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Akazukin-chan und der Große Böse Wolf

Nachdem er uns schon die Mär von Chen und der Geschichte eines Brüderpaars erzählte, widmet sich Jan Laumeier einem weiteren Thema im Märchensommer.

Deutsche Märchen in japanischen Comics

Wenn ich das Wort „Märchen“ höre, denke ich zuerst an Schneewittchen, Rotkäppchen und die Sieben Geißlein. Das Bild in meinem Kopf ist ein Amalgam kreiert von den Grimms und Disney. Als zweites denke ich an Mangas.
Es ist kein Geheimnis, dass die deutsche Kultur ihre eigene Faszination auf Japan ausübt und so gibt es für uns vertraute Motive in japanischer Kunst, unter anderem deutsche (oder gemeinhin so gedachte) Märchen in Mangas. Als zwei typische Beispiele dieses internationalen Kulturaustausches sehen wir uns an: Grimms Manga von Kei Ishiyama und Ludwig Revolution von Kaori Yuki.

Ludwig Revolution erschien von 1999 bis 2007 in verschiedenen japanischen Manga-Magazinen. Die Handlung ist kurz erklärt: Prinz Ludwig, kurz Lui, muss auf Anordnungen seines Vaters eine Braut finden, also reist er durch die Lande und durch die Grimm‘schen Märchen. Der Manga kommt aus der Feder Kaori Yukis und das sollte den Ton dieser Märchenadaption bereits deutlich machen. Sie ist bekannt für ihren düsteren Stil, der stark von der Gothic- und Lolita-Szene inspiriert ist.
Das passt nicht zu Märchen? Au contraire!

Mittlerweile hat sicherlich jeder von dem Freund mit der Neigung zur Besserwisserei gehört, dass so manches Grimm‘sche Märchen eine viel düstere Geschichte ist, als es uns Disney vormachen will. Beispielsweise schneiden sich die Schwestern Aschenputtels ihre Zehen ab, um in den lieblichen Schuh zu passen. Allerdings treibt Kaori Yuki diese düsteren Elemente noch weiter an. In ihrem Manga geht Rotkäppchens Märchen wie folgt:

Lisette trägt eine graue Kappe und ist seit Kindesbeinen mit Prinz Luis Diener befreundet. Eines Tages trägt die Mutter ihr auf, Kuchen und Wein zur Oma zu bringen, die im Wald wohnt. Wie üblich wird vor dem bösen Wolf gewarnt. Als Lisette im Wald an eine Kreuzung kommt, weiß sie nicht – anders als der Leser – dass jemand den Wegweiser manipulierte und sie geht nichts ahnend in die falsche Richtung. Sie kommt an der verkohlten Ruine eines Hauses an und glaubt, dass die Leiche dort ihre Oma ist. Dann taucht ein Wolf vor ihr auf und erklärt, die Oma und Lisette seien Opferungen an den Wolfsgeist, damit die Eltern einen Haufen Gold erhalten können. Man kann sich den Zorn und Schmerz in Rotkäppchen vorstellen. Sie rennt nach Hause.

Zuhause sitzen ihre Eltern beim Essen und sorgen sich um Lisette, die ziemlich spät dran ist. Sie wissen von dem verbrannten Haus, denn was die Geschwister Hänsel und Gretel vor kurzem dort anstellten, ist in allen umliegenden Dörfern bekannt. Lisette erreicht endlich ihr Elternhaus und von Zorn geblendet tötet sie ihre Eltern mit einer Axt.

Des Prinzen Diener, genannt Will, tritt ein und sieht die Leichen und das ganze Blut überall. Auch die eigentlich graue Kappe des Mädchens ist in Blut getränkt und leuchtet nun Rot. Natürlich ist er schockiert. Lisette eröffnet ihm, dass jeder im Dorf die Gutmütigkeit des lieben Wills ausnutzt und mit hässlichen Worten lässt sie ihren Zorn auch an ihm aus. Sie versucht auch ihn zu töten, aber Prinz Lui geht dazwischen und rettet Will das Leben.

So klingt die Geschichte Rotkäppchens bereits äußerst düster, aber es gibt einen kleinen Twist in der Sache: Prinz Lui hat Lisette absichtlich zum falschen Haus gelockt und ihr mit Hilfe einer Attrappe diese Lügengeschichte erzählt. Ihre Eltern hatten den Tod, und solch einen brutalen dazu, nicht verdient.

Nachdem sie ihre Eltern tötete und das Dorf verließ, wird Lisette zu einer Auftragsmörderin mit einem Rachefeldzug gegen Prinz Lui, den sie abgrundtief hasst. Es ist offensichtlich, warum.
Dies ist nur ein kleiner Einblick in die Märchenwelt von Kaori Yuki, wo die Geschichten makaber und die Figuren abstoßend sind. Weitere Beispiele:

  • Prinz Ludwig ist selbstsüchtig und sexistisch. Im ersten Kapitel wird er als nekrophil vorgestellt und stellt in seinen privaten Räumen dutzende schöne, aber tote Frauenkörper aus.
  • Schneewittchen spannt ihrer (hier leiblichen) Mutter den Ehemann, also ihren eigenen Vater, und außerdem auch den Liebhaber aus, dann täuscht sie ihren eigenen Tod vor, um ihre Mutter in den Selbstmord zu treiben und das Königreich an sich zu bringen.
  • Dornröschen ist eine naive und egozentrische Zauberin, die sich von einer Geliebten des Königs belügen lässt und sich in Selbstmitleid gramt, weil ihr Schönheit und Intelligenz in die Wiege gelegt (oder gezaubert) wurden. Deswegen verdammt sie ihr ganzes Königreich in einen tiefen Schlaf, der schlussendlich alle Untertanen und sie selbst tötet.
  • König Blaubart ist ein Torfkopf und blind für die Wahrheit, dass er seine große Liebe aus falschem Stolz tötete und nun jede seiner anderen Frauen an einem falschem Maßstab misst. Für ihr Scheitern, das er selbst für die Frauen heraufbeschwört, muss er sie töten. Erneut eine Ausstellung toter Frauenkörper.

Und genauso geht es mit vielen anderen Märchen weiter. Ludwig Revolution hat vier Bände und erzählt zwölf dunkle Geschichten. Dies hier sind definitiv keine Kindermärchen mehr, aber dann waren die ursprünglichen Geschichten auch nicht immer jugendfrei.

Auf der anderen Seite des Spektrums japanischer Unterhaltungskunst haben wir Grimms Manga von Kei Ishiyama, in Japan erschienen 2007. Ishiyama hat einen fröhlicheren und leichteren Ansatz für eine moderne Interpretation der uns bekannten Märchen. Ihr Zeichenstil ist niedlich und romantisch.
Die Märchen werden nicht mit einer übergeordneten Handlung verbunden, sondern stehen für sich selbst als eine Reihe von Kurzgeschichten und in dem Sinne ist dies hier der Grimm‘schen Sammlung ähnlicher als unser Beispiel zuvor.
Als Vergleich Ishiyamas Version des Märchens Rotkäppchen:

Um ein wahrer Wolf zu werden muss Wölfchen eine menschliche Jungfrau fressen. Unsicher, was das genau bedeuten soll, beratschlagt er sich mit den Sieben Geißlein, aber Waldtiere haben ihre eigenen Sorgen. Sie warnen das Wölfchen vor dem Jäger.

Im Wald begegnet er zufällig Rotkäppchen und verliebt sich sofort in sie. Unbedarft erzählt sie von ihrer Oma und dass sie ihr Kuchen bringen will. Nervös über seine plötzlichen Gefühle rennt Wölfchen davon. Er läuft zum Haus der Oma. Mit einem Eimer auf dem Kopf, um seine Wolfsohren zu verstecken, hilft er der Oma mit dem Feuerholz und Kamin. Gemeinsam warten sie darauf, dass Rotkäppchen ankommt.
Allerdings bringt Rotkäppchen, unbedarft wie sie ist, den Jäger mit. Natürlich erkennt dieser sofort, dass der Junge mit dem Eimer auf dem Kopf gar kein Mensch ist und will ihn erschießen. Doch Rotkäppchen geht dazwischen und sagt einen sehr klugen Satz: „Jeder hat Angst, wenn man mit dem Gewehr auf ihn zielt.“ Das Wölfchen macht ihr daraufhin einen Heiratsantrag und mit den Worten, sie könnten zuerst Freunde werden, nimmt sie diesen irgendwie an.

Zum Abschluss sehen wir beide ein paar Jahre später als Jugendliche wieder, wo Wölfchen sie vor übergriffigen Männern beschützt. Ob er nun ein wahrer Wolf ist oder nicht, ist ihm nicht mehr wichtig, denn er hat nun jemanden, den er beschützen will. Gemeinsam spielt das Paar in einer Blumenwiese.

In dieser Geschichte gibt es keinen Twist oder doppelten Boden. Die Romantik zwischen Wölfchen und Rotkäppchen ist ehrlich und der kurze dramatische Ausflug mit dem Jäger ist verständlich und schnell behoben. Niemand kommt zu Schaden, niemand wird hinters Licht geführt. (Wölfchens Eimer, um seine Ohren zu verstecken, hat niemand geglaubt.)
Ebenso die anderen Geschichten bleiben dramatisch, aber friedvoll. Rapunzel ist hier zwar ein Mann, aber er singt gerne und freut sich, eine Familie zu gründen. Hänsel ist eingebildet und narzisstisch, aber wie wichtig Familie ist, weiß er auch ohne Mordkomplott. Die Figuren bei Ishiyama sind grundsätzlich Gut in ihrem Herzen und ihre menschlichen Fehler machen sie liebenswert. Auch gibt es hier die berühmte Moral von der Geschicht‘, die man Kindern gerne erzählt:

  • Rotkäppchen lehrt uns, dass nicht alles ein böser Wolf ist, selbst wenn es so aussieht.
  • Rapunzel lehrt uns, dass man niemals die Hoffnung aufgeben sollte, selbst wenn die Situation aussichtslos ist.
  • Hänsel und Gretel lehren uns, dass Familie wichtiger ist als Macht und Reichtum.
  • Die Zwölf Jäger lehren uns, dass wahre Liebe immer gewinnt und ähnlich erbauliche Lektionen in weite mit niedlicher Romantik und einer Spur fröhlichen Humors.

Diese Märchen sagen zwar nicht die Zauberformel, aber sie fühlen sich so an: sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage.

Diese Adaption hält sich mehr an den Geist der Grimm‘schen Märchensammlung, die kinderfreundlich und lehrreich sein wollte.

Es gibt noch zahlreiche andere Adaptionen der Grimm‘schen Märchen und anderen Geschichten dieser Art in japanischen Comics. Meist pendeln sie zwischen diesen beiden Extremen: Entweder sie sind düster und gruselig, es fließt viel Blut und psychische Angriffe sind so weit verbreitete wie physische. Oder die Mangas sind romantisch und lustig, mit süßen Zeichnungen und einem wahren Happy End. In allen Fällen sieht man die alten Geschichten in einem neuen Licht.

Der Gastautor:

In Greifswald studierte Jan Laumeier Sprachwissenschaft und trat mit dem Autorenverein GUStAV zu Lesungen auf. Das Publikum lachte, weinte und staunte mit seinen Kurzgeschichten. Er schreibt von Problemen der Liebe und des Alltags, von Mythen, Magie und Tod, von fremden Kulturen und Sprachen. Sein Lieblingszitat ist: „Habe keine Angst vor der Perfektion: du wirst sie nie erreichen.“ (Salvador Dalí)

Homepage: Tintenlöwe
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Anne/PoiSonPaiNter

Die Sage hinter dem Roman

Gestern habe ich euch Die Braut von Bärenfels vorgestellt. In diesem Märchensommer erzählt Irene L. Krauß ein bisschen zu deren Hintergründen.

Wirklichkeit und Fiktion – wie eine Sage zu einem Roman wird

Entstehung der Idee

Skizze von Agnes aus Die Braut von Bärenfels (c) Irene L. Krauß


In meiner Freizeit spiele ich Saxofon in einem Blasorchester, und vor einigen Jahren haben wir bei einem Konzert das Stück „Wildenstein“ aufgeführt, mittelalterlich angehauchte Musik, bei der es um die Sage von Agnes von Bärenfels geht. Da die Geschichte im Südschwarzwald spielt, wo ich selbst sieben Jahre lang gewohnt habe, wurde ich gleich hellhörig und habe im Internet nach der Sage geforscht. Von der Geschichte über die Ritterstochter war ich so fasziniert und berührt, dass für mich klar war: Agnes hat das Potential einer neuen Disney-Prinzessin, und wenn Disney schon nicht auf sie aufmerksam wird, muss zumindest ich ihre Geschichte aufschreiben.

Die Sage

Der Wildenstein ist ein rund 200 Meter hoher Felsen in der Wehraschlucht im Südschwarzwald. Ein Kreuz auf seiner Spitze soll an Agnes von Bärenfels erinnern, die dort in einer Situation höchster Not ein Versteck fand.
Der Kaiser hatte zum Kreuzzug aufgerufen, und Agnes’ Vater, Ritter Engelbrecht von Bärenfels, und ihr Bruder Wernher mussten die Familie zurücklassen und sich auf den Weg ins Heilige Land begeben. Die Schönheit von Agnes hatte sich weithin herumgesprochen, und so umwarben sie viele Männer. Ein fremder Ritter bedrängte sie in der Abwesenheit ihres Vaters sehr und wollte sie zwingen, ihn zu heiraten. In ihrer Not floh Agnes von der Burg, ohne ihre Mutter Elsbeth einzuweihen, und kämpfte sich durch die Wildnis. Dabei verließ sie sich ganz auf den Schutz der Heiligen Jungfrau Maria, die ihr das Versteck unter dem Wildenstein zuwies. Die Muttergottes schickte Agnes durch Tauben Essen und Trinken. Als die Ritter vom Kreuzzug heimkehrten, machte Engelbrecht sich sofort auf die Suche. Wieder kamen dabei die Tauben zu Hilfe, und er konnte seine geliebte Tochter in die Arme schließen. Der fremde Ritter aber wurde verjagt und ward nie wieder gesehen.

Ein realer Hintergrund

Burgruine Bärenfels (c) Adolf Krauß


Die Burg Bärenfels existiert ebenso wie der Felsen „Wildenstein“ im wunderschön wilden Wehratal im Südschwarzwald. Bärenfels ist inzwischen nur noch eine Ruine, deren gut erhaltener Wehrturm jedoch bestiegen werden kann und einen wunderbaren Ausblick bis weit in die Schweiz und die Alpen hinein bietet.
Die Familie Bärenfels war im Mittelalter sehr einflussreich und stellte lange Zeit die Schultheißen und später Bürgermeister von Basel.

Der geschichtliche Hintergrund im Roman

Die erwähnten geschichtlichen Ereignisse wie der Kreuzzug gegen Alexandria fanden tatsächlich statt. Die Seefahrt nach Alexandria nahm die im Buch beschriebene Route ein, sämtliche Ereignisse drumherum sind eine Mischung aus geschichtlichen Fakten und meiner Einbildungskraft.

Urlaubstipp

Das Wehratal (c) Irene Krauß


Wandern im Schluchtensteig, der auch durch die Wehraschlucht führt vorbei an Agnes’ einstmaligem Zuhause, gehört zu den schönsten Wandererlebnissen in Deutschland. Die südbadische Küche ist von der feinen schweizer und französischen Küche beeinflusst, die Natur im Südschwarzwald ist einzigartig. Die Wanderwege können auch gut von Kindern bewältigt werden, sind jedoch nicht immer Kinderwagen geeignet. In der Regel trifft man nur wenige andere Wanderer unterwegs.

Die Gastautorin:

Geboren in Wales, aufgewachsen in GB, Afrika und Deutschland lebt I. L. Krauß heute dort, wo andere Urlaub machen: im wunderschönen Allgäu. Egal ob Fantasy oder Liebesroman – eines vereint ihre Romane: Spannung und Abenteuer liebt sie über alles und baut diese deshalb auch in ihre Geschichten ein. Nebenbei arbeitet die Autorin auch als Architektin, in ihrer Freizeit spielt sie Saxophon und malt und liest viel.

Homepage: Irene Krauß
Facebook: Irene Krauß Autorin

Anne/PoiSonPaiNter

Schneewittchen oder doch nicht?

Auch diesen Märchensommer widmet sich Katherina Ushachov einem Vergleich. Dieses Mal:


Russische & Amerikanische Märchenfilme: Schneewittchen

Kurz vorneweg:

Dieser Artikel behandelt ausschließlich die gezeichnete und animierte Fassung von „Schneewittchen“ bzw. „die tote Prinzessin“. Über die zahlreichen Realverfilmungen wird ein anderes Mal zu schreiben sein und nicht zwingend von mir. Entsprechend lässt der Artikel einige Aspekte bewusst aus. Einige Quellen sind auf Russisch, hier ist der Google Translator zu bemühen.

Wer an animierte Umsetzungen der großen Märchenklassiker denkt, wird in erster Linie an Disney denken – dies ist so verbreitet, dass bisweilen sogar Trickfilme Disney zugeschrieben werden, mit denen das Studio nichts zu tun hat, wie beispielsweise „The Swan princess[1] aus dem Hause Columbia TriStar/New Line Cinema. Jüngere Leser*innen kennen zusätzlich noch die Barbie-Filme, von denen zumindest die ersten sich sehr oft mit Märchenstoffen beschäftigen[2] und diese mit Hilfe von Barbie-Figuren darstellen (von denen anschließend einige käuflich zu erwerben waren und teils noch sind).

Sowjetische Kinder – und später auch junge Leute wie ich, die in der Postsowjetzeit in russischsprachigen Ländern aufgewachsen sind – lernten jedoch zuerst andere Trickfilme kennen. Die von „Sojusmultfilm“. Anders als Disney, eine Privatfirma und geleitet von einem einzelnen, handelte es sich dabei um ein staatliches Animationsstudio.

Beide bezogen und beziehen ihre Stoffe aus Märchen. Doch die Ergebnisse sind bisweilen sehr unterschiedlich. Ich möchte untersuchen, warum dies der Fall sein könnte und ein wenig auf die verschiedenen Ansätze der beiden Filmstudios eingehen.

Allgemeiner Vergleich:

Ein wichtiger Unterschied lag bereits im System begründet: Disney ist ein privates, 1923 zum ersten Mal gegründetes Filmstudio, das mehrere Anläufe gebraucht hat[3]. Walt Disney hat Anfang der 30er nicht zuletzt darum die Idee von einem abendfüllenden Zeichentrickfilm entwickelt, weil die Einnahmen für seine Kurzfilme zunehmend stagnierten und er sie nicht – anders als andere Studios – mit anderen Produktionen gegenfinanzieren konnte[4].

Diesen Druck hatte Sojusmultfilm – 1936 gegründet – nicht. Alle dortigen Filmschaffenden waren im Grunde genommen staatliche Angestellte, deren Honorare nicht vom kommerziellen Erfolg der Trickfilme abhängig waren. Somit konnten sich die Künstler*innen in gewissem Sinne austoben und schufen insgesamt über 1500 Trickfilme[5], die meisten davon sehr kurz.

Hierbei dienten interessanterweise die Walt-Disney-Studios anfangs als Vorbild für die Sowjetunion, nicht zuletzt, weil dort zum damaligen Zeitpunkt einige Erfindungen gemacht wurden, die das Erstellen von Trickfilmen maßgeblich veränderten (wie beispielsweise die erste Nutzung des Storyboards im heutigen Sinne[6] oder die Einführung der Arbeitsteilung bei der Erstellung von Trickfilmen[7]) – später wollte man sich bewusst von ihnen abgrenzen. Dem ersten Zeichentrickfilm, damals noch in Schwarz-Weiß und nur acht Minuten lang, sieht man den Einfluss in Hinblick auf Bewegung, Animation und Figurenstil tatsächlich noch recht gut an: YouTube-Video.

Interessanterweise haben beide Filmstudios während des zweiten Weltkriegs auch Propagandafilme und Instruktionen für die Armee gemalt – Sojusmultfilm auf staatliche Verordnung hin, Walt Disney hingegen, um mit der eigenen Firma über die Runden zu kommen. Durch einen Streik und daraus folgende Gehaltserhöhungen, drei aufeinander folgende teure Flops und die Tatsache, dass „Bambi“ auf einem von den Nazis verbotenen Buch basierte und somit nicht in besetzten Gebieten gezeigt werden konnte, brachte das Studio an den Rand des Ruins. Auch wenn er „Victory through air power“ tatsächlich aus Überzeugung gezeichnet und gedreht hat.[8] Sojusmultfilm hat allerdings nur wenige Monate Kriegstrickfilme gezeichnet, diese Aufgabe betrachtete man später als „nicht so wichtig“ und ließ das Studio wieder Trickfilme schaffen.[9]
Die große Blütezeit der Trickfilme mit „All Age“-Zielgruppe begann vor allem nach 1946, wobei in den Jahren 46 bis 53 dezidiert der Wunsch nach einer eigenen Ästhetik in Abgrenzung zu Disney gewünscht wurde – so fällt beispielsweise auf, dass Sojusmultfilm den Schritt zu abendfüllenden Zeichentrickfilmen eigentlich erst in den 90ern vollzogen hat – alle in diesem Artikel vorgestellten Filme aus ihrem Studio sind deutlich kürzer als die Disney-Pendants, darauf werde ich in den einzelnen Abschnitten genauer eingehen. Selbst Filme, die ich als vergleichsweise lang in Erinnerung habe (wie „Die zwölf Monate“ haben eine Laufzeit unter einer Stunde[10], mit wenigen Ausnahmen, wie dem Märchen vom buckligen Pferdchen, das 1975 um einige neue Szenen ergänzt und neu synchronisiert wurde[11] . Interessanterweise ist es genau dieser Trickfilm, der in der Fassung aus den 40ern von Walt Disney seinen Zeichner*innen gezeigt wurde – während die ersten Trickfilme von Sojusmultfilm noch nach amerikanischen Lehrbüchern aus seiner Zeichenschule entstanden.
Teilweise fanden aber auch parallele Entwicklungen statt – so stiegen beide Filmstudios annähernd zeitgleich auf die Rotoskopietechnik[12] um, nicht zuletzt, um Zeit und Geld einzusparen. Kurioserweise in beiden Fällen bei Tierfilmen: „101 Dalmatiner“ bei Disney, „Kashtanka[13] bei Sojusmultfilm.

Andere Entwicklungen verliefen in einigem zeitlichen Abstand – so hat Disney recht früh und recht oft das Aussehen der Figuren den Synchronsprecher*innen angepasst (auch wenn das nicht immer aufgegangen ist, ein plakatives Beispiel dafür sind die Rollen der Geier im „Dschungelbuch[14]). Dies wurde bei Sojusmultfilm erst Mitte der 50er Jahre üblich.

Beide Filmstudios bestehen im Übrigen bis heute – auch wenn Sojusmultfilm vom Zusammenbruch der Sowjetunion arg gebeutelt wurde.

„Schneewittchen“ (1936) vs. „Die tote Prinzessin und die sieben Recken“ (1951)

Zunächst einmal muss festgehalten werden, dass hier das Ausgangsmaterial nicht zu 100% identisch ist. Die Disneyverfilmung basiert auf dem Märchen der Brüder Grimm, während die Variante von Sojusmultfilm – wie auch am Namen ersichtlich – vom Kunstmärchen von A. S. Puschkin abgeleitet wird.
Während also das amerikanische Kinostudio ein „deutsches“ Märchen adaptiert, greifen die Filmemacher*innen aus der Sowjetunion auf Stoff zurück, der unter anderem die Funktion einer gesamtsowjetischen Sinnstiftung hat. Die Amtssprache in allen Republiken ist Russisch, Puschkins Lyrik und seine Dramen sind zumindest in Russland bis heute Schulstoff und gelten als hochliterarisch, während Volksmärchen nach wie vor den Ruf von „Kinderkram“ haben.

Etwas, das Sojusmultfilm auch – soweit möglich – für andere Märchenstoffe fortgeführt hat. Die Märchen der Brüder Grimm waren in der Sowjetunion durchaus bekannt, das beweisen mehrere meiner aus der Zeit stammenden Märchenbücher. Ebenso beispielsweise die Märchen von Charles Perrault, jedoch wurden meist die russischen Pendants adaptiert, sofern vorhanden. „Die scharlachrote Blume[15] statt „Die Schöne und das Biest“ ist ein weiteres Beispiel dafür.

Dabei halten sich beide Filmstudios mal mehr, mal weniger akribisch an die literarische Vorlage, wobei Sojusmultfilm in der Regel und so auch bei diesem Beispiel näher am Original bleibt.

Interessanterweise sorgen jedoch ausgerechnet Disneys Kürzungen an der Grimm’schen Geschichte dafür, dass die Handlungsverläufe mehr Parallelen haben, als die ursprünglichen Märchen. So sieht die russische Variante von vornherein nur einen Mordanschlag auf die Prinzessin vor, der durch den vergifteten Apfel erfolgt. Bei den Brüdern Grimm versucht die böse Königin, Schneewittchen vorher noch mit einem Kamm und einem Gürtel zu töten. Beide Versuche kommen in Disneys Verfilmung nicht vor.

Dadurch, dass Disney außerdem die Anfangssequenz weglässt, bei der Schneewittchens Äußeres vorhergesagt wird („weiß wie Schnee, rot wie Blut, schwarz wie Ebenholz“) ähneln sich hier teilweise die Anfänge, diese Metaphorik fehlt in der russischen Variante weitestgehend. Zwar wird auch hier die Zarentochter als „weiß von Angesichts mit schwarzen Brauen“[16] beschrieben, dies ist jedoch nicht so stark mit Symbolismen aufgeladen, wie der Grimm’sche Anfang. Eine weitere Gemeinsamkeit entsteht dadurch, dass in der Anfangssequenz von „Snow White and the Seven Dwarfs“ der Prinz zumindest einmal mit Schneewittchen singt und sie dem Wunschbrunnen vorsingt, dass sie gerne von einem Prinzen gefunden und gerettet werden würde. Anders als im Originalmärchen findet er sie also nicht zufällig, sie haben eine Begegnung, bei der Schneewittchen jedoch in Panik vor dem Prinzen flieht, offensichtlich aufgrund ihrer Lumpen beschämt. Sie teilen sich sogar einen zarten Taubenkuss.

Ein wichtiger Unterschied besteht außerdem in der Art, wie der Film erzählt wird. Beide beginnen zwar mit einer reich illustrierten Märchenseite, doch während Disney frei erzählt, hält sich die russische Variante strikt an die Verse des Originals. Mehr noch, sie werden zumindest zu Beginn im Hintergrund von einer weiblich klingenden Person rezitiert, während der Beginn des Märchens in Standbildern dargestellt wird. In diese wird gezoomt, um den Eindruck von Bewegung zu erzeugen, die ersten Sequenzen sind nicht animiert und erinnern in ihrer Ästhetik an ein Ölgemälde.

Erst ab der Wiederverheiratung des Zaren ist der Trickfilm weitestgehend durchgängig animiert. Das führt im Übrigen zu einem interessanten Effekt – da die negativen Eigenschaften der neuen Zarin in der Versform aufgezählt werden, müssen sie nicht von den Zuschauer*innen durch konkrete Taten der Figur erschlossen werden:

weiß, von stolzem Gliederbau,
eine schöne, kluge Frau;
doch voll Hochmut nebenbei,
auch von Eifersucht nicht frei,
eigenwillig, eigensinnig,
aber wirklich schön und minnig.[17]

Die längere Spielzeit der Disneyvariante kommt nicht zuletzt durch die zahlreichen Lieder. Das erste singt Schneewittchen in der dritten Filmminute, während sie die Treppe schrubbt. Andere dadurch, dass die Protagonistin bei Disney durch Kleinigkeiten zusätzlich charakterisiert wird – in der achten Minute spricht Schneewittchen recht lange mit einem aus dem Nest gefallenen Vögelchen.

Weitere Sequenzen, die zur Länge beitragen, bestehen beispielsweise in Schneewittchens recht gruselig gestalteter Flucht durch den Wald, an deren Ende sie weinend auf der Erde liegt. Die gruseligen Gestalten entpuppen sich als niedliche (und fortan hilfreiche) Tiere des Waldes (10./11. Filmminute). Darunter auch das kleine, blaue Vögelchen, das sie vorher gerettet hat. Es sind auch die Tiere, die ihr den Weg zum Haus der Zwerge zeigen.

Szenen, die in der Märchenfassung fehlen, werden hinzugefügt – wie die Beratung der Zwerge, als sie ihr hell erleuchtetes Haus sehen und die folgende Anschleichsequenz, die sich über mehr als sieben Filmminuten hinzieht. Auch die Szene, in der die Zwerge Schneewittchen mit Musik und Tanz unterhalten, kommt weder im originalen Märchen noch in der sowjetischen Variante vor und beinhaltet unter anderem einige Slapstickeinlagen und jodelnde Zwerge. Die sowjetische Variante verzichtet weitestgehend auf jede Form von Füllszenen, einzig die Episode, in der sich die Magd und die Zarentochter im Wald immer wieder anrufen, könnte als solche gesehen werden.

Interessant sind hier auch die Kleider der Figuren. Während das Kleid, das Schneewittchen die meiste Zeit trägt und das der Königin streng genommen gar nicht während der gleichen Epoche getragen werden würden – das Kleid der Königin erinnert an mittelalterliche Hofkleidung, das von Schneewittchen eher an eine Art Dirndl, ohne dass Epoche oder Ort näher dargestellt werden würden – sind die Kleider der Figuren bei Sojusmultfilm eindeutig russisch. Alle Frauen tragen einen Kokoschnik auf dem Kopf, auch die Magd der bösen Zarin.

In beiden Trickfilmfassungen sieht man die „gute“ Frau im Übrigen auffällig oft bei häuslichen Tätigkeiten:
Schneewittchen

  • Schrubbt die Treppen
  • Räumt erst einmal ausgiebig im Haus der Zwerge auf
  • Backt einen Kuchen
  • Achtet darauf, ob die Zwerge ihre Hände vor dem Essen waschen
  • Gibt den Zwergen mütterliche Abschieds- und Gute-Nacht-Küsse auf die Stirn

Die Zarentochter

  • Wird in ihrer ersten Sequenz beim Sticken am Rahmen gezeigt
  • Wird fortgelockt, um Pilze und Beeren zu sammeln (im Vergleich dazu soll Schneewittchen mit dem Jäger lediglich Blümchen pflücken)
  • Bringt den unordentlichen Haushalt der Recken erst einmal in Ordnung und deckt den Tisch mit traditionell russischem Geschirr
  • Spinnt Wolle, als die verkleidete Zarin auf dem Hof der Recken ankommt

Die Antagonistin sieht man dahingehend in weiten Teilen des Trickfilms ausschließlich entweder dabei, den Spiegel zu befragen (und sich vor dem Spiegel zu putzen) oder dabei, ihre Gefolgsleute (jeweils den Jäger oder die Magd) auszuschicken. Ihr letzter Gang besteht dann darin, sich selbst auf den Weg zu ihren Opfern zu machen.

Auch Sojusmultfilm kürzt Details um der Dramatik willen aus der Handlung – so wird nicht erwähnt, dass das Paar aus Zarentochter und Zarewitsch Jelissej an dem Tag heiraten soll, an dem die Zarin ihre Stieftochter aussetzen lässt. Diese Verse werden nicht mehr verlesen, ebenso fehlt im Trickfilm eine Auflistung ihrer Mitgift (laut der Übersetzung von „Projekt Gutenberg“ hundertvierzig Prunkpaläste und sieben große Städte[18].
Während die Szene, in der Schneewittchen den Jäger verängstigt anschaut und er sie schließlich gehen lässt, in der Disney-Variante groß ausgeführt wird, fehlt eine ähnliche Szene im sowjetischen Pendant vollkommen. Sie kommt zwar im Originalmärchen vor, im Film wird jedoch lediglich gezeigt, wie die Magd sich zurückzieht und allein zur Zarin zurückkehrt. Die Konfrontation der beiden Frauen wird ausgelassen.[19]

Interessanterweise kürzt die sowjetische Fassung außerdem heraus, dass die Recken nicht nur jagen, sondern zumindest im Originalmärchen auch in den Krieg ziehen. Sie ändert außerdem ab, dass die Zarentochter im Original vor Erschöpfung unter der Ikone einschläft. Sie versteckt sich vor den Recken und tritt hervor, als sie nach ihr fragen.

Andere Änderungen lassen sich auf den Einfluss von Disneys „Schneewittchen“ zurückführen, darauf gehe ich etwas später ein.

Für das Filmen von „Snow White and the seven Dwarfs” entwickelte Disney ein Filmverfahren, bei dem Teile der Landschaft auf verschiedene Glasplatten aufgetragen wurden. Dadurch schien sich der Hintergrund beim Reinzoomen oder bei Kamerafahrten zu bewegen, es entstand der Eindruck von Tiefe. Darüber hinaus konnte so beispielsweise Regen auf eine separate Platte aufgetragen und so gefilmt werden. Darüber hinaus ließ er die Zeichner*innen die Bewegungen von Tänzer*innen studieren, um für damalige Zeit revolutionär realistische Bewegungen von Menschen zu animieren[20].

Welche Filmtechniken Sojusmultfilm zur Verfügung standen, ist für mich schwer zu sagen, aber rein optisch hatte ich beim Anschauen öfter das Gefühl, dass der Hintergrund im Vergleich eher statisch blieb, oft ähnelte er einem Ölgemälde. Zumindest das Verwenden verschiedener Ebenen scheint aber nicht gänzlich unbekannt zu sein, die Sequenz im letzten Drittel, bei dem Jellisej mit der Zarentochter durch ein Blumenfeld reitet und bei der sich eine halb transparente Blumenhecke vor die Figuren schiebt, legt nahe, dass diese auf einer anderen Ebene gewesen sein muss als der Hintergrund und die drei Figuren.

Interessanterweise übernimmt Sojusmultfilm, dessen Fassung wesentlich später entstanden ist, einige Motive und Handlungselemente aus dem Disneyfilm und unterscheidet sich in diesen Punkten vom Original. So schickt im Originalmärchen die Zarin ihre Magd mit dem vergifteten Apfel aus, doch in der Filmfassung von 1951 ist es die verkleidete Stiefmutter, die zudem in einer sehr ähnlichen Kutte und mit einem ähnlichen Wanderstock zum Haus der Recken geht.

Eine Verwandlung oder der Einsatz schwarzer Magie erfolgt hier jedoch nicht.

Auch dass der Hofhund die Recken holt und versucht, sie rechtzeitig nach Hause zu führen, ehe die Zarentochter in den Apfel beißen kann, könnte von der Szene inspiriert sein, in der die Tiere des Waldes die Zwerge aus dem Bergwerk holen, damit sie verhindern, dass Schneewittchen in den Apfel beißen kann. In beiden Fällen kommen die Retter zu spät. Im Original des russischen Märchens springt der Hund lediglich um die Tote herum und demonstriert die giftige Wirkung des Apfels, indem er davon frisst und verendet. Dies tut er in der Filmversion erst, nachdem er die Recken zu ihr geführt hat. Ein weiterer möglicher Einfluss von Disney liegt in der Szene, in der Jelissej die Zarentochter findet – und mit einem Kuss erweckt. Im Original zerbricht er den Sarg und kann sie so erwecken.
Der Filmkuss ist im Falle von Schneewittchen allerdings eine Erfindung von Disney. Die ursprünglichen Märchenfassungen sehen hier verschiedene Varianten vor (je nach Ausgabe) – die ursprünglichste schildert, wie Schneewittchen von den Diener*innen des Prinzen geschlagen wird[21], die es unheimlich finden, wie der Prinz all seine Zeit mit einer Leiche verbringt, sodass der Apfel rausspringt. Kinderfreundlichere und vor allem bekanntere Varianten lassen einen Diener des Prinzen oder dessen Pferd straucheln, sodass der Apfel aus Schneewittchens Kehle fällt, noch ehe es vom Prinzen ins Schloss gebracht werden kann[22].
Film-Schneewittchen ist an dieser Stelle mit ihrem Prinzen – den sie ja am Anfang kennen gelernt hat – vereint und alle sind glücklich. Da die Königin bereits anderweitig eliminiert wurde, hat also die Disneyfassung keine Notwendigkeit, die Hochzeit (und die Rolle der Königin dort) darzustellen. Also gibt es keine glühenden Schuhe, in denen sie sich tottanzen muss.

Anders als in der Disneyfassung, wird in der sowjetischen Fassung die Zarin nicht gejagt und getötet. Sie kann erfolgreich nach Hause zurückkehren und führt sogleich die Spiegelprobe zu ihren Gunsten durch. Anders als bei Disney besteht somit die Notwendigkeit, die Filmhandlung auch nach dem Kuss fortzuführen. Entsprechend blendet der Film noch einmal zu einer Spiegelprobe ab und zeigt, wie die Zarin erfährt, dass die angeblich tote Widersacherin lebt. Sie sieht die namenlose Zarewna auf den Hof einreiten und fällt tot um. Hier setzt die Erzählstimme vom Anfang wieder ein und schildert das Ende – die Liebenden werden getraut.

Weitere Unterschiede ergeben sich schlicht aus den Unterschieden in der Fassung, die jeweils adaptiert wird und haben nichts mit dem Unterschied zwischen Disney und Sojusmultfilm zu tun. Sie würden hier an dieser Stelle somit zu weit führen.

Für den Vergleich wurden die Filmfassungen mehrfach angeschaut:
„Das Märchen von der toten Zarentochter und den sieben Recken“ zu finden auf YouTube.
„Snow White and the seven Dwarfs“ – in Deutschland über YouTube nicht zugänglich.

Screenshots sind jeweils aus diesen Videos.

Fazit

Auch wenn der Kalte Krieg spätestens seit Kriegsende unerbittlich tobte, ist es unmöglich, die größten Filmstudios der beiden rivalisierenden Staaten vollkommen getrennt von einander zu betrachten.

Nicht nur, weil sich Sojusmultfilm anfangs Disneys Arbeiten zum Vorbild nimmt und die eigenen Zeichner*innen anhand seiner Materialien unterrichtet, sondern auch, weil sich die beiden Studios später gegenseitig immer wieder beeinflussen. Und sei es, indem das eine versucht, sich zwingend vom anderen abzugrenzen.

Liebt man die Zeichentrickversionen von Märchen, kann es sehr bereichernd sein, das gleiche Märchen jeweils in verschiedenen Fassungen zu sehen und zu vergleichen. Das ist nicht nur vergnüglich, sondern auch höchst lehrreich.

[1] The Swan Princess -Wikipedia
[2] Barbie Filme – Wikipedia
[3]The Walt Disney Company (Gründung und Anfänge (1923-1927)) – Wikipedia
[4][20] It All Started with a Fairy Tale: Disney’s Snow White and the Seven Dwarfs – Tor.online
[5]Союзмультфи́льм – Wikipedia (Ru)
[6] Storyboards (Origins) – Wikipedia
[7] Советская фабрика грёз: как появился «Союзмультфильм»
[8] Animation as War Propaganda: Disney’s Victory Through Air Power
[9] Непростая история студии «Союзмультфильм», мультфильмы которой нас вырастили
[10] Die zwölf Monate (1956) – Wikipedia
[11] Конёк Горбунок (мультфильм) Редакция 1975 года 2 – Wikipedia (Ru)
[12] Rotoskopie
[13] Каштанка (мультфильм, 1952)
[14] Buzzie, Flaps, Ziggy, and Dizzy
[15] The Scarlet Flower – Wikipedia
[16] Eigene Übersetzung, „Projekt Gutenberg“ übersetzt die Stelle mit „blendend von Gesicht, schönre Jungfrau sah man nicht“ und lässt somit die expliziten Farbzuweisungen verschwinden
[17] [18] Märchen von der toten Zarentochter und den sieben Recken
[19] Projekt Gutenberg übersetzt dies so:
Bald
kam Tschernawka in den Wald
mit dem schönen Zarenkinde,
schickt sich an, daß sie es binde.
Und das Zarenkind erschrickt,
jammernd auf zur Zofe blickt,
fleht mit ausgestreckten Armen
sie um Mitleid und Erbarmen:
»Gott, was ist denn mein Verschulden,
daß ich solches soll erdulden?
Rette mich, laß mich am Leben,
reichen Lohn will ich dir geben
künftig, wenn ich Zarin werde!«
ruft sie flehender Gebärde.
Und die Zofe hört ihr Flehen,
kann, gerührt, nicht widerstehen,
denn sie liebt die schöne Maid,
spricht: »Ich tue dir kein Leid,
mög der Himmel mit dir sein!«
Ließ sie, kam nach Haus allein.

[21] Schneewittchen (Genese der Grimmschen Fassung) – Wikipedia
[22] Schneewittchen (Schneewittchens Erlösung und der Tod der Königin) – Wikipedia

Die Autorin

Katherina Ushachov zog im Alter von sechs Jahren aus dem sonnigen Odessa nach Deutschland. Zwanzig Jahre später machte sie Vorarlberg zur neuen Wahlheimat. Sie schreibt seit der Schulzeit, weil sie ohne das Schreiben nicht mehr leben kann. Wenn die freie Lektorin nicht gerade an einem ihrer Romane arbeitet, textet sie für mehrere gemeinschaftlich geführte Blogs oder erzählt auf ihrer Homepage vom Alltag als junge Autorin.

Homepage: Keller im 3. Stock
Lektorat: Phoenixlektorat
Weltenbau: Weltenschmiede
Facebook: Katherina Ushachov – Autorin
Twitter: @evanesca

Anne/Poisonpainter

Nicht die Mama!

Der erste Gastbeitrag diesen Märchensommer stammt von Eva-Maria Obermann, die uns schon im ersten Märchensommer von der Mär fürs Volk erzählte. Diesmal widmet sie sich dem Thema …

Böse Stiefmütter in Märchen

Die böse Stiefmutter. Wenn uns Märchen eines gelehrt haben, dann das Stiefmütter böse sind. Abgrundtief fiese Gestalten, gemeine Hexen und Menschenfresserinnen. Sie wollen ihre Ziehkinder ermorden lassen, beuten sie aus, misshandeln sie oder setzen sie im Wald aus. Heute, 200 Jahre nach Erscheinen der grimmschen Märchensammlung, ist es fast unmöglich, „Stiefmutter“ zu denken, ohne das Bild, dass die Märchen geschaffen haben, wachzurufen.

Wer sich ein bisschen mit dem Motiv beschäftigt, findet schnell heraus, dass die Stiefmütter in den ersten Fassungen der grimmschen Sammlung – vor der Überarbeitung 1819 – Mütter waren. Es war die Mutter, die Schneewittchens Schönheit so ärgerte, dass sie ihre Tochter im Wald ermorden lassen wollte und auch Aschenputtels Mutter war es, die ihre Tochter im Dreck hat schlafen lassen. Diese erste Fassung war brutal, voller Sex und Blut und Grausamkeit. Die Kritik daran war so groß, dass die Märchen grundlegend überarbeitet wurden. Extrem entschärft wurden sie zu den Geschichten, die wir heute kennen. Und die Mütter zu Stiefmüttern.

Problematisch ist, dass dabei tatsächlich psychologische Grundpfeiler verschwimmen. Die Märchen, in denen die Mutter zur fürchterlichen Antagonistin wird, sind auch jene, in denen sie vorab als diejenige gezeigt wird, die einen intensiven Kinderwunsch hegt. Schneewittchens Mutter sitzt am Fenster und träumt vom Kind, so weiß wie Schnee, so rot wie Blut, so schwarz wie Ebenholz. Und auch Aschenputtels Mutter hegt zu Beginn einen Kinderwunsch. Es sind die gleichen Mütter, die sich so sehr nach einem Kind sehnen, die zunächst dem liebvollen Ideal gleichen und dann so entfremdet wurden, dass sie zu Stiefmüttern umgedichtet wurden, um sich die Abkehr von jenem Ideal zu erklären.

Gleichzeitig sind jene Märchen ausschließlich Adoleszenzgeschichten. Die junge Protagonistin ist mit irgendeiner Eigenschaft ausgestattet, die der gealterten Mutter fehlt. Schneewittchens Schönheit, Aschenputtels Klugheit und Fleiß. Der Kontrast zwischen Alt und Jung wird zum Kern der Konflikte. Das, was die Mütter ausgemacht hat, als sie selbst noch keine entsexualisierten und auf die Seite geschobenen Mütter waren, erkennen sie in ihren Töchtern. Eifersucht und Sehnsucht, aber auch das Wissen um die Vergänglichkeit dieser Attribute sind den Konflikten als elementare Bestandteile angedichtet. Dahinter aber steht noch ein weiterer Aspekt.

Mütter sind niemals nur perfekt gut oder entsetzlich böse. Sie bewegen sich, aus Sicht des kleinen Kindes, zwischen den Extremen hin und her. Die Mutter die kuschelt, spielt und füttert, küsst und vorliest, wird im kindlichen Gedankengang der Mutter gegenübergestellt, die fordert, Regeln aufstellt und mit Ablehnung begegnet, wenn das Kind dagegen rebelliert. Das kann Schimpfen oder Bestrafung sein, aber auch die simple Forderung, das eigene Zimmer aufzuräumen oder Abends die Zähne zu putzen. Es entstehen zwei Mütter-Imagi, eine absolut liebevolle und eine in jedem Bezug böse. Diese zwiegespaltene Vorstellung der Mutter war in den sich verändernden Müttern der ursprünglichen grimmschen Sammlung zu erkennen.

Die Loslösung des Motivs hin zur konkreten Trennung zwischen leiblicher, guter Mutter und böser Stiefmutter aber erzeugte nicht nur im Märchen zwei Figuren, sondern beeinflusste auch unser Mutterbild (und tut es bis heute). Noch immer werden Mütter in der idealisierten Vorstellung zur liebevollen Bewahrerin, die sämtliche eigenen Bedürfnisse hintenanstellt und nur noch für das Kind lebt. Wer dagegen verstößt wird zur Rabenmutter deklariert. Stiefmüttern dagegen unterstellt dieses Bild, per se einen schwierigeren Zugang zum Kind, da sie angeblich mit ihm um die Gunst des Vaters buhlen müssten. Kurz, Mutterschaft heute ist von der grimmschen Edition der (Stief-)Mütter in hohem Maße betroffen und muss sich immer wieder dem überhöhten Muttermythos stellen.

Die Autorin

Eva-Maria Obermann wuchs in einer pfälzischen Kleinstadt auf und liebt gute Geschichten seit jeher. Sie hat in Mannheim Literaturwissenschaften studiert, vier Kinder bekommen und promoviert über die Mutterfigur. 2017 erschien der erste Teil ihrer Urban Fantasyreihe „Zeitlose“ und der humoristische Liebesroman „Ellas Schmetterlinge“. Die fantastische Trilogie wird 2019 beendet. Für die Märchenspinnerei hat sie Rapunzel in ein Steampunk-Setting gebracht und arbeitet bereits an einer zweiten Märchenadaption.

Autorenblog: Schreibtrieb
Facebook: Eva-Maria Obermann
Twitter: Variemaa

Anne/Poisonpainter

Türchen #24

Man glaubt es kaum, aber schon sind wir am letzten Tag des Adventskalenders angelangt!

Diesen heiligen Abend versüßt uns Angelika Depta mit ihrer Kurzgeschichte

Das Weihnachtsgeschenk

Eingepackt in einem schweren mit Lammfell gefütterten Ledermantel eilt ein Mann durch die vor Kälte klirrende Weihnachtsnacht. Das Atmen fällt ihm schwer. Jeder Atemzug schmerzt, weil sich die Kälte ihren Weg durch die Luftröhre bahnt. Er zieht sich seinen Schal über Mund und Nase. Im hellen Schein des Vollmondes leuchtet das Feld. Der Wanderer nimmt die Umgebung heute Nacht kaum wahr, er hastet seinen Weg weiter. Trotz der Kälte bilden sich Schweißtropfen auf seiner Stirn. In Zwiesprache mit sich selbst schimpft er: „Ausgerechnet heute muss das Auto liegen bleiben. Hätte ich doch nur getankt. Herr im Himmel lass mich nicht zu spät kommen“, dabei wirft er einen Blick nach oben. Die Sterne blinken über ihm wie die Birnchen einer Lichterkette. Eine Sternschnuppe fliegt durch das Blickfeld des Mannes, schnell schickt er dem verglühenden Schweif einen Wunsch hinterher, und stapft so schnell es geht weiter. Ein paar Schritte vor ihm erkennt er die Spuren eines fliehenden Rehes in der sonst unberührten weißen Pracht. Am nächtlichen Horizont zeichnen sich bereits die Umrisse seines Hauses ab. Er und seine Familie wohnen am Rande eines kleinen Dorfes auf der Schwäbischen Alb. Es ist ein kleines altes Bauerndorf mit drei Höfen, die gerade so die Familien über Wasser halten können. Der Ort ist in einer verschneiten hügligen Landschaft eingebettet und schmiegt sich im Osten schutzsuchend an ein größeres Waldgebiet

„Gott sei Dank habe ich es gleich geschafft.“ Mit noch schnelleren Schritten schreitet er auf sein Ziel zu. Bei dieser Eile übersieht er den vor ihm liegenden Schneehügel. Er stürzt über das Hindernis der Länge nach hin und bleibt einen Moment auf dem kalten Boden liegen. Unter dem Schnee verborgen lag ein großer Stein. Verärgert über sich, dass er nicht aufgepasst hat, schickt er einen Schwall Schimpfwörter in die Nacht hinaus. Der Mann versucht aufzustehen und setzt sich gleich wieder hin. Er hat sich seinen Fuß verstaucht. Beim zweiten Versuch kommt er auf seinem verletzten Fuß zu stehen. Mit schmerzverzerrtem Gesicht humpelt er weiter auf sein Ziel zu. „Du schaffst es! Komm! Los, beeil dich! Du hast es versprochen dabei zu sein!“ Den Rest des Weges passt er auf, wohin er tritt. Aus einem Gebüsch, an dem er vorbeieilt springt ein aufgescheuchtes Reh und sucht das Weite. Vor Schreck fängt ihm das Herz an zu rasen. Durch das ruckartige Stehenbleiben meldet sich sein schmerzender Fuß erneut. Das Tier verschwindet in dem in der Nähe liegenden Wäldchen. Die Laufgeräusche des Rehs schluckt der Schnee, es ist noch nicht einmal ein Knirschen des weißen Belages zu hören. Langsam beruhigt sich sein Herz wieder, der Mann hinkt weiter. Nach einer kleinen Ewigkeit erreicht er den Asphaltweg, der direkt zu seinem Ziel führt. Er sieht wie ein Auto auf dem Parkplatz vor dem Haus einparkt. Er bleibt kurz stehen um seine letzten Reserven zu aktivieren, einen Moment nimmt er sein vor ihm liegendes Haus auf. Es sieht heimelig von außen aus, alles ist weihnachtlich geschmückt. Einige mit selbstgebastelten Strohsternen geschmückte Fenster, sind in warmes Licht getaucht. Aus dem Kamin auf dem schneebedeckten Dach steigt der Rauch auf. Er kann sogar das Kaminholz durch die kalte Luft riechen. Die wie ein zerfließender Nebel wirkende Milchstraße mit ihren unzähligen Sternen ziert den Nachthimmel über seinem Haus. Nicht an den Schmerz in seinem Fuß denkend, läuft er so schnell wie möglich  auf sein Heim zu.

Im Vorgarten steht ein mit einer Lichterkette geschmückter Lebensbaum. Direkt am Hauseingang begrüßt ihn ein Schneemann. Dieser trägt auf dem Kopf eine Nikolausmütze, um den Hals einen Wollschal gewickelt. Steine dienen als Augen, Nase und Knöpfe.

Der Hausherr atmet einmal tief durch, endlich hat er es geschafft, eiligst betritt er den Flur seines Zuhauses. Es duftet nach gebackenen Plätzchen, gemischt mit dem Geruch von Tannenharz des bereits geschmückten Weihnachtsbaums.

Marie seine kleine Tochter kommt ihm wie ein kleiner Wirbelwind entgegengegerannt, aufgeregt quietscht sie: „Papa, komm ganz schnell! Mama hat ganz doll Bauchweh! Sie sagt, das Baby kommt gleich!“

Die Augen des Mannes strahlen zufrieden. Er ist doch noch pünktlich eingetroffen. „Ja, mein kleiner Schatz, ich komme ja schon.“

Er gibt der Kleinen einen Kuss auf die Wange, nimmt sie an die Hand und erklimmt mit ihr humpelnd die Treppe zum Schlafzimmer. Die Hebamme hatte schon alles vorbereitet. Jeden Moment würde es losgehen. Ria seine Frau liegt bleich und mit verschwitztem Haar im Bett. Alle Strapazen sind für einen Moment vergessen, als sie ihren Mann Joe sieht. Er lässt Maries Hand los, eilt zu seiner Frau ans Bett, nimmt sie liebevoll in die Arme und gibt ihr einen Kuss.

“Da bin ich Liebling, pünktlich zum Eintreffen unseres Weihnachtsgeschenkes.“

Sie strahlt ihn mit glücklichen Augen an: „Wir haben nur auf dich gewartet.“

Die Autorin

Angelika Depta wohnt mit ihrem Mann, zwei Hunden und einem Kater im schönen Rheinhessen. 2015 hat sie das Schreiben für sich entdeckt. Sie belegt immer wieder Seminare um das Handwerk der Schreibkunst richtig zu lernen. Nebenbei unterhält sie eine Homepage und ist viel in den sozialen Netzwerken wie Facebook und Instagram unterwegs.

Homepage: ad wie es mir gefällt
Facebook: Angelika Depta Autorin
Facebook-Gruppe: Schreiben – Mein Leben – Was mir gefällt
Instagram: @angelika.depta.autorin

Hinter den Kulissen

Ein kleines Drabble von mir erscheint heute auch auf der Instagram-Seite des Nornennetzes. Schaut mal vorbei!

Ich hoffe alle Leser*innen und Autorinnen hatten Spaß – und Letztere waren nicht zu arg genervt, wenn ich doch nochmal was geändert haben wollte.

Damit wünsche ich uns:

Besinnliche Feiertage mit euren Lieben und vielleicht noch ein paar Flocken Schnee!

Anne

Türchen #23

Die vorletzte Gastgeschichte stammt von der wunderbaren Irina Christmann.

Freut euch auf

Heiße Weihnachten

Weihnachten … kein Fest polarisiert die Menschen so wie dieses. Gehasst oder geliebt. Dazwischen gibt es nichts. Ich liebe Weihnachten. Jedenfalls die Idee dahinter. Seine Lieben um sich sammeln, gemeinsam etwas Gutes essen, einander zeigen, dass man sich mag. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich in einer Pflegefamilie aufgewachsen bin. Noch heute besuche ich das einzige Zuhause, das ich je kannte regelmäßig. Hanna und Klaus haben nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass ich nicht ihr Kind bin. Sie ließen mir die Wahl, ob ich sie Mama und Papa nennen wollte. Und als ich alt genug war, unterstützten sie mich auch dabei Kontakt mit meiner Mutter Miriam aufzunehmen. Sie war gerade mal 13, als sie mich zur Welt brachte. Sie ist eine verrückte, liebenswerte Frau und eine gute Freundin. Seit ich studiere, wohnen wir nur ein paar Kilometer voneinander entfernt.

Ich muss ein Stück durch die Fußgängerzone, wo der Weihnachtsmarkt noch einmal alles gibt, bevor er heute Abend zum letzten Mal für dieses Jahr schließt. Von allen Seiten duftet es nach Essen. Geräucherter Fisch, Bratwurst, Crêpes, Plätzchen und Glühwein bilden diese ganz spezielle Mischung, die zu dem Trubel einfach dazugehört. Heute habe ich allerdings keine Zeit und eile weiter. Irgendwo muss es den Film doch noch geben. Im Kaufhaus riecht es leider mehr nach verschwitzten Menschen und Stress, als nach Weihnachten. Die Spielwarenabteilung ist ein Chaos aus quengelnden Kindern und genervten Erwachsenen, die am Tag vor Heiligabend noch auf Geschenkejagd sind. Mein Ziel liegt dahinter. Vorsichtig schlängele ich mich durch die Menschen und halte den Eingang zur Medienabteilung im Auge. Für meinen Geschmack sind dort auch eindeutig zu viele Leute.

Zuerst suche ich im Sonderregal für Zeichentrick- und Kinderfilme. Leider jedoch ohne Erfolg. Dann durchsuche ich die alphabetisch sortierten Titel. Unglaublich wie viele Filme mit einem ‘Z’ beginnen. Ich bin kurz davor, die Suche aufzugeben, als ich im vorletzten Fach doch noch fündig werde.
“Yes”, jubele ich und drücke die Hülle an mich.
“Muss ja ein toller Film sein”, spricht mich da jemand an und ich drehe mich erschrocken um.
“Ich liebe Faultiere”, sage ich perplex. Mein Gegenüber lacht leise.
“Kann ich verstehen”, ahmt er die extrem langsame Sprechweise von Flash aus dem Film nach. “Ich mag Zeichentrickfilme auch.”
“Cool”, sage ich wenig eloquent, denn irgendwie scheint mein Kopf plötzlich leer zu sein.
“Ist noch eine da? Mein Ex hat die komplette Sammlung mitgenommen. Dieser Arsch. Und ich brauch Stoff für die Feiertage.”
“Nein, Ich glaube das war die Letzte. Aber die hab ich noch nicht durchgeschaut.” Ich deute auf die beiden letzten Fächer und freue mich, dass ich zwei zusammenhängende Sätze formuliert habe. “Ach, schade. Ich hab einfach kein Glück”, meint er und zuckt mit den Schultern. “Dann such ich mir wohl was anderes.”
“Monster Uni”, schlage ich vor, ohne nachzudenken. Am liebsten würde ich mir sofort auf die Zunge beißen. Er legt den Kopf schief und sieht mich an.
“Gute Idee, der hat ja sogar zwei Teile”, meint er dann und geht an den Regalreihen entlang. Noch einmal schaut er sich nach mir um und lächelt. Dann beginnt er die Hüllen durchzusehen und ich bin wieder in der Lage mich zu bewegen. Ich stecke gerade meinen Einkauf in den Rucksack, als auch ER bezahlt.
“Brauchst du noch was? Oder hättest du Zeit und Lust auf einen Glühwein?”
Überrascht sehe ich von meinem Rucksack auf.
“Wer? Ich?”, quietsche ich überrascht. Er grinst nur und nickt.
“Äh, klar, gerne”, stammele ich.
“Super. Ich lad dich ein. Als Danke für die Empfehlung, okay? Ich bin übrigens Dominik.”
Er streckt mir seine Hand entgegen.
“Tobias”, stelle ich mich vor und lege meine Hand in seine. Sein Händedruck ist erstaunlich vorsichtig, wahrscheinlich hat er Angst meine dünnen Finger zu zerquetschen. Auf seinem Handrücken prangt eine große Narbe, die noch nicht allzu alt zu sein scheint. Zusätzlich sorgt sein Lächeln für ein sanftes Kribbeln in meinem ganzen Körper.
“Wollen wir dann?”
Dominik sieht mich fragend an und ich nicke stumm. Endlich lasse ich auch seine Hand los. Er bahnt sich souverän einen Weg durch die Leute, die auch je näher wir dem Ausgang kommen glücklicherweise weniger werden. Immer wieder sieht er sich um, ob ich auch noch da bin.

Vor der Tür atme ich erst einmal tief durch. Stadtluft als frisch zu bezeichnen wäre wahrscheinlich übertrieben, aber besser als in einem stickigen Kaufhaus ist sie allemal.
Nur wenige Meter weiter steht die erste Glühweinbude und Dominik hält direkt darauf zu.
“Mit oder ohne Alkohol”, erkundigt er sich bei mir.
“Lieber ohne, ich rede sonst nur wirres Zeug.”
“Dann vielleicht beim nächsten Mal”, meint er und geht die letzten Schritte, um unsere Bestellung aufzugeben. Mir schwirrt noch das “nächste Mal” durch den Kopf, da steht er auch schon mit einem Becher in jeder Hand wieder vor mir. “Bitteschön.”
Sein Lächeln ist eindeutig eine Gefahr. Und nicht nur für mich. Denn ich fange den Blick einer jungen Frau auf, die ihn ganz offen mustert. Dominik zwinkert ihr zu, stellt sich dann so, dass sie ihn nur noch von hinten sehen kann und hält mir einen Becher entgegen.
“Danke”, antworte ich. Unsere Finger streifen sich, als ich diese nehme. Vielleicht sogar etwas länger, als eigentlich nötig. Wir schlendern zwischen den Buden entlang, nippen an unserem Punsch. Dominik fragt mich nach meinem Lieblingsfilm, wir unterhalten uns über die neuesten Superheldenfilme. Selten habe ich mich so schnell so gut mit jemandem verstanden. Ohne uns abzusprechen, geben wir die zwischenzeitlich leeren Tassen zurück und stellen uns in die Reihe der Crepês-Liebhaber. Es dauert eine Weile, bis wir an der Reihe sind. Dominik entscheidet sich für die herzhafte Schinken-Käse-Variante , ich für die klassische Bananen-Schoko-Kombination.
“Dacht ich mir doch, dass du ein Süßer bist”, kommentiert Dominik lachend. Ich grinse lediglich. Noch immer bin ich überfordert, wenn ich so offensiv angeflirtet werde. Ich bin nicht gerade der Typ, der einem sofort auffällt. Eigentlich genau das Gegenteil, der Typ, den man schnell übersieht oder gleich wieder vergisst. Normalerweise macht mir das auch gar nichts aus. „Naja, eigentlich versuch ich nur auf Fleisch und so zu verzichten“, kommentiere ich lächelnd. Hoffentlich gerate ich jetzt nicht in eine Grundsatzdiskussion über meine Ernährung. Doch Dominik beißt einfach in seinen Crêpes und geht weiter. Eigentlich müsste ich dringend nach Hause. Meine Tasche muss noch gepackt werden und ich fürchte außerdem, dass ich erst noch ein paar Klamotten waschen und trocknen muss, bevor ich morgen mit Miriam zu meinen Eltern fahren kann.

Wir haben die letzten Buden in der Fußgängerzone erreicht.
„Du hast da was“, meint Dominik und deutet auf mein Gesicht. „Darf ich?“
Da es sich dabei bestimmt um Schokosauce handelt, und ich sie mir im Zweifel nur mehr im Gesicht verteile, als sie zu entfernen, nicke ich nur. Dominik beugt sich zu mir herunter, legt eine Hand in meinen Nacken. Ich blinzele verwirrt, und will protestieren. Da küsst er mich schon und jeglicher Protest verflüchtigt sich. Nur Augenblicke später werfe ich sämtliche weiteren Einwände meines Hirns über Bord, das mir zuflüstert, dass ich eine Dummheit mache, dass man nicht einen fast Fremden küsst. Dafür macht es einfach viel zu viel Spaß. Doch leider endet dieser Kuss – wie jeder andere auch – irgendwann. Dominik hält mich fest an sich gedrückt. Ich genieße seine Wärme, seine Nähe und fühle mich einfach wohl.
„Sorry, aber ich konnte einfach nicht widerstehen“, entschuldigt er sich.
„Hast du das Gefühl, dass es mir nicht gefallen hat?“ Er lacht leise und ich lege meinen Kopf an seine Schulter, schließe die Augen und wünsche mir, dass das hier nur der Anfang ist.

„Verdammt“, Dominik drückt mich sachte von sich weg, greift in seine Jackentasche und zieht einen Pieper hervor. „Scheiße, ich muss sofort weg … Gib mir mal schnell dein Handy“, sagt er nachdem er einen schnellen Blick darauf geworfen hat.
Vollkommen perplex reiche ich ihm das Gerät und er tippt hastig eine Nummer ein.
„Ruf mich an, bitte!“ Ich nicke und sehe ihm nach, wie er im Laufschritt durch die Menschen eilt und nach wenigen Augenblicken von der Masse verschluckt wird.

Werft einen Blick hinter die Kulissen, um zu erfahren, wie es weitergeht …

Die Autorin

Seit 2017 schreibt Irina Christmann unter diesem Pseudonym alles. Die Einhornfreundin ist eine Vielleserin, aber auch Vielschreiberin. Täglich schreibt sie in „ihrem“ Café, ob nun von verliebten Jungs, historischen Charakteren oder nun auch phantastische Geschichten.

Facebook: Irina Christmann
Twitter: Ridani76

Hinter den Kulissen

Da die gute Irina nicht nur sofort inspiriert war (s. #WeihnachtenFürPoison), sondern auch die Wortvorgabe von ~1.000 Wörtern versechsfacht hat, haben wir uns entschieden, das ich hier nur das erste Kapitel präsentiere.
Wie es mit Tobias und Dominik weitergeht, könnt ihr auf Bookrix nachlesen: Heiße Weihnachten.

Viel Spaß

Anne

Türchen #16

Auch an diesem Adventssonntag bekommt ihr wieder eine Geschichte. Dieses Mal von Britta Redweik.

Zum Teufel mit den Prinzen

Rapunzel schaute aus dem Turmfenster auf die Lichtung unter sich und runzelte die Stirn. Über die Jahre hatte sie einigen Wandel dort draußen mitansehen müssen. Städte waren gewachsen, Straßen hatten sich ausgebreitet und immer mehr des Waldes, der ihren Turm umschloss, war abgeholzt worden. Wo sie als Kind noch mit ihrer Ziehmutter Gothel zusammen hatte Tiere beobachten können, wo Reisende zwischen dichten Bäumen ihr Lager mit Wache und Feuer gesichert hatten, standen nun Gasthäuser und Brunnen, Wachtürme und Ställe. Mit jedem Jahr kam die Außenwelt näher zu ihrem Turm. Als Kind hatte sie sich noch darüber gefreut, davon geträumt, einmal Andere Menschen kennenzulernen, wirklich aus Fleisch und Blut und nicht nur weit entfernte Punkte unten auf der Straße. Nun aber wuchs mehr und mehr das Bedauern über all das, was sie verlor. Schon lange hatte kein Reh mehr auf der Lichtung vor dem Turm gegrast. Und die Tage, an denen Rapunzel noch von Vogelgezwitscher geweckt wurde, konnte man mittlerweile an einer Hand abzählen. Im Jahr.

Und doch, ganz war der Traum noch nicht verpufft. So schön sie es hier im Turm hatte, so gern hätte sie auch immer noch jemanden zum Reden gehabt. Jemand anderen als nur Gothel.

Mit einem letzten Atemzug der längst nicht mehr so frischen Waldluft wandte sie sich vom Fenster ab. Es brachte ja doch nichts, hier ihren Gedanken nachzuhängen. Sie hatte Arbeit zu erledigen. Gothel würde ihr sicher bald ihren wöchentlichen Besuch abstatten und Ergebnisse fordern.

Rapunzel nahm ihr Stickzeug und begann, kunstvoll die Tücher zu besticken, die Gothel wiederum auf dem Markt der Hauptstadt verkaufte, um ihnen beiden das Leben zu finanzieren.

Sie summte dabei verträumt vor sich hin, bis sie die Stimme ihrer Ziehmutter hörte: „Rapunzel, lass dein Haar hinunter“

Schnell eilte sie zum Flaschenzug und spannte ihren langen Zopf dort ein. Dann ließ sie ihn aus dem Fenster hinab und hielt das Ende auf ihrer Seite zusätzlich fest. Aus Erfahrung wusste sie, dass sie sonst Kopfschmerzen bekommen würde, wenn nur ihr Kopf das Gewicht zu tragen hatte.

Die dunkelhaarige Zauberin stieg über den Fenstersims in den Raum und blickte sich um. Anerkennend nickte sie. „Ordentlich und sauber, wie immer. Ich bin stolz auf dich, mein Täubchen.“

Sie stellte den Korb mit frischem Gemüse, Obst und Brot auf den Tisch. Vorräte, die bis zu Gothels nächstem Besuch alles waren, was die junge Frau an Nahrung bekam. Aber der Korb war gut gefüllt, so dass Rapunzel nicht glaubte, Hunger leiden zu müssen.

Schnell räumte sie die Speisen aus, froh, dass der Zopf noch zum Fenster hinaushing und damit nicht im Weg war. Dann füllte sie den Korb mit ihren bestickten Tüchern. Schließlich schaute sie ihre Ziehmutter an, vorsichtig und unterwürfig. Sie setzte ihre süßeste Kleinmädchenstimme auf. „Gothel, kann ich nicht endlich mitkommen? Ich bin sicher, ich kann dort draußen noch nützlicher sein als eh schon. Nur Hausarbeit kann doch nicht alles sein?“
Die alte Zauberin kniff dem Mädchen in die Wange und schüttelte den Kopf. „Aber Täubchen, ich muss dich doch beschützen. Du bist alles, was ich habe. Und die Welt dort draußen ist so grausam. Du hast keine Ahnung, was man dir dort antun würde. Nein, du bist noch nicht soweit. Eines Tages vielleicht.“

Damit drückte sie Rapunzel einen Kuss auf die Stirn und schwang sich am Zopf wieder aus dem Fenster.

Schon bald war das Gewicht verschwunden und das Mädchen wandte sich wieder summend ihrer Arbeit zu. Mit einem fröhlichen Lied auf den Lippen ging ihr das Tagwerk gleich leichter von der Hand.

Auf einmal wurde ihr Zopf, der noch vergessen im Flaschenzug und damit aus dem Turm hing, wieder gespannt. Erneut musste sie ein Gewicht daran ertragen.

Rapunzel ging zum Fenster. Hatte Gothel etwas vergessen? Das war ihr doch noch nie passiert.

Aber statt in das Gesicht ihrer Ziehmutter zu sehen, erblickte das Mädchen einen bärtigen Mann.

„Was willst du und wer bist du?“, fragte sie und hielt ihren Zopf fest umklammert. Das Gewicht war viel unangenehmer als Gothels, viel mehr. Sie spürte bereits, wie der Zug am Hinterkopf einen stechenden Kopfschmerz auslöste.

„Ich komme, um dich zu befreien“, sagte der junge Mann am anderen Ende ihrer Haare. Seine Stimme klang leicht gequält, dabei hatte er sich erst eine Armlänge hochgezogen.

„Wer sagt denn, dass ich befreit werden möchte?“ Rapunzel blickte ihn neugierig an, eine Augenbraue hochgezogen. Natürlich interessierte sie die Welt dort draußen. Aber er hätte ja wenigstens erst fragen können. Vor allem, da sie hier gerade die eigentliche Arbeit machte und sein Gewicht trug.

„Wer so schön summt, sollte nicht eingesperrt sein“, antwortete der Mann, dessen Stimme nun noch gepresster klang. Er zog sich eine weitere Armlänge hoch.

„Was für eine seltsame Antwort, haben denn die beiden Dinge überhaupt etwas mit einander zu tun?“, fragte sie mit einem schlecht verborgenen Unterton der Herausforderung in der Stimme.

Doch der Mann antwortete nicht. Stattdessen gab er erst ein sehr unschönes Geräusch und dann seinen Mageninhalt von sich.

Plötzlich ließ das Gewicht am Zopf wieder nach und war schließlich ganz fort.

Rapunzel sah zu, wie der junge Mann seinen Bauch hielt. „Verdammte Höhenangst“, hörte sie ihn noch fluchen, dann wandte sie sich vom Fenster ab.

Sie schnaubte zu sich selbst. Was für ein Held. Wollte sie ungefragt befreien und schaffte es nicht einmal einen Meter hoch. Nicht, dass sie nicht froh darüber war. Sympathisch erschien der Möchtegernheld nun wirklich nicht.

Rapunzel wollte gerade ihre Haare aus dem Flaschenzug ziehen, damit er nicht noch einen Versuch startete, als sich der Zopf wieder spannte. War er wirklich so dreist? Und so schnell wieder auf den Beinen?

Aber nein, der letzte Störenfried lehnte noch unten an der Turmmauer, etwas bleich um die Nase, soweit sie das von oben sehen konnte. Stattdessen kam nun ein neuer Mann daher.

„Und was willst du jetzt?“, fragte Rapunzel genervt. Sie war doch kein Sportgerät, an dem man nach Lust und Laune herumklettern konnte.

„Prinz Theobald meinte, hier warte eine hübsche Maid auf Rettung. Das trifft sich gut“, meinte der Kletterer und grinste zu ihr hinauf. „Mein Vater will erst abdanken, wenn ich ihm eine Braut präsentieren kann. Und all die Mädchen im Dorf stellen Ansprüche. Romantik, Umwerben, Liebe. Als ob ich Zeit für so etwas hätte.“

Rapunzel rollte die Augen. „Ich nehme an, der Feigling dort ist Theobald?“

Der Mann am Zopf nickte.

„Und du bist?“

„Prinz Ansgar.“

Wo kamen nur plötzlich all die Prinzen her? „So, Ansgar. Was bringt dich auf die Idee, ich würde deine Braut werden wollen? Und dann auch noch keine Ansprüche haben?“

Ansgar schien mit den Schultern zucken zu wollen. Da das beim Klettern aber nicht richtig ging, wirkte es kurz eher, als hätte er einen Anfall.

„Das ist Tradition. Eine gerettete Maid ist auf ewig dankbar und heiratet ihren Helden. Ungeschriebenes Gesetz“, antwortete er dann. „Kannst du eigentlich auch kochen? Du ahnst ja gar nicht, wie schwer man heutzutage gutes Personal findet.“

Da hatte Rapunzel genug. Sie nahm ihre Nähschere und schnitt sich den Zopf ab. Lieber verzichtete sie auf Gothels Besuche und verhungerte ohne die Essenlieferungen hier oben, als dass sie sich von so einem Mann retten ließ, nur um dann auf ewig in seiner Schuld zu stehen.

Voll Genugtuung sah sie zu, wie ihr selbsternannter Retter in die Tiefe stürzte, hörte seine Rüstung scheppern.

„Und jetzt hört mir mal gut zu“, erhob sie die Stimme und blickte von einem Prinzen zum anderen. „Frauen sind keine Objekte. Sie haben einen eigenen Willen. Sie sind es euch nicht schuldig, euch zu heiraten, nur weil ihr mal etwas für sie tut. Sie können selbst entscheiden, ob sie mit jemandem wie euch leben wollen. Oder ob sie vielleicht sogar in einem Turm glücklich sind. Ohne euch. Wenn ihr eine Braut sucht, versucht einfach mal, nett und aufmerksam zu sein. Und wagt es nie wieder, mich retten zu wollen.“

Sie wandte sich vom Fenster ab und rieb sich die von der Anstrengung schmerzende Kehle. Sie seufzte leise. Jetzt war ihr letzter Kontakt zur Außenwelt gekappt. Aber sie brachte es nicht über sich, die Entscheidung zu bereuen.

Sie hatte sich ihr Essen rationiert und machte sich nun darauf gefasst, Gothel zu erklären, was geschehen war. Vielleicht kannte die Zauberin ja sogar einen Trick, die vielen Meter vom Boden bis hoch zu Rapunzel ohne Zopf überwinden zu können? Nun schaute sie wieder aus dem Fenster und wartete auf ihre Ziehmutter.

Allerdings betrat gerade eine viel jüngere Gestalt die Lichtung. Eine junge Frau blickte sich um, als würde sie gejagt werden, entspannte sich dann aber und warf etwas um sich.

„Was tust du da?“, fragte Rapunzel.

Die Frau am Boden schaute sich erst verwirrt um, bis sie sah, woher die Stimme kam. „Wonach sieht es denn aus?“

„Als würdest du irgendwas durch die Gegend werfen. Und wohl ohne Erlaubnis?“ Immerhin sah die Frau sich immer wieder verstohlen um. „Aber was? Und warum hier?“

„Dies sind kleine Kugeln aus Blumensamen und Dünger.“

Rapunzel blinzelte zunächst nur. Das klang nicht wirklich, als würde man dafür gejagt werden. „Warum?

„Siehst du denn nicht, wie der Mensch hier die Natur verdrängt? Insekten finden keinen Lebensraum mehr, damit auch Vögel und Nager nicht. Und letztlich auch der Mensch nicht, denn ohne Insekten wachsen auch unsere Nutzpflanzen nicht. Aber die Menschen scheinen zu dumm, um das zu begreifen. Nennen mich Vandalin, wenn ich versuche, sie zu retten.“

Rapunzel nickte. Pflanzen ansäen, das klang gut. Nützlich.

„Und was machst du da oben?“, fragte die junge Frau am Boden nun.

„Festsitzen. Ich komm hier nicht mehr raus.“ Rapunzel deutete auf ihren abgeschnittenen Zopf, der noch am Boden vor dem Turm lag.

„Nicht? Na, das wollen wir doch mal sehen.“

Noch bevor Rapunzel fragen konnte, was das heißen sollte, war die junge Frau im Wald verschwunden.

Nach kurzer Zeit kam sie wieder, mit mehreren aneinander geknoteten Seilen und einem improvisierten Bogen samt Pfeil. „Geh mal zur Seite, nicht, dass ich dich verletze. Ich bin nicht allzu gut mit sowas.“

Rapunzel hob eine Hand. Nicht, dass sie sich selbst in eine unangenehme Lage brachte. Sie wollte nicht um jeden Preis aus dem Turm heraus. „Warte kurz. Ich muss dich aber nicht heiraten oder bekochen, wenn du mich hier rausholst, oder?“

Die junge Frau lachte auf. „Kochen kann ich ganz gut allein. Und heiraten … Ich bin mir nicht ganz sicher, ob das erlaubt wäre. Nein, du bist mir nichts schuldig. Zu helfen ist eine Selbstverständlichkeit.“

Dann zielte sie und Rapunzel ging in Deckung.

Lange Zeit hörte sie nichts, außer leisen Geräuschen an der Turmmauer und einigen Flüchen, die ihr die Röte ins Gesicht trieben. Dann aber flog der Pfeil durch ihr Fenster. An ihn gebunden war das Seil, das sie schnell an der Halterung des Flaschenzugs festknotete. Dann packte sie alles zusammen, was ihr wichtig war.

Der Weg nach unten erschien beinahe unendlich, doch schließlich kam sie am Boden an und schaute sich um. Der Wald sah von hier unten so viel eindrucksvoller aus. Die Bäume waren ja riesig. Und von hier unten konnte sie sehen, dass nicht nur Gras um den Turm herum wuchs, sondern auch Moos und Klee. So eine wunderschöne Vielfalt.

„Und du rettest die Tiere?“, fragte sie dann ihre Helferin beeindruckt.

„Reiner Eigennutz“, zuckte diese mit den Schultern. „Meine Eltern sind Obstbauern. Und ohne Bienen gibt es kein Obst, ohne Obst verarmen wir und verhungern. Aber … ja.“

Rapunzel überlegte einen Moment lang. Sie war jetzt frei und konnte tun, was sie wollte, richtig? „Braucht ihr vielleicht noch Hilfe?“ Sie holte ein Tuch aus ihrer Tasche. „Ich kann auch arbeiten. Meine Stickereien sind am Hof beliebt, sagte man mir. Ich komme für meinen Unterhalt also selbst auf. Aber ich … möchte, dass der Wald wieder aussieht, wie früher. Ich will die Vögel wieder hören. Kann ich da bitte helfen?“

Die junge Frau lächelte und nickte, dann zeigte sie Rapunzel den Weg zu sich nach Hause.

Keine der beiden sah Gothel, die sie aus den Schatten heraus beobachtete. Stolz ruhten die dunklen Augen der Zauberin auf den beiden Frauen, dann löste sie sich auf. Sie hatte ein junges, mutiges Mädchen erzogen, das wusste, was es wollte und nicht nur den erstbesten Mann heiratete, weil sie nichts mit sich anzufangen wusste. Ihre Arbeit hier war getan. Und sicher brauchte man sie anderswo.

Die Autorin

Britta Redweik wurde in eine Familie der Geschichtenerzähler geboren. Wurde ihr als Kind noch erzählt, wie die Gummibärchen an Board der Enterprise kamen, hat sie sich erst daran gemacht, den Menschen zu studieren, um ihn besser zu verstehen. Nachdem sie dank ihrem Soziologiestudium aber gelernt hat, dass die Realität einfach nicht magisch genug ist, zieht sie sich jetzt lieber in die Welt in ihrem Kopf zurück und nimmt gerne mal Leser auf diese Reise mit.

Homepage: Britta Redweik
Twitter: @britta_redweik
Facebook: Britta Redweik

Hinter den Kulissen

Diese Geschichte hatte Britta ursprünglich bei der Prinzen-Anthologie des Chaospony Verlags eingereicht. Dieselbe Anthologie, aus der Anne Danck ihre Geschichte mit ein paar weiteren Nornen und mir auf der BuchBerlin gelesen hat.
So schließen sich Kreise. 😀

Übrigens erscheint heute die neue Folge des ComicKlatsch, für die ich im Gespräch mit Sandra von Booknapping ein paar Vorschläge für Comics unterm Weihnachtsbaum gemacht habe. Wer also noch Geschenke sucht, sollte unbedingt reinhören! 🙂

Anne

Türchen #9

Der zweite Advent, die zweite Gastgeschichte. Heute von Helene Persak.

Gefangen

Sehnsüchtig sieht er aus dem Fenster. Hinauf zum Mond.
Wie gerne wäre er jetzt draußen, um in dessen Licht zu Wandeln. In seinem kalten Schein zu baden, nur das kühle Gras unter den Füßen und den Wind auf der Haut. Doch kann er nicht.
Der Blick verlässt den Himmel, gleitet in die Tiefe, sucht den Garten, den er so sehnlich vermisst. Der Boden ist nah. Nur ein Stockwerk entfernt liegt die ersehnte Freiheit und ist doch unerreichbar fern. Mit leisen Seufzen lehnt Julien den Kopf an die Eisenstangen. Sie sind es, die ihn von der Außenwelt trennen. Sie sind es, die das Fenster versperren, welches ihm nur einen Ausschnitt von dem zeigt, was er ersehnt. Doch die Familie wird ihn nie wieder aus diesen Räumen lassen, das ist ihm bewusst.

Vor Kurzem erst hat er gegessen und sitzt seit dem, wie jeden Abend, hier. Wartend in seinen Erinnerungen versunken.
Erinnerungen an Tage im Garten unter einem strahlenden Himmel. Tage voller Fröhlichkeit, Geborgenheit und Freiheit. Doch liegen sie schon lange zurück. So lange, dass selbst die Erinnerung an sie verblasst. Nun sind ihm alleine diese zwei Zimmer und die Männer, die ihm Essen bringen, geblieben. Männer, die nie ein Wort zu ihm sagen und seine ignorieren. Schweigen ist sein stiller Begleiter.
Bis sie erschien.
Wehmütig gleitet sein Blick weiter, schweift über die Büsche und den Wald.

Seine einzige Abwechslung waren Bücher und Schriften. Von denen er einige selbst verfasst und andere ihm gegeben wurden. Sie sollen ihm in seiner Einsamkeit Gesellschaft leisten.
Aber nichts kann die Gesellschaft eines anderen ersetzen. Sei ihm auch, durch die Gitter verstellt und die Höhe getrennt, keine Nähe möglich, so könnte er zumindest mit jemanden Sprechen. Womit sie nun mehr ist, als er seit Ewigem gehofft hat. Sie, Sarina, wurde das Licht im Dunkel seiner Nächte.
Seit einiger Zeit besucht sie ihn schon und sie ist es, auf die er wartet.

Ein Huschen erregt seine Aufmerksamkeit. Sie muss es sein. Aufregung durchdringt die Lethargie, lässt das träge Herz ungestüm schlagen. Kein Laut ist zu hören, außer jener, welcher nur Sie sein kann. Die Familie ist in ihren Betten, denn die Nacht ist spät und der Tag noch fern. Doch er verharrt ängstlich. Lauscht auf weitere Geräusche, aber das Haus bleibt still.
Als er sich sicher ist, greift Julien zu der Lampe und blinkt zwei Mal. Mit stockendem Atem wartet er, ob es nicht ein Fehler war. Wartet, bis sie aus den Büschen tritt. Erst als er ihren Schatten erkennt, ist es ihm möglich, wieder zu atmen. Sie ist es.
Fröhlich, ganz ihrem Wesen gleich, winkt sie zu ihm hinauf. Doch, sie blickt sich um und verschwindet wieder in die Büsche.
Sein Herz stockt und will im nächsten Moment zerspringen.

Entsetzt springt er auf, umschlingt das Gitter und streckt seinen Arm in die Nacht. Noch einmal lauscht er und kann nichts Falsches hören. „Nein, bitte geh nicht,“ will er zu ihr schreien, doch ist die Gefahr zu groß gehört zu werden. So haucht er es nur in die Stille. „Wir sind alleine. Verlass mich nicht,“ fleht er sie an. Einsamkeit umklammert sein Herz, zwingt es zur Regungslosigkeit, und lässt Kälte ihn umschlingen. Enttäuschung liegt auf ihm, macht die Arme, Schultern schwer und drückt ihn nieder. Wie konnte sie ihn nur verlassen? Weiß sie nicht, wie viel sie ihm bedeutet? Wie viel ihm die gemeinsame Zeit bedeutet, so kurz sie auch ist? Trauer lässt ihn seinen Blick senken, als eine Bewegung erneut Hoffnung in ihm weckt.

Sie kommt zurück. Sie hat ihn doch nicht verlassen. Schon im nächsten Augenblick wird seine Aufmerksamkeit jedoch von ihrer Gestalt abgelenkt. Wird eingenommen von etwas, das Sie bei sich hat. Schwer atmend und mit großem Rumoren zerrt sie es hinter sich her. Verwirrt beobachtet er. Unfähig zu erkennen, zu erahnen, was hier vor sich geht, lauscht er auf verräterische Geräusche. Etwas, was ihm verrät, dass sie kommen.

Erst als sie in das Mondlicht tritt, offenbart ihm dieses, was geschieht. Eine Leiter ist es, die sie über den Rasen, Weg und in Richtung des Hauses zerrt. Angespannt lauscht Julien. Ob jemand aufgewacht ist? Doch Sarina ist nun zu laut, zu ungestüm, um etwas anderes wahrnehmen zu können. Verängstigt, der Lärm würde die Männer alarmieren, will er zur Tür hetzen. Doch wollen seine Finger ihm nicht gehorchen. Mit ganzer Kraft klammern sie sich an die Stäbe, sehnen herbei, was er sich nicht zu denken wagt.
So bleibt ihm nur still zu sitzen. Zu beobachten wie sie die Leiter hebt, sie ungeschickt gegen die Mauer fallen lässt und zu hoffen, dass die Bewohner tief schlafen.Klar hallt der Ton – von Metall auf Stein – über den Garten hinweg; wird nicht vom Wald verschlungen, sondern zurückgeworfen. Voller Angst verharren Beide, lauschen auf Geräusche, die verraten, was geschehen wird. Doch, als der Klang verhallt ist und nur noch in seinen Ohren existiert, bleibt alles andere still.
Die Lichter vor seinem Fenster bleiben dunkel und keine Tür wird geschlagen.

Julien lauscht noch ängstlich in die Nacht, als Sarina bereits ihren Fuß erhebt, um die Leiter zu erklimmen. Beschwingt, so angefüllt von Tatenddrang, ganz ihrem Wesen gleich, steigt sie empor. Bis ihr Kopf auf seiner Höhe ist. Eine gute Handbreit nur trennt nun ihre Lippen. Eine Handbreit und die Gitterstäbe. Das erste Mal seit langem ist er jemandem so nah. Sein Herz stockt und scheint dann Purzelbäume zu schlagen.
Fasziniert, betrachten sie einander für einen Augenblick.

„Hallo, du,“ haucht sie ihm entgegen. Das Lächeln, das ihr Gesicht erstrahlen lässt, berührt Juliens Inneres. So lange schon ist es her, dass er die Sonne sehen konnte. Doch jetzt ist er sich sicher, sie wieder zu haben.
Nur zögernd schafft er es, ihren Gruß zu erwidern. „Hallo, Sarina.“ Vorsichtig, um den Traum nicht zu zerstören, streckt er die rechte Hand aus. Kurz bevor er die Absperrung durchbricht, stockt er. Sein Blick sucht den ihren und taucht ein in Freundlichkeit und Wärme. Bestärkt davon, wagt er es, durch den Spalt nach ihr zu greifen. Als er ihre Wange berührt, er seit ewiger Zeit wieder die Wärme eines Körpers spürt, beginnt seine Hand zu kribbeln. Sanft schmiegt Sarina sich in seine Hand, lässt ihren Kopf sinken und ihn scheinbar von ihm tragen.
Ein sanfter Hauch nur, welcher seinen Lippen entrinnt, zeugt von seine nun mehr nachlassende Anspannung.
Doch muss er sich nicht daran erinnern, dass sie in Gefahr sind. Viel zu oft wurde er aus seiner Lethargie gerissen. Aufgeschreckt von den Türen, welche sie rücksichtslos aufstießen, um ihn zu kontrollieren. Auch sie weiß es. Mehr als einmal musste sie sich schnell in den Büschen verstecken.
Heute wird ihnen keine Warnung helfen.

Dieser Anspannung ungeachtet, als hätte die Berührung etwas in Gang gesetzt, breitet sich warmes Kribbeln über seinen Arm aus. Wandert langsam, so als wolle es den Weg genießen – oder Dämme einreisen – in Richtung Kopf.
„Du bist leichtsinnig,“ tadelt er sie voller Sehnsucht. „Es ist gefährlich. Wenn sie kommen, wo willst du Schutz finden?“ Seufzend, ohne jedoch seinen Blick loszulassen, lässt sie ihren Kopf gegen die Stange sinken.

„Ich wollte dich endlich näher sehen. So oft bin ich her gekommen und nie konnte ich dich wirklich sehen. Konnte dich nie berühren. Heute wollte ich bei dir sein,“ gesteht sie ihm. „Sieh, ich hab dir etwas mitgebracht.“ Als sie ihren Kopf erhebt, sich von ihm weg beugt, fühlt es sich an, als wäre ihm etwas wunderbares genommen worden. Eilig nimmt sie ihren Rucksack ab, schiebt ihn zwischen sich und die Leiter, um darin zu kramen. „Hier.“ Mit strahlendem Lächeln, als schenke sie ihm den schönsten seiner Wünsche, reicht sie ihm ein seltsames Ding.

„Was ist das?“, fragt er verwirrt und beobachtet, wie ihr Lächeln schwankt.
„Das ist eine Säge,“ erwidert sie sichtlich irritiert. Trauer huscht über ihr Gesicht, während sie weiter spricht: „Du kannst damit die Stäbe lösen.“
Als er sie nach wie vor verwirrt ansieht, erklärt sie eifrig: „Es wird Zeit dauern, aber wenn du zwei lösen kannst, dann bist du frei.“
Zögernd greift Julien nach der Säge, dreht sie in seinen Händen und weiß doch nichts damit anzufangen.
Aufgeregt nimmt sie ihm diese wieder ab, hält sie an eines der Gitterstäbe.
„Hier, siehst du“, vorsichtig schabt sie mit der Säge an dem Metall und trennt einen Span heraus. „Wenn du jede Nacht etwas sägst, bemerken sie es erst, wenn du schon lange nicht mehr hier bist. Verstehst du das?“
Neugierig betastet Julien die Wunde an seinem Gefängnis – denkt über ihre Worte nach und die Möglichkeiten, die sich ihm dadurch eröffnen.
„Aber, sie werden nach mir suchen,“ ist er sich sicher. „Sie werden mich nicht entkommen lassen.“ Traurig lässt er ab und blickt wieder in ihr Gesicht.
„Julien,“ seufzt sie, ebenso traurig, „Sie werden nichts machen können“, ist sie überzeugt. „Keiner weiß, dass es dich gibt. Sie haben es immer bestritten.“, erinnert sie ihn. Weckt die Erinnerung an all die Male, bei denen sie die Polizei gerufen hatte. All die Male, an denen sie doch ohne ihn wieder gegangen sind. „Ich gebe dir Geld, damit wirst du mit dem nächsten Zug wegfahren. Sie werden dich nicht finden, vertrau mir.“ Wie gerne würde er das – aber die letzten Zweifel, die letzten Ängste kann sie nicht verjagen.

Sacht ergreift sie seine Hand, gleitet sanft darüber, während ihr Blick den seinen fesselt.
„In einem halben Jahr bin ich fertig mit der Schule und folge dir. Gemeinsam,“ ermutigt sie ihn, „werden wir das schaffen.“
„Ja,“ verspricht er entschlossen, „ich versuche es“. Das Lächeln, welches er mit diesem erntet, verleiht dem Kribbeln an Stärke. Treibt es voran, bestärkt es, seinen Körper auszufüllen.
„Das ist gut,“ versichert sie ihm.“ Du wirst sehen, es wird funktionieren“. Sicherer als seine vorhin, gleitet ihre Hand durch die Stäbe und streift seine Wange. Sehnsüchtig lässt er sich dagegen sinken. Will in ihre Wärme sinken, ganz von ihr umschlossen werden. Aber die Hand wandert weiter, streicht durch seine Haare, bis sie am Hinterkopf angekommen ist.
Der Duft, der ihn umspielt, lässt ihn noch tiefer sinken. Lässt ihn noch mehr in die Entspannung, in das Wohlgefühl gleiten. Widerstandslos wird er von ihr nach vorne gezogen.
Zu ihrem strahlenden Lächeln, zu ihrem zarten Duft.
Als seine Stirn die Gitter berührt, legen sich ihre Lippen sanft auf seine, lassen seinen Atem stocken.
Nur für einen Augenblick.
Das Kribbeln, dass schon fast sein Herz, seinen Verstand erreicht hat, explodiert in seinem Körper und lässt ihn handeln, bevor er denken kann.

Erst sein eigener Schrei, bringt ihn wieder zu Verstand. Doch es ist zu spät. Entsetzt und in seinem Zimmer gefangen, kann er nur mit ansehen, wie Sarina fällt. Einen roten Faden hinter sich herziehend stürzt sie zu Boden. Ihre Augen, vor kurzem so froh und voller Kraft, blicken nun glanzlos und fragend zu ihm hinauf. Lichter gehen an. Lärm dröhnt wie Donner durch das Haus.
Julien aber hat nur Augen für Sarina, die wie in Zeitlupe noch immer fällt und alles kommt zurück.

Alte, beinahe schon vergessene Erinnerungen stürmen auf ihn ein. Erinnerungen an seine Mutter, die für ihn gesorgt, sich um ihn gekümmert hat. Abgegrenzt vom Rest der Welt. Behütet und versteckt.
Mit ihr war er frei, unter der strahlenden Sonne. Doch dann konnte selbst sie ihn nicht mehr kontrollieren und sein Vater schloss ihn hier ein.
Nicht einmal zu ihrer Beerdigung ließen sie ihn. Auch nicht zu Vaters, in einem anderen Leben, kurz danach und doch lange her, durfte er gehen.
Nun ist es wieder geschehen.
Hier, in seiner Gefangenschaft. Er hat den einzigen Menschen getötet, der zu ihm stand, der ihm Nähe und Zuneigung entgegenbrachte.

Die Türen werden aufgerissen, Männer stürmen in sein Zimmer. Grob greifen sie nach ihm und zerren ihn mit sich. Zerren ihn weg von Sarina, deren Augen immer noch anklagend zu ihm hinauf sehen. Widerstandslos – in seiner Trauer, seinem Schock gefangen – lässt sich Julien in den kleinen Raum stürzen, der seinen Schlaf vor der Sonne bewacht. Als die Tür zu dem fensterlosen Raum geschlossen wird, weiß er, dass sie erst wieder geöffnet wird, wenn sie ihm sein Essen bringen. Konserven voll erwärmten Blutes, das nie die Fülle des Frischen, welches nun in seinen Adern pocht, ersetzten kann. Er weiß, dass die Männer, die männlichen Nachfahren seiner Geschwister, ihn erst wieder rauslassen werden, wenn sie es für richtig halten. So, wie sie es schon seit Generationen machen.

Doch es ist ihm egal. Das Einzige, was ihn beschäftigt ist seine Tat. Den entsetzten Blick in die Dunkelheit gerichtet, gleitet er die Wand hinunter. Mit jedem Schlag seines, von Sarinas Blut genährtem Herzen, driftet er mehr in die Verzweiflung. Lässt sich von ihr umarmen und trösten.
Das einzige, was ihm nun noch bleibt, sind seine Bücher und Schriften.

Die Autorin

Fantasyautorin Helene Persak wurde im Jahr 1977 in einem abgeschiedenen Teil Oberbayerns geboren. Vor einigen Jahren zog es sie in die Nähe von Frankfurt am Main, wo sie heute mit ihrem Mann lebt. Schon seit ihrer frühen Kindheit ist sie der Fantasy verfallen und nie ohne Buch, sei es Print oder E-Book, unterwegs. Angeregt durch ihren Mann begann sie die Geschichten, die ihr seit ihrer Kindheit im Kopf herum schwirren, aufzuschreiben. Seit einiger Zeit ist sie Mitglied des Verbandes junger Autoren und Autorinnen (BjVA) e.V. und immer auf der Suche nach neuen Anregungen für ihr Schreiben.

Facebook: Helene Persak

Hinter den Kulissen

Erst Skelette, jetzt ein Vampir … mal sehen, was euch nächsten Sonntag erwartet. 😀

Heute gab es außerdem Gastbeiträge zum #Eishörnchen von mir bei der Bücherhexe auf Facebook:

Teil 3: Was die Zukunft bringt (mit Schnipsel von Irina Christmann und mir)

Anne

Türchen #2

Kaum hat der Dezember angefangen, haben wir auch schon den ersten Advent.

Heute darf ich euch eine Kurzgeschichte von der großartigen June Is präsentieren.

Viel Spaß!

Fast wie im richtigen Leben

„Oh nein! Sie kommen schon wieder!“ Kyle verzog gequält seine Wangenknochen.

Über ihm waren laute Kinderstimmen zu hören, die wild durcheinander riefen. Er drehte den Schädel nach rechts. „Bianca? Bianca!“

Ein Grummeln ertönte. „Ich hör sie. Bei dem Lärm kann einfach niemand ruhen.“

„Seit wann geht das jetzt so? Tag für Tag …“, beschwerte sich Kyle.

„Genaugenommen fing es vor einer Woche an. Vermutlich sind mal wieder Ferien,“ gab Bianca unwirsch zurück.

Die Sargreste krachten, als Kyle mit der Faust an die morsche Innenwand schlug. Er wartete, bis ein beeindruckender Schwall Erde nachgerieselt war, bevor er seine Zähne wieder auseinander bewegte. „Warum schreitet die Friedhofsverwaltung nicht ein? Wir haben ein Recht auf unsere ewige Ruhe!“ Ein Regenwurm kroch besonders langsam aus seiner Augenhöhle.

Bianca lachte abfällig. „Als wenn das heute noch so wäre. Bald wird es soweit sein, dass sie uns ausbuddeln, damit wir auf deren Kinder aufpassen. Die haben doch chronischen Personalmangel da oben. Vor allem, seit sie Männer wie Frauen wieder für die Armee eingezogen haben.“

„Was? Ich bin doch nicht vor einigen Jahren gestorben, nur damit ich jetzt auf anderer Leute verzogene Gören aufpasse! Das stand nicht in meinem Vertrag!“

„Anne und Daniel von der Südostecke haben bereits Klage eingereicht. Aber bis zum Prozess wird es sicher dauern. Bis dahin können sie die Friedhofsordnung noch zigmal ändern. Dann sehe ich schwarz.“

Kyle kratzte über den faulen Holzboden seines Sargs, der schon viele solcher Kratzer aufwies. „Kunststück, wir haben es überwiegend dunkel hier drin.“

„Mensch, Kyle! Du weißt genau, was ich meine. Wenn die uns erst alle rausgeholt und zum Nanny-Spielen eingeteilt haben, ist es eh aus. Wer von uns kann dann vor Gericht als Zeuge auftreten?“

Kyle stöhnte. „Und wir können natürlich nichts dagegen machen.“

Bianca zuckte mit den knochigen Schultern. „Wir hätten eben paar Jahre früher sterben müssen, dann wären unsere Grabstellen jetzt abgelaufen und würden eingeebnet. Dann könnten wir sie endlich genießen, unsere wohlverdiente, ewige Ruhe.“

„Wenn mir das eher klar gewesen wäre. Die letzten Jahre da oben waren sowieso die Hölle. Ich musste permanent bei großer Hitze arbeiten, das hat meinem Kopf nicht gut getan. Manchmal dachte ich, der platzt. Irgendwann ist er das tatsächlich. Durch Fremdeinwirkung. Kurz nach meinem 38. Geburtstag!“

„Bei mir war es auch nicht besser. Ich durfte zu meinem Sohn ziehen. Er hat mir ständig todlangweilige Artikel aus der Lokalzeitung vorgelesen, und meine Schwiegertochter hat ungenießbar gekocht.“

„Au weia.“ Kyle kicherte.

„Kyle, wir können uns das nicht bieten lassen! Sollten sie uns wirklich ausgraben, dann …“

„Könntet ihr vielleicht mal die Fresse halten? Hält ja keiner aus! Ihr seid fast lauter als die Kinder über uns“, meldete sich Peter auf der gegenüberliegenden Seite lautstark zu Wort. Er war mit 25 Lebensjahren der jüngste Tote in ihrer Ecke. „Ihr habt doch nicht alle Latten am Zaun!“

In dem Moment brach ein weiteres morsches Stück Sarg bei Kyle ein. Erneut rieselte Erde auf ihn. „Stimmt, eine Holzlatte weniger“, kommentierte dieser und legte sie vorsichtig beiseite.

„Ist das wirklich so?“ Bianca würde eine Augenbraue hochziehen, wenn sie noch ein Gesicht hätte.

„Ja, euer dämliches Gelaber nervt. Egal, was die da oben aushecken, wir können nix tun. Das war schon zu Lebzeiten so, warum sollte es jetzt anders sein? Es ist alles so megasinnlos.“

„Och, unser süßer Peter wieder. Depressionen nimmt man also auch mit in den Tod.“ Sie seufzte unüberhörbar.

„Depressionen sind der Tod! Einerseits wird Sex als Allheilmittel gegen alles angepriesen, andererseits kommen die, die so tief im Sumpf stecken, nie zum Schuss, weil sie sich nicht genug Mühe geben mit ihrem Leben und für andere Menschen total uninteressant sind. Ich frage euch, was soll die Scheiße?“ Peter schien seiner üblichen Tristesse zu frönen.

„Interessante These“, murmelte Bianca.

„Früher, in diesen Foren, schrieben die immer: Komm mal mit deinem Leben klar, mach Sport, besorg dir ordentliche Klamotten, streng dich mehr an. Etc. Dass Jammern nix bringt, ist mir auch klar, aber das klang immer so nach sich etwas erarbeiten müssen.“

Eine längere Pause folgte, in der keiner was sagte. Nur das Schnarchen von Edeltraud war in einiger Entfernung zu hören. Über ihnen tobte die nächste Kinderhorde herum.

„Ich hab in der Zeit oben öfter den Gedanken gehabt, ob ich für mein Leben genug geleistet habe. Und wenn ich so in Tiefs steckte, ging die Denkspirale weiter: Durfte ich jetzt aufgeben? Ich hatte mich sicher noch nicht genug angestrengt. Ich enttäuschte alle.“

Bianca unterbrach ihn. „Ich denke, der Welt ist egal was man macht oder nicht macht, es kommt nur auf das eigene Gefühl dabei an.“

„Menschen sind anderen Menschen nun mal egal.“ Kyle störte es, dass Peter auf einmal Biancas Aufmerksamkeit zu haben schien. Seine Stimmung sank tiefer als die Temperatur der feuchten Erde um sie herum. Schnell schob er zur eigenen Beruhigung durch ein älteres Loch in seiner Behausung einen Fingerknochen zu ihr hinüber.

„Letztendlich hast du alles versucht und trotzdem ist was schiefgelaufen. Sonst wärst du ja nicht mit uns hier unten“, merkte sie gerade an.

„Stimmt“, antwortete Peter, „Ich habe dann begonnen, Texte zu schreiben und wollte damit sagen: Seht doch, ich tu was! Mehr geht nicht.“ Nun klang es, als ob Peter schniefte. „Wollt ihr meine Prosa über den Staub hören? Ist direkt aus meinem Leben gegriffen.“
Keiner antwortete, so sprach Peter weiter:

„Der Titel: Staub

Ich hasse Staub.
Staub ist die Hölle auf Erden.
Das ewige Unterliegen im Kampf gegen den Staub trägt zu Depressivität bei.
Niemand mag Staub, niemand mag Putzen.
Staub hat mich schon oft zur totalen Verzweiflung gebracht.
Das nächste Versagen, das nächste Verdrängen, eine Art ewige Selbstzerstörung.

Staub ist unbesiegbar – jeder weiß das.
Deshalb kämpfe ich nicht mehr und versinke vollends in Staub – und Dreck.

Wenn das so weitergeht, wird der Staub mich irgendwann töten.
Und doppelt triumphieren, weil ich dann selbst wieder zu Staub werde.“

Kyle stöhnte und Bianca versuchte, wie so oft, zu trösten. „Ich denke, wir haben alle unsere Erfahrungen gesammelt. Schau dich doch mal auf dem Friedhof um. Hier ist keiner ohne Grund.“
Peter heulte. „Ja, ich konnte den Staub nicht aus meinem Leben verbannen. Allein der Gedanke ans Putzen gab mir zu Lebzeiten ein mulmiges Gefühl. Es fühlte sich an, als sei ich in eine enge Kiste eingesperrt, in der ich mich nicht rühren kann. Bisschen wie jetzt, im Sarg.“

Da spürte Kyle ein Wummern in einiger Entfernung. „He, sei mal leise … merkt ihr das auch?“

Biancas Stimme zitterte: „Explosionen?“

„Was auch immer die da oben machen, es ist mir egal. Interessiert mich nicht. Sollen sie doch Krieg spielen und verrecken, kriegen wir halt Gesellschaft.“ Peters Laune war anscheinend etwas besser geworden.

Kyle rieselte beim nächsten Schlag Erde auf die Knochen.
Edeltraud rief verwirrt: „Welcher Ungehobelte wagt es, mich einfach so zu wecken?“

Die Kinder schrien anders, panisch.

Ein weiterer ohrenbetäubender Schlag folgte, das Erdreich um Kyle vibrierte, er hörte nacheinander Unmengen Erde auf den Boden prasseln, Biancas Aufschrei, Peters „Scheiße!“ und dann … Ruhe.

„Mist! Wenn ich noch Ohren hätte, wären sie jetzt total im Eimer!“, fluchte Kyle. „Was ist da draußen los?“
Keiner antwortete.

Er rief nach seiner Nachbarin. „Bianca? Bianca!“ Kyles Fingerknochen tasteten nach zur Seite – dort hingen sie in der Luft. Wo war ihr Grab hin? Was war geschehen?

Nach und nach fiel ihm auf, dass Edeltraud nicht mehr schnarchte und Peter nicht mehr jammerte. Kyle hatte sich die ewige Ruhe irgendwie anders vorgestellt.

„Hilfe …“, keuchte eine kratzige Stimme aus Biancas Richtung.

Sein Herz hüpfte. „Bianca, bist du das?“

„Wer ist Bianca? Es ist … so schrecklich hell! Ich erblinde“, rief die neue Stimme nun etwas deutlicher.

Kyle war verwirrt. Außer Edeltraud und Bianca lagen in diesem Segment des Friedhofs nur Männer. „Hast du etwa noch Augen? Wer bist du?“

„Ich lag bis vor kurzem am Südwestende, hieß früher Claire Bauer. Eben bin ich unsanft in die Luft geflogen, einige meiner Knochen liegen hier überall zwischen … Anderem … verteilt.“

Es knackte zwei Mal. „Aber mein Schädel scheint intakt.“

Kyle überlegte. „Das klingt aber nicht gut. Ich muss Bianca suchen, die lag bis eben da, wo du jetzt liegst!“

„Wo willst du da anfangen? Hat sie ihre Knochen gekennzeichnet?“ Claire seufzte. „Wenigstens sind wir fürs erste dieses Nanny-Spiel-Thema los.“

Dies erstaunte Kyle. „Du weißt davon?“

„Ja, unser Sektor hat Anne und Daniel bei der Klage unterstützt. Wie heißt du eigentlich?“

Die Autorin

June Is lebt seit einer Weile in Berlin und teilt sich ihr Schlafzimmer mit ca. 5 vollen Umzugskartons an Büchern, sortiert nach „Linguistik, Sprachführer und Schreibratgeber“, „Naturwissenschaft“, „Belletristik“, „Reisen“ und „Kann eines Tages weg“. Während ihres Studiums, welches sie 2012 abschloss, hatte sie beschlossen, an ihrer eigenen Schreiberei zu feilen. So traten nacheinander auf magische Weise ein Schreibcoach, viele kritische Testleser, ein paar Veröffentlichungen in Anthologien und zuletzt das Nornennetz in ihr Leben.

Twitter: ypical_writer

Habt einen schönen ersten Advent!

Anne

#CroMär: Kapitel 6

Regina und ihre Oma sind letzte Woche eingeschneit und ihre Oma hat ihr eine entscheidende Frage gestellt. Wies es weiter mit dem sechsten Kapitel des #CroMär, des Crossover Märchens, könnt ihr heute lesen.

Kapitel 6 – Das Pantoffelrätsel

„Schon, aber die sind nicht halb so charmant“, sagte eine angenehm raue Stimme neben ihnen, in der ein leises Lachen schwang.
Regina wirbelte herum. Tatsächlich da stand er. Wolf. Lässig lächelnd und nicht eine einzige Schneeflocke in den schwarzen Haaren.
„Wie …?“, stammelte sie.
Er zwinkerte ihr kurz zu und ging dann mit langen Schritten direkt zu ihrer Großmutter.
„Oder gnädige Frau“, fragte er und griff galant nach ihrer Hand, „was meinen Sie?“
„Wolf?“, Reginas Oma sah ihn staunend an. „Bist du das?“
Er nickte. Sein Lächeln wurde noch breiter.
Regina schaute von ihrer Oma zu Wolf und wieder zurück. Sie verstand überhaupt nichts mehr. Was geschah hier? Wie kam Wolf in diese Hütte? Ihre Oma räusperte sich.
„Hat dir keiner beigebracht, dass man an die Tür klopft, bevor man reinkommt?“, schimpfte sie. „Und was ist das für eine Geschichte mit dem Ball? Was fällt dir ein, meiner Enkelin so den Kopf zu verdrehen?“
Reginas Wangen nahmen schlagartig die Farbe ihres Pullovers an.
„Vielleicht ist es ja umgekehrt?“, erwiderte Wolf. „Vielleicht hat sie mir den Kopf verdreht.“
„Wer‘s glaubt“, schnaubte die Oma. „Seh ich aus wie eine alte Schachtel, der man jeden Mist erzählen kann?“
Doch Wolf schaute jetzt zu Regina. Sein Blick fühlte sich so intensiv an wie eine Berührung. Sie schluckte.
„Sei doch nicht dumm, mein Mädchen“, riss Omas Stimme sie aus dem Sog. „Grad hast du mir noch gesagt, du seist zu alt für Märchen. Ich weiß nicht, was er vorhat, aber es ist sicher nichts Gutes.“
Noch immer spürte sie Wolfs Blick auf sich.
“Pah!” Das rostige Lachen ihrer Oma ging in einen ordentlichen Hustenanfall über. „Ich war auch mal jung, vergiss das nicht.“ Reginas Oma seufzte. “Ich leg mich mal einen Moment ins Bett, mir wird das grade alles zu viel”, raunte sie ihrer Enkelin zu und hatte tatsächlich den Fernseher ausgeschaltet.
Umständlich erhob sie sich vom Sofa und schlurfte Richtung Schlafzimmertür.
„Warten Sie, ich helfe Ihnen.“ Wolf war schon an ihrer Seite.
„Untersteh dich“, protestierte sie. „Seh ich aus, als ob ich keine drei Schritte mehr allein machen könnte?“
Doch sie wirkte tatsächlich etwas wackelig auf den Beinen. Regina registrierte erleichtert, dass sie sich trotz ihres Protests auf Wolfs dargebotenen Arm stützte. Gemeinsam verließen die beiden das Zimmer. Regina hörte sie aus dem Nebenraum reden. Freundlich fragte Wolfs Stimme, ob sie noch etwas brauche. Oma schien zum Glück die Lust aufs Schimpfen vergangen zu sein. Vielleicht war sie bereits eingeschlafen? Sie war so ungewöhnlich still.
Hastig strich sich Regina ein paar Haarsträhnen aus dem Gesicht und zog die Kapuze ihres Pulli enger um sich. Das dürfte doch alles nicht wahr sein. Erst traf sie Wolf im Wald und nun war er hier… wieder schüttelte sie den Kopf, der Tag konnte gar nicht mehr verrückter werden. Die Tür knarrte leise. Wolf stand wieder im Raum.
Als Regina ihn sah, musste sie feststellen, dass sie falsch gelegen hatte. Sie konnte sich das Lachen einfach nicht verkneifen. Aus irgendeinem obskuren Grund, hatte er sich die hellgraue Strickjacke ihrer Oma umgehängt. Sein rechter Fuß steckte in einem glänzend grauen Pantoffel. Das Material kam Regina irgendwie bekannt vor. Vielleicht eine Art Fell? Irgendwo hatte sie diese glänzenden grauen Strähnen schon gesehen. Der linke Fuß blieb ohne Pantoffel.
Regina grinste ihn an.
„Aber Oma“, rief sie mit Kleinmädchenstimme, „du siehst so anders aus!“
Wolf erwiderte ihr Grinsen.
„War kalt“, meinte er schulterzuckend. „Dieser ganze Schnee auf einmal.“
„Ja der ist wirklich komisch“, stimmte Regina zu. Dann wusste sie nicht mehr, was sie sagen sollte. Die Situation war einfach zu absurd.
Wolf schlenderte zu dem Sessel, in dem Regina saß und ließ sich auf die Armlehne sinken. Lässig legte er seinen Arm auf die Rückenlehne. Wie zufällig berührte er ihre Haare. Hitze schoss Regina durch den Körper. Unter seinen Fingern wurde sie weich wie Butter. In ihr kribbelte es erwartungsvoll. Wie sehr sie sich danach sehnte, ihm nah zu sein!
Aber irgendwo in ihrem Hinterkopf klang noch die Warnung ihrer Oma. Sei nicht dumm, mein Mädchen. Sie musste herausfinden, was er hier wollte.
Regina räusperte sich und bemühte sich, seine Hand in ihrem Haar zu ignorieren. „Was machst du hier? Gibts noch ein paar Schuhe zum Kleid?“
„Ach, dieser Ball“, Wolf beugte sich vor und sah ihr direkt in die Augen. „Nachdem ich dich wiedergesehen habe, waren mir eine Woche einfach zu lang“
Er streckte die Hand aus. Sanft fuhr er ihr über die Wange. Regina fiel. Haltlos. Jede Frage, jeder Einwand blieb zurück. Da waren nur noch sie und er und ein Rausch stärker als die Wirklichkeit.
Sie seufzte, als er sanft ihren Hals und ihre Schultern streichelte. Seine Lippen fanden ihre. Regina schloss die Augen.
Viel öfter als sie zählen konnte, hatte sie davon geträumt, dass er sie küsste. Ein leidenschaftlicher Kuss, in dem sie so viele Nuancen von ihm erschmecken konnte und dieses kleine bisschen Mehr, das süchtig machte.
Soweit ihre Träume. Seine Lippen waren eiskalt. Sie rissen Regina aus ihrem Rausch. Statt nun endgültig in ihrem Miteinander zu versinken, fühlte sie sich plötzlich seltsam klar. Bilder schossen ihr durch den Kopf. Tante Susi und ihr Apfel – der kleine Mann im Wald – das dunkelblaue Ballkleid – der Schnee – das Brot – der graue Pantoffel an Wolfs rechtem Fuß. Alles Erinnerungen an die Ereignisse dieses Tages. Doch Regina kam es plötzlich so vor, als wäre jede einzelne wichtig. Als müsste sie alle zusammensetzen, um das Muster zu erkennen.
Wie im Krimi, dachte sie. Hatte Oma sie jetzt schon angesteckt mit ihrer Liebe zu billiger Dramatik? Das war doch Quatsch! Es gab weder ein Verbrechen, noch einen Mörder, also keinerlei Grund auf Indizienjagd zu gehen.
Wolfs Lippen auf ihren fühlten sich unangenehm an. Seine Hände auf ihren Schultern waren wie Eis. Sie öffnete die Augen und zog ruckartig ihren Kopf zurück.
In seinen dunklen Augen sah sie ein seltsames gieriges Funkeln. Sein Griff wurde fester. Täuschte sie sich oder breitete sich die Kälte langsam auch in ihrem Körper aus?
„Gefällt es dir nicht?“, fragte er lächelnd.
Regina blinzelte. Für einen Moment hatte sie nicht sein Gesicht gesehen. Da waren Falten gewesen, tiefe Falten, Tränensäcke unter den Augen, leicht gräuliche Haut. Im nächsten Moment sah er wieder ganz normal aus. Regina schauderte. Irgendetwas stimmte ganz und gar nicht.
Sie versuchte, sich vom Sessel hochzustemmen und schaffte es nicht. Nicht die kleinste Bewegung brachte sie zustande. Ihr Körper fühlte sich jetzt so kalt an, wie die Hand auf ihrer Schulter. Er war vollkommen steif. Regina keuchte entsetzt.
Wolf lachte. Kein jugendliches Lachen, ein altes, kurzatmiges Lachen. Wieder erschien vor ihren Augen das faltige Gesicht, das sie bereits gesehen hatte. Diesmal verwandelte es sich nicht in Wolfs attraktive Züge zurück. Stattdessen begann sich nun auch der restliche Körper zu verändern, wurde kleiner und krummer an der Hand auf ihrer Schulter spürte sie lange Nägel wachsen, die sich schmerzhaft in ihre Haut bohrten.
„Endlich“, schnarrte die Alte mit russischem Akzent.
Endlich was?, wollte Regina fragen. Doch inzwischen waren auch ihre Lippen steif.
„Verwandlung ist gut“, erklärte die Alte ungefragt, „aber so unbequem.“
Sie musterte Regina mit zahnlosen Lächeln.
„Nein, ich bin nicht Wolf. Er ist weit weg. Denkt schon lang nicht mehr an dich. Glaub der alten Jaga. Sie kennt das Leben.“
Regina funkelte sie wütend an. Wenigstens dazu war sie noch im Stande.
„Leben ist hart. Leben ist grausam“, philosophierte die alte Jaga weiter.
Oh, wie gern wäre Regina ihr an die Gurgel gesprungen!
„Aber heute lächelt es“, grinste die Alte. „ Wie lang ich darauf gewartet habe! Und nützlich seid ihr zwei Hübschen mir auch noch. Es ist so kalt mit all dem Schnee.“
In diesem Augenblick entschloss sich eines der Puzzleteile in ihrem Kopf sein Geheimnis preiszugeben. Ihr fiel ein, woher sie das graue Material des Pantoffels kannte. Es war kein Fell. Es waren Haare – Omas Haare. Ein Schrei formte sich in ihrem Inneren. Er schrillte zu ihren Lippen, doch diese, steif und verschlossen, ließen ihn nicht heraus. Wie ein Echo raste er in ihr hin und her, bis Regina glaubte, von seinem Klang zu zerspringen.
Die Alte presste ihr beide Hände auf die Schultern. Ihre Lippen bewegten sich in einem seltsamen Singsang. Regina schrumpfte. Es tat nicht weh, was wahrscheinlich an Jagas betäubendem Klammergriff lag, war aber ein sehr eigenartiges Gefühl. Sie spürte wie ihre Zellen kleiner wurden und sich zusammenschoben. Immer weiter verlor sie ihre Körperform. Erst gab es keine Nase und keine Ohren mehr. Dann schob sich das, was von ihrem Kopf noch übrig geblieben war mit dem Hals zusammen. So ging das weiter. Die ganze Zeit hatte sie dabei Jagas Grinsen mit penetranter Deutlichkeit vor Augen.
„Nimm‘s nicht so schwer Schätzchen“, kicherte die kratzige Stimme der Alten. „Jede Geschichte hat ein Happy End – fragt sich nur für wen.“
Regina war nur noch ein formloser Knäuel aus braunen Locken mit einem Schlupfloch, in das sich nun ein runzliger Fuß schob.

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Hinter den Kulissen

Wie bereits erwähnt, stammte die ursprüngliche Idee zum gemeinsamen Schreiben von Sarah Wagner, die bereits bei der Nerdwoche mit einem Beitrag mitgemacht hatte. Leider leidete sie darunter, dass Christina nochmal ihr Kapitelende überarbeitete und es dann nicht mehr zusammenpasste, also haben wir Christinas Ende zu einer Mischung aus neu und alt gemacht, damit es wieder stimmig wurde.

An einer Stelle musste ich auch die Handlung etwas drehen, da, wie Anne anmerkte, es so irgendwie sehr unhöflich war. Ursprünglich bat Regina nämlich ihre kranke Oma das Zimmer zu verlassen, damit die beiden reden konnten. Ich denke, sorum passt es besser.

Und wer nicht weiß, wer Jaga ist, dem Empfehle ich Katherina’s Beitrag: Grimm’sche Hexe und Baba Jaga – zwei Mal Hexe? – Teil 1 und Teil 2.

Anne/PoiSonPaiNter