂ€lt, dann braucht er dringend Hilfe
” Über Nicholas’ Schulter hinweg sah sie zu Katrin, die zustimmend nickte. BedrĂŒckendes Schweigen hatte sich ĂŒber den Raum gelegt und Katrin spĂŒrte, wie Nicholas langsam anfing zu zittern. Seine Augen verdunkelten sich wieder und ohne Vorwarnung krallte er sich an sie, sein Gesicht an ihrer Schulter verborgen. TrĂ€nen benetzten ihre Jacke und alles was sie tun konnte war, ihm in beruhigenden Kreisen ĂŒber den RĂŒcken zu streichen.

Nachdem er sich gefangen hatte, richtete er sich wieder auf, sah sie betrĂŒbt an und flĂŒsterte: “Es tut mir Leid.”
“Das braucht es nicht”, versicherte sie ihm. “Aber jetzt brauche ich erstmal eine warme Dusche und du auch”, versuchte sie ihn abzulenken und klopfte ihm aufmunternd auf den Oberarm.
Verstohlen blickte Nicholas an sich herab und murmelte: “Etwas zum Anziehen wĂ€re auch gut
”
“Das wollte ich jetzt nicht nochmal extra betonen
”, gab Katrin zu und beiden stieg die Röte ins Gesicht.
“Geht, Claudia kann uns alles erklĂ€ren”, bestimmte Nicole und wuschelte ihrem kleinen Bruder durch die Haare.
Dieser blickte sie dankbar an und ließ sich dann von Katrin hinausbegleiten.

Als sie im Flur ankamen blieb Nicholas nachdenklich stehen und Katrin drehte sich fragend zu ihm um.
“Ich- Du- Kannst du- Kannst du noch ein paar Tage hier bleiben?”, fragte er sie, den Blick unsicher zu Boden gerichtet. “Und-und mir
 mir helfen jemanden zu finden
 der mir glaubt ..?”
“NatĂŒrlich”, versicherte sie ihm mit einem halben LĂ€cheln, “außerdem brauchst du dich nur zu verwandeln, dann glaubt dir jeder.“ Als Nicholas mit einem Schmunzeln reagierte, fĂŒgte sie ernster hinzu: ”Und wenn es dir hier zu viel wird, hast du ja mein Haus gesehen.”
Er nickte erschöpft. “Danke.”
“DafĂŒr nicht”, widersprach Katrin mit einem dezenten KopfschĂŒtteln. “Und jetzt ab unter die Dusche mit dir.”
Mit einem letzten LĂ€cheln wandte Nicholas sich zum Bad, wĂ€hrend Katrin ihm noch einen Moment lang hinterher sah. Sie dachte ihre erste Begegnung mit ihm war schon merkwĂŒrdig gewesen, aber nun half sie einem depressiven Krampus-Santa auf die Beine zu kommen. Das wĂŒrden ihr noch viel weniger Leute glauben 


Behind the Scenes

Wir haben das Ende erreicht, das ursprĂŒnglich drei Kapitel waren. Ja, es ist ein offeneres Ende, aber ich hab schon ein paar Ideen, wie es mit Nicholas und Katrin weitergehen soll … 😉

Es war ein anstrengender und interessanter Weg hier her – und ich meine nicht nur die Geschichte – und ich möchte auch an dieser Stelle nochmal ein

GANZ GROßES DANKE!

an die Autorinnen, die mir bei dieser Geschichte geholfen haben, senden:

Irina ChristmannAnne Danck, Marina von DarkFairys SenfNebuEva-Maria Obermann und Paula Roose!

Ohne euch hÀtte ich das dieses Jahr nicht geschafft!

Ich hoffe alle Leser*innen und Autorinnen hatten Spaß – und Letztere waren nicht zu arg genervt, wenn ich doch nochmal was geĂ€ndert haben wollte bzw. geĂ€ndert habe. 😉

Damit wĂŒnsche ich uns:

Besinnliche Feiertage und vielleicht noch ein paar Flocken Schnee, die unsere Zuhause zu einem kleinen Joulky machen. 😉

PoiSonPaiNter

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Adventskalender: TĂŒrchen #23

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Monster

“Alles gut”, sagte Katrin, obwohl nichts gut war. Gar nichts. “Jetzt beruhigen wir uns beide erst einmal. Ich bin fĂŒr dich da. Sag mir, was das Problem ist, und wir finden gemeinsam eine Lösung. Alles wird gut.”
Aber die SĂ€tze, die sonst bei ihren Kindergartenkindern immer so gut wirkten, gingen in dem furchterregenden, langgezogenen Knurren unter, das von den HöhlenwĂ€nden widerhallte. Also verstummte sie und wartete auf eine LĂŒcke im Knurren. Sie wĂŒrde ihn nicht anschreien. Geduldig holte sie Luft und versuchte es, in der winzigen Stille noch einmal.
“Nicholas, ich will dir helfen. Ich -”
Wieder begann er zu knurren. Als hÀtte er keines ihrer Worte verstanden.
War das möglich? Konnte sich mit der Form seiner Ohren auch seine FĂ€higkeit, ihre Sprache zu verstehen – oder zu sprechen – verĂ€ndert haben?
Wenn ja, dann wĂŒrde alles Reden nichts nutzen – womöglich nahm er das nur als Knurren ihrerseits wahr. Aber wie konnte sie ihn dann dazu bringen, sich zu beruhigen? Katrin beobachtete, wie sich Nicholas immer und immer wieder gegen seine Ketten warf, seine ganze Wut und Aufmerksamkeit auf sie, den Eindringling gerichtet. Das Herz blutete ihr bei diesem Anblick. Und wenn er so weitermachte, dann wĂŒrde ihm bald die Handgelenke bluten. So ging das nicht weiter. Wenn sie schon nicht mit ihm reden konnte, dann wĂŒrde sie ihm zeigen mĂŒssen, dass sie ihm nichts böses wollte.
Warum, verdammt, hatten sie diese dumme Übersetzung noch nicht bekommen?
Entgegen allem, was ihr die Instinkte zuschrien, setzte sich Katrin in Bewegung und nĂ€herte sich dem Wildgewordenen. Ganz langsam. Wie vorher durch den Tiefschnee, so kostete sie auch jetzt jeder Schritt unglaubliche Überwindung. Denn natĂŒrlich wurde er zunĂ€chst nicht ruhiger, sondern raste nur um so mehr.
Ganz ruhig. Alles wird gut.
Jetzt war sie selbst es, der sie dieses Mantra aufsagen musste. Noch drei Meter. Zwei. Eine ArmlĂ€nge. Noch nie war ihr so deutlich bewusst gewesen wie groß Nicholas im Vergleich zu ihr war. Wie krĂ€ftig. Sie musste verrĂŒckt sein.
Auch die Hand streckte sie ganz langsam aus. Nicholas kĂ€mpfte gegen die schweren Ketten, die seine Arme zurĂŒckhielten, und versuchte stattdessen mit dem Kiefer nach ihr zu schnappen. Zu schnappen. Wie ein Tier. Katrins Atem ging flach. Trotzdem schob sie Zentimeter fĂŒr Zentimeter ihre Finger vor. Sie wagte nicht, sich vorzustellen, was es bedeuten wĂŒrde, wenn die ZĂ€hne des Krampus’ sie tatsĂ€chlich erreichten. Wenn diese Kiefer

Nicholas. Es war immer noch Nicholas.
In dem Moment, in dem er erneut nach ihr zielte, drehte sie die Hand und legte sie ihm an die Wange.
Er erstarrte. Gelbe Augen fixierten sie.
Sie bewegte die Finger, vorsichtig. Das Fell war rau unter ihren Fingerspitzen. Und er schnaufte noch immer – ob vor Wut oder Angst vermochte sie nicht zu sagen. Aber irgendetwas in ihm, schien noch Nicholas genug zu sein, um diese BerĂŒhrung als eine ungefĂ€hrliche wiederzuerkennen.
Und wenn der Weg zu seiner Erlösung damit zusammenhing? Wenn sie ihn ganz ans Menschsein erinnern musste? War es nicht auch das Wundermittel in sĂ€mtlichen MĂ€rchen? …und wenn das hier keine wahrgewordene Sagengestalt war, was dann?
Ein unangebracht aufgeregtes Prickeln stieg in ihr auf, trieb ihr das Herzklopfen in die Kehle und das Blut in die Wangen. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und kĂŒsste ihn. Einfach so. Auf den Mund.
Eine nervöse Sekunde lang passierte nichts.
Dann kam wieder Bewegung in den Krampus und er schĂŒttelte sie ab. Nicht absichtlich. Er zog und zerrte lediglich wieder mit aller Kraft an seinen Ketten und brĂŒllte auf, als er feststellte, dass sie sich nicht bewegten.
Und er besaß immer noch Hufe, Krallen und Hörner wie zuvor.
“Verdammt, Nicholas! Was soll ich denn noch tun?” Plötzlich war die Angst wieder mit voller Wucht da, schnĂŒrte ihr den Hals zu. “Du könntest mir ja auch mal nachdenken helfen, anstatt mich nur anzuknurren! Oder wenigstens stillstehen, verflucht! So machst du doch alles nur noch schlimmer!” AufgewĂŒhlt drehte sie sich fort und begann, in der Höhle auf- und abzulaufen. “Es muss einfach einen Ausweg geben! Es muss einfach! Und ich werde dich nicht im Stich lassen – da kannst du mich noch so bedrohlich anknurren! Hast du gehört, du FellschĂ€del?”
Doch genauso gut hĂ€tte sie mit der Höhlenwand reden können. Er war wieder ganz das beißwĂŒtige Monster geworden, dass allein durch die Ketten daran gehindert wurde, sich auf sie zu stĂŒrzen.
“Hörst du mir ĂŒberhaupt zu, verdammt?!” Aufgebracht bĂŒckte sich Katrin nach dem hereingewehten Schnee zu ihren FĂŒĂŸen und warf ihn Nicholas an den Kopf. Er zuckte zusammen, schĂŒttelte sich wie ein Hund und machte dann weiter wie zuvor. Manisch.
“Ach, verflucht!” Was tat sie hier? Sie konnte doch sehen, dass ihre Anwesenheit ihm mehr schadete, als half! Meine GĂŒte, hatte sie sich nicht geschworen, nicht zu schreien? Was war es dann, was sie gerade machte? Hatte sie ihn ernsthaft beworfen?
“Ich bin dir keine gute Gesellschaft, oder? Jetzt nicht
 Aber vermutlich war ich das auch zuvor nicht. Ich meine, was habe ich denn schon fĂŒr dich getan? Konnte ich dir auch nur in einem Punkt helfen? Du warst doch derjenige, der mich immerzu beschenkt hat – indem du mir das Dorf gezeigt hast. Und eure Bibliothek. Die Rentiere! Aber ich? Ich habe nur alles durcheinandergebracht. Dein Bruder hatte Recht, ich hĂ€tte nie in euer Dorf kommen dĂŒrfen. WĂ€re ich nicht gewesen, hĂ€ttest du mich auch nicht vor dem Krampus schĂŒtzen mĂŒssen. Und ohne den getöteten Krampus wĂ€rst du nie
 ”
Ein weiteres Mal warf sich Nicholas grollend gegen die Ketten. Die Haut an seinen Handgelenken war inzwischen schon beinahe fellfrei – abgescheuert, nicht erlöst.
“Was habe ich nur getan?” Katrin wĂŒrgte an dem Kloß in ihrem Hals, kĂ€mpfte gegen das Brennen in ihren Augen. Und fand sich plötzlich auf den Knien wieder, direkt vor Nicholas und doch so unendlich weit weg, und die Schluchzer rollten nur so ĂŒber sie hinweg, schĂŒttelten sie, bis sie selbst kaum noch Luft bekam. Die ganze Welt war verschwommen, nichts mehr ĂŒbrig außer dem EingestĂ€ndnis ihrer Hilflosigkeit.
Es dauerte eine Ewigkeit, ehe sie sich wieder unter Kontrolle hatte. Als sie sich auf die Lippen biss und beschloss, dass sie ebenso gut gehen und wenigstens Nicholas seine ungestörte Einsamkeit wiedergeben konnte. Schuldbewusst hob sie den Kopf, um ihn anzusehen –
Und fand sich erneut zwei goldenen Augen gegenĂŒber.
Er riss nicht an seinen Ketten, er brĂŒllte nicht. Er hatte sich so weit wie möglich zu ihr herabgebeugt und war erneut erstarrt, fixierte sie eindringlich.
Menschlichkeit, begriff Katrin durch den Nebel in ihrem Kopf hindurch. Weinen war auch etwas, was nur Menschen konnten.
Dann, jÀh, klirrte es laut und Katrin zuckte zusammen. Die Kette von Nicholas rechtem Arm war erneut straff gespannt. Er zerrte daran. Aber diesmal nur einseitig. Was

Rechts. Nicholas war RechtshĂ€nder. Er wollte etwas zeigen. Oder berĂŒhren?
Unsicher blinzelte Katrin gegen die verbliebenen TrĂ€nen an und rutschte ein winziges StĂŒck vor – wenn er jetzt erneut einen RĂŒckfall erlitt
? – und noch ein StĂŒck und noch eines

Seine Hand zielte auf ihr Gesicht. Erschrocken hielt Katrin die Luft an und schloss instinktiv die Augen.
Doch die Kralle kratzte nur ganz sacht ĂŒber ihre Haut und war dann wieder fort. Sie öffnete die Augen.
Der Krampus – Nicholas – betrachtete die TrĂ€ne auf seinem Finger.
Katrin schnappte nach Luft. Finger – keine Kralle! Und noch wĂ€hrend sie voller Unglauben darauf starrte, konnte sie sehen, wie das Fell sich, angefangen von dem Finger, immer weiter zurĂŒckzog. Auflöste, als wĂ€re es nie dagewesen, nur ein schlimmer Spuk, ein Albtraum, nichts weiter.
Mit einem Aufschrei zwischen Lachen und Weinen sprang sie auf und schlang Nicholas die Arme um den Körper. Erneut strömten die TrĂ€nen ohne Halt aus ihr heraus. Unter ihrer Wange schmolz das Fell dahin und wurde zu glatter Haut. “Du bist wieder da”, brachte sie schniefend heraus. “Also war es doch eine MĂ€rchenerlösung! Wie konnte ich nur vergessen, dass TrĂ€nen auch eine Option sind?”
“TrĂ€nen?”
Wie gut es war, seine normale Stimme wieder zu hören! Auch wenn sie vom vielen BrĂŒllen noch etwas rau klang. Ohne ihn loszulassen, lehnte sie sich zurĂŒck, um in sein Gesicht sehen zu können. Gerade in dem Moment, als der Zauber sich von seiner Stirn zurĂŒckzog und beide Hörner abbrachen und mit einem Klappern zu Boden fielen.
Nicholas blinzelte. “Was -”
Er war nun wieder ganz der Alte. Kein Krampus mehr. Einfach nur Nicholas. Und…
Sie sahen beide gleichzeitig an ihm herab.
“Ähm”, machte Katrin, rĂ€usperte sich nervös und trat einen Schritt zurĂŒck. “Vielleicht sollten wir dir etwas zum Anziehen beschaffen.”
“Ist ja auch ziemlich kalt”, stimmte Nicholas zu – und sein Tonfall klang dabei schon wieder so unbeschwert und so sehr nach ihm, dass es sie zum Lachen brachte.

“Das ist das einzige, was ich finden konnte.” Katrin hielt Nicholas eine der Decken hin. Sie waren aus Wolle gestrickt und mit Mustern von Schneeflocken und Rentieren versehen.
“Ist das
?”
“Das Werkzeug, mit dem der Krampus aufgetaut wurde? Ich vermute, ja.” Sie drĂŒckte es Nicholas mit Nachdruck in die Hand. “Nur angemessen, dass sie jetzt dich auch etwas auftauen, findest du nicht?”
UmstĂ€ndlich versuchte Nicholas, sich in die Wolle zu hĂŒllen – die Ketten kamen ihm immer wieder in den Weg. Notgedrungen sprang ihm Katrin zu Hilfe und kĂ€mpfte wĂ€hrenddessen gegen den eigenen hochroten Kopf und das Verlegenheitslachen in ihrem Hals an.
“Du solltest dir auch eine nehmen”, forderte Nicholas sie auf.
Katrin verzog den Mund. “Ich sollte eigentlich durch den ganzen Schnee zurĂŒckstapfen und dir echte Kleidung holen. Und mich bei der Gelegenheit gleich deiner ganzen Familie stellen und ihnen beichten, was ich getan habe. Wobei ich dann vermutlich nicht diejenige bin, die dir die Sachen bringt. Vermutlich werden sie mich gleich wieder zurĂŒck nach Hause verfrachten.” Je mehr Katrin darĂŒber nachdachte, desto wahrscheinlicher erschien ihr das und umso mehr sank ihr Mut. Am Liebsten hĂ€tte sie sich in der hintersten Höhlenecke unter den restlichen Decken versteckt, nur um den Reaktionen der anderen zu entgehen. Was hatte sie sich nur dabei gedacht, hierher zu kommen?
“Dann tu es nicht.”
Katrin blinzelte. “Aber -”
“Die Decken werden schon reichen. Außerdem kann ich doch nicht zulassen, dass du meine Familie konfrontierst, ohne mich als FĂŒrsprecher dabeizuhaben. Ich will nicht sagen, dass es ungefĂ€hrlich oder auch nur ansatzweise vernĂŒnftig war, was du getan hast. Aber ohne dich wĂ€re ich weiterhin in einem Zustand, in dem ich nicht einmal wĂŒsste, was Vernunft bedeutet.” Er lĂ€chelte – nein, strahlte – sie an, wie er es schon damals getan hatte, als sie ihm die OfenbĂŒrste fĂŒr den Auspuff angeboten hatte. Oder er ihr eine Schlittenfahrt angeboten hatte. Jedenfalls nicht, als hĂ€tte er nicht vor wenigen Minuten noch Hufe besessen und sich mit verzweifeltem BrĂŒllen gegen seine Ketten geworfen.
“Wenn du das sagst
 “
“Nicole wird diejenige sein, die morgens nach mir gucken kommt, denke ich. Sie sollte am leichtesten auf unsere Seite zu ziehen sein, und vielleicht kann sie mich dann auch direkt aus diesen lĂ€stige Ketten befreien. Mann, die jucken aber auch!”
“Tut mir leid.”
Nicholas winkte ab und die Ketten rasselten bei der Bewegung. “Ich hab dir doch eben schon gesagt, es liegt nicht an dir, dass du sie nicht aufbekommst. Jede Wette, dass sie mit einem Zauber belegt sind.”
“Falls ich irgendetwas tun kann
”
Nicholas schĂŒttelte den Kopf. “Nein, das ist
 – Oder warte, doch.” Er grinste ein wenig verlegen. “Ich will nicht, dass du glaubst, ich hĂ€tte schon wieder den Verstand verloren, aber -”
“DafĂŒr konntest du ja wohl kaum was!”
“Aber wĂ€rst du so nett und wĂŒrdest mich absuchen?”
“Absuchen? Wonach?”
“Ich frag mich nur
 So wie sich die RĂŒckverwandlung angefĂŒhlt hat – oder das, was ich davon mitbekommen habe – könnte ich schwören, dass es die gleiche Art von Magie war, die mich auch Eiszapfen erschaffen lĂ€sst. Und vielleicht ist das auch etwas Ă€hnliches? Jedenfalls dachte ich
”
“Dann mĂŒsstest du ein weiteres Tattoo haben.”
“Genau.” Wieder das verlegene LĂ€cheln. “WĂŒrdest du? Es wĂŒrde mir Sicherheit geben, wenn ich wĂŒsste, dass die RĂŒckverwandlung jetzt zu einer beherrschbaren FĂ€higkeit geworden ist. Aber klar, ich wĂŒrde auch verstehen, wenn es dir zu unangenehm wĂ€re, immerhin bin ich
”
“Halbnackt?” Katrin hob eine Augenbraue.
Er grinste entschuldigend. “Nun ja
”
“In Ordnung. Streck deine Arme aus. Wir fangen mit dem einfachsten an.”
Doch Arme und RĂŒcken waren tattoofrei. Ebenso Hals, Waden, und

“Hier!” Aufgeregt ging Katrin in die Knie und deutete auf Nicholas rechten Knöchel, eine Stelle, die gerade so unter der Fußfessel sichtbar war. “Wie wĂ€re es damit?”
Es war eine Miniaturausgabe eines einzelnen Krampushorns. In seiner Winzigkeit sah es unschuldig aus, geradezu irritierend harmlos, nicht annĂ€hernd so mĂ€chtig und todbringend wie es auf Nicholas‘ Kopf ausgesehen hatte.
“Könntest du dich willentlich zurĂŒck in den Krampus verwandeln?”
“Katrin, ich glaube nicht -”
“Du hast es selbst gesagt! Die Verwandlung gehört jetzt zu deinen FĂ€higkeiten. Du wirst mir nichts tun.”
“Dann trete wenigstens einen Schritt zurĂŒck.”
Sie tat wie geheißen.
Nicholas schloss die Augen. Mehr, weil er nicht ihre Reaktion auf die Verwandlung sehen wollte, denn weil er sich wirklich konzentrieren musste, vermutete sie.
Nichts geschah.
Nicholas öffnete die Augen wieder. “Ich spĂŒre die Magie, aber sie scheint zu verpuffen, sobald sie Gestalt annimmt. Ich vermute, es sind die Ketten. Ich werde es wieder versuchen, sobald ich sie los bin. Und dann
 werden wir sehen.”

Behind the Scenes

Das vorletzte Kapitel ist erneut von Anne Danck und auch hier hatten wir ein paar Positionsprobleme und mussten uns erstmal abstimmen, wer eigentlich wann, wie steht/kniet und umarmt. 😀

Was aber die lÀngste Diskussion angezettelt hat, war die eigentliche Erlösung und wie das zustatten kommt, da hatte ich das Bild in meinem Kopf anfangs nicht genau genug kommuniziert und Anne musste nochmal ran und die Stelle umschreiben.

Und ja, mir ist bewusst, dass die Nacktheit nach einer RĂŒckverwandlung ein alter Hut ist, aber immerhin ein peinlich-witziger, alter Hut. 😉

PoiSonPaiNter

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Adventskalender: TĂŒrchen #22

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Eine wirklich dumme Idee

Sie drĂŒckte auf die Wahlwiederholungstaste. Es tutete. Wieder nahm keiner ab.
“Komm schon, Nicholas.” Stirnrunzelnd starrte Katrin das Telefon an und legt auf. Es machte sie nervös, diese Funkstille. Es hatte so schön funktioniert, die letzten Wochen. Sie schrieb ihm Nachrichten ĂŒber den Stand ihrer Suche, er schrieb zurĂŒck. Doch seit zwei Tagen

Erneut drĂŒckte sie auf die Wahlwiederholung. Entschied sich dagegen und legte wieder auf. Stattdessen durchsuchte sie das Telefonbuch nach Nicoles Nummer. Zögerte. Und rief dann an.
Es klingelte nur dreimal.
“Ja?”
“Ich bin’s, Katrin.” Sie presste sich die Finger gegen die Nasenwurzel. “Du, sag mal, ich kann Nicholas nicht erreichen
”
“Was? Ja
Moment.” Vom Hörer weg sagte Nicole etwas auf Norwegisch. Im Hintergrund war einiges an Tumult zu hören. Mehrere Leute riefen gleichzeitig, ohne dass Katrin jedoch hĂ€tte verstehen könne, worum es ging. “Ist gerade ein ganz schlechter Zeitpunkt”, hörte Katrin dann wieder lauter auf fast akzentfreiem Deutsch. “Ich ruf dich spĂ€ter zurĂŒck.”
“Nicole.” Katrin legte alle AutoritĂ€t in ihre Stimme wie sie es sonst nur bei ihrer Kindergartengruppe tat. “Lass mich helfen.”
“Nein, das ist -” Noch mehr laute Stimmen im Hintergrund. Ein Splittern, das klang, als wĂ€re Holz zu Bruch gegangen. “In Ordnung. Ich bin gleich bei dir.”

Auf dem Weg vom Portal zum Haus sprach keiner von ihnen. Sie hasteten nur schnellstmöglich durch die Schneemassen, beinahe sogar zu schnell, als dass Katrin Zeit zum Frieren gehabt hĂ€tte. Aber nicht schnell genug, dass nicht trotzdem die Gedanken hochgekommen wĂ€ren. Was war in ihrer Abwesenheit passiert? Wie konnte Nicholas – der Nicholas, der mit ihr im Schlitten geflogen war, sie blind an der Hand durch die Bibliothek gefĂŒhrt hatte und sich bei Verlegenheit auf die Lippe biss – wie konnte derselbe Nicholas fĂŒr das Chaos am anderen Ende des Telefons verantwortlich gewesen sein? Wollte sie wirklich sehen, wie er jetzt war? WĂŒrde sie tatsĂ€chlich etwas Ă€ndern können?
Als sie das Haus betraten, war es totenstill. Kein lautes Stimmengewirr, kein Poltern.
Am Wohnzimmertisch fanden sie dann lediglich Carlos und Natascha, umgeben von einem Chaos aus Holzsplittern und Porzellanscherben. Anscheinend hatte es Kuchen gegeben – doch die Reste des Gedecks waren ĂŒberall im Raum verteilt. Eine Gabel steckte sogar auf Augenhöhe im TĂŒrrahmen und Katrin wollte sich nicht ausmalen, wie sie dorthin gekommen war.
WĂ€hrend Carlos unbeholfen auf Natascha einredete, drĂŒckte sich diese stumm ein Taschentuch gegen die Augen, die Schultern von gelegentlichem Beben geschĂŒttelt. Doch beim Knarren ihrer Schritte auf dem Boden, verstummte Carlos und sah sich um.
“Wo sind die anderen?”, platzte Nicole sofort heraus. “Wo ist Nicholas?”
Von Natascha war lediglich ein leises Japsen zu hören.
“Carlos?”
Er murmelte etwas UnverstÀndliches.
“Was ist passiert? Was habt ihr mit ihm gemacht!”
Unter Nicoles Ausbruch schrumpfte Carlos in sich zusammen. “Nicholas – er war nicht mehr er selbst und -“
“Das habe ich gesehen!”
“Nein, es wurde noch schlimmer und er
” Carlos presste die Augen zusammen, als wĂŒrden die Bilder ihm Schmerzen bereiten.
“Er hat Klaus verletzt.” Nataschas Stimme war heiser. “Ich bin mir sicher, er wollte es nicht. Aber in seinem jetzigen Zustand
 Nick hat keine andere Wahl mehr gesehen, als die Glocke zu benutzen.”
“Die Glocke? Ihr habt ihm seinen eigenen Willen genommen? Ihn handlungsunfĂ€hig gemacht?” Nicoles Worte ĂŒberschlugen sich fast, sie begann am ganzen Körper zu zittern. “Wie könnt ihr – wie könnt ihr
”
Auch wenn Katrin selbst die Knie weich waren, so war sie doch noch geistesgegenwĂ€rtig genug, um Nicole einen Stuhl hinzuschieben und sie sanft darauf zu bugsieren. Allein dass diese es ohne Widerstand geschehen ließ, sprach BĂ€nde. “Wo ist er jetzt?”, fragte Katrin an Carlos und Natascha gewandt.
“Er musste fort von hier, wo er sich selbst oder anderen Schaden kann.”
“Wo ist er?”, wiederholte Katrin stur.
“In der Krampus-Höhle”, antwortete Natascha kaum hörbar und drĂŒckte sich erneut das Taschentuch gegen die Augenwinkel.
Sie hatten ihn weggesperrt.

Sie konnte nicht schlafen.
Katrin lag in dem fremden Bett und starrte an die Decke. Zum Fenster, vor dem die dunkle Nacht gĂ€hnte. Auf den Wecker, dessen Zahlen in schwachem GrĂŒn leuchteten. Ein Uhr drei. Wundervoll. WĂŒtend starrte sie wieder zur Decke auf.
Warum bitte war sie hier, wenn sie nichts tun konnte? Ob nun hier oder in ihrem eigenen Bett – Nicholas war unerreichbar. Nicht rĂ€umlich, vielleicht, aber dennoch geistig. Wenn sich nicht einmal mehr seine magische Familie in seine NĂ€he traute…
Plötzlich saß sie aufrecht im Bett, das Herz schmerzhaft klopfend. Statt dem dunklen Zimmer sah sie den alten Krampus vor sich, wie er eingefroren im Eisblock hing. Was, wenn
 Das wĂŒrden sie nicht
 Sie waren seine Familie! Sie wĂŒrden doch nicht

Auch der alte Krampus war Teil der Familie gewesen.
Sie hatte die Bettdecke zur Seite geschlagen und sich die Hose ĂŒbergestreift, bevor sie sich ĂŒberhaupt bewusst war, was sie tat. Sie konnte einfach nicht anders. Sie musste es wissen. Sie musste es sehen. Sie musste ihn sehen. Wenn er nun gar nicht weiter verĂ€ndert war und sie ihn trotzdem angekettet hatten? Sicher, sie wĂŒrde nichts tun können – außer ihm Gesellschaft zu leisten – aber dann hĂ€tte sie wenigstens die Gewissheit, mit was fĂŒr Menschen sie es hier zu tun hatte.
Und falls sie doch allen Grund hatten, ihn anzuketten… Aber diesen Gedanken schob sie ganz schnell wieder fort.
Pullover. Noch einen Pullover. Dicke Socken. Schal. In ihrer Hast stolperte sie beinahe ĂŒber ihre eigenen FĂŒĂŸe, als sie den Flur entlanghuschte. Dabei musste sie doch um alles in der Welt leise sein! Wenn auch nur einer von ihnen Wind davon bekam, was sie vorhatte

Die Treppe hinunter. Stiefel ĂŒberziehen. Sie angelte nach der geborgten Winterjacke und riss dabei beinahe eine andere mit hinunter. Atmen. MĂŒtze ĂŒber, Handschuhe an, Schal feststopfen. Kein ZurĂŒck.
Sie stĂŒrzte sich hinaus in die KĂ€lte.

Schon der erste Luftzug biss sich mit eisigen ZĂ€hnen von innen in ihre Lunge. Ihre Wangen erstarrten, ihre Augen brannten. Es hatte noch einmal geschneit, die weiße Schicht war jetzt noch höher, ging ihr beinahe bis zu den Knien und machte jeden einzelnen Schritt zu einem Kraftakt. Sie musste wahnsinnig sein.
Außerdem hĂ€tte sie sich eine Taschenlampe besorgen sollen. Schon hier auf der RĂŒckseite des Wohnhauses, ohne den Schein der Laternen und Lichterketten des Marktplatzes, war es so duster, dass sie kaum die Hand vor Augen sehen konnte. Auch auf die Gefahr hin, von den Fenstern aus gesehen werden zu können, zog sie ihr Handy aus der Tasche und betĂ€tigte den Bildschirm, um wenigstens den leisesten Hauch eines Lichtscheines zu haben. Die KĂ€lte kroch ihr bereits tief in die Glieder, die Hose war vom Schnee komplett durchgeweicht.
Dumme Idee, ganz dumme Idee.
Katrin biss die ZÀhne zusammen und stapfte weiter. Immer weiter. Es war zu dunkel, um von Weitem die Höhle zu erkennen und sie konnte nur hoffen, dass sie nicht in der Richtung irrte.
Wie ihre Kindergartenkinder gucken wĂŒrden, wenn sie ihnen von diesem Abenteuer erzĂ€hlte. Wie sie ganz allein und verfroren durch die Nacht stiefelte, nur um einen Blick auf Nicholas werfen zu können. Nein, besser sie hörten solche Geschichten nicht. Das hier war lĂ€ngst kein WeihnachtsmĂ€rchen mehr, es war zu einem Albtraum geworden.
Selbst in den Handschuhen waren ihre Finger allmĂ€hlich steife Eisklumpen, die kaum noch in der Lage waren, das Handy zu halten. Unsicher warf Katrin einen Blick zurĂŒck in Richtung Dorf, wo ein schwacher Lichtschimmer Schnee und Nacht erhellte. Dann schob sie das Handy zurĂŒck in die Tasche und kĂ€mpfte sich im Dunkeln weiter. Zwang sich dazu, nicht zu denken und stattdessen die Anzahl der Schritte zu zĂ€hlen.

Sie war bei zweihundertdreiundachtzig, als sie erkannte, dass die Verdichtung der Dunkelheit zu ihrer Linken die Höhle sein musste und sie beinahe daran vorbeigegangen wĂ€re. Mit unendlich steifen Gliedern und vor Frost schmerzenden Zehen legte sie die letzten Meter im Tiefschnee zurĂŒck.
In der Höhle war es auch jetzt noch erstaunlich trocken. Kein Schnee hatte es ĂŒber die ersten paar Meter hineingeschafft. Außerdem gab es hier wenigstens Fackellicht, es fĂŒhlte sich beinahe wieder wie Zivilisation an. Dankbar klopfte sich Katrin den Schnee von den Beinen und lehnte sich fĂŒr einen Augenblick nur gegen die raue Höhlenwand, um durchzuatmen. Um die Angst in Schach zu halten, was sie gleich sehen wĂŒrde.
Was, wenn er womöglich doch gar nicht hier war? Wenn sie den ganzen Weg umsonst zurĂŒckgelegt hatte?
Hastig stieß sie sich von der Wand ab und wandte sich dem Inneren der Höhle zu. “Nicholas?”, rief sie aufs Geradewohl und ihre zu hohe, halb erfrorene Stimme hallte von den schartigen WĂ€nden wider. “Nicholas, bist du hier? Nicho-”
Das Knurren, das ihr antwortete, fuhr ihr durch Mark und Bein. FĂŒr einen Herzschlag lang vergaß sie zu atmen.
Das
 das war kein Versuch gewesen, ein Wort zu formulieren. Das hatte nichts Menschliches mehr an sich gehabt.
Wieder ein Knurren. Und ein lautes Rasseln, das beinahe noch unheimlicher war.
Betroffen stĂŒrzte Katrin um die letzte Ecke.
Das Wesen, was dort angekettet war, bestand nur noch aus Fell und Klauen und gelbglĂŒhenden Augen, die ihr wild entgegenstarrten. Es hĂ€tte der alte Krampus sein können – selbst Hufe und Hörner waren identisch – hĂ€tte er nicht unverkennbar eine grĂ¶ĂŸere Statur besessen.
“Nicholas?”, hauchte Katrin.
Mit einem weiteren nackenhaarstrÀubenden Knurren warf sich das Wesen gegen seine Ketten. Nicht, wie es ein Mensch getan hÀtte, der sich befreien wollte. Sondern wie ein gefÀhrlicher, zÀhnefletschender Rottweiler, der den Eindringling aus seinem Revier verjagen wollte.

Er erkannte sie nicht mehr.

Behind the Scenes

Heute gibt es wieder ein Doppelkapitel, diesmal alle beide von Anne Danck. Auch hier war ursprĂŒnglich angedacht zwei Kapitel draus zu machen, aber es passte dann doch besser zusammen, dass Katrin im gleichen Atemzug erfĂ€hrt was geschehen ist und es mit eigenen Augen sieht. Da ich Anne erst nachtrĂ€glich gebeten haben auch den ersten Teil zu ĂŒbernehmen, war die zweite HĂ€lfte vorher fertig. 😀

Und wer aufgepasst hat, hat vielleicht gemerkt, dass ein Charakter so ziemlich die Nase voll haben sollte von Krampen, Krampussen … oder wie auch immer die Mehrzahl von Krampus ist. 😉

PoiSonPaiNter

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Adventskalender: TĂŒrchen #21

Read in English

Lost in Translation

Es war nicht einfach mit Nicholas zu arbeiten. Seine Antworten waren entweder sehr einsilbig oder nur ein grummeln. Es war frustrierend, aber Katrin gab ihr Bestes, um ihn bei Laune zu halten und ihn dazu zu bringen nicht aufzugeben. Sie wĂŒrden eine Lösung finden, da war sie sich sicher. In irgendeinem dieser abertausenden BĂŒcher musste der entscheidende Hinweis zur Verwandlung eines Krampus stehen! Es musste einfach!

Um nicht ins Haupthaus zu gehen hatte Nicholas sich ein Lager in einer Ecke der Bibliothek aufgeschlagen, sehr zu Ephraims Missfallen, der ihn dennoch hin und wieder in sein eigenes Bett scheuchte. Dort blieb er allerdings meist nicht lang, denn noch vor Morgengrauen kehrte er wieder in die Bibliothek zurĂŒck. Bisher wusste seine Familie nicht, was mit ihm los war. Sie wussten lediglich, dass er wĂ€hrend der Auslieferung, nicht unweit von Katrins Wohnort, zusammengebrochen war und sich seitdem zurĂŒckgezogen hatte. Letzteres hatte er Katrin ebenfalls gestanden, was ihm eine Standpauke eingebracht hatte. „Warum hast du denn nicht geklopft? Ich hatte alles schon vorbereitet und dekoriert!„, hatte sie ihn geschmipft und auch wenn er sich darĂŒber freute, dass sie tatsĂ€chlich auf ihn gewartet hatte, so konnte er ihr seine GrĂŒnde nicht nennen. Sie wĂŒrde es nicht verstehen. Stattdessen hatte er Katrin gebeten ihn nicht zu verraten, auch wenn es ihr schwer fiel und sie ihn immer wieder aufs Neue geradezu anflehte es ihnen endlich zu sagen. “Vielleicht können sie helfen!” oder “Sie mĂŒssen doch wissen, was mit dir los ist!” waren ihre Hauptargumente. Nein, er wollte es ihnen nicht sagen bis sie ein Gegenmittel oder etwas gefunden hatten, womit er es kontrollieren konnte. Er wollte nicht zur mörderischen Bestie werden. Er hatte bereits ein Leben genommen und das war bereits eines zu viel. Manche schlaflose Nacht dachte er darĂŒber nach, ob seine Verwandlung dadurch kam, dass er den alten Krampus getötet hatte, aber er kam nie zu einem schlĂŒssigen Ergebnis.

Katrin war nun nahezu tĂ€glich bei ihm. Sie kam direkt nach der Arbeit und ging wenn er sie spĂ€t nachts rauswarf, wenn sie wieder ĂŒber einem Buch eingeschlafen war. Auf diese Weise ging sie seiner Familie so gut es ging aus dem Weg und musste sich dennoch nicht frei nehmen – auch wenn sie es sofort getan hĂ€tte, wie sie ihm mehrfach beteuerte, aber das wollte er nicht. Er wollte gar nicht, dass sie sich weiter einmischte. Sie sollte einfach ihr Leben weiterfĂŒhren und ihn, ja, ihn weiter zum Monster werden lassen. Immer wenn er ihr das vorhielt, schallte sie ihn einen Dummkopf. “Freunde lassen Freunde nicht im Stich!” Freunde, mehr waren sie nicht. Es schmerzte wenn sie das sagte und es schmerzte noch viel mehr, wenn Carlos oder Ephraim sie nachts nach Hause begleiteten, damit ihr im Dunkeln nichts geschah. Er wollte sie selbst bringen. Auf sie aufpassen, aber er traute sich nicht aus seinem Versteck.

Als die Haare auf seinem linken Arm sich zu Fell verdichteten und seine FingernĂ€gel zu Krallen wurden, sie aber immer noch keine Lösung gefunden hatten, erlaubte er Katrin endlich seiner Familie zu erzĂ€hlen, warum er sich abschottete. Die Reaktionen ĂŒberraschten ihn nicht. Die Blicke, mit denen sie ihn bedachten, als er sich ihnen offenbarte waren mitleidig und verzweifelt. Sie alle schauten hin und wieder nach ihm. Seine Mutter brachte ihm Kekse, Nicole und Klaus halfen gelegentlich mit der Recherche, aber insgeheim wusste Nicholas, dass sie nur sehen wollten, wie weit die Verwandlung vorangeschritten war. Natascha verlangte, dass er nun auch wieder mit ihnen aß und in seinem Zimmer schlief, aber bei jedem Essen konnte er die Blicke auf sich spĂŒren, die die pelzige Seite seines Gesichts anstarrten. Das Horn brach er vorsorglich immer ab. Je mehr Zeit verging, umso mehr ergab er sich seinem Schicksal. Sie wĂŒrden wohl nie ein Gegenmittel finden.

Die Verwandlung war mittlerweile weit vorangeschritten, mehr als die HĂ€lfte von Nicholas’ Körpers war bereits von Fell ĂŒbersĂ€t, dass nun von beiden Seiten sich immer weiter zu seinem Herzen vorarbeitete. Katrin erzĂ€hlte ihm gerade von ihrem Tag mit den Kindern und was sie heute fĂŒr Blödsinn angestellt hatten, als Ephraim vor ihnen stand. Er war vor Tagen aufgebrochen, um irgendeine Art Aufzeichnung zu finden, die ihnen weiterhalf. Scheinbar war er fĂŒndig geworden, denn er hielt ein sehr alt aussehendes, in Leder gebundenes Buch in den Armen. Er wirkte mĂŒde und erschöpft und Katrin bot ihm sogleich ihren Stuhl an und goss ihm eine Tasse frischen Tee ein. Gebannt warteten die beiden darauf, dass der Bibliothekar etwas sagte, doch dieser konzentrierte sich zunĂ€chst auf sich selbst und den wohltuenden Tee.
Endlich sah er sie an. Ein leichtes LĂ€cheln huschte ĂŒber seine ZĂŒge. “Vielleicht habe ich unsere Lösung gefunden”, verkĂŒndete er mit vorsichtiger Freude.
Katrin drĂŒckte Nicholas’ Schultern, dieser sah nur auf das Buch. Emphraim öffnete sorgsam das Lederband, dass die Buchdeckel zusammenhielt. “Ich bin weit in die Vergangenheit gereist”, erzĂ€hlte er wie beilĂ€ufig, “und bin schließlich doch wieder hier gelandet. Nur, dass hier damals noch ganz anders war. Mit meinem damaligen VorgĂ€nger haben wir festgestellt, dass dadurch, dass ich wohl das Buch ins Jetzt geholt habe, wir es bisher nicht finden konnten, denn dies sind die Aufzeichnungen deiner Ur-ur-ur-wie-auch-immer Großmutter, die ĂŒber das Leben im Dorf und den Krampus geschrieben hat. Wissen, dass wir heute nicht mehr haben. Weil ich es damals weggenommen habe und es nicht wieder zurĂŒckbringen kann, weil es sonst ein Paradox geben wĂŒrde. Zeitreisen.” Er lachte kurz und bitter auf, dann öffnete er das Buch an der mit dem Leseband markierten Stelle. “Huh, sieht so aus, als wenn der Übersetzungszauber nicht fĂŒr Zeitreise-BĂŒcher gilt
”, stellte er verwundert fest und drehte es zu den beiden um.
Es war in einer Sprache geschrieben, die keiner von ihnen lesen konnte.
“Ich bringe es zu deinem Großvater, vielleicht kann er das noch lesen”, schlug Ephraim vor und Nicholas bestĂ€tigte es nur mit einem Nicken.

“Das ist doch großartig! Wir haben endlich einen Hinweis!”, versuchte Katrin Nicholas aufzumuntern nachdem sie sich wieder neben ihn gesetzt hatte und schĂŒttelte ihn leicht an den Schultern.
“Ja, einen Hinweis, den keiner lesen kann und in dem vermutlich auch nur steht: GefĂ€hrlich, frisst unartige Kinder, wegsperren.” Er konnte nicht mehr, egal in welchem Buch sie lasen, ĂŒberall stand das Gleiche.
Katrin zog ihn in eine Umarmung und er ließ es geschehen. Ihre WĂ€rme und NĂ€he gaben ihm Kraft, die KĂ€lte in seinem Inneren zu verdrĂ€ngen, aber lange wĂŒrde auch das das Unvermeidliche nicht mehr aufhalten können.

Nach einer Weile kam Ephraim zurĂŒck. Er wirkte noch erschöpfter als zuvor.
“Er kann es auch nicht lesen”, eröffnete er ihnen, nachdem er einen weiteren Stuhl zu ihnen herangezogen und sich gesetzt hatte, das Buch auf seinem Schoß ruhend. “DafĂŒr hatte Klaus eine Vermutung, warum der Zauber es nicht ĂŒbersetzt”, ergĂ€nzte er und die Faszination etwas Neues entdeckt zu haben, glimmte in seinen Augen, “Er meint, weil der Zauber aus der Zeit aus dem das Buch stammt auf eine andere Sprache ausgelegt war, die wir heute nicht mehr kennen, wird es nicht ĂŒbersetzt, weil der Zauber immer noch denkt, dass wir sie noch kennen. Es klingt auf eine gewisse Art plausibel, aber vielleicht ist es auch nur so etwas Banales wie eine Chiffre, die erst entschlĂŒsselt werden muss. Wer weiß.” Kurz warf er seine Arme in die Luft, dann seufzte er. “Es tut mir Leid, Nicholas. Er sagte mir, da steht alles drin, was wir wissen mĂŒssen, dass wir es nicht lesen können ist schrecklich
”
FĂŒr einen Moment starrte Nicholas auf das Buch, dann stand er auf und fegte mit einem Arm ĂŒber den Tisch und schmiss alles was darauf lag zu Boden. Seine Atmung ging schnell und er krallte sich in die Tischplatte. “Nicholas
”, versuchte es Katrin und strich ihm beruhigend ĂŒber den RĂŒcken, doch er zuckte weg von ihr. Er wusste nicht, ob er sie womöglich verletzen wĂŒrde.

“Es gibt noch einen anderen Weg eine Übersetzung zu bekommen”, dachte Katrin laut nach, die Arme fest um sich geschlossen, Nicholas Abweisung schmerzte. Als die beiden MĂ€nner sie ansahen, fuhr sie fort: “Wenn ich mich richtig erinnere ist einer der VĂ€ter meiner Kinder Linguist, wenn das eine alte Version von norwegisch ist, dann wĂ€re es möglich, dass er oder jemand in seinem Bekanntenkreis es ĂŒbersetzen könnte. Man könnte zur Not auch irgendwelche Historiker oder ArchĂ€logen fragen.”
“Das ist gar keine so schlechte Idee
”, stimmte Ephraim ihr zu und fuhr sich ĂŒbers Kinn. “Ich wĂŒrde aber ungern das Original herausgeben, aber ein paar Seiten bekommen wir ja leicht gescannt. Ja, so machen wir das!”, beschloss er schließlich und stand auf, um den Plan in die Tat umzusetzen.

“Du meinst wirklich das bringt was?”, fragte Nicholas vorsichtig in seiner immer kratziger werdenden Stimme.
“Ja, einen Versuch ist es wert”, bestĂ€tigte sie ihm bestimmt und legte ihm die Hand auf den Arm.

Mit den gescannten Seiten, digital und als Kopie, machte sich Katrin schließlich auf den Weg nach Hause, aber nicht ohne Nicholas noch einmal fest zu umarmen.

Behind the Scenes

Wenn man eine Bibliothek hat von der aus man in jede Bibliothek kommt, die ist und je war, dann hat das so seine Vorteile. 😀 UrsprĂŒnglich waren das hier zwei Kapitel, da es aber doch recht kurz ist, habe ich sie zusammengelegt um Platz zu machen fĂŒr die Aufteilungen weiter vorne.

Was haltet ihr von der ErklĂ€rung mit der Übersetzung?

Auf die Idee mit dem Linguisten bin ich ĂŒbrigens durch InGenius gekommen, der als Germanist einfach jemand ist, der gerne andere Leute mit Sprach-Wissen zutextet. 😉

Eine Sache, die mir wirklich erst einen Tag vor der Veröffentlichung des vorherigen Kapitels aufgefallen ist, hat mit den RauhnĂ€chten zu tun. Von der Zeitlinie her, sind wir noch mittendrin und es passt irgendwie, dass die Krampus-Verwandlung dann einsetzt, wenn auch zauberkundige Leute sich in Werwölfe verwandeln. 😀
Dadurch, dass mir das so spĂ€t erst aufgefallen ist, ist aber keine ErwĂ€hnung in beiden KapitelhĂ€lften WANN die Verwandlung eingesetzt hat. Daher hier noch kurz vor knapp das Ganze ergĂ€nzt – auch wenn der Begriff RauhnĂ€chte in dem Zusammenhang nicht fĂ€llt.

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Adventskalender: TĂŒrchen #20

Read in English

Eine verdammt gute Ausrede

Nicole schnaubte etwas von „Viel Erfolg“ und „Ich hoffe, du hast mehr GlĂŒck als ich“ und blieb dann am Eingang bei den Druckerpressen zurĂŒck. Katrin war es nur Recht. Es wĂŒrde einfacher sein, offen mit Nicholas zu reden, wenn sie das nicht mit sarkastischen ZwischeneinwĂŒrfen seiner Schwester tun mussten.

Schummrige Lichter, tausende und abertausende von BuchrĂŒcken und der Geruch nach altem, schwerem Papier empfingen Katrin im hinteren Teil der Bibliothek wie alte Bekannte, die sie gerade erst verlassen hatte. Doch sie hatte keine Zeit fĂŒr andĂ€chtiges Staunen und vertrĂ€umtes Umherstreifen zwischen den Regalen. Sie hastete durch die GĂ€nge ohne einen weiteren Blick fĂŒr die Wunder ringsum. Wenn sie nach links oder rechts sah, dann lediglich in der Hoffnung, dort Nicholas‘ vertrauten RĂŒcken sehen zu können. Es fiel ihr schwer, sich zu orientieren, wo sie doch beim ersten Mal nur den Weg hinaus, nicht jedoch hinein kennengelernt hatte.

Sie fand ihn schließlich im hintersten Winkel der Bibliothek, als hĂ€tte er sich wie ein Murmeltier in Angst vor dem Wintereinbruch zurĂŒckgezogen. Schon ĂŒber seine Schulter hinweg, konnte sie die Unmengen an BĂŒcherstapeln und leuchtenden Laptopbildschirmen sehen, die er vor sich auf dem Tisch positioniert hatte. Wie er in allen gleichzeitig lesen konnte, war ihr ein RĂ€tsel.
Kurz hielt sie inne und versuchte, zu Atem zu kommen. „Nicholas?“, fragte sie dann vorsichtig.
Sie konnte sehen, wie sich seine Schultern verkrampften. Er musste ihre Stimme erkannt haben. Und doch
 Und doch drehte er sich nicht um.
Zögernd ging Katrin auf ihn zu. Was, wenn er sie nicht hierhaben wollte? Wenn er doch sauer war wegen des Krampus-Zwischenfalls? Wenn er sich absichtlich nicht gemeldet hatte und Nicole ihm nur einen bösen Streich spielte?
„Tut mir leid“, erklĂ€rte sie vorsichtig, wĂ€hrend sie nĂ€hertrat. „Ich will gar nicht stören. Sieht aus, als hĂ€ttest du viel zu tun. Aber Nicole sagte
“
Statt sie anzusehen, drehte er den Kopf schief weg, sodass sie wieder nur seinen Hinterkopf anblickte. „Geh weg.“ Es klang beinahe wie ein Knurren. Noch nie hatte Katrin einen derartig verzerrten Klang aus dem Mund eines Menschen vernommen. Noch nie –
Doch dann sah sie wieder den haarigen Körper vor sich, wie er sich aufrappelte und die Muskeln anspannte, bereit, sich auf sie zu werfen, zu verletzen, zu töten…
„Oh nein!“
Sie hatte es gar nicht sagen wollen, doch die Worte entwichen ihr in einem einzigen Luftschwall. Instinktiv stolperte sie vor und griff nach Nicholas‘ HĂ€nden – sie waren krallenfrei. Dann streckte sie die Hand um ihn herum nach seinem Kinn aus
 und obwohl er dem Druck ihrer Finger nicht nachgab, das Gesicht nicht drehte, konnte sie doch das krause Haar fĂŒhlen. Es war zu dicht und zu weich, um es fĂŒr einen Bart halten zu können.
Wie hatte sie ihm jemals insgeheim vorwerfen können, dass er sich hĂ€tte melden mĂŒssen? Dass er ihre Verabredung nicht einfach fallen lassen konnte, egal wie wĂŒtend er auf sie sein mochte? Sie hĂ€tte wissen mĂŒssen, dass er einen triftigen Grund gehabt hatte, nicht zu kommen.
„Es tut mir so leid.“ Ohne drĂŒber nachzudenken schlang Katrin die Arme seitlich um seine Schultern und zog ihn in eine Umarmung. Er blieb steif und abwehrend unter ihrer BerĂŒhrung – aber immerhin, er entzog sich ihr auch nicht.
„Was?“, fragte er mit seiner neuen Raspelstimme.
„Ich hatte ja keine Ahnung! Ich
 Wie lange ist das schon so? Wie fĂŒhlt sich das fĂŒr dich an? Wie schnell breitet es sich aus?“
Er schwieg.
„Ist es
 Das war zu viel auf einmal, oder?“ Vorsichtig ließ sie ihn los. Sah sich um und zog sich dann einen der StĂŒhle heran, um sich neben ihn zu setzen. Dann wartete sie. Versuchte den eigenen aufgeregten Herzschlag zu beruhigen, all die Fragen auszublenden, die ihren Verstand bestĂŒrmten, versuchte nur auf seine Reaktion zu achten.
Und dann, langsam, nachdem ihm wohl aufgegangen war, dass sie nicht weggehen wĂŒrde, wandte er den Kopf.
Sein Kinn, eine Wange und die HĂ€lfte seiner Stirn waren von dunklem, dichtem Fell ĂŒberzogen. Eines seiner Augen war gelb. Und jetzt konnte sie auch das kurze Horn sehen, dass sich aus seinen Kopf herauswand. Ein Horn!
Nicholas sah sie an, als wĂŒrde er damit rechnen, dass sie jeden Moment aufsprang und davonrannte.
„Darf ich
“ Sie rĂ€usperte sich. „Ich wĂŒrde gerne wissen, wie sich das Horn anfĂŒhlt. Ist das unhöflich oder dĂŒrfte ich es mal
“
Die bĂ€rige Seite seines Mundwinkels rutschte ein StĂŒck nach oben.
„Bitte
?“
„Ein halbes Jahr und du hast dich anscheinend kein Bisschen verĂ€ndert.“
„Und du hast dich anscheinend seitdem nicht mehr rasiert!“
Der zweite Mundwinkel folgte. Dann sanken beide wieder herab. „Du solltest besser gehen.“
„Mache ich dir Angst?“
„Du mir?“
„Du duckst dich weg, wenn ich komme. Du kannst mich kaum ansehen. Du willst, dass ich gehe
“
„Hast du denn keine Angst?“
„Sehr große sogar! Ich will nicht zurĂŒckkehren mĂŒssen und dich dann erst nĂ€chstes Jahr wiedersehen dĂŒrfen.“
„Aber ich bin gefĂ€hrlich!“
Katrin schĂŒttelte den Kopf. „Unsinn. Vielleicht wirst du irgendwann – vielleicht auch nicht. Aber im Moment bist du noch nicht einmal halb verwandelt.“
„Es kommt in SchĂŒben. Was, wenn es jeden Moment –“
„Umso wichtiger, wĂ€re es doch, dass ich dir bei der Suche nach einem Ausweg helfe, oder?“ Sie deutete auf all die Bildschirme und aufgeschlagenen BĂŒcher. „Was hast du bisher herausfinden können?“
„Aber –“
„Ich wĂŒrde gerne helfen. Wirklich. Irgendwie schulde ich es dir auch, immerhin hast du mir vor einem halben Jahr das Leben gerettet.“
„Das ist nicht –“
„Nur deswegen musste einer von euch zum neuen Krampus werden!“
„Katrin!“ Nicholas krallte die HĂ€nde in die Haare, erwischte dabei das Horn – und brach es mit einem Ruck ab, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. „Das damals war allein mein Fehler! Ich habe dich hierher gebracht, ich hab dich dieser Gefahr ausgesetzt. Also schuldest du mir gar nichts, denn ohne mich wĂ€rst du gar nicht erst in diese Lage geraten!“
Einen Moment konnte sie nicht anders, als auf das Horn starren, das er zu Boden fallen lassen hatte, wie einen Fingernagelschnipsel. Dann riss sie sich zusammen und sah ihm fest ins Gesicht. „Ich bin ein erwachsener Mensch und treffe freie Entscheidungen. Ich hĂ€tte dir nicht folgen mĂŒssen, aber ich wollte es und ich wĂŒrde es wieder tun. Und ich hĂ€tte auch heute nicht Nicole folgen mĂŒssen, aber ich wollte es.“
„Aber –“
„Denkst du etwa, ich könnte jetzt einfach zurĂŒckkehren und DĂ€umchen drehen, wĂ€hrend fĂŒr dich die Zeit tickt? Könntest du das?“
„Katrin
“
„Na also!“ Entschlossen beugte sie sich vor und suchte in dem Chaos aus BĂŒchern nach seinen Notizen. „Dann zeig mal her, was du bisher gefunden hast.“

Behind the Scenes

Die Fortsetzung von Anne Dancks gestrigem Kapitel. Das Bild wie Nicholas einfach dasitzt und das Horn abbricht war fĂŒr mich eines der Dinge, die ich fĂŒr dieses („damals“ noch Teil-)Kapitel am meisten im Kopf hatte. Es ist irgendwie so eine schöne Mischung aus kindlichem Trotz und Resignation. Ich finde Anne hat das sehr gut umgesetzt.

Hat eigentlich die Andeutung aus Irina’s Abschiedskapitel schon gereicht, um diese Wendung vorhersehbar zu machen?

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Adventskalender: TĂŒrchen #19

Read in English

Im Wein liegt die Wahrheit

Vielleicht hatte Carlos ihren Brief abgefangen und nicht weitergereicht. Katrin zog ihren Mantel enger um sich, wĂ€hrend sie weiter voranstapfte. Jeder ihrer AtemzĂŒge hinterließ Nebelwolken in der Luft. Bei ihren letzten Begegnungen war Carlos nicht mehr ganz so offensichtlich ablehnend gewesen wie zum Anfang, sondern beinahe 
 freundlich. Aber womöglich hatte sie sich getĂ€uscht.
Oder das System der WĂŒnscherfĂŒllungsroutine sah keine direkten Adressaten vor und daher war der Brief als falsch aussortiert worden. Immerhin hatte sie beim letzten Mal keinen Namen explizit außen draufgeschrieben.
Oder aber die Wichtel waren gerade im Streik fĂŒr höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen. Nein, jetzt machte sie sich lĂ€cherlich.
Katrin klaubte in ihrer Jackentasche nach dem HaustĂŒrschlĂŒssel. Obwohl sie nur einen kurzen Spaziergang gemacht hatte, um sich die Beine zu vertreten, waren ihre Finger eiskalt. Sie wĂŒrde sich einfach der unangenehmen Wahrheit stellen mĂŒssen: Nicholas wollte nichts mehr mit ihr zu tun haben. Was auch immer sie da geglaubt hatte, zwischen ihnen gespĂŒrt zu haben 
 es war entweder nie dagewesen oder erloschen.
Verflucht. Katrin brauchte tatsĂ€chlich drei AnlĂ€ufe, um mit ihren steifen Fingern das Schloss zu treffen. Dann endlich öffnete sich die TĂŒr und gestattete ihr in die lauschige, warme –
„Ah!“ Klirrend landete der SchlĂŒssel auf dem Parkett.

Der dunkle Umriss einer Gestalt zeichnete sich in der KĂŒche ab. Jemand war in ihre Wohnung eingedrungen. Jemand saß an ihrem KĂŒchentresen.
„Da bist du ja endlich.“
Katrin erkannte die Stimme. „Himmel, Nicole!“
„Was?“
Ihr Herz hĂ€mmerte noch immer wie wild. „Du kannst doch nicht –
 Du hast mich –
 Ist das etwa mein Rotwein, den du da trinkst?“
Grinsend prostete Nicholas‘ Schwester ihr zu. „Der ist echt gut. Ich wusste doch, dass du nicht irgendein Gesöff fĂŒr den Abend mit meinem Bruder besorgt haben wĂŒrdest.“
“Bitte was?”
“Na Weihnachten. Du warst doch mit Nicholas verabredet.”
“Woher -” Katrin atmete tief durch. “Also ist mein Brief doch angekommen.”
Nicole grinste schief. “Wenn du das Briefgeheimnis gewahrt sehen willst, solltest du deine Post nicht auf diesem Weg verschicken.”
“Wahrung der PrivatsphĂ€re aus reiner Höflichkeit wird ja auch eindeutig ĂŒberschĂ€tzt.“ Katrin schĂ€lte sich mĂŒhsam aus dem Mantel und machte sich daran, ihre Stiefel aufzuschnĂŒren. Die ganze Situation kam ihr unwirklich vor. Sie hatte Nicole seit einem halben Jahr nicht gesehen und jetzt saß sie hier in Katrins KĂŒche, die Beine auf ihrem Stuhl hochgelegt, ihren Rotwein im Glas und scherzte als wĂ€re Katrin nur fĂŒr den kurzen Spaziergang weggewesen.
Wie geht es Nicholas? Die Fragen brannten ihr auf der Zunge, drÀngten geradezu schmerzhaft aus ihr heraus. Geht es ihm gut? Warum hat er sich nicht gemeldet?
Doch sie hielt sich mĂŒhsam zurĂŒck. Einen Rest an WĂŒrde besaß sie noch. „Wie geht’s dir?“, fragte sie stattdessen und stĂŒtzte sich auf die Lehne ihres Lesesessels. „Was macht Joulky? Ist noch Eis ĂŒbrig?“
Nicole winkte ab. „Wenn das so weitergeht, ist bald nichts mehr mit rotem Mantel und Schlitten, sondern Badeshorts und Wasserski. Aber das ist schließlich nicht unsere Sache. Wenn die Normalsterblichen das so wollen
“
„BeeintrĂ€chtigt das eure FĂ€higkeiten?“
„Die hier?“ Nicole tippte sich auf den RĂŒcken. „Nicht, dass ich es bisher gemerkt hĂ€tte.“
„Wenn ich also in zehn Jahren Sehnsucht nach Winter haben sollte, kann ich dich einfach besuchen kommen und dann machst du mir meinen privaten Schneesturm, ja?“
Es hatte ein Scherz sein sollen. Doch noch wÀhrend sie es aussprach, merkte Katrin selbst, wie hilflos das klang. Bitte, bitte, lass mich wieder zu euch mitkommen.
Nicole legte den Kopf schief, als hĂ€tte auch sie die unterschwellige Note herausgehört. „Du vermisst meinen Bruder?“
Ertappt verzog Katrin das Gesicht. „Ja.“
„Gut.“ Nicole leerte das Glas aus und stellte es mit einem melodischen Klingen auf der Arbeitsplatte ab. „War mir nicht ganz sicher. Aber das ist gut. Sehr gut.“
„Warum in aller Welt sollte das gut sein?“, platzte es aus Katrin heraus. „Ihr lasst seit Monaten kein Wort von euch hören und trotzdem gibt es nichts anderes, was mir im Kopf herumspukt! Ich habe versucht, ein Kinderbuch aus dem Erlebten zu machen, um mir endlich klar zu machen, dass es nichts anderes war als das: eine MĂ€rchengeschichte. Aber stattdessen habe ich mit jeder Seite gemerkt, wie sehr ich zurĂŒckwill. Und das ist nicht gut, das ist dumm. Schließlich weiß ich doch, dass ich nicht zu euch gehöre und niemals mit euren FĂ€higkeiten und den magischen Portalen und fliegenden Rentieren mithalten könnte. Wie soll man mit jemandem befreundet sein, wenn man ihn nicht mal nach eigenem Belieben besuchen kann? Das ist
“ Sie warf die HĂ€nde in die Luft. „Ein Hirngespinst. Unsinn.“
„Vor allem ein verdammt langer Monolog.“
Katrin lachte bedrĂŒckt. „Tut mir leid.“ Sie fuhr sich ĂŒbers Gesicht, das von der Winterluft draußen noch immer kalt und steif war. „Ich hĂ€tte diese Dinge einfach nie sehen sollen.“
„Stimmt.“

Ein so schlichtes Wort – und trotzdem fĂŒhlte es sich an wie ein spitzer Nadelstich.
„Aber da es nun nicht mehr rĂŒckgĂ€ngig zu machen ist und du ohnehin alles weißt
“ Nicole nahm die FĂŒĂŸe vom Stuhl und stand auf. „Kannst du dich ebenso gut nĂŒtzlich machen.“
„Das heißt?“
„Dass du mich zurĂŒckbegleiten wirst.“
„Nach Joulky?“
„Nein, ins Auenland. NatĂŒrlich nach Joulky, Dummerchen.“
„Aber –“
„Nun hör mir mal gut zu.“ Nicole wies mit dem Finger auf sie. „Das ist eine Familienangelegenheit und ich wĂŒrde behaupten, dass sie dich keinen Pfifferling angeht, aber so wie die Dinge stehen, habe ich keine andere Wahl! Klar?“
„Ja – Nein – WorĂŒber redest du?“
„Nicholas weigert sich, mit uns zu reden.“
Katrin blinzelte.
„Er hat sich auch geweigert, deinen Brief zu lesen. Oder auch nur irgendjemanden anzusehen. Er sitzt nur tagein, tagaus in der Bibliothek und zieht sich einen WĂ€lzer nach dem nĂ€chsten rein.“
„Aber warum
“
„Tja. Das“, Nicole hob die Brauen, „fragst du ihn am besten selbst.“

Behind the Scenes

Und die letzte Gastautorin: Anne Danck! Nicht nur im MĂ€rchensommer war sie fleißig dabei, auch hier hat sie – neben mir – die meisten Kapitel beigesteuert, nur das sie etwas anders aufgeteilt sind, als ursprĂŒnglich geplant. 😉

Dieses Kapitel war eines der ersten, die geschrieben wurden, daher mussten wir eine ganze Weile warten, bis die letzten Anpassungen hier gemacht werden konnten, damit ich dann alles hier einpflegen konnte. Das ist fĂŒr mich immer der nervigste Teil an Adventskalendern: Man fĂ€ngt irgendwann im Sommer an, ist aber in der Weihnachtszeit immer noch nicht fertig. Zumindest ist das bei mir so … wobei ich vergessen habe, wo mein Rekord mit schnellster Fertigstellung liegt … irgendwas im Dezember (ich hab 17. und 9. im Kopf irgendwie …). 😀 (Anm.: Dieser Beitrag wurde am 13.12. geplant.)

Abgesehen davon, dass sie die Emotionen toll getroffen hat, finde ich ĂŒbrigens das alternative Ausflugsziel sehr gut gewĂ€hlt. 😀

PoiSonPaiNter

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Adventskalender: TĂŒrchen #18

Read in English

Weihnachtswarterei

Endlich stand Weihnachten vor der TĂŒr. Lange hatte Katrin sich darauf gefreut Nicholas wieder zu sehen. Allerdings gab es noch einiges zu tun: Das Haus musste auf Vordermann gebracht und weihnachtlich geschmĂŒckt werden. Sie wusste nicht, wie viel Zeit er haben und ob er tatsĂ€chlich kommen wĂŒrde, aber wenn er es tat, sollte alles weihnachtlich aussehen. Auch wenn sie Joulky nicht zu Weihnachten gesehen hatte konnte sie sich nicht vorstellen, dass sie das Dorf nicht festlich dekorierten. Schließlich war es das Weihnachtsdorf. Ein Bisschen davon in ihr Haus zu bringen, war das Geringste das sie nach allem, was geschehen war tun konnte, damit Nicholas sich auch hier wohl fĂŒhlte. Sie hatte ihn und ihre Zeit in Joulky nicht vergessen, ein Teil von ihr befĂŒrchtete jedoch, dass er es getan hatte, um ĂŒber die schrecklichen Ereignisse hinweg zu kommen, wenn er sie nicht sogar dafĂŒr verantwortlich machte. Immer wieder hatte sie im vergangenen Jahr AlbtrĂ€ume vom Angriff des Krampus gehabt und immer wieder war es Nicholas, der sie vor dem Monstrum rettete, bevor sie schweißgebadet aufwachte. Wieder und wieder hatte sie sich gefragt, wie es ihm wohl ging und Ă€rgerte sich darĂŒber, dass sie nicht Telefonnummern getauscht hatten. Nicholas hatte so verloren gewirkt, als sie sich verabschiedet hatten. Ob er sich ĂŒberhaupt noch an ihre Verabredung erinnerte? Ob er sie ĂŒberhaupt wiedersehen wollte? Nein, daran durfte sie nicht denken, auch wenn es bedeutete, dass sie doch etwas Hoffnung in Carlos’ Worte legte. Sie konzentrierte sich einfach darauf, alles fĂŒr seinen Besuch vorzubereiten.

Heute war Samstag und Katrin hatte schon am frĂŒhen Morgen ihre Weihnachtsschallplatten aus dem Schrank geholt und jetzt schallte Andy Williams‘ Stimme mit “The Most Wonderful Time Of The Year” durch die RĂ€ume. Gerade hatte Katrin das Wohnzimmer geputzt. Sie richtete sich auf und wischte sich eine HaarstrĂ€hne aus dem Gesicht, die sich aus dem Kopftuch gelöst hatte, das sie immer zur Hausarbeit trug. Ein Blick zur Uhr verriet ihr, dass sie nur noch etwa eine Stunde Zeit hatte, bis sie mit ihrem Nachbarn Thomas verabredet war. Er hatte sich bereit erklĂ€rt sie zum Weihnachtsbaumkauf zu begleiten und ihr zu helfen den Baum aufzustellen. Katrin schĂŒttete das Putzwasser in die Toilette und kehrte mit einer Kiste mit Weihnachtsdeko zurĂŒck ins Wohnzimmer.

Als sie sich schließlich mit Thomas auf dem Gehweg traf, leuchteten in allen Fenstern eine Lichterkette – auch um die HaustĂŒr herum hatte sie eine angebracht.
“Hallo Katrin. Und kann’s losgehen?”, begrĂŒĂŸte Thomas sie.
“Unbedingt!”, antwortete sie strahlend, worauf Thomas seinen Wagen aufschloss und die beiden sich auf den Weg machten.
Praktischerweise fuhr Thomas ein relativ großes Auto. Mit Katrins Kleinwagen hĂ€tten sie das UngetĂŒm von Baum, das sie sich aussuchte, vermutlich nicht einmal auf dem Dach transportieren können.

Nachdem der Baum verstaut war, lud Katrin Thomas zum Dank noch auf einen alkoholfreien GlĂŒhwein ein.
“Du bist wirklich sicher, dass der Baum in dein Wohnzimmer passt?”, fragte Thomas schmunzelnd. In HĂ€nden hielt er die dampfende Tasse und zog den Duft ein.
“Jaaa-ha! Wie oft willst du das noch fragen?”, entgegnete Katrin, verdrehte gespielt genervt die Augen und trank einen Schluck. Ja, er war grĂ¶ĂŸer als alle, die sie in den vergangenen Jahren zusammen hatte, aber dies war ja auch ein etwas anderes Weihnachtsfest. “Hast du schon einen Baum?”, wechselte sie das Thema.
“Ne, noch nicht. Aber meiner wird auch deutlich kleiner ausfallen. Ich werde ihn vermutlich am 23. auf dem Weg von der Arbeit irgendwo besorgen.”
“Dann gehörst du also zu denen, die einfach irgendeinen Baum nehmen?”, hakte Katrin nach.
“Vorher lohnt es sich aber einfach nicht, ich bin ja den ganzen Tag arbeiten. Außerdem
 die hĂ€sslichen BĂ€ume haben auch eine Chance verdient.”
Seine letzte Bemerkung ließ Katrin grinsen. Das war normalerweise auch ihr Gedanke beim Baumkauf, aber dieses Jahr wollte sie es einfach etwas festlicher haben.
Sie plauderten eine Weile weiter, bis sie ausgetrunken hatten und machten sich dann auf den Heimweg.

“Krass! Du stehst echt auf Weihnachten!”
Thomas hÀtte fast sein Ende vom Baum fallen lassen, als er das Wohnzimmer betrat, das seit heute Vormittag eher einem Winter-Weihnachts-Wunderland, denn einem normalen Wohnzimmer glich.
Katrin wurde leicht rot und nickte unverbindlich, sie konnte ihm ja schlecht sagen, dass sie fĂŒr einen Santa dekoriert hatte. “Es ist einfach toll. Weihnachten ist die schönste Zeit im Jahr. Man kann wieder Kind sein und sich verzaubern lassen”, erklĂ€rte sie stattdessen und es war gar nicht mal gelogen.
Thomas schenkte ihr ein LĂ€cheln und half ihr den Baum in den StĂ€nder zu stellen. WĂ€hrend Katrin sich schon den Kerzen fĂŒr den Baum widmete, nahm ihr Nachbar alles unter die Lupe. Es gab wirklich einiges zu entdecken. UnwillkĂŒrlich fragte Katrin sich, ob sie es vielleicht ĂŒbertrieben hatte.
“Meinst du es ist zu viel?”, fragte sie verunsichert und hielt im Dekorieren inne.
“Nein. Mir gefĂ€llt es irgendwie. Du hast Recht
 irgendwie magisch.”, entgegnete Thomas.
“Danke!”, strahle Katrin.
Thomas stand einen Moment etwas unschlĂŒssig da und musterte Katrin aufmerksam.
“Ähm
 ja
 ich geh dann mal. War nett. Wenn du mal wieder Hilfe beim Baum schleppen brauchst, melde dich einfach”, meinte er schließlich und wandte sich um.
“Oh, ja. Danke! Ich bring dich noch zur TĂŒr!” Katrin flitzte an ihm vorbei, um ihm die TĂŒr zu öffnen und ihm noch kurz nachzuwinken.

Die letzten Tage vor Weihnachten verbrachte Katrin damit den Baum und noch ein paar Ecken ihres Hauses zu dekorieren – Nicholas sollte sich schließlich wohlfĂŒhlen – und einkaufen zu gehen. In ihrer NervositĂ€t hatte sie sich auch extra ein neues Kleid zugelegt.

Endlich war Heiligabend gekommen. Gegen Mittag bereitete Katrin das Essen vor. Eigentlich hatte sie auch vorgehabt Kekse und Milch bereit zu stellen, aber irgendwie kam sie sich jetzt doch albern vor. Außerdem wusste sie ja, dass beides von den Wichteln beim Abholen der Briefe verzehrt wurde.
“Was mach ich denn jetzt?”, murmelte sie, die Packung Kekse in der Hand, vor sich hin. Ein Blick zur Uhr zeigte ihr, dass die GeschĂ€fte noch etwa eine Dreiviertelstunde geöffnet hĂ€tten. Kurzentschlossen warf Katrin die Kekse auf die Anrichte in der KĂŒche, schnappte ihren AutoschlĂŒssel und ihre Jacke und verließ das Haus. WĂ€hrend sie zu ihrem Auto eilte zog sie die Jacke an und klemmte sich dann hinters Lenkrad. Zum GlĂŒck waren die meisten Leute scheinbar schon fertig mit ihren WeihnachtseinkĂ€ufen, sodass die Straßen leer waren und Katrin schnell vorankam.
Auf dem bereits menschenleeren Parkplatz stellte sie den Wagen ab und hastete in den Supermarkt. Noch 20 Minuten. Gut, sie konnte sich also etwas Zeit lassen. Katrin nahm am Eingang einen Korb und ging durch die GĂ€nge. Der Laden sah schon ziemlich geplĂŒndert aus, was aber um diese Zeit nicht weiter verwunderlich war. Katrin suchte sowohl einen Rot- als auch einen Weißwein aus, Trauben und verschiedene KĂ€se legte sie ebenfalls in den Korb. Dann ging sie zur Kasse. Sie wĂŒnschte der Kassiererin frohe Festtage und fuhr zurĂŒck nach Hause.

“Mist. Das hat meinen Zeitplan jetzt total durcheinander geworfen. Ich muss doch fertig sein, wenn Nicholas kommt
”, brabbelte sie vor sich hin wĂ€hrend sie den Weißwein in den KĂŒhlschrank legte und den Rotwein auf die Anrichte stellte.
“Mal sehen, was muss ich noch machen?”
Katrin hielt inne und lÀchelte.
“Okay, zuerst einmal muss ich mit den SelbstgesprĂ€chen aufhören und mich beruhigen. Ich bin doch kein Teenager mehr, ein Date sollte mich nicht so nervös machen, oder? Außerdem ist es ja auch gar kein Date. Nur zwei Leute, die sich gut verstehen und sich zu Weihnachten verabredet haben”, versuchte sie sich einzureden, merkte aber die WĂ€rme auf ihren Wangen. ‘Allein, dass er dich hergebracht hat und dir seine Welt zeigt, um zu sehen, wie du darauf reagierst, sagt doch schon alles’, hallten Carlos’ Worte in ihrem GedĂ€chtnis wieder und wenn er damit Recht hatte, dann war das hier genauso ein Date, wie Nicholas ein Santa war.
Schließlich schob Katrin den Gedanken beiseite und stattdessen den Braten in den Ofen und ging in der Zwischenzeit duschen. Das neue Kleid war tannengrĂŒn und glĂ€nzend. Eine ihrer silbernen Ketten passte hervorragend dazu. Auch wenn sie mehrfach schwankte, ob sie es wirklich anziehen sollte, entschloss sie sich schließlich doch dafĂŒr. Vielleicht wĂŒrde Nicholas so ein bisschen aus seinem Schneckenhaus herauskommen und ihr sagen, ob er tatsĂ€chlich etwas fĂŒr sie empfand. Vielleicht wĂŒrde sie ihn aber auch komplett verschrecken, wenn er davon ausging, dass sie sich nur als Freunde trafen. Sicherheitshalber zog sie noch eine schwarze Strickjacke darĂŒber.
Anschließend deckte sie den Tisch, holte den Braten aus dem Ofen und sah auf die Uhr. Hatten sie ĂŒberhaupt eine Zeit ausgemacht? Eigentlich ja noch nicht einmal genau den Tag. Bloß Weihnachten. Gut, ein bisschen konnte sie ja noch warten.

Nach fast einer Stunde hatte Katrin wieder eine ihrer Weihnachtschallplatten aufgelegt und ihr Magen knurrte. Durch die ganze Vorbereitung hatte sie heute selbst kaum etwas gegessen. Schließlich machte sie es sich mit einem Teller Braten, KlĂ¶ĂŸen und Rotkohl, den sie gerade in der Mikrowelle aufgewĂ€rmt hatte, bequem. Nicholas hatte sicher sowieso keine Zeit etwas mit ihr zu essen und wenn doch, könnte sie ihm ja auch einen Teller aufwĂ€rmen wenn er kam.

Schließlich wurde es Mitternacht. Gerade lief “I saw Mommy kissing Santa Claus”. Katrin seufzte enttĂ€uscht. Sie rĂ€umte auf, schaltete die Musik ab und ging zu Bett.

“Ja… Ja, Mama… Ja es tut mir wirklich leid, aber ich bin nunmal verabredet… Ja, ich weiß, dass es kurzfristig ist
 Ich komme nach den Feiertagen vorbei, versprochen
 Was? Nein
 Ach Mama, ich wĂŒrde dir schon sagen, wenn ich einen neuen Freund hĂ€tte
 Ja
 Mhm
 Ja ist gut. Hab dich auch lieb. Frohe Weihnachten.”
Katrin legte den Hörer auf und seufzte. Sie hatte genau gewusst, wie ihre Mutter reagieren wĂŒrde, wenn sie ihren Besuch fĂŒr Weihnachten absagen wĂŒrde. Dennoch hatte sie sich fĂŒr die Absage entschieden. Bestimmt hatte Nicholas an Heiligabend einfach zu viel zu tun gehabt.

Der erste Weihnachtstag endete, ohne dass Katrin etwas von Nicholas sah oder hörte. Nachdem dann auch der zweite Weihnachtstag ohne einen Besucher verging, gab Katrin auf.
Sicher hatte er es sich anders ĂŒberlegt. Oder hatte sie vielleicht etwas falsch gemacht? Fieberhaft ĂŒberlegte Katrin, was sie in der letzten Zeit getan hatte, was einen Santa verĂ€rgern könnte. Als sie sich mit einem Teller Kekse auf dem Sofa niederließ, fiel ihr Blick auf den Weihnachtsbaum. Vielleicht hatte sie ja doch ĂŒbertrieben. Oder lag es an Thomas?! Hatte Nicholas da vielleicht irgendetwas falsch verstanden? Aber konnte er ĂŒberhaupt davon wissen? Oder war er doch sauer auf sie wegen der Sache mit dem Krampus? Schließlich wurde ihr Besuch als Anlass fĂŒr die Befreiung genutzt. Nachdenklich knabberte Katrin an einem Keks. Warum hatte sie sich ĂŒberhaupt Hoffnungen gemacht? Zu Carlos hatte sie noch großspurig gesagt, sie wĂŒrde das erst tun, wenn Nicholas etwas Entsprechendes sagen wĂŒrde, aber irgendwie hatte sie das nicht durchgehalten. Sie hatten nur knapp eine Woche miteinander verbracht, in der nicht einmal etwas zwischen ihnen geschehen war und doch 
 Sie verfluchte ihr dummes Herz, dass viel zu viel in eine vollkommen normale Situation hinein interpretierte. Ja, vollkommen normal. PrivatfĂŒhrung im Weihnachtsdorf von einem Weihnachtsmann höchstpersönlich 
 Sie schob sich einen weiteren Keks in den Mund. NatĂŒrlich war das frustessen, aber das war jetzt auch egal. Zu einem Ergebnis kam sie an diesem Tag trotzdem nicht.

Um sich von diesem Desaster abzulenken, beschloss sie gleich am nĂ€chsten Morgen zu ihrer Familie zu fahren, aber nicht ohne auf ihrer Anrichte einen Zettel fĂŒr Nicholas zu hinterlassen. Nur fĂŒr den Fall, dass er doch noch auftauchte und sie nicht da war.

Eine Woche war seit Weihnachten vergangen, das neue Jahr hatte mit einem Feuerwerk begonnen und Nicholas hatte sich immer noch nicht gemeldet. Katrin machte sich langsam wirklich Sorgen. Irgendwie hatte sie so ein komisches GefĂŒhl, immer wenn sie an Nicholas dachte. Was wenn bereits einer seiner Familie der nĂ€chste Krampus geworden war? Was wenn es einen der Jungs 
 Nein, daran wollte sie gar nicht denken 

Nicholas hatte bestimmt einen guten Grund, trotzdem entschied sie sich ihm zu schreiben, wenn er sich schon nicht meldete.

Lieber Nicholas,

schade, dass es dieses Weihnachten nicht mit deinem Besuch geklappt hat. Ich hatte mich schon sehr darauf gefreut, aber vermutlich hattest du einfach zu viel um die Ohren.

Dir ging es schlecht, als wir uns das letzte Mal gesehen haben und ich hatte gehofft so zu erfahren, ob es dir besser geht. Wenn du nicht gekommen bist, um nicht wieder an die Ereignisse meines Besuchs erinnert zu werden, kann ich das vollkommen verstehen. Vermutlich ist dieser Brief eine entsprechend blöde Idee und es tut mir Leid, aber ich möchte eigentlich einfach nur wissen, ob es dir gut geht (und ob es vielleicht doch an mir liegt, dass unser Treffen nicht stattgefunden hat).

Da wir dummerweise keine Nummern ausgetauscht haben (meine ist ĂŒbrigens: +49160/8846125), kann ich auch nur wieder diesen Weg nehmen um dir zu schreiben, in der Hoffnung, so eine Antwort zu bekommen.

Alles Liebe

Katrin

Sie steckte den Brief in einem Umschlag auf den sie unter das FĂŒr Santa, damit die Wichtel ihn auch fanden und mitnahmen, ein kleines Nicholas in Klammern schrieb und ergĂ€nzte ein Von Katrin auf der RĂŒckseite. Mit einem Glas Milch und ein paar Keksen, die noch vom Weihnachtsbacken ihrer Schwester ĂŒbrig waren, von ihrer Nichte hĂŒbsch verziert mit Perlen und rosa Zuckerguss, stellte sie ihn auf die Kommode. Mit einem Seufzen ließ sie sich auf ihren Lesesessel plumpsen. Nun hieß es abwarten.

Behind the Scenes

Dieses Kapitel ist irgendwie eine direkte Zusammenarbeit von Marina/DarkFairy und mir. Nicht unsere erste, schreiben wir doch an Warlords zusammen und darĂŒber als DFPP Entertainment – und endlich auch wieder ein StĂŒck weiter! Sie hat das GrundgerĂŒst geschrieben und Thomas eingefĂŒhrt und ich habe mit den Sachen ergĂ€nzt, die zum Rest der Geschichte ver- öhm -linken? Ah, verweisen!, denn als BuchhĂ€ndlerin in Ausbildung hat Marina einen straffen Zeitplan und es leider nicht geschafft die vorherigen Kapitel ausfĂŒhrlich genug zu lesen, um das selbst einzubauen. Aber ich denke, die Mischung ist uns ganz gut gelungen. 🙂

PoiSonPaiNter

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Adventskalender: TĂŒrchen #17

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Abschied und Erinnerungen

Nicole, Nikolai, Klaus 
 sie alle bemĂŒhten sich wirklich um Nicholas. Dieser jedoch antwortete wenn ĂŒberhaupt nur recht einsilbig. Nicht einmal der Sonnenschein Carlos mit seiner fast unerschĂŒtterlichen Frohnatur konnte ihn aufheitern, obwohl er sich redlich bemĂŒhte. Katrin versuche ebenfalls ihn zu erreichen, was immerhin etwas besser gelang, als bei seiner Familie. Aber auch wenn er etwas aus seiner Lethargie erwachte, tat er nicht sehr viel mehr als sich entschuldigen.
Daher beschloss die Familie ihn vom BegrĂ€bnis fĂŒr den Krampus fernzuhalten. Alles wurde so geplant, dass er am Morgen mit Katrin aufbrechen konnte, um diese nach Hause zu bringen, wĂ€hrend der Rest des Dorfes dem Verstorbenen die Letzte Ehre erwies. Immerhin war er ein Teil der Familie gewesen.

Still ging Nicholas an Katrins Seite durchs Dorf. Warum auch immer, sie hatte darauf bestanden, sich von einigen Bewohnern persönlich zu verabschieden. So auch von Carlos. WĂ€hrend sie hinein ging, wartete er vor der TĂŒr, starrte hinĂŒber zur Fabrik. Erneut lief die ganze Szene wie wie ein Film in seiner Erinnerung ab. Er suchte nach einer Möglichkeit, wie er die Situation hĂ€tte retten können, ohne den Krampus zu töten. Aber er fand keine. Außer wenn er Katrin gar nicht erst hierher gebracht hĂ€tte. Oder hĂ€tte er doch versuchen sollen, mit ihm zu reden. Sicher hĂ€tte es eine Möglichkeit gegeben.
Unwillig schĂŒttelte er den Kopf, drehte sich um und sah durchs Fenster, wie Katrin von Carlos im Arm gehalten wurde. Eifersucht wallte in ihm auf. Schon unter normalen UmstĂ€nden wĂ€re es unmöglich gewesen, auch nur eine Freundschaft mit Katrin in ErwĂ€gung zu ziehen. Aber sie dann mit Carlos zu sehen, der das Dorf jederzeit verlassen konnte 
 das tat weh. Mehr als es sollte und er erwartet hatte.

Wenig spĂ€ter öffnete Nicholas das Portal, das Katrin nach Hause bringen sollte. Eigentlich hatte er ja vorgehabt, sie mit dem Schlitten zu fahren, aber die Familie war dagegen gewesen. Schweigend gingen sie den Weg vom Wald bis zu Katrins Haus. Sie setzte mehrmals an, um etwas zu sagen, entschied sich aber doch immer wieder dagegen. Sie hatte ihre HĂ€nde tief in ihre Taschen vergraben und nicht wie so oft in den vergangenen Tagen an seinem Arm. Ein Teil von ihm hĂ€tte gerne in diesen letzten Minuten noch einmal ihre NĂ€he gespĂŒrt, dem anderen war es lieber, dass sie Abstand voneinander nahmen. Immerhin wĂŒrde er sie vermutlich sowieso nie wieder sehen.

Vor ihrer TĂŒr angekommen stellte er ihre Rucksack ab. Er wusste nicht, was er sagen sollte und starrte einfach nur auf den Boden.
“Bis Weihnachten?” Ihre Worte ließen ihn aufblicken. Katrin sah ihn intensiv an. Ein Blick, den er nicht deuten konnte. Er wollte, dass es bedeutete, dass er ihr wichtig war. Aber konnte er das sein? Nach allem was passiert war? Er wusste es nicht, bezweifelte es.
„Ja natĂŒrlich“, erwiderte er daher schwach, wandte sich ab und ging.

Als er durch das Portal zurĂŒck nach Haus kehrte fĂŒhlte er eine KĂ€lte, die nach ihm griff. Schob das aber auf seine allgemein nicht gute Verfassung und legte sich einfach ins Bett. Am Liebsten wĂŒrde er alles vergessen. Nicht das was mit Katrin zu tun hatte, aber den Rest. Warum hatte er es nur soweit kommen lassen? Wie dumm konnte man eigentlich sein? Es gab all die Regeln ja nicht zum Spaß! TatsĂ€chlich wĂŒrde er aber um Katrin zu beschĂŒtzen jederzeit wieder so handeln. Absprache hin oder her, dass sein Bruder ihm das unter die Nase gerieben hatte schmerzte. Auch wenn es ein Wunder war, dass Katrin ĂŒberhaupt noch mit ihm redete, nachdem er zum Mörder geworden war. Sie behauptete zwar dankbar zu sein, aber er sah ihr an, dass auch sie ihn insgeheim dafĂŒr verurteilte. So wie auch seine Familie.

Da er auch nach Stunden keine Ruhe geschweige denn Schlaf finden konnte, schlĂŒpfte er wieder in seine Kleidung. Vorsichtig lauschte er, er wollte niemandem von seiner Familie begegnen. Endlich hatte er die HaustĂŒr erreicht und trat hinaus in die Nacht. Er lief durch das schlafende Dorf, sah in den Himmel, ließ sich einfach treiben. Ebenso wie seine Gedanken, ohne ein bestimmtes Ziel. Und doch landete er immer wieder bei dem „Was-WĂ€re-Wenn“ … Wenn er nicht bei Katrin gelandet wĂ€re, wenn sie nicht diesen Brief geschrieben hĂ€tte, wenn … wenn … wenn … Es war einfach frustrierend.
Mit Katrin hatte sich alles viel leichter angefĂŒhlt, einfacher. Jetzt war dieses GefĂŒhl weg, begraben unter seinem schlechten Gewissen, den Zweifeln, die er einfach nicht los wurde.
Kein Wunder, dass keiner ihn mochte. Schon gar nicht Katrin. Er hatte sie beinahe umgebracht. Nicht nur sie, er hatte das ganze Dorf in Gefahr gebracht. Dass er den Krampus nicht selbst befreit hatte, spielte da auch schon keine Rolle mehr.

Als der Morgen hereinbrach ging er zurĂŒck ins Haus. Das Letzte was er brauchen konnte waren Vorhaltungen seiner Mutter, warum er nicht zum FrĂŒhstĂŒck gekommen war. Und ganz sicher hatten seine Geschwister auch noch ein paar Worte mit ihm zu wechseln.
WĂ€hrend er mit den Anderen am Tisch saß und so tat als höre er ihnen zu, ging er wieder und wieder ihren Abschied durch. NatĂŒrlich fielen ihm jetzt tausend Dinge ein, die er hĂ€tte sagen können. Witzige Dinge, charmante Dinge, nette Dinge. Alles besser, als „Ja, natĂŒrlich“, jedenfalls.
Aber die Chance hatte er verpasst. Wahrscheinlich wĂŒrde sie nicht mal da sein, wenn er mit dem Schlitten vor ihrem Haus halt machen wĂŒrde. Wieso sollte sie auch auf ihn warten? An ihm war nichts Besonderes. Er war nicht einmal der einzige Weihnachtsmann. Nicholas hatte genau gesehen, dass sie ĂŒber diese Information sehr ĂŒberrascht war. Bestimmt dachte sie, dass er es alleine nicht auf die Reihe bekĂ€me, genau wie seine Geschwister. Und wahrscheinlich hatte sie sogar recht. Er konnte ja nicht mal in seinem eigenen Dorf auf sie aufpassen.
Nach dem FrĂŒhstĂŒck machte er sich an seine Arbeit. Musste aber immer öfter eine Pause mache. Ihm war kalt. Schrecklich kalt, so als ob er von innen am Erfrieren wĂ€re und nicht einmal der Pullover seiner Mutter half dagegen.

*

Katrin konnte am Abend ihrer RĂŒckkehr kaum einschlafen. Die ganze Zeit drehten sich ihre Gedanken darum, was sie alles erlebt hatte. Fast eine ganze Woche war sie in einem MĂ€rchenland gewesen. Hatte Zeit mit dem Weihnachtsmann – nein, den WeihnachtsmĂ€nnern, -frauen und -wichteln verbracht, sich das Dorf und die verschiedenen Auslieferungsschlittentypen angesehen, die WunscherfĂŒllungs- und die Geschenkverteilungsroutine erklĂ€ren und das Postamt und die Fabrik der B-Waren-Reparatur zeigen lassen und Rentiere hinter sicher verschließbaren Stallanlagen gestriegelt. Na gut, ein Rentier. Aber dafĂŒr ein Rentierkalb namens Lucifer.
Sie hatte duftende Pancakes gegessen, wunderbar warme von Mama Maros gestrickte Winterkleidung getragen und herausgefunden, dass auch die ganze Arbeit der Santas von eigenen Steuern finanziert wurde.
Ihr Herz machte einen besonders dollen Hopser, als Katrin daran dachte, dass der Bibliothekar sich noch an ihre SonderwunscherfĂŒllung, an das Buch, welches Nicholas ihr als Dankeschön fĂŒr das Ausleihen der OfenbĂŒrste gebracht hatte, erinnern konnte.

Schließlich wandten sich ihre Gedanken der Familie mit ihrer ganzen Geschichte und ihrer Herkunft sowie dem Thema „Krampus“ zu und sie verspĂŒrte ein Ziehen in der Brust. So ganz ungetrĂŒbt war die Idylle nach einem Blick hinter die Kulissen leider doch nicht gewesen. Zum GlĂŒck hatte sich alles aufgeklĂ€rt, die Vorurteile ĂŒber sie als Fremde und möglicherweise Verantwortliche aus dem Weg gerĂ€umt und es herrschte wieder Sicherheit, aber dennoch blieb ein schaler Beigeschmack. Vor allem was Nicholas‘ Verfassung anging. Sie hoffte einfach nur, dass es ihm bald besser gehen und sie ihn dann Weihnachten wiedersehen wĂŒrde.

Am nĂ€chsten Morgen musste sie wieder arbeiten gehen. Die Kinder wĂŒrden fragen, warum sie eine Woche nicht da war. Ob sie wieder gesund sei, auch wenn sie das nicht gewesen war, und wieder mit ihnen spielen und ihnen Geschichten erzĂ€hlen wĂŒrde.
Und WAS fĂŒr Geschichten könnte sie erzĂ€hlen!
Aber was DURFTE sie erzÀhlen? Katrin war zur Geheimhaltung verpflichtet, das hatte Nikolai ihr zum Abschied klargemacht. Niemand durfte von dem Dorf wissen, oder zumindest nicht, wo es lag.
Und wie könnte sie gewĂ€hrleisten, sich nicht etwa zu verplappern oder – aus NervositĂ€t – WidersprĂŒche zu verbreiten?
Sie mĂŒsste sich Notizen machen. Notizen und Stichworte zur Reihenfolge der Geschehnisse. Die Namen verfremden, das Dorf anders beschreiben. Sollte in ihrer Version der Geschichte nicht doch die Geschenke lieber alle neu produziert werden? Oder könnte sie damit vielleicht auf die Recyclingmöglichkeit und gegen die Wegwerfgesellschaft ein Statement setzen? Sollte sie den Kindern gegenĂŒber den Krampus erwĂ€hnen? Von Vorurteilen und deren Wiedergutmachung sprechen?
Von ihrer Begegnung mit dem waschechten Weihnachtsmann mit Motorschlitten und Rentieren hatte sie bereits berichtet – das mĂŒsste sie auch so stehen lassen.
Was also, wenn sie
 wenn sie sich nicht nur Notizen machte? Sicherlich ließe sich auch ein ganzes Buch mit der Darstellung der Geschehnisse fĂŒllen! Vor ihrem inneren Auge erschien ein Buch, dick eingebunden mit einem roten Lederumschlag, und vorn eine grazile Zeichnung des Wohnzimmers samt angeheiztem Ofen und der im Schaukelstuhl sitzenden und strickenden Natascha.
Die erste Seite dieses Buches wĂŒrde von den Worten geziert „fĂŒr Nicholas“ und auf der nĂ€chsten wĂŒrde ihre Geschichte beginnen!
Gerade weit genug von der Wahrheit entfernt, um das Dorf und die Familie und ihre Freunde zu schĂŒtzen, könnte sie von ihren Erlebnissen berichten.
‚Meine Woche mit Santa‘ – oh Gott nein, das klĂ€nge wie eine Liebesschnulze! Katrins LĂ€cheln verwandelte sich bei dem Gedanken in ein Grinsen. ‚Die Magie des Nordens‘, ja, das hingegen könnte man nehmen.
Mit diesem Gedanken schlief Katrin schließlich ein.

Als sie am nĂ€chsten Morgen von der Meute wissenshungriger Kinder umgeben war, von denen sich einige an sie kuschelten und im wahrsten Sinne des Wortes an ihrem Rockzipfel hingen und andere sich bereits hingesetzt hatten und sie um eine neue Geschichte baten, langte Katrin ins Regal, um ein Buch herauszunehmen, das sich mit den Abenteuern der Biene Maja beschĂ€ftigte und begann, daraus vorzulesen. Schließlich fing der Sommer gerade an und eine weitere Weihnachtsgeschichte zu erzĂ€hlen, wĂ€re wahrlich noch zu verfrĂŒht.

Am Nachmittag, nachdem die Kids sich draußen auf dem Spielplatz ausgetobt und begonnen hatten zu malen, fiel Katrins Blick auf einen Prospekt, der in einem Projekt vor einem Jahr entstanden war. Der Kindergarten hatte zu einem Tag der offenen TĂŒr eingeladen und statt Fotos fĂŒr die BroschĂŒre zu verwenden, waren die spielenden Kinder von einem Zeichner eingefangen und in Bleistiftskizzen verewigt worden. Die Bilder waren sehr gut angekommen und viele Eltern haben sich gewĂŒnscht, eine Kopie des Originals, auf dem ihr Kind zu sehen war, zu bekommen.
Auch Katrin hatten die Bilder gut gefallen – trotz der einfachen Skizzentechnik strahlten sie Lebensfreude aus, Bewegung, Dynamik. Der Zeichner hatte es verstanden, die GesichtsausdrĂŒcke festzuhalten, den Bleistiftfiguren einen Charakter zu geben.
Was wĂ€re, wenn Katrin diesen Zeichner fĂŒr die Arbeit an ihrem Kinderbuch gewinnen könnte? Wenn sie mit ihm zusammen ein Projekt auf die Beine stellen könnte, dessen Ergebnis sie in der Vorweihnachtszeit im Kindergarten vorlesen und ausleihen könnte? Was, wenn sie dieses Buch sogar an einen Verlag vermitteln und die Geschichte so noch mehr Menschen zugĂ€nglich machen könnte?
Kurzentschlossen schnappte sie sich die BroschĂŒre, recherchierte im Internet nach den Kontaktdaten und rief den Zeichner an.

Drei Tage spÀter hielt Katrin die ersten Skizzen in der Hand. Noch nicht mal ein Foto hÀtte den Krampus, die Schlitten und den Stapel Pancakes besser erfassen können als der Zeichner es binnen einiger Minuten vermochte.

Behind the Scenes

Heute gibt es ein Doppelkapitel, ein zusammengefĂŒgtes Kapitel und das sogar von zwei verschiedenen Autorinnen (mit kleinen ErgĂ€nzungen meinerseits). Nicholas‘ Sichtweise stammt von  Irina Christmann, Katrins ist von Nebu. Nebu brauchte drei AnsĂ€tze, um diese Fassung so hinzubekommen, wie sie es wollte ohne einfach nur nachzuerzĂ€hlen, was zuvor schon stand. Auch Irina musste nochmal nachbessern, denn sie ist etwas spĂ€t in die Szene eingestiegen und musste zusĂ€tzlich noch auf mein vorheriges Kapitel reagieren.

UrsprĂŒnglich waren es einzelne Kapitel, aber da an anderer Stelle die Aufspaltungen notwendig waren, musste es eben auch ein paar ZusammenfĂŒhrungen geben und hier passte es auch thematisch ganz gut.

PoiSonPaiNter

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Adventskalender: TĂŒrchen #16

Read in English

Der Krampus

Im zweiten FabrikgebĂ€ude fanden sie ihn schließlich. Er stand alleine am Ende eines stillstehenden Fließbands und tĂŒfftelte an einem kleinen metallischen Spielzeugauto.
“Hallo Heinrich”, grĂŒĂŸte Carlos ihn, nicht viel von seiner normalen Freundlichkeit war zu hören.
“Hab ich Post bekommen, Carlos?”, fragte er ohne aufzusehen.
“Nein. Wieso bist du hier alleine? Der Chef hat gesagt, wir sollen immer zu zweit unterwegs sein”, antwortete dieser stattdessen.
“Schmarrn. Nach der Aussortierung heute Vormittag weiß jeder, dass der Krampus nur hinter unartigen Menschen her ist”, winkte Heinrich unbekĂŒmmert ab und schraubte weiter an einem kleinen Rad, “Ich hab nichts unartiges getan, also bin ich vor ihm sicher und kann in Ruhe arbeiten.”
“Interessante Sichtweise”, kommentierte Carlos und warf Katrin einen vielsagenden Blick zu. Sie nickte und er stellte sie vor, wobei er sie etwas vor sich schob: “Katrin hier, möchte dir ein paar Fragen stellen.”
Heinrich sah auf und rĂŒckte seine Brille zurecht. “Die berĂŒhmte Besucherin. Wie kann ich helfen? Möchtest du Tipps, wie man ein Spielzeugauto effizient repariert?”
“Nein, ich möchte wissen, ob es stimmt, dass Nikolaus Maros Ihnen PlĂ€ne zur Überarbeitung eines Spielzeugs abgekauft und als seine eigenen ausgegeben hat?”, fragte sie geradeheraus.
“Wie kommst du darauf?”, versuchte Heinrich es runterzuspielen.
“Er hat es mir selbst erzĂ€hlt, ich möchte Ihre Version davon hören.”
“Er hat -? Sieht er auf seine alten Tage doch noch seine Fehler ein?” Heinrich lachte bitter. “Nein, er hat sie mir nicht abgekauft. Ich habe nie Geld fĂŒr meine PlĂ€ne erhalten. Er hat sie sich einfach genommen.”
“Und das konnten Sie nicht auf sich sitzen lassen? Sie mussten etwas dagegen tun?”, hakte Katrin nach.
“Worauf spielst du an, junge Dame?”, versuchte er sie aus der Reserve zu locken, aber Katrin hatte keine Lust auf Spielchen: “Den Krampus.”
“Was hat der damit zu tun?”, wunderte sich Heinrich, aber ein leichtes Zittern war in seiner Stimme zu hören.
“Den Ă€ltesten Santa mit Hilfe des Krampus als unartig zu entlarven, klingt nach einer sehr passenden Rache, oder was meinst du, Carlos?” Katrin rief sich alle Kriminalisten ins GedĂ€chtnis, von denen sie je gelesen hatte und tat ihr Bestes es ihnen gleich zu tun in der ÜberfĂŒhrung des TĂ€ters. Auch wenn es vermutlich albern wirkte und ihr Herz wie wild pochte.
“J-ja, das klingt nach einer gelungenen Rache”, bestĂ€tigte Carlos etwas verwirrt.
“Und wie soll ich das bitteschön angestellt haben?”, wollte Heinrich wissen und verschrĂ€nkte die Arme herausfordernd.
“Sie haben sich von Natascha hergestellte Decken besorgt um damit nach und nach das Eis zu schmelzen, dass den Krampus eingesperrt hielt. Meinen Aufenthalt, der Nikolaus sowieso schon ein Dorn im Auge war, haben Sie dann als perfekte Gelegenheit gesehen, um Ihren Plan zu vollenden. Sie haben sich irgendwann eine Kopie der SchlĂŒssel zugelegt, die Arme und Beine abgetaut, die Ketten geöffnet und eine Decke so lange ĂŒber den restlichen Eisblock gelegt, bis er sich von selbst befreien konnte”, fasste Katrin zusammen.
“Eine schöne Theorie”, erklĂ€rte er leicht beeindruckt, schaute sie dann aber herablassend an: “Aber beweisen kannst du sie nicht.”
“Das brauchen wir auch nicht. Wir brauchen dich nur zu einem der Santas zu bringen und die werden schon herausbekommen, ob du unartig warst Heinrich”, erinnerte ihn Carlos mit einem fiesen Grinsen.
Heinrichs Gesicht verfinsterte sich und er griff nach dem Auto, nur um es kurz danach Carlos an die Stirn zu werfen und in die andere Richtung davonzulaufen. Doch weit kam er nicht. Direkt neben ihm zerbarst ein Fenster und der Krampus sprang auf das Fließband, beĂ€ugte ihn wie ein JĂ€ger seine Beute.
“Nein, nein, nein! Du sollst ihn bestrafen! Nicht mich! Er hat es verdient!”, schrie Heinrich den Krampus an, doch das interessierte das Monstrum nicht. Er sprang vom Fließband und ging gemĂ€chlich auf ihn zu, seine Hufen klackten laut auf dem Fliesenboden, ein tiefes Knurren drang aus seiner Kehle. Katrin war erstarrt und auch Carlos presste nur die Hand an seine Stirn. Blut tropfte aus einer Wunde an seiner SchlĂ€fe. Sie mussten etwas tun. Sie konnte nicht zulassen, dass der Krampus Heinrich tötete. Aber sie wusste nicht, wie sie ihn aufhalten konnten. Stattdessen schubste sie Carlos zu Boden, damit sie aus dem möglichen Blickfeld verschwanden. Wenn sie schon nichts fĂŒr Heinrich tun konnte, dann musste sie wenigstens Carlos beschĂŒtzen, den sie mit reingezogen hatte. Unter dem Fließband hindurch sah sie, dass Heinrich sich nicht mehr bewegte, er war wie eingefroren, wĂ€hrend der Krampus immer weiter auf ihn zuging. Sie musste den anderen Bescheid geben. Sie griff nach ihrem Handy, nur um festzustellen, dass sie es in ihrem Zimmer hatte liegen lassen. Wunderbar. Sie brauchte etwas das Krach machte, etwas Lautes, etwas – ihr Blick fiel auf eine Handglocke, die zusammen mit anderen Kleinigkeiten im Regal neben Carlos stand, der zu benommen war, um sich zu bewegen. Sie griff an ihm vorbei und begann, so laut sie konnte damit zu lĂ€uten.

Kaum hatte sich der erste Ton aus dem Metall gelöst, so stoppte der Krampus. Seine HĂ€nde legten sich ĂŒber seine Ohren und mehr und mehr krĂŒmmte er sich bis seine Stirn den Boden berĂŒhrte. Sein erbĂ€rmliches BrĂŒllen hallte durch die Fabrik. Als Katrin das sah hörte sie nicht auf die Glocke zu lĂ€uten und versuchte ihn so in Schach halten, bis endlich Hilfe kam, doch bald schon begann sich Angstschweiß auf ihren HĂ€nden auszubreiten.
Heinrich war derweil in sich zusammengesunken. Katrin starrte unter dem Fließband hindurch auf den Krampus und bemerkte nicht, wie Nicholas im Raum erschien.
Dieser nahm die Szene vor sich auf. Noch war der Krampus wehrlos, noch könnten sie ihn bĂ€ndigen und zurĂŒck ins Eis sperren. Doch wĂ€hrend er ĂŒberlegte, wie er ihn am besten festhalten konnte bis seine Geschwister kamen, rutschte Katrin die Glocke aus der mittlerweile schwitzigen Hand und landete mit letzten verklingenden Tönen unter dem Rollcontainer am Ende des Fließbandes.

VerĂ€ngstigt ließ Katrin sich auf den Boden fallen und angelte danach, doch sie konnte sie nicht erreichen. Sogleich rappelte der Krampus sich auf und setzte an in Katrins Richtung zu springen. Doch weit kam er nicht. Sein Bein machte einen letzten Schritt, dann sackte er der LĂ€nge nach zu Boden, ein großer Eiszapfen ragte aus seinem RĂŒcken.
“Es ist vorbei
”, verkĂŒndete Nicholas, die Hand noch halb im Wurf. Sein Herz und seine Gedanken rasten. Panik stieg in ihm auf. Was wenn er dadurch eines seiner Geschwister, schlimmer, einen seiner Neffen dazu verdammt hatte, der nĂ€chste Krampus zu werden?
Vorsichtig lugte Katrin unter dem Fließband hervor. Vor ihr schrumpfte der haarige Körper und sie sah weg. Sie wollte nicht mit ansehen, wie aus dem Monster wieder ein Mensch wurde.

Bald darauf erschienen Nicholas’ Geschwister.
“Bist du von allen guten Geistern verlassen?”, fragte Nick aufgebracht, als er den Krampus sah, “Verstehst du das unter NICHT töten? Ist dir ĂŒberhaupt klar, was du dadurch angerichtet hast?!”
“Ich-ich
”, setzte Nicholas an, aber brachte keinen Ton mehr raus. Wie ein HĂ€ufchen Elend kniete er vor der Leiche.
“Es ist meine Schuld. Er hat mich beschĂŒtzt”, mischte Katrin sich ein, die sich damit abgelenkt hatte, Carlos’ Wunde so gut es ging zu versorgen, um nicht den toten Körper ansehen zu mĂŒssen.
“Das alles ist deine Schuld!”, fuhr Nick nun sie an, “WĂ€rst du doch bloß nie hergekommen!”
“Sei still!”, befahl Nicole ihrem jĂŒngeren Bruder, “Es ist nicht ihre Schuld, dass jemand die Gelegenheit nutzt um sowas abzuziehen!”
“Nicht jemand. Heinrich”, offenbarte Katrin und deutete vage in die Richtung ihres VerdĂ€chtigen.
Nicole beugte sich zu ihm und prĂŒfte seinen Puls und sah dabei, was er getan hatte. “Verdammte Scheiße
”, kommentierte sie und strich sich ĂŒber das Gesicht. Sie sah sich kurz in der Fabrik um und holte schließlich eine Plane aus einem Regal und legte sie ĂŒber den Leichnam. “Nick reiß dich zusammen und geh Klaus holen! Sag ihm was passiert ist”, befahl sie ihrem Bruder, wĂ€hrend sie sich zu ihrem jĂŒngsten hinkniete.
Nick wollte widersprechen, beließ es aber bei einem Schnauben und verschwand.
“Alles gut bei dir, Kleiner?”, fragte Nicole vorsichtig und legte ihrem Bruder einen Arm um die Schulter. Nicholas schĂŒttelte nur seinen Kopf und starrte weiter auf die Hand mit der er den Eiszapfen geworfen hatte. Nicole zog ihren Bruder in eine feste Umarmung und sogleich begann dieser zu schluchzen und krallte sich an sie, ganz so, als wĂ€re er wieder ein kleiner Junge und seine BrĂŒder hĂ€tten ihm einen fiesen Streich gespielt. ZĂ€rtlich strich sie ihm ĂŒber den RĂŒcken und die Haare um ihn zu beruhigen. “Alles wird gut, Kleiner, wir schaffen das”, versicherte sie ihm wieder und wieder.

Als er sich etwas gefasst hatte, zwang sie ihn aufzustehen und mit ihr zum Ausgang zu gehen. Er schlurfte mehr, als das er ging und Nicole bugsierte ihn mit einem Arm auf seinem RĂŒcken. Katrin sprang auf und stellte sich den beiden in den Weg. Ohne Vorwarnung schlang sie ihre Arme um Nicholas. “Danke.” Ihr ging es nicht aus dem Kopf, dass er fĂŒr sie ein Leben genommen hatte, auch wenn sie gerade nicht darĂŒber nachdenken wollte. Dennoch wollte sie ihm zumindest zeigen, dass sie dankbar dafĂŒr war, dass sie ihres noch hatte.
“WofĂŒr? Dass ich einen aus meiner Familie dazu verdammt habe zum Krampus zu werden?”, erwiderte er bitter und mit trockener Kehle.
“DafĂŒr, dass du mir – uns”, sie deutete auf Carlos, der noch immer etwas benommen am Regal lehnte, “das Leben gerettet hast.”
Nicholas sah die beiden an und dann zur Seite. “Zu welchem Preis?”, murmelte er nur und wandte sich ab. Er hatte versagt. Er wollte seine Familie schĂŒtzen, Katrin beschĂŒtzen und hatte doch alles viel schlimmer gemacht. Nicole blickte kurz zu den beiden, dann kĂŒmmerte sie sich wieder um ihren Bruder, den sie einfach nur aus der Fabrik raus haben wollte. Katrin wandte sich schließlich Carlos zu und half ihm auf die Beine.
“Es gibt hier bestimmt irgendwo eine Krankenstation, oder?”, fragte sie ihn in der Hoffnung, er wĂ€re noch – oder wieder – klar genug, ihr den Weg zu beschreiben.
“Ja, da links”, sagte er und deutete nach rechts.

Nachdem Carlos versorgt war, traute Katrin sich nicht die Familie zu stören und verzog sich in ihr Zimmer, in der Hoffnung sie wĂŒrde geholt werden, wenn sie gebraucht wurde. Stattdessen wurde ihr gegen Mittag eine Portion Essen gebracht, aber der WĂ€chter reagierte nicht auf ihre Fragen.

Endlich, als es Abend wurde, holte Nicole sie und brachte sie ins Wohnzimmer.
“ErzĂ€hl uns was geschehen ist”, forderte Nikolai sie auf. Er klang nicht wĂŒtend, aber auch sonst schwangen keine Emotionen in seiner Stimme mit, was es noch wesentlich schlimmer machte.
Katrin holte tief Luft bevor sie alles erzÀhlte. Vom GesprÀch mit Nikolaus, von der Konfrontation Heinrichs, vom Erscheinen des Krampus bis zum bitteren Ende.
“Woher wusstest du, dass die Glocke ihn aufhalten wĂŒrde?”, hakte Nikolai nach.
“Wusste ich nicht, ich habe nur nach etwas Lautem gesucht, um auf uns aufmerksam zu machen. Im Nachhinein betrachtet war es eine dumme Idee, da ich ihn dadurch auch hĂ€tte ablenken können, sodass er uns stattdessen angreift
”, dachte Katrin laut nach.
“Ich glaube nicht, dass er euch angegriffen hĂ€tte”, merkte Klaus an, dessen Bein bandagiert auf einem kleinen Hocker ruhte. “So wie ich das verstehe, hat er sich nur dir zugewandt, weil das GlockenlĂ€uten ihn gestört hat. Du fĂ€llst nicht in sein Beuteschema.”
“Das heißt, hĂ€tte ich nicht durch Zufall seine Schwachstelle gefunden, hĂ€tte Nicholas ihn nicht -” Sie konnte nicht weiter reden. Nicht bei dem Anblick den Nicholas bot, wie er zusammengekauert an der Wand hockte, die Arme eng um seine angezogenen Beine geschlungen.
“Ich befĂŒrchte, wir hĂ€tten sowieso keine andere Wahl gehabt”, gestand Nikolai ein, “unsere KrĂ€fte sind einfach nicht darauf ausgelegt, ein Wesen wie den Krampus festzuhalten, ohne ihm zu Schaden.” Er betrachtete seinen jĂŒngsten Sohn mit einem mitleidigen Blick. “Dass das Los auf Nicholas gefallen ist, ist…bedauernswert.” Er wusste nicht, wie er es sonst ausdrĂŒcken sollte. Nicholas hatte sich schon immer Dinge viel zu sehr zu Herzen genommen und er befĂŒrchtete, dass sein Sohn noch eine ganze Weile daran zu knabbern haben wĂŒrde, dass er ein Leben genommen hatte, um andere zu retten. “Alles was wir jetzt tun können, ist Entwarnung zu geben und ihm ein angemessenes BegrĂ€bnis zu geben.”
“Und einander im Auge behalten, wer in seine Hufstapfen tritt”, kommentierte Nick bitter.

Behind the Scenes

In der Ursprungsfassung dieses Kapitels gab es Carlos noch nicht, aber irgendwie hat Irina’s Postbeamter sich mehr und mehr auch in die anderen Kapitel geschlichen … auch die Reaktion auf die Tötung fiel anfangs etwas spĂ€rlich aus, das kam dann erst, als es an die Umsetzung ging.

In der Bearbeitungsphase gehörte die erste Unterhaltung von Katrin und Carlos noch mit zu diesem Kapitel, aber da es zu lang wurde und noch zu gestern gepasst hat, habe ich sie verschoben.

PoiSonPaiNter

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Adventskalender: TĂŒrchen #15

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Monsterjagd

So sehr sich Nikolaus auch strĂ€ubte, er konnte sich gegen seinen Sohn und seine Enkel nicht durchsetzen. Er musste im Haus bleiben und stets war jemand an seiner Seite. Auch Katrin durfte nicht weiter raus gehen, da Nicholas fĂŒr die Suche gebraucht wurde. Nicht mal in die Bibliothek ließen sie sie. Immerhin hatte man ihr noch ein paar BĂŒcher zum Lesen gegeben. Doch irgendwann ging es nicht mehr. Sie konnte nicht lĂ€nger einfach nur rumsitzen und in alten MĂ€rchenbĂŒchern blĂ€ttern.

Überall in den Fluren standen Wachen, vermutlich einfache Arbeiter, die den Krampus nicht zu fĂŒrchten hatten oder nicht fĂŒrchteten. An ihren HĂŒften hingen Taser statt Waffen, der Befehl war klar: Der Krampus darf nicht getötet werden. Höflich fragte Katrin eine der Wachen, wo Nikolaus sich gerade aufhielt und er verwies sie auf das Wohnzimmer. Mit einem ‘Danke’ machte sie sich auf den Weg. Auch hier standen Wachen, aber sie ließen sie ohne Probleme ein, auch wenn Nikolaus sich nicht ĂŒber ihre Anwesenheit freute.
“Was willst du hier, MĂ€dchen?”, fuhr er sie an.
“Ihnen Gesellschaft leisten”, antwortete Katrin aufrichtig, “und vielleicht mit Ihnen zusammen herausfinden, wer Ihnen schaden möchte.”
“Willst Detektivin spielen, was?”, schnaubte der Alte.
“Nein, ich möchte helfen”, widersprach Katrin, auch wenn sie wusste, dass es schon ein wenig in die Richtung ging.
“Lass dir gesagt sein, MĂ€dchen, das hier ist kein Spiel. Hier geht um Leben und Tod und wenn du dich einmischt, wer weiß, ob du nicht die NĂ€chste bist, die zerfleischt und zerrissen auf dem Boden liegt”, drohte er ihr unbekĂŒmmert.
“Ich habe mir nichts zu schulden kommen lassen. Wenn der Krampus wirklich auf unartige Menschen reagiert, dann bin ich kein Ziel fĂŒr ihn”, erwiderte sie selbstbewusst und sah ihn herausfordernd an: “Bei Ihnen bin ich mir da nicht so sicher.”

Derweil hatten Nick und Klaus einen Plan entwickelt, um den Krampus in eine Falle zu locken. Durch das GesprĂ€ch hatten sie erfahren, dass er womöglich auf Unartigkeit reagiert und nun war es an Nicole und Nicholas unter den ĂŒbrigen Arbeitern diejenigen herauszufiltern, auf die dies zutraf, wĂ€hrend Klaus und Nick einen passenden Ort fĂŒr die Falle suchten. FĂŒr Nicholas und Nicole war es einfacher die Kandidaten zu finden, jeder von ihnen konnte fĂŒhlen, wenn jemand unartig war, aber im Gegensatz zu ihren Geschwistern brauchten sie beide meist keinen Körperkontakt dafĂŒr. Es dauerte nicht lange, da hatten sie einen kleinen Teil Arbeiter in einen extra Raum gebeten und Nicole erklĂ€rte den Plan. Einige von ihnen hatten Angst ihren Job zu verlieren, andere Angst um ihr Leben, dennoch gab es einen Mutigen, der bereit war, sein schlechtes Verhalten dadurch wieder gut zu machen. Mit dem Köder in der Falle legten die vier sich auf die Lauer.

Es dauerte mehrere Stunden bis sie ein Anzeichen vom Krampus hörten, aber dann kam er. Wie sie erwartet hatten, stĂŒrzte er sich direkt auf ihren Köder, aber Klaus war schneller. Er schleuderte eine Ladung Hagel in den Weg des Krampus. Er wich zurĂŒck und setzte erneut an, nur um ebenso von einer Reihe Eiszapfen davon abgehalten zu werden. WĂŒtend versuchte dieser den Köder von einer anderen Seite zu erwischen, doch diesmal schlug Nick ihm ein Schnippchen indem er den Köder mit einem Windstoß außer Reichweite pustete. Nicole legte nach und umschloss den Krampus mit Schneeflocken. Er schlug aus und versuchte wieder ein freies Sichtfeld zu bekommen, doch immer mehr Flocken blockierten ihn. Nick und Klaus nutzten die Gelegenheit und nahmen die bereitgelegten Stahlseile, die sie um das Monstrum wickelten. Er wand und wehrte sich, aber schließlich hatten sie ihn so fest verschnĂŒrt, dass er sich kaum noch bewegen konnte. Mit ihrer Beute auf einen Transportschlitten gebunden, machten sie sich auf den Weg zur Höhle, um ihn dort wieder festzuketten.

“Du hast Mumm, dass muss ich dir lassen”, machte Nikolaus Katrin ein Kompliment, was Katrin zunĂ€chst verwunderte.
“Also gibt es wirklich etwas, dass jemanden zu solch drastischen Maßnahmen veranlasst haben könnte?”, vermutete sie.
“Ja, da könnte es eine Situation gegeben haben, die jemandem sehr missfallen hat
”, gab er schließlich widerwillig zu, “Es ist Jahre her. Nicole und Klaus waren damals vielleicht etwas jĂŒnger als die Jungs heute. Ich war noch der Leiter der Produktion und wir waren gerade dabei von Eigenproduktion auf Ausbesserung umzustellen. Es war ein großer Schritt und wir brauchten gute EntwĂŒrfe, um es flĂŒssig und schnell umsetzen zu können. Ein junger Mitarbeiter hatte damals einen wirklich guten Entwurf eingereicht und ich habe ihn ihm abgekauft und als meinen eigenen ausgegeben. Es wurde eines unserer besten Spielzeuge. Meines Wissens hat er sich nie direkt darĂŒber beschwert, aber er hat einigen weiß machen wollen, dass es sein Entwurf war, was ich aber wieder und wieder abgestritten habe.”
“Arbeitet er noch hier?”, hakte Katrin nach.
“Soweit ich weiß, ja. Er heißt Heinrich und ist vermutlich noch heute in der Produktion tĂ€tig”, bestĂ€tigte Nikolaus.
“WĂŒrde es Ihnen etwas ausmachen, wenn ich ihn darauf anspreche?”, bot Katrin an.
“Du? Das sollte eher jemand aus meiner Familie ĂŒbernehmen
”, wies er sie ab.
“Die sind gerade damit beschĂ€ftigt die Belegschaft zu schĂŒtzen und Ihren mörderischen Bruder einzufangen”, gab Katrin zu bedenken.
Nikolaus zögerter, sie konnte sehen wie es in ihm arbeitete. Schließlich gab er nach und Katrin machte sich sogleich auf die Suche nach ihm.

Die vier hatten gerade das Haupthaus hinter sich gelassen, als der Krampus sich zur Seite warf und den Schlitten mit sich umriss. Vor Schreck ließen Klaus und Nick die Seile los und er konnte einen Arm befreien. Seine Klaue fand ihren Weg in Klaus’ Bein. Nicholas stieß seinen vor Schmerzen aufbrĂŒllenden Bruder zur Seite, um ihn außer Reichweite zu bekommen. Diese Chance nutzte der Krampus, um sich Nick zu widmen, der bereits wieder an den Fesseln zog. Da das zweite Ende noch locker am Boden lag, brachte es nichts und stattdessen nutzte der Krampus Nicks Momentum aus und rammte ihm seine Hörner in die Brust. Keuchend fiel dieser zu Boden. Nicole versuchte ihm mit ihren Schneeflocken erneut die Sicht zu nehmen, doch der Krampus schleuderte ihr das Seilende entgegen, das sie mitten im Gesicht traf und nach hinten warf. In einem letzten Versuch ihn aufzuhalten griff Nicholas nach dem zweiten Ende, doch sein ziehen half genauso wenig und der Krampus nutzte es eher, um sich aus dem Seil zu entwinden. Kurz darauf war er im Wald, der das Dorf umgab, verschwunden.
“Verdammt
”, fluchte Klaus und schlug auf den Boden.
“Ich finde ihn”, versprach Nicholas und eilte dem Monstrum hinterher.

Es war nicht einfach herauszufinden, ob Heinrich noch im Dorf war und noch wesentlich schwerer aus dem Haupthaus rauszukommen, um mit ihm zu reden. Letzten Endes war es Carlos, der Postbeamte, der sie zu ihm brachte, da auch er wissen wollte, ob Heinrich wirklich dahinter steckte. Auf dem Weg dorthin beobachtete er Katrin, als wĂ€re sie ein ansteckender Fremdkörper. Schließlich war es ihr zu bunt. Mitten auf dem Weg blieb sie stehen und konfrontierte ihn: “Was ist dein Problem mit mir? Denkst du auch, dass ich es war, die den Krampus freigelassen hat?”
Carlos sah zur Seite. “Nein, du bist nicht unartig. Sonst hĂ€tte dir Nicholas kein Geschenk gebracht”, widersprach er und ergĂ€nzte: “oder dich hergebracht.”
“Was ist es dann?”, verlangte sie zu wissen und verschrĂ€nkte die Arme vor der Brust.
Carlos druckste, sah sie nicht an und wollte es ihr am Liebsten nicht sagen.
“Bitte Carlos, ich möchte doch nur wissen, was ich falsch gemacht habe, dass du mich so abstoßend findest”, bat sie ihn ehrlich und lockerte ihre Arme.
“Nicholas ist ein toller Kerl. Ich möchte nicht, dass du ihm das Herz brichst”, offenbarte er ihr und leichte Röte stieg ihm ins Gesicht.
“Du-du magst ihn?”, vermutete sie und Carlos nickte kaum merkbar. “Ich-er-wir, da war nichts! Ja, wir verstehen uns gut, aber mehr war da nicht, mehr ist da nicht!”, versuchte sie ihm zu erklĂ€ren, “Es wĂŒrde mich wundern, wenn er ĂŒberhaupt ein solches Interesse an mir hat …”
Carlos sah verwundert auf. War sie so blind? “NatĂŒrlich hat er das, allein, dass er dich hergebracht hat und dir seine Welt zeigt, um zu sehen, wie du darauf reagierst, sagt doch schon alles”, widersprach er.
“Solange ich es nicht aus seinem Mund höre, mache ich mir keine Hoffnungen, das fĂŒhrt zu nichts. Und jetzt lass uns Heinrich suchen”, beendete sie das Thema, ĂŒber das sie gerade nicht weiter nachdenken wollte.
“In Ordnung”, gab Carlos nach, nun etwas offener als zuvor. Vielleicht war sie doch nicht so verkehrt.

Behind the Scenes

Hier habe ich versucht die Kampfszenen mit den ruhigeren Sprachszenen zu kombinieren, ihr mĂŒsst entscheiden, wie gut mir das gelungen ist. 😀

Ich fand es vor allem wichtig zu zeigen, dass selbst in der Weihnachtsfamilie bzw. unter deren Arbeitern schwarze Schafe sind und nicht alle lupenreine Westen haben.

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