Category Archives: Guestpost

Türchen #16

Auch an diesem Adventssonntag bekommt ihr wieder eine Geschichte. Dieses Mal von Britta Redweik.

Zum Teufel mit den Prinzen

Rapunzel schaute aus dem Turmfenster auf die Lichtung unter sich und runzelte die Stirn. Über die Jahre hatte sie einigen Wandel dort draußen mitansehen müssen. Städte waren gewachsen, Straßen hatten sich ausgebreitet und immer mehr des Waldes, der ihren Turm umschloss, war abgeholzt worden. Wo sie als Kind noch mit ihrer Ziehmutter Gothel zusammen hatte Tiere beobachten können, wo Reisende zwischen dichten Bäumen ihr Lager mit Wache und Feuer gesichert hatten, standen nun Gasthäuser und Brunnen, Wachtürme und Ställe. Mit jedem Jahr kam die Außenwelt näher zu ihrem Turm. Als Kind hatte sie sich noch darüber gefreut, davon geträumt, einmal Andere Menschen kennenzulernen, wirklich aus Fleisch und Blut und nicht nur weit entfernte Punkte unten auf der Straße. Nun aber wuchs mehr und mehr das Bedauern über all das, was sie verlor. Schon lange hatte kein Reh mehr auf der Lichtung vor dem Turm gegrast. Und die Tage, an denen Rapunzel noch von Vogelgezwitscher geweckt wurde, konnte man mittlerweile an einer Hand abzählen. Im Jahr.

Und doch, ganz war der Traum noch nicht verpufft. So schön sie es hier im Turm hatte, so gern hätte sie auch immer noch jemanden zum Reden gehabt. Jemand anderen als nur Gothel.

Mit einem letzten Atemzug der längst nicht mehr so frischen Waldluft wandte sie sich vom Fenster ab. Es brachte ja doch nichts, hier ihren Gedanken nachzuhängen. Sie hatte Arbeit zu erledigen. Gothel würde ihr sicher bald ihren wöchentlichen Besuch abstatten und Ergebnisse fordern.

Rapunzel nahm ihr Stickzeug und begann, kunstvoll die Tücher zu besticken, die Gothel wiederum auf dem Markt der Hauptstadt verkaufte, um ihnen beiden das Leben zu finanzieren.

Sie summte dabei verträumt vor sich hin, bis sie die Stimme ihrer Ziehmutter hörte: „Rapunzel, lass dein Haar hinunter“

Schnell eilte sie zum Flaschenzug und spannte ihren langen Zopf dort ein. Dann ließ sie ihn aus dem Fenster hinab und hielt das Ende auf ihrer Seite zusätzlich fest. Aus Erfahrung wusste sie, dass sie sonst Kopfschmerzen bekommen würde, wenn nur ihr Kopf das Gewicht zu tragen hatte.

Die dunkelhaarige Zauberin stieg über den Fenstersims in den Raum und blickte sich um. Anerkennend nickte sie. „Ordentlich und sauber, wie immer. Ich bin stolz auf dich, mein Täubchen.“

Sie stellte den Korb mit frischem Gemüse, Obst und Brot auf den Tisch. Vorräte, die bis zu Gothels nächstem Besuch alles waren, was die junge Frau an Nahrung bekam. Aber der Korb war gut gefüllt, so dass Rapunzel nicht glaubte, Hunger leiden zu müssen.

Schnell räumte sie die Speisen aus, froh, dass der Zopf noch zum Fenster hinaushing und damit nicht im Weg war. Dann füllte sie den Korb mit ihren bestickten Tüchern. Schließlich schaute sie ihre Ziehmutter an, vorsichtig und unterwürfig. Sie setzte ihre süßeste Kleinmädchenstimme auf. „Gothel, kann ich nicht endlich mitkommen? Ich bin sicher, ich kann dort draußen noch nützlicher sein als eh schon. Nur Hausarbeit kann doch nicht alles sein?“
Die alte Zauberin kniff dem Mädchen in die Wange und schüttelte den Kopf. „Aber Täubchen, ich muss dich doch beschützen. Du bist alles, was ich habe. Und die Welt dort draußen ist so grausam. Du hast keine Ahnung, was man dir dort antun würde. Nein, du bist noch nicht soweit. Eines Tages vielleicht.“

Damit drückte sie Rapunzel einen Kuss auf die Stirn und schwang sich am Zopf wieder aus dem Fenster.

Schon bald war das Gewicht verschwunden und das Mädchen wandte sich wieder summend ihrer Arbeit zu. Mit einem fröhlichen Lied auf den Lippen ging ihr das Tagwerk gleich leichter von der Hand.

Auf einmal wurde ihr Zopf, der noch vergessen im Flaschenzug und damit aus dem Turm hing, wieder gespannt. Erneut musste sie ein Gewicht daran ertragen.

Rapunzel ging zum Fenster. Hatte Gothel etwas vergessen? Das war ihr doch noch nie passiert.

Aber statt in das Gesicht ihrer Ziehmutter zu sehen, erblickte das Mädchen einen bärtigen Mann.

„Was willst du und wer bist du?“, fragte sie und hielt ihren Zopf fest umklammert. Das Gewicht war viel unangenehmer als Gothels, viel mehr. Sie spürte bereits, wie der Zug am Hinterkopf einen stechenden Kopfschmerz auslöste.

„Ich komme, um dich zu befreien“, sagte der junge Mann am anderen Ende ihrer Haare. Seine Stimme klang leicht gequält, dabei hatte er sich erst eine Armlänge hochgezogen.

„Wer sagt denn, dass ich befreit werden möchte?“ Rapunzel blickte ihn neugierig an, eine Augenbraue hochgezogen. Natürlich interessierte sie die Welt dort draußen. Aber er hätte ja wenigstens erst fragen können. Vor allem, da sie hier gerade die eigentliche Arbeit machte und sein Gewicht trug.

„Wer so schön summt, sollte nicht eingesperrt sein“, antwortete der Mann, dessen Stimme nun noch gepresster klang. Er zog sich eine weitere Armlänge hoch.

„Was für eine seltsame Antwort, haben denn die beiden Dinge überhaupt etwas mit einander zu tun?“, fragte sie mit einem schlecht verborgenen Unterton der Herausforderung in der Stimme.

Doch der Mann antwortete nicht. Stattdessen gab er erst ein sehr unschönes Geräusch und dann seinen Mageninhalt von sich.

Plötzlich ließ das Gewicht am Zopf wieder nach und war schließlich ganz fort.

Rapunzel sah zu, wie der junge Mann seinen Bauch hielt. „Verdammte Höhenangst“, hörte sie ihn noch fluchen, dann wandte sie sich vom Fenster ab.

Sie schnaubte zu sich selbst. Was für ein Held. Wollte sie ungefragt befreien und schaffte es nicht einmal einen Meter hoch. Nicht, dass sie nicht froh darüber war. Sympathisch erschien der Möchtegernheld nun wirklich nicht.

Rapunzel wollte gerade ihre Haare aus dem Flaschenzug ziehen, damit er nicht noch einen Versuch startete, als sich der Zopf wieder spannte. War er wirklich so dreist? Und so schnell wieder auf den Beinen?

Aber nein, der letzte Störenfried lehnte noch unten an der Turmmauer, etwas bleich um die Nase, soweit sie das von oben sehen konnte. Stattdessen kam nun ein neuer Mann daher.

„Und was willst du jetzt?“, fragte Rapunzel genervt. Sie war doch kein Sportgerät, an dem man nach Lust und Laune herumklettern konnte.

„Prinz Theobald meinte, hier warte eine hübsche Maid auf Rettung. Das trifft sich gut“, meinte der Kletterer und grinste zu ihr hinauf. „Mein Vater will erst abdanken, wenn ich ihm eine Braut präsentieren kann. Und all die Mädchen im Dorf stellen Ansprüche. Romantik, Umwerben, Liebe. Als ob ich Zeit für so etwas hätte.“

Rapunzel rollte die Augen. „Ich nehme an, der Feigling dort ist Theobald?“

Der Mann am Zopf nickte.

„Und du bist?“

„Prinz Ansgar.“

Wo kamen nur plötzlich all die Prinzen her? „So, Ansgar. Was bringt dich auf die Idee, ich würde deine Braut werden wollen? Und dann auch noch keine Ansprüche haben?“

Ansgar schien mit den Schultern zucken zu wollen. Da das beim Klettern aber nicht richtig ging, wirkte es kurz eher, als hätte er einen Anfall.

„Das ist Tradition. Eine gerettete Maid ist auf ewig dankbar und heiratet ihren Helden. Ungeschriebenes Gesetz“, antwortete er dann. „Kannst du eigentlich auch kochen? Du ahnst ja gar nicht, wie schwer man heutzutage gutes Personal findet.“

Da hatte Rapunzel genug. Sie nahm ihre Nähschere und schnitt sich den Zopf ab. Lieber verzichtete sie auf Gothels Besuche und verhungerte ohne die Essenlieferungen hier oben, als dass sie sich von so einem Mann retten ließ, nur um dann auf ewig in seiner Schuld zu stehen.

Voll Genugtuung sah sie zu, wie ihr selbsternannter Retter in die Tiefe stürzte, hörte seine Rüstung scheppern.

„Und jetzt hört mir mal gut zu“, erhob sie die Stimme und blickte von einem Prinzen zum anderen. „Frauen sind keine Objekte. Sie haben einen eigenen Willen. Sie sind es euch nicht schuldig, euch zu heiraten, nur weil ihr mal etwas für sie tut. Sie können selbst entscheiden, ob sie mit jemandem wie euch leben wollen. Oder ob sie vielleicht sogar in einem Turm glücklich sind. Ohne euch. Wenn ihr eine Braut sucht, versucht einfach mal, nett und aufmerksam zu sein. Und wagt es nie wieder, mich retten zu wollen.“

Sie wandte sich vom Fenster ab und rieb sich die von der Anstrengung schmerzende Kehle. Sie seufzte leise. Jetzt war ihr letzter Kontakt zur Außenwelt gekappt. Aber sie brachte es nicht über sich, die Entscheidung zu bereuen.

Sie hatte sich ihr Essen rationiert und machte sich nun darauf gefasst, Gothel zu erklären, was geschehen war. Vielleicht kannte die Zauberin ja sogar einen Trick, die vielen Meter vom Boden bis hoch zu Rapunzel ohne Zopf überwinden zu können? Nun schaute sie wieder aus dem Fenster und wartete auf ihre Ziehmutter.

Allerdings betrat gerade eine viel jüngere Gestalt die Lichtung. Eine junge Frau blickte sich um, als würde sie gejagt werden, entspannte sich dann aber und warf etwas um sich.

„Was tust du da?“, fragte Rapunzel.

Die Frau am Boden schaute sich erst verwirrt um, bis sie sah, woher die Stimme kam. „Wonach sieht es denn aus?“

„Als würdest du irgendwas durch die Gegend werfen. Und wohl ohne Erlaubnis?“ Immerhin sah die Frau sich immer wieder verstohlen um. „Aber was? Und warum hier?“

„Dies sind kleine Kugeln aus Blumensamen und Dünger.“

Rapunzel blinzelte zunächst nur. Das klang nicht wirklich, als würde man dafür gejagt werden. „Warum?

„Siehst du denn nicht, wie der Mensch hier die Natur verdrängt? Insekten finden keinen Lebensraum mehr, damit auch Vögel und Nager nicht. Und letztlich auch der Mensch nicht, denn ohne Insekten wachsen auch unsere Nutzpflanzen nicht. Aber die Menschen scheinen zu dumm, um das zu begreifen. Nennen mich Vandalin, wenn ich versuche, sie zu retten.“

Rapunzel nickte. Pflanzen ansäen, das klang gut. Nützlich.

„Und was machst du da oben?“, fragte die junge Frau am Boden nun.

„Festsitzen. Ich komm hier nicht mehr raus.“ Rapunzel deutete auf ihren abgeschnittenen Zopf, der noch am Boden vor dem Turm lag.

„Nicht? Na, das wollen wir doch mal sehen.“

Noch bevor Rapunzel fragen konnte, was das heißen sollte, war die junge Frau im Wald verschwunden.

Nach kurzer Zeit kam sie wieder, mit mehreren aneinander geknoteten Seilen und einem improvisierten Bogen samt Pfeil. „Geh mal zur Seite, nicht, dass ich dich verletze. Ich bin nicht allzu gut mit sowas.“

Rapunzel hob eine Hand. Nicht, dass sie sich selbst in eine unangenehme Lage brachte. Sie wollte nicht um jeden Preis aus dem Turm heraus. „Warte kurz. Ich muss dich aber nicht heiraten oder bekochen, wenn du mich hier rausholst, oder?“

Die junge Frau lachte auf. „Kochen kann ich ganz gut allein. Und heiraten … Ich bin mir nicht ganz sicher, ob das erlaubt wäre. Nein, du bist mir nichts schuldig. Zu helfen ist eine Selbstverständlichkeit.“

Dann zielte sie und Rapunzel ging in Deckung.

Lange Zeit hörte sie nichts, außer leisen Geräuschen an der Turmmauer und einigen Flüchen, die ihr die Röte ins Gesicht trieben. Dann aber flog der Pfeil durch ihr Fenster. An ihn gebunden war das Seil, das sie schnell an der Halterung des Flaschenzugs festknotete. Dann packte sie alles zusammen, was ihr wichtig war.

Der Weg nach unten erschien beinahe unendlich, doch schließlich kam sie am Boden an und schaute sich um. Der Wald sah von hier unten so viel eindrucksvoller aus. Die Bäume waren ja riesig. Und von hier unten konnte sie sehen, dass nicht nur Gras um den Turm herum wuchs, sondern auch Moos und Klee. So eine wunderschöne Vielfalt.

„Und du rettest die Tiere?“, fragte sie dann ihre Helferin beeindruckt.

„Reiner Eigennutz“, zuckte diese mit den Schultern. „Meine Eltern sind Obstbauern. Und ohne Bienen gibt es kein Obst, ohne Obst verarmen wir und verhungern. Aber … ja.“

Rapunzel überlegte einen Moment lang. Sie war jetzt frei und konnte tun, was sie wollte, richtig? „Braucht ihr vielleicht noch Hilfe?“ Sie holte ein Tuch aus ihrer Tasche. „Ich kann auch arbeiten. Meine Stickereien sind am Hof beliebt, sagte man mir. Ich komme für meinen Unterhalt also selbst auf. Aber ich … möchte, dass der Wald wieder aussieht, wie früher. Ich will die Vögel wieder hören. Kann ich da bitte helfen?“

Die junge Frau lächelte und nickte, dann zeigte sie Rapunzel den Weg zu sich nach Hause.

Keine der beiden sah Gothel, die sie aus den Schatten heraus beobachtete. Stolz ruhten die dunklen Augen der Zauberin auf den beiden Frauen, dann löste sie sich auf. Sie hatte ein junges, mutiges Mädchen erzogen, das wusste, was es wollte und nicht nur den erstbesten Mann heiratete, weil sie nichts mit sich anzufangen wusste. Ihre Arbeit hier war getan. Und sicher brauchte man sie anderswo.

Die Autorin

Britta Redweik wurde in eine Familie der Geschichtenerzähler geboren. Wurde ihr als Kind noch erzählt, wie die Gummibärchen an Board der Enterprise kamen, hat sie sich erst daran gemacht, den Menschen zu studieren, um ihn besser zu verstehen. Nachdem sie dank ihrem Soziologiestudium aber gelernt hat, dass die Realität einfach nicht magisch genug ist, zieht sie sich jetzt lieber in die Welt in ihrem Kopf zurück und nimmt gerne mal Leser auf diese Reise mit.

Homepage: Britta Redweik
Twitter: @britta_redweik
Facebook: Britta Redweik

Hinter den Kulissen

Diese Geschichte hatte Britta ursprünglich bei der Prinzen-Anthologie des Chaospony Verlags eingereicht. Dieselbe Anthologie, aus der Anne Danck ihre Geschichte mit ein paar weiteren Nornen und mir auf der BuchBerlin gelesen hat.
So schließen sich Kreise. 😀

Übrigens erscheint heute die neue Folge des ComicKlatsch, für die ich im Gespräch mit Sandra von Booknapping ein paar Vorschläge für Comics unterm Weihnachtsbaum gemacht habe. Wer also noch Geschenke sucht, sollte unbedingt reinhören! 🙂

Anne

Türchen #9

Der zweite Advent, die zweite Gastgeschichte. Heute von Helene Persak.

Gefangen

Sehnsüchtig sieht er aus dem Fenster. Hinauf zum Mond.
Wie gerne wäre er jetzt draußen, um in dessen Licht zu Wandeln. In seinem kalten Schein zu baden, nur das kühle Gras unter den Füßen und den Wind auf der Haut. Doch kann er nicht.
Der Blick verlässt den Himmel, gleitet in die Tiefe, sucht den Garten, den er so sehnlich vermisst. Der Boden ist nah. Nur ein Stockwerk entfernt liegt die ersehnte Freiheit und ist doch unerreichbar fern. Mit leisen Seufzen lehnt Julien den Kopf an die Eisenstangen. Sie sind es, die ihn von der Außenwelt trennen. Sie sind es, die das Fenster versperren, welches ihm nur einen Ausschnitt von dem zeigt, was er ersehnt. Doch die Familie wird ihn nie wieder aus diesen Räumen lassen, das ist ihm bewusst.

Vor Kurzem erst hat er gegessen und sitzt seit dem, wie jeden Abend, hier. Wartend in seinen Erinnerungen versunken.
Erinnerungen an Tage im Garten unter einem strahlenden Himmel. Tage voller Fröhlichkeit, Geborgenheit und Freiheit. Doch liegen sie schon lange zurück. So lange, dass selbst die Erinnerung an sie verblasst. Nun sind ihm alleine diese zwei Zimmer und die Männer, die ihm Essen bringen, geblieben. Männer, die nie ein Wort zu ihm sagen und seine ignorieren. Schweigen ist sein stiller Begleiter.
Bis sie erschien.
Wehmütig gleitet sein Blick weiter, schweift über die Büsche und den Wald.

Seine einzige Abwechslung waren Bücher und Schriften. Von denen er einige selbst verfasst und andere ihm gegeben wurden. Sie sollen ihm in seiner Einsamkeit Gesellschaft leisten.
Aber nichts kann die Gesellschaft eines anderen ersetzen. Sei ihm auch, durch die Gitter verstellt und die Höhe getrennt, keine Nähe möglich, so könnte er zumindest mit jemanden Sprechen. Womit sie nun mehr ist, als er seit Ewigem gehofft hat. Sie, Sarina, wurde das Licht im Dunkel seiner Nächte.
Seit einiger Zeit besucht sie ihn schon und sie ist es, auf die er wartet.

Ein Huschen erregt seine Aufmerksamkeit. Sie muss es sein. Aufregung durchdringt die Lethargie, lässt das träge Herz ungestüm schlagen. Kein Laut ist zu hören, außer jener, welcher nur Sie sein kann. Die Familie ist in ihren Betten, denn die Nacht ist spät und der Tag noch fern. Doch er verharrt ängstlich. Lauscht auf weitere Geräusche, aber das Haus bleibt still.
Als er sich sicher ist, greift Julien zu der Lampe und blinkt zwei Mal. Mit stockendem Atem wartet er, ob es nicht ein Fehler war. Wartet, bis sie aus den Büschen tritt. Erst als er ihren Schatten erkennt, ist es ihm möglich, wieder zu atmen. Sie ist es.
Fröhlich, ganz ihrem Wesen gleich, winkt sie zu ihm hinauf. Doch, sie blickt sich um und verschwindet wieder in die Büsche.
Sein Herz stockt und will im nächsten Moment zerspringen.

Entsetzt springt er auf, umschlingt das Gitter und streckt seinen Arm in die Nacht. Noch einmal lauscht er und kann nichts Falsches hören. „Nein, bitte geh nicht,“ will er zu ihr schreien, doch ist die Gefahr zu groß gehört zu werden. So haucht er es nur in die Stille. „Wir sind alleine. Verlass mich nicht,“ fleht er sie an. Einsamkeit umklammert sein Herz, zwingt es zur Regungslosigkeit, und lässt Kälte ihn umschlingen. Enttäuschung liegt auf ihm, macht die Arme, Schultern schwer und drückt ihn nieder. Wie konnte sie ihn nur verlassen? Weiß sie nicht, wie viel sie ihm bedeutet? Wie viel ihm die gemeinsame Zeit bedeutet, so kurz sie auch ist? Trauer lässt ihn seinen Blick senken, als eine Bewegung erneut Hoffnung in ihm weckt.

Sie kommt zurück. Sie hat ihn doch nicht verlassen. Schon im nächsten Augenblick wird seine Aufmerksamkeit jedoch von ihrer Gestalt abgelenkt. Wird eingenommen von etwas, das Sie bei sich hat. Schwer atmend und mit großem Rumoren zerrt sie es hinter sich her. Verwirrt beobachtet er. Unfähig zu erkennen, zu erahnen, was hier vor sich geht, lauscht er auf verräterische Geräusche. Etwas, was ihm verrät, dass sie kommen.

Erst als sie in das Mondlicht tritt, offenbart ihm dieses, was geschieht. Eine Leiter ist es, die sie über den Rasen, Weg und in Richtung des Hauses zerrt. Angespannt lauscht Julien. Ob jemand aufgewacht ist? Doch Sarina ist nun zu laut, zu ungestüm, um etwas anderes wahrnehmen zu können. Verängstigt, der Lärm würde die Männer alarmieren, will er zur Tür hetzen. Doch wollen seine Finger ihm nicht gehorchen. Mit ganzer Kraft klammern sie sich an die Stäbe, sehnen herbei, was er sich nicht zu denken wagt.
So bleibt ihm nur still zu sitzen. Zu beobachten wie sie die Leiter hebt, sie ungeschickt gegen die Mauer fallen lässt und zu hoffen, dass die Bewohner tief schlafen.Klar hallt der Ton – von Metall auf Stein – über den Garten hinweg; wird nicht vom Wald verschlungen, sondern zurückgeworfen. Voller Angst verharren Beide, lauschen auf Geräusche, die verraten, was geschehen wird. Doch, als der Klang verhallt ist und nur noch in seinen Ohren existiert, bleibt alles andere still.
Die Lichter vor seinem Fenster bleiben dunkel und keine Tür wird geschlagen.

Julien lauscht noch ängstlich in die Nacht, als Sarina bereits ihren Fuß erhebt, um die Leiter zu erklimmen. Beschwingt, so angefüllt von Tatenddrang, ganz ihrem Wesen gleich, steigt sie empor. Bis ihr Kopf auf seiner Höhe ist. Eine gute Handbreit nur trennt nun ihre Lippen. Eine Handbreit und die Gitterstäbe. Das erste Mal seit langem ist er jemandem so nah. Sein Herz stockt und scheint dann Purzelbäume zu schlagen.
Fasziniert, betrachten sie einander für einen Augenblick.

„Hallo, du,“ haucht sie ihm entgegen. Das Lächeln, das ihr Gesicht erstrahlen lässt, berührt Juliens Inneres. So lange schon ist es her, dass er die Sonne sehen konnte. Doch jetzt ist er sich sicher, sie wieder zu haben.
Nur zögernd schafft er es, ihren Gruß zu erwidern. „Hallo, Sarina.“ Vorsichtig, um den Traum nicht zu zerstören, streckt er die rechte Hand aus. Kurz bevor er die Absperrung durchbricht, stockt er. Sein Blick sucht den ihren und taucht ein in Freundlichkeit und Wärme. Bestärkt davon, wagt er es, durch den Spalt nach ihr zu greifen. Als er ihre Wange berührt, er seit ewiger Zeit wieder die Wärme eines Körpers spürt, beginnt seine Hand zu kribbeln. Sanft schmiegt Sarina sich in seine Hand, lässt ihren Kopf sinken und ihn scheinbar von ihm tragen.
Ein sanfter Hauch nur, welcher seinen Lippen entrinnt, zeugt von seine nun mehr nachlassende Anspannung.
Doch muss er sich nicht daran erinnern, dass sie in Gefahr sind. Viel zu oft wurde er aus seiner Lethargie gerissen. Aufgeschreckt von den Türen, welche sie rücksichtslos aufstießen, um ihn zu kontrollieren. Auch sie weiß es. Mehr als einmal musste sie sich schnell in den Büschen verstecken.
Heute wird ihnen keine Warnung helfen.

Dieser Anspannung ungeachtet, als hätte die Berührung etwas in Gang gesetzt, breitet sich warmes Kribbeln über seinen Arm aus. Wandert langsam, so als wolle es den Weg genießen – oder Dämme einreisen – in Richtung Kopf.
„Du bist leichtsinnig,“ tadelt er sie voller Sehnsucht. „Es ist gefährlich. Wenn sie kommen, wo willst du Schutz finden?“ Seufzend, ohne jedoch seinen Blick loszulassen, lässt sie ihren Kopf gegen die Stange sinken.

„Ich wollte dich endlich näher sehen. So oft bin ich her gekommen und nie konnte ich dich wirklich sehen. Konnte dich nie berühren. Heute wollte ich bei dir sein,“ gesteht sie ihm. „Sieh, ich hab dir etwas mitgebracht.“ Als sie ihren Kopf erhebt, sich von ihm weg beugt, fühlt es sich an, als wäre ihm etwas wunderbares genommen worden. Eilig nimmt sie ihren Rucksack ab, schiebt ihn zwischen sich und die Leiter, um darin zu kramen. „Hier.“ Mit strahlendem Lächeln, als schenke sie ihm den schönsten seiner Wünsche, reicht sie ihm ein seltsames Ding.

„Was ist das?“, fragt er verwirrt und beobachtet, wie ihr Lächeln schwankt.
„Das ist eine Säge,“ erwidert sie sichtlich irritiert. Trauer huscht über ihr Gesicht, während sie weiter spricht: „Du kannst damit die Stäbe lösen.“
Als er sie nach wie vor verwirrt ansieht, erklärt sie eifrig: „Es wird Zeit dauern, aber wenn du zwei lösen kannst, dann bist du frei.“
Zögernd greift Julien nach der Säge, dreht sie in seinen Händen und weiß doch nichts damit anzufangen.
Aufgeregt nimmt sie ihm diese wieder ab, hält sie an eines der Gitterstäbe.
„Hier, siehst du“, vorsichtig schabt sie mit der Säge an dem Metall und trennt einen Span heraus. „Wenn du jede Nacht etwas sägst, bemerken sie es erst, wenn du schon lange nicht mehr hier bist. Verstehst du das?“
Neugierig betastet Julien die Wunde an seinem Gefängnis – denkt über ihre Worte nach und die Möglichkeiten, die sich ihm dadurch eröffnen.
„Aber, sie werden nach mir suchen,“ ist er sich sicher. „Sie werden mich nicht entkommen lassen.“ Traurig lässt er ab und blickt wieder in ihr Gesicht.
„Julien,“ seufzt sie, ebenso traurig, „Sie werden nichts machen können“, ist sie überzeugt. „Keiner weiß, dass es dich gibt. Sie haben es immer bestritten.“, erinnert sie ihn. Weckt die Erinnerung an all die Male, bei denen sie die Polizei gerufen hatte. All die Male, an denen sie doch ohne ihn wieder gegangen sind. „Ich gebe dir Geld, damit wirst du mit dem nächsten Zug wegfahren. Sie werden dich nicht finden, vertrau mir.“ Wie gerne würde er das – aber die letzten Zweifel, die letzten Ängste kann sie nicht verjagen.

Sacht ergreift sie seine Hand, gleitet sanft darüber, während ihr Blick den seinen fesselt.
„In einem halben Jahr bin ich fertig mit der Schule und folge dir. Gemeinsam,“ ermutigt sie ihn, „werden wir das schaffen.“
„Ja,“ verspricht er entschlossen, „ich versuche es“. Das Lächeln, welches er mit diesem erntet, verleiht dem Kribbeln an Stärke. Treibt es voran, bestärkt es, seinen Körper auszufüllen.
„Das ist gut,“ versichert sie ihm.“ Du wirst sehen, es wird funktionieren“. Sicherer als seine vorhin, gleitet ihre Hand durch die Stäbe und streift seine Wange. Sehnsüchtig lässt er sich dagegen sinken. Will in ihre Wärme sinken, ganz von ihr umschlossen werden. Aber die Hand wandert weiter, streicht durch seine Haare, bis sie am Hinterkopf angekommen ist.
Der Duft, der ihn umspielt, lässt ihn noch tiefer sinken. Lässt ihn noch mehr in die Entspannung, in das Wohlgefühl gleiten. Widerstandslos wird er von ihr nach vorne gezogen.
Zu ihrem strahlenden Lächeln, zu ihrem zarten Duft.
Als seine Stirn die Gitter berührt, legen sich ihre Lippen sanft auf seine, lassen seinen Atem stocken.
Nur für einen Augenblick.
Das Kribbeln, dass schon fast sein Herz, seinen Verstand erreicht hat, explodiert in seinem Körper und lässt ihn handeln, bevor er denken kann.

Erst sein eigener Schrei, bringt ihn wieder zu Verstand. Doch es ist zu spät. Entsetzt und in seinem Zimmer gefangen, kann er nur mit ansehen, wie Sarina fällt. Einen roten Faden hinter sich herziehend stürzt sie zu Boden. Ihre Augen, vor kurzem so froh und voller Kraft, blicken nun glanzlos und fragend zu ihm hinauf. Lichter gehen an. Lärm dröhnt wie Donner durch das Haus.
Julien aber hat nur Augen für Sarina, die wie in Zeitlupe noch immer fällt und alles kommt zurück.

Alte, beinahe schon vergessene Erinnerungen stürmen auf ihn ein. Erinnerungen an seine Mutter, die für ihn gesorgt, sich um ihn gekümmert hat. Abgegrenzt vom Rest der Welt. Behütet und versteckt.
Mit ihr war er frei, unter der strahlenden Sonne. Doch dann konnte selbst sie ihn nicht mehr kontrollieren und sein Vater schloss ihn hier ein.
Nicht einmal zu ihrer Beerdigung ließen sie ihn. Auch nicht zu Vaters, in einem anderen Leben, kurz danach und doch lange her, durfte er gehen.
Nun ist es wieder geschehen.
Hier, in seiner Gefangenschaft. Er hat den einzigen Menschen getötet, der zu ihm stand, der ihm Nähe und Zuneigung entgegenbrachte.

Die Türen werden aufgerissen, Männer stürmen in sein Zimmer. Grob greifen sie nach ihm und zerren ihn mit sich. Zerren ihn weg von Sarina, deren Augen immer noch anklagend zu ihm hinauf sehen. Widerstandslos – in seiner Trauer, seinem Schock gefangen – lässt sich Julien in den kleinen Raum stürzen, der seinen Schlaf vor der Sonne bewacht. Als die Tür zu dem fensterlosen Raum geschlossen wird, weiß er, dass sie erst wieder geöffnet wird, wenn sie ihm sein Essen bringen. Konserven voll erwärmten Blutes, das nie die Fülle des Frischen, welches nun in seinen Adern pocht, ersetzten kann. Er weiß, dass die Männer, die männlichen Nachfahren seiner Geschwister, ihn erst wieder rauslassen werden, wenn sie es für richtig halten. So, wie sie es schon seit Generationen machen.

Doch es ist ihm egal. Das Einzige, was ihn beschäftigt ist seine Tat. Den entsetzten Blick in die Dunkelheit gerichtet, gleitet er die Wand hinunter. Mit jedem Schlag seines, von Sarinas Blut genährtem Herzen, driftet er mehr in die Verzweiflung. Lässt sich von ihr umarmen und trösten.
Das einzige, was ihm nun noch bleibt, sind seine Bücher und Schriften.

Die Autorin

Fantasyautorin Helene Persak wurde im Jahr 1977 in einem abgeschiedenen Teil Oberbayerns geboren. Vor einigen Jahren zog es sie in die Nähe von Frankfurt am Main, wo sie heute mit ihrem Mann lebt. Schon seit ihrer frühen Kindheit ist sie der Fantasy verfallen und nie ohne Buch, sei es Print oder E-Book, unterwegs. Angeregt durch ihren Mann begann sie die Geschichten, die ihr seit ihrer Kindheit im Kopf herum schwirren, aufzuschreiben. Seit einiger Zeit ist sie Mitglied des Verbandes junger Autoren und Autorinnen (BjVA) e.V. und immer auf der Suche nach neuen Anregungen für ihr Schreiben.

Facebook: Helene Persak

Hinter den Kulissen

Erst Skelette, jetzt ein Vampir … mal sehen, was euch nächsten Sonntag erwartet. 😀

Heute gab es außerdem Gastbeiträge zum #Eishörnchen von mir bei der Bücherhexe auf Facebook:

Teil 3: Was die Zukunft bringt (mit Schnipsel von Irina Christmann und mir)

Anne

Türchen #2

Kaum hat der Dezember angefangen, haben wir auch schon den ersten Advent.

Heute darf ich euch eine Kurzgeschichte von der großartigen June Is präsentieren.

Viel Spaß!

Fast wie im richtigen Leben

„Oh nein! Sie kommen schon wieder!“ Kyle verzog gequält seine Wangenknochen.

Über ihm waren laute Kinderstimmen zu hören, die wild durcheinander riefen. Er drehte den Schädel nach rechts. „Bianca? Bianca!“

Ein Grummeln ertönte. „Ich hör sie. Bei dem Lärm kann einfach niemand ruhen.“

„Seit wann geht das jetzt so? Tag für Tag …“, beschwerte sich Kyle.

„Genaugenommen fing es vor einer Woche an. Vermutlich sind mal wieder Ferien,“ gab Bianca unwirsch zurück.

Die Sargreste krachten, als Kyle mit der Faust an die morsche Innenwand schlug. Er wartete, bis ein beeindruckender Schwall Erde nachgerieselt war, bevor er seine Zähne wieder auseinander bewegte. „Warum schreitet die Friedhofsverwaltung nicht ein? Wir haben ein Recht auf unsere ewige Ruhe!“ Ein Regenwurm kroch besonders langsam aus seiner Augenhöhle.

Bianca lachte abfällig. „Als wenn das heute noch so wäre. Bald wird es soweit sein, dass sie uns ausbuddeln, damit wir auf deren Kinder aufpassen. Die haben doch chronischen Personalmangel da oben. Vor allem, seit sie Männer wie Frauen wieder für die Armee eingezogen haben.“

„Was? Ich bin doch nicht vor einigen Jahren gestorben, nur damit ich jetzt auf anderer Leute verzogene Gören aufpasse! Das stand nicht in meinem Vertrag!“

„Anne und Daniel von der Südostecke haben bereits Klage eingereicht. Aber bis zum Prozess wird es sicher dauern. Bis dahin können sie die Friedhofsordnung noch zigmal ändern. Dann sehe ich schwarz.“

Kyle kratzte über den faulen Holzboden seines Sargs, der schon viele solcher Kratzer aufwies. „Kunststück, wir haben es überwiegend dunkel hier drin.“

„Mensch, Kyle! Du weißt genau, was ich meine. Wenn die uns erst alle rausgeholt und zum Nanny-Spielen eingeteilt haben, ist es eh aus. Wer von uns kann dann vor Gericht als Zeuge auftreten?“

Kyle stöhnte. „Und wir können natürlich nichts dagegen machen.“

Bianca zuckte mit den knochigen Schultern. „Wir hätten eben paar Jahre früher sterben müssen, dann wären unsere Grabstellen jetzt abgelaufen und würden eingeebnet. Dann könnten wir sie endlich genießen, unsere wohlverdiente, ewige Ruhe.“

„Wenn mir das eher klar gewesen wäre. Die letzten Jahre da oben waren sowieso die Hölle. Ich musste permanent bei großer Hitze arbeiten, das hat meinem Kopf nicht gut getan. Manchmal dachte ich, der platzt. Irgendwann ist er das tatsächlich. Durch Fremdeinwirkung. Kurz nach meinem 38. Geburtstag!“

„Bei mir war es auch nicht besser. Ich durfte zu meinem Sohn ziehen. Er hat mir ständig todlangweilige Artikel aus der Lokalzeitung vorgelesen, und meine Schwiegertochter hat ungenießbar gekocht.“

„Au weia.“ Kyle kicherte.

„Kyle, wir können uns das nicht bieten lassen! Sollten sie uns wirklich ausgraben, dann …“

„Könntet ihr vielleicht mal die Fresse halten? Hält ja keiner aus! Ihr seid fast lauter als die Kinder über uns“, meldete sich Peter auf der gegenüberliegenden Seite lautstark zu Wort. Er war mit 25 Lebensjahren der jüngste Tote in ihrer Ecke. „Ihr habt doch nicht alle Latten am Zaun!“

In dem Moment brach ein weiteres morsches Stück Sarg bei Kyle ein. Erneut rieselte Erde auf ihn. „Stimmt, eine Holzlatte weniger“, kommentierte dieser und legte sie vorsichtig beiseite.

„Ist das wirklich so?“ Bianca würde eine Augenbraue hochziehen, wenn sie noch ein Gesicht hätte.

„Ja, euer dämliches Gelaber nervt. Egal, was die da oben aushecken, wir können nix tun. Das war schon zu Lebzeiten so, warum sollte es jetzt anders sein? Es ist alles so megasinnlos.“

„Och, unser süßer Peter wieder. Depressionen nimmt man also auch mit in den Tod.“ Sie seufzte unüberhörbar.

„Depressionen sind der Tod! Einerseits wird Sex als Allheilmittel gegen alles angepriesen, andererseits kommen die, die so tief im Sumpf stecken, nie zum Schuss, weil sie sich nicht genug Mühe geben mit ihrem Leben und für andere Menschen total uninteressant sind. Ich frage euch, was soll die Scheiße?“ Peter schien seiner üblichen Tristesse zu frönen.

„Interessante These“, murmelte Bianca.

„Früher, in diesen Foren, schrieben die immer: Komm mal mit deinem Leben klar, mach Sport, besorg dir ordentliche Klamotten, streng dich mehr an. Etc. Dass Jammern nix bringt, ist mir auch klar, aber das klang immer so nach sich etwas erarbeiten müssen.“

Eine längere Pause folgte, in der keiner was sagte. Nur das Schnarchen von Edeltraud war in einiger Entfernung zu hören. Über ihnen tobte die nächste Kinderhorde herum.

„Ich hab in der Zeit oben öfter den Gedanken gehabt, ob ich für mein Leben genug geleistet habe. Und wenn ich so in Tiefs steckte, ging die Denkspirale weiter: Durfte ich jetzt aufgeben? Ich hatte mich sicher noch nicht genug angestrengt. Ich enttäuschte alle.“

Bianca unterbrach ihn. „Ich denke, der Welt ist egal was man macht oder nicht macht, es kommt nur auf das eigene Gefühl dabei an.“

„Menschen sind anderen Menschen nun mal egal.“ Kyle störte es, dass Peter auf einmal Biancas Aufmerksamkeit zu haben schien. Seine Stimmung sank tiefer als die Temperatur der feuchten Erde um sie herum. Schnell schob er zur eigenen Beruhigung durch ein älteres Loch in seiner Behausung einen Fingerknochen zu ihr hinüber.

„Letztendlich hast du alles versucht und trotzdem ist was schiefgelaufen. Sonst wärst du ja nicht mit uns hier unten“, merkte sie gerade an.

„Stimmt“, antwortete Peter, „Ich habe dann begonnen, Texte zu schreiben und wollte damit sagen: Seht doch, ich tu was! Mehr geht nicht.“ Nun klang es, als ob Peter schniefte. „Wollt ihr meine Prosa über den Staub hören? Ist direkt aus meinem Leben gegriffen.“
Keiner antwortete, so sprach Peter weiter:

„Der Titel: Staub

Ich hasse Staub.
Staub ist die Hölle auf Erden.
Das ewige Unterliegen im Kampf gegen den Staub trägt zu Depressivität bei.
Niemand mag Staub, niemand mag Putzen.
Staub hat mich schon oft zur totalen Verzweiflung gebracht.
Das nächste Versagen, das nächste Verdrängen, eine Art ewige Selbstzerstörung.

Staub ist unbesiegbar – jeder weiß das.
Deshalb kämpfe ich nicht mehr und versinke vollends in Staub – und Dreck.

Wenn das so weitergeht, wird der Staub mich irgendwann töten.
Und doppelt triumphieren, weil ich dann selbst wieder zu Staub werde.“

Kyle stöhnte und Bianca versuchte, wie so oft, zu trösten. „Ich denke, wir haben alle unsere Erfahrungen gesammelt. Schau dich doch mal auf dem Friedhof um. Hier ist keiner ohne Grund.“
Peter heulte. „Ja, ich konnte den Staub nicht aus meinem Leben verbannen. Allein der Gedanke ans Putzen gab mir zu Lebzeiten ein mulmiges Gefühl. Es fühlte sich an, als sei ich in eine enge Kiste eingesperrt, in der ich mich nicht rühren kann. Bisschen wie jetzt, im Sarg.“

Da spürte Kyle ein Wummern in einiger Entfernung. „He, sei mal leise … merkt ihr das auch?“

Biancas Stimme zitterte: „Explosionen?“

„Was auch immer die da oben machen, es ist mir egal. Interessiert mich nicht. Sollen sie doch Krieg spielen und verrecken, kriegen wir halt Gesellschaft.“ Peters Laune war anscheinend etwas besser geworden.

Kyle rieselte beim nächsten Schlag Erde auf die Knochen.
Edeltraud rief verwirrt: „Welcher Ungehobelte wagt es, mich einfach so zu wecken?“

Die Kinder schrien anders, panisch.

Ein weiterer ohrenbetäubender Schlag folgte, das Erdreich um Kyle vibrierte, er hörte nacheinander Unmengen Erde auf den Boden prasseln, Biancas Aufschrei, Peters „Scheiße!“ und dann … Ruhe.

„Mist! Wenn ich noch Ohren hätte, wären sie jetzt total im Eimer!“, fluchte Kyle. „Was ist da draußen los?“
Keiner antwortete.

Er rief nach seiner Nachbarin. „Bianca? Bianca!“ Kyles Fingerknochen tasteten nach zur Seite – dort hingen sie in der Luft. Wo war ihr Grab hin? Was war geschehen?

Nach und nach fiel ihm auf, dass Edeltraud nicht mehr schnarchte und Peter nicht mehr jammerte. Kyle hatte sich die ewige Ruhe irgendwie anders vorgestellt.

„Hilfe …“, keuchte eine kratzige Stimme aus Biancas Richtung.

Sein Herz hüpfte. „Bianca, bist du das?“

„Wer ist Bianca? Es ist … so schrecklich hell! Ich erblinde“, rief die neue Stimme nun etwas deutlicher.

Kyle war verwirrt. Außer Edeltraud und Bianca lagen in diesem Segment des Friedhofs nur Männer. „Hast du etwa noch Augen? Wer bist du?“

„Ich lag bis vor kurzem am Südwestende, hieß früher Claire Bauer. Eben bin ich unsanft in die Luft geflogen, einige meiner Knochen liegen hier überall zwischen … Anderem … verteilt.“

Es knackte zwei Mal. „Aber mein Schädel scheint intakt.“

Kyle überlegte. „Das klingt aber nicht gut. Ich muss Bianca suchen, die lag bis eben da, wo du jetzt liegst!“

„Wo willst du da anfangen? Hat sie ihre Knochen gekennzeichnet?“ Claire seufzte. „Wenigstens sind wir fürs erste dieses Nanny-Spiel-Thema los.“

Dies erstaunte Kyle. „Du weißt davon?“

„Ja, unser Sektor hat Anne und Daniel bei der Klage unterstützt. Wie heißt du eigentlich?“

Die Autorin

June Is lebt seit einer Weile in Berlin und teilt sich ihr Schlafzimmer mit ca. 5 vollen Umzugskartons an Büchern, sortiert nach „Linguistik, Sprachführer und Schreibratgeber“, „Naturwissenschaft“, „Belletristik“, „Reisen“ und „Kann eines Tages weg“. Während ihres Studiums, welches sie 2012 abschloss, hatte sie beschlossen, an ihrer eigenen Schreiberei zu feilen. So traten nacheinander auf magische Weise ein Schreibcoach, viele kritische Testleser, ein paar Veröffentlichungen in Anthologien und zuletzt das Nornennetz in ihr Leben.

Twitter: ypical_writer

Habt einen schönen ersten Advent!

Anne

#CroMär: Kapitel 6

Regina und ihre Oma sind letzte Woche eingeschneit und ihre Oma hat ihr eine entscheidende Frage gestellt. Wies es weiter mit dem sechsten Kapitel des #CroMär, des Crossover Märchens, könnt ihr heute lesen.

Kapitel 6 – Das Pantoffelrätsel

„Schon, aber die sind nicht halb so charmant“, sagte eine angenehm raue Stimme neben ihnen, in der ein leises Lachen schwang.
Regina wirbelte herum. Tatsächlich da stand er. Wolf. Lässig lächelnd und nicht eine einzige Schneeflocke in den schwarzen Haaren.
„Wie …?“, stammelte sie.
Er zwinkerte ihr kurz zu und ging dann mit langen Schritten direkt zu ihrer Großmutter.
„Oder gnädige Frau“, fragte er und griff galant nach ihrer Hand, „was meinen Sie?“
„Wolf?“, Reginas Oma sah ihn staunend an. „Bist du das?“
Er nickte. Sein Lächeln wurde noch breiter.
Regina schaute von ihrer Oma zu Wolf und wieder zurück. Sie verstand überhaupt nichts mehr. Was geschah hier? Wie kam Wolf in diese Hütte? Ihre Oma räusperte sich.
„Hat dir keiner beigebracht, dass man an die Tür klopft, bevor man reinkommt?“, schimpfte sie. „Und was ist das für eine Geschichte mit dem Ball? Was fällt dir ein, meiner Enkelin so den Kopf zu verdrehen?“
Reginas Wangen nahmen schlagartig die Farbe ihres Pullovers an.
„Vielleicht ist es ja umgekehrt?“, erwiderte Wolf. „Vielleicht hat sie mir den Kopf verdreht.“
„Wer‘s glaubt“, schnaubte die Oma. „Seh ich aus wie eine alte Schachtel, der man jeden Mist erzählen kann?“
Doch Wolf schaute jetzt zu Regina. Sein Blick fühlte sich so intensiv an wie eine Berührung. Sie schluckte.
„Sei doch nicht dumm, mein Mädchen“, riss Omas Stimme sie aus dem Sog. „Grad hast du mir noch gesagt, du seist zu alt für Märchen. Ich weiß nicht, was er vorhat, aber es ist sicher nichts Gutes.“
Noch immer spürte sie Wolfs Blick auf sich.
“Pah!” Das rostige Lachen ihrer Oma ging in einen ordentlichen Hustenanfall über. „Ich war auch mal jung, vergiss das nicht.“ Reginas Oma seufzte. “Ich leg mich mal einen Moment ins Bett, mir wird das grade alles zu viel”, raunte sie ihrer Enkelin zu und hatte tatsächlich den Fernseher ausgeschaltet.
Umständlich erhob sie sich vom Sofa und schlurfte Richtung Schlafzimmertür.
„Warten Sie, ich helfe Ihnen.“ Wolf war schon an ihrer Seite.
„Untersteh dich“, protestierte sie. „Seh ich aus, als ob ich keine drei Schritte mehr allein machen könnte?“
Doch sie wirkte tatsächlich etwas wackelig auf den Beinen. Regina registrierte erleichtert, dass sie sich trotz ihres Protests auf Wolfs dargebotenen Arm stützte. Gemeinsam verließen die beiden das Zimmer. Regina hörte sie aus dem Nebenraum reden. Freundlich fragte Wolfs Stimme, ob sie noch etwas brauche. Oma schien zum Glück die Lust aufs Schimpfen vergangen zu sein. Vielleicht war sie bereits eingeschlafen? Sie war so ungewöhnlich still.
Hastig strich sich Regina ein paar Haarsträhnen aus dem Gesicht und zog die Kapuze ihres Pulli enger um sich. Das dürfte doch alles nicht wahr sein. Erst traf sie Wolf im Wald und nun war er hier… wieder schüttelte sie den Kopf, der Tag konnte gar nicht mehr verrückter werden. Die Tür knarrte leise. Wolf stand wieder im Raum.
Als Regina ihn sah, musste sie feststellen, dass sie falsch gelegen hatte. Sie konnte sich das Lachen einfach nicht verkneifen. Aus irgendeinem obskuren Grund, hatte er sich die hellgraue Strickjacke ihrer Oma umgehängt. Sein rechter Fuß steckte in einem glänzend grauen Pantoffel. Das Material kam Regina irgendwie bekannt vor. Vielleicht eine Art Fell? Irgendwo hatte sie diese glänzenden grauen Strähnen schon gesehen. Der linke Fuß blieb ohne Pantoffel.
Regina grinste ihn an.
„Aber Oma“, rief sie mit Kleinmädchenstimme, „du siehst so anders aus!“
Wolf erwiderte ihr Grinsen.
„War kalt“, meinte er schulterzuckend. „Dieser ganze Schnee auf einmal.“
„Ja der ist wirklich komisch“, stimmte Regina zu. Dann wusste sie nicht mehr, was sie sagen sollte. Die Situation war einfach zu absurd.
Wolf schlenderte zu dem Sessel, in dem Regina saß und ließ sich auf die Armlehne sinken. Lässig legte er seinen Arm auf die Rückenlehne. Wie zufällig berührte er ihre Haare. Hitze schoss Regina durch den Körper. Unter seinen Fingern wurde sie weich wie Butter. In ihr kribbelte es erwartungsvoll. Wie sehr sie sich danach sehnte, ihm nah zu sein!
Aber irgendwo in ihrem Hinterkopf klang noch die Warnung ihrer Oma. Sei nicht dumm, mein Mädchen. Sie musste herausfinden, was er hier wollte.
Regina räusperte sich und bemühte sich, seine Hand in ihrem Haar zu ignorieren. „Was machst du hier? Gibts noch ein paar Schuhe zum Kleid?“
„Ach, dieser Ball“, Wolf beugte sich vor und sah ihr direkt in die Augen. „Nachdem ich dich wiedergesehen habe, waren mir eine Woche einfach zu lang“
Er streckte die Hand aus. Sanft fuhr er ihr über die Wange. Regina fiel. Haltlos. Jede Frage, jeder Einwand blieb zurück. Da waren nur noch sie und er und ein Rausch stärker als die Wirklichkeit.
Sie seufzte, als er sanft ihren Hals und ihre Schultern streichelte. Seine Lippen fanden ihre. Regina schloss die Augen.
Viel öfter als sie zählen konnte, hatte sie davon geträumt, dass er sie küsste. Ein leidenschaftlicher Kuss, in dem sie so viele Nuancen von ihm erschmecken konnte und dieses kleine bisschen Mehr, das süchtig machte.
Soweit ihre Träume. Seine Lippen waren eiskalt. Sie rissen Regina aus ihrem Rausch. Statt nun endgültig in ihrem Miteinander zu versinken, fühlte sie sich plötzlich seltsam klar. Bilder schossen ihr durch den Kopf. Tante Susi und ihr Apfel – der kleine Mann im Wald – das dunkelblaue Ballkleid – der Schnee – das Brot – der graue Pantoffel an Wolfs rechtem Fuß. Alles Erinnerungen an die Ereignisse dieses Tages. Doch Regina kam es plötzlich so vor, als wäre jede einzelne wichtig. Als müsste sie alle zusammensetzen, um das Muster zu erkennen.
Wie im Krimi, dachte sie. Hatte Oma sie jetzt schon angesteckt mit ihrer Liebe zu billiger Dramatik? Das war doch Quatsch! Es gab weder ein Verbrechen, noch einen Mörder, also keinerlei Grund auf Indizienjagd zu gehen.
Wolfs Lippen auf ihren fühlten sich unangenehm an. Seine Hände auf ihren Schultern waren wie Eis. Sie öffnete die Augen und zog ruckartig ihren Kopf zurück.
In seinen dunklen Augen sah sie ein seltsames gieriges Funkeln. Sein Griff wurde fester. Täuschte sie sich oder breitete sich die Kälte langsam auch in ihrem Körper aus?
„Gefällt es dir nicht?“, fragte er lächelnd.
Regina blinzelte. Für einen Moment hatte sie nicht sein Gesicht gesehen. Da waren Falten gewesen, tiefe Falten, Tränensäcke unter den Augen, leicht gräuliche Haut. Im nächsten Moment sah er wieder ganz normal aus. Regina schauderte. Irgendetwas stimmte ganz und gar nicht.
Sie versuchte, sich vom Sessel hochzustemmen und schaffte es nicht. Nicht die kleinste Bewegung brachte sie zustande. Ihr Körper fühlte sich jetzt so kalt an, wie die Hand auf ihrer Schulter. Er war vollkommen steif. Regina keuchte entsetzt.
Wolf lachte. Kein jugendliches Lachen, ein altes, kurzatmiges Lachen. Wieder erschien vor ihren Augen das faltige Gesicht, das sie bereits gesehen hatte. Diesmal verwandelte es sich nicht in Wolfs attraktive Züge zurück. Stattdessen begann sich nun auch der restliche Körper zu verändern, wurde kleiner und krummer an der Hand auf ihrer Schulter spürte sie lange Nägel wachsen, die sich schmerzhaft in ihre Haut bohrten.
„Endlich“, schnarrte die Alte mit russischem Akzent.
Endlich was?, wollte Regina fragen. Doch inzwischen waren auch ihre Lippen steif.
„Verwandlung ist gut“, erklärte die Alte ungefragt, „aber so unbequem.“
Sie musterte Regina mit zahnlosen Lächeln.
„Nein, ich bin nicht Wolf. Er ist weit weg. Denkt schon lang nicht mehr an dich. Glaub der alten Jaga. Sie kennt das Leben.“
Regina funkelte sie wütend an. Wenigstens dazu war sie noch im Stande.
„Leben ist hart. Leben ist grausam“, philosophierte die alte Jaga weiter.
Oh, wie gern wäre Regina ihr an die Gurgel gesprungen!
„Aber heute lächelt es“, grinste die Alte. „ Wie lang ich darauf gewartet habe! Und nützlich seid ihr zwei Hübschen mir auch noch. Es ist so kalt mit all dem Schnee.“
In diesem Augenblick entschloss sich eines der Puzzleteile in ihrem Kopf sein Geheimnis preiszugeben. Ihr fiel ein, woher sie das graue Material des Pantoffels kannte. Es war kein Fell. Es waren Haare – Omas Haare. Ein Schrei formte sich in ihrem Inneren. Er schrillte zu ihren Lippen, doch diese, steif und verschlossen, ließen ihn nicht heraus. Wie ein Echo raste er in ihr hin und her, bis Regina glaubte, von seinem Klang zu zerspringen.
Die Alte presste ihr beide Hände auf die Schultern. Ihre Lippen bewegten sich in einem seltsamen Singsang. Regina schrumpfte. Es tat nicht weh, was wahrscheinlich an Jagas betäubendem Klammergriff lag, war aber ein sehr eigenartiges Gefühl. Sie spürte wie ihre Zellen kleiner wurden und sich zusammenschoben. Immer weiter verlor sie ihre Körperform. Erst gab es keine Nase und keine Ohren mehr. Dann schob sich das, was von ihrem Kopf noch übrig geblieben war mit dem Hals zusammen. So ging das weiter. Die ganze Zeit hatte sie dabei Jagas Grinsen mit penetranter Deutlichkeit vor Augen.
„Nimm‘s nicht so schwer Schätzchen“, kicherte die kratzige Stimme der Alten. „Jede Geschichte hat ein Happy End – fragt sich nur für wen.“
Regina war nur noch ein formloser Knäuel aus braunen Locken mit einem Schlupfloch, in das sich nun ein runzliger Fuß schob.

Weiter geht’s: Kapitel 7

Hinter den Kulissen

Wie bereits erwähnt, stammte die ursprüngliche Idee zum gemeinsamen Schreiben von Sarah Wagner, die bereits bei der Nerdwoche mit einem Beitrag mitgemacht hatte. Leider leidete sie darunter, dass Christina nochmal ihr Kapitelende überarbeitete und es dann nicht mehr zusammenpasste, also haben wir Christinas Ende zu einer Mischung aus neu und alt gemacht, damit es wieder stimmig wurde.

An einer Stelle musste ich auch die Handlung etwas drehen, da, wie Anne anmerkte, es so irgendwie sehr unhöflich war. Ursprünglich bat Regina nämlich ihre kranke Oma das Zimmer zu verlassen, damit die beiden reden konnten. Ich denke, sorum passt es besser.

Und wer nicht weiß, wer Jaga ist, dem Empfehle ich Katherina’s Beitrag: Grimm’sche Hexe und Baba Jaga – zwei Mal Hexe? – Teil 1 und Teil 2.

Anne/PoiSonPaiNter

Sage mal, Märchen?

Read in English

Im Verlauf des Märchensommers stellen meine Gastautor*innen ja gerne mal einige Dinge in Frage. Heute zum Beispiel beschäftigt sich Carmen Capiti mit der Frage, was nun eigentlich der Unterschied zwischen einem Märchen und einer Sage ist.

Märchen und Sagen – ein Vergleich

Hach ja, Märchen! All diese wunderbaren Geschichten, die die meisten von uns schon seit unserer Kindheit begleiten.

Ich persönlich kenne die meisten (weichgespülten) Märchen ja vermutlich durch Walt Disney. Andere würden sagen, dass ihre Eltern und Großeltern ihnen früher bereits Märchen vorgelesen haben. Bei mir waren dies aber vielmehr alte Sagen und Legenden aus unserer Region.

Aber was sind Märchen denn eigentlich ganz genau? Und was unterscheidet sie von anderen Geschichten, insbesondere von Sagen?

Ich bin keine Sprachwissenschaftlerin und habe keine Literatur studiert. Trotzdem versuche ich, die oben gestellten Fragen anhand kleiner Beispiele zu beantworten.

Als Erstes stelle ich euch dazu das wunderschöne selbstgeschriebene Märchen von Laura Kier »Kirschen im Winter?« vor.

In diesem Märchen ist Jack Frost, eigentlich verantwortlich für den Winter, müde geworden von seinem Streit mit Sian Morgenröte. Da erhält er aber unverhofft Besuch von Rocks, einem sturen Schaf, das sich in den Kopf gesetzt hat, dass Kirschen und grüne Wiesen im Winter gefälligst nichts zu suchen haben.

Was definiert »Kirschen im Winter?« als Märchen?

  • Es gibt keine konkrete Zeit- oder Ortsangabe. Märchen finden meistens »Vor langer, langer Zeit…« In einem »weit entfernten Königreich« statt.
  • Es gibt sprechende Tiere. Rocks ist ein sprechendes Schaf und weder Jack Frost, noch der Leser wundert sich wirklich darüber.
  • Es beinhaltet weitere fantastische Elemente, die wie Alltäglichkeiten behandelt werden. Beispielsweise ist zweifellos klar, dass Jack Frost dafür verantwortlich ist, dass es den Winter gibt.

Im zweiten Schritt nehme ich mir folgende beiden Bücher vor[, die gestern hier vorgestellt wurden]:

In »Das Sagenbuch zum Stephansdom« sammelt die Autorin alte Sagen rund um den Stephansdom in Wien. Diese Sammlung hat sie jedoch auch um zwei eigene Sagen ergänzt, in denen sie auf aktuellere Geschehnisse Bezug nimmt.

»Die Geister von Ure« ist ebenfalls eine Sagen-Sammlung, jedoch habe ich hier eine Handvoll Innerschweizer Bergsagen genommen und diese zu einer einzigen, zusammenhängenden Geschichte verwoben. Wichtig ist hier, dass das Buch zwar in einer fiktiven Welt stattfindet, ich jedoch mit allen Ortschaften und vielen Personen und Geschehnissen auf reale historische Hintergründe anspiele.

Beide Bücher zeigen die Charakteristiken einer Sage:

  • Es gibt klare historische Bezüge in den Geschichten. In »Die Geister von Ure« wird beispielsweise auf das Interesse der Habsburger am Gotthard-Pass und den daraus resultierenden Konflikt Bezug genommen.
  • Es gibt konkrete Ort- und Zeitangaben. »Das Sagenbuch zum Stephansdom« behandelt ganz spezifisch den Stephansdom und die Ereignisse, welche sich darum ranken.
  • Die Geschichten folgen nicht immer den Naturgesetzen. In »Die Geister von Ure« gibt es beispielsweise Naturgeister, welche nach ihrem Willen Lawinen und Bergstürze auslösen können oder Tiere zu Monstern mutieren lassen. Beim Stephansdom erzählt man sich unter anderem, dass Gott Brot zu Stein hat werden lassen, um eine hartherzige Frau zu bestrafen.

Die Unterschiede zwischen Märchen und Sagen sind mit den Beispielen schon mal deutlich. Wo aber überschneiden sich nun diese Erzählungen nun?

Beide umfassen fantastische, übersinnliche Elemente, was sie auch zu einem Vorreiter der Phantastik machen. Beide haben außerdem das Ziel, zu belehren. Schon die Brüder Grimm schrieben im Vorwort ihres Buches, dass es als Erziehungsbuch dienen sollte.

Die Nachricht von Märchen sind häufig moralischer Natur. »Kirschen im Winter?« überträgt die Nachricht, dass man nicht nachtragend sein sollte und ein ehrliches Gespräch häufig viele Probleme aus dem Weg schaffen kann. (Und dass Schafe einfach toll sind, aber das ist vermutlich meine eigene, moralfreie Interpretation…)

Die Sagen, welche sowohl in »Das Sagenbuch zum Stephansdom« und teilweise in »Die Geister von Ure« behandelt werden, fußen meistens im Christentum. Sie versuchen, den Menschen aufzuzeigen, wozu Gott und Teufel fähig sind und womit man rechnen muss, wenn man sich mit ihnen anlegt.

Beides – Märchen sowie Sagen – sind also Geschichtsgattungen, welche den Menschen ermahnen sollen, ein gutes und anständiges Leben zu leben – wobei die Definition eines solchen Lebens sich natürlich durchaus auch gewandelt hat. Und das Wichtigste: Beide Gattungen bringen eine satte Portion Phantastik mit.

Die Autorin

Carmen Capiti wuchs in der Zentralschweiz auf und arbeitet heute in Zürich im Bereich der Informationssicherheit. Das Schreiben entdeckte sie in frühen Jahren auf der Schreibmaschine ihrer Großeltern und verfasste während ihrer Schulzeit diverse Zeitungsartikel und Kurzgeschichten. 2015 gründete sie mit drei weiteren Autorinnen den Verein Schweizer Phantastikautoren.

Ihr Debüt-Roman „Das letzte Artefakt“ erschien im März 2015 und wurde nominiert für den SERAPH 2016 – Bestes Debut. Seither veröffentlichte sie den phantastischen Roman „Die Geister von Ure“ sowie die beiden ersten Bände ihrer Cyberpunk-Trilogie (Maschinenwahn, Maschinenschmerz).

Homepage: Carmen Capiti
Facebook: Carmen Capiti
Twitter: @CarmenCapiti
Instagram: kittens_n_keyboard

„Die Geister von Ure“, sowie „Die Perlmuttschmetterlinge“ von Laura Kier könnt ihr im Verlauf des Märchensommers als E-Book und/oder Print gewinnen!

Anne/PoiSonPaiNter

____________________________
Lies auf Deutsch

In during the fairy tale summer my guest author*esses like to challenge some things. Today, for example, it is Carmen Capiti who asks the question of what is actually the difference between a fairy tale and a legend.

Fairy tales and legends – a comparison

Ah, yes, fairy tales! All these wonderful stories that have accompanied most of us since childhood.

Personally, I probably know most (softened) fairy tales through Walt Disney. Others would say that their parents and grandparents used to read them fairy tales. For me, however, these were rather the old myths and legends from our region.

But what exactly are fairy tales? And what distinguishes them from other stories, especially legends?

I am not a linguist and have not studied literature. Nevertheless, I try to answer the questions above by means of small examples.

First of all, I would like to introduce you to Laura Kier’s beautiful self-written fairy tale »Kirschen im Winter?« (Cherries in Winter?)

In this fairy tale Jack Frost, actually responsible for the winter, gets tired of his fight with Sian Dawn. But he unexpectedly receives a visit from Rocks, a stubborn sheep who has taken it into its head that cherries and green meadows have no place in winter.

What defines „cherries in winter“ as a fairy tale?

  • There is no specific time or location. Fairy tales usually take place „a long, long time ago…“ In a „far-away kingdom“.
  • There are talking animals. Rocks is a talking sheep and neither Jack Frost nor the reader is really surprised.
  • It contains other fantastic elements that are treated like everyday occurrences. For example, it is undoubtedly clear that Jack Frost is responsible for the winter.

In the second step I will look at the following two books[ which were presented here yesterday]:

In „Das Sagenbuch zum Stephansdom“ the authoress collects old legends about the St. Stephen’s Cathedral in Vienna. However, she has also added two legends of her own to this collection, in which she refers to more recent events.

„Die Geister von Ure“ is also a collection of legends, but here I have taken a handful of mountain legends from Central Switzerland and woven them into a single, coherent story. It is important here that the book takes place in a fictitious world, but I allude to real historical backgrounds with all the towns and many people and events.

Both books show the characteristics of a legend:

  • There are clear historical references in the stories. In „Die Geister von Ure“, for example, reference is made to the Habsburgs‘ interest in the Gotthard Pass and the resulting conflict.
  • There are specific dates and places. „Das Sagenbuch zum Stephansdom“ deals specifically with St. Stephen’s Cathedral and the events surrounding it.
  • Stories do not always follow the laws of nature. In „Die Geister von Ure“, for example, there are natural spirits that can trigger avalanches and landslides or mutate animals into monsters. In Stephansdom it is said, among other things, that God turned bread into stone to punish a hard-hearted woman.

The differences between fairy tales and legends are already clear with the examples. But where do these stories overlap then?

Both contain fantastic, supernatural elements, which also make them pioneers of fantasy. Both also have the goal of teaching. Already the Brothers Grimm wrote in the preface of their book that it should serve as an educational book.

The message of fairy tales is often a moral one. „Kirschen im Winter?“ conveys the message that one should not hold a grudge and that an honest conversation can often solve many problems. (And that sheep are just great, but that’s probably my own moral-free interpretation…)

The legends, which are dealt with both in „Das Sagenbuch zum Stephansdom“ and partly in „Die Geister von Ure“, are mostly based on Christianity. They try to show people what God and the devil are capable of and what to expect when dealing with them.

Both – fairy tales and legends – are thus literature genres which are intended to exhort people to live a good and decent life – although the definition of such a life has, of course, also changed. And the most important thing: Both genres bring along a rich portion of fantasy.

The authoress

Carmen Capiti grew up in Central Switzerland and now works in Zurich in the field of information security. She discovered writing in her early years on her grandparents‘ typewriter and wrote various newspaper articles and short stories during her schooldays. In 2015, together with three other female authors, she founded the Schweizer Phantastikautoren (Swiss Association of Fantastic Authors).

Her debut novel „Das letzte Artefakt“ (The Last Artifact) was published in March 2015 and was nominated for the SERAPH 2016 – Best Debut. Since then she has published the fantastic novel „Die Geister von Ure“ and the first two volumes of her cyberpunk trilogy (Maschinenwahn – Machine Delusion, Maschinenschmerz – Machine Pain).

Homepage: Carmen Capiti
Facebook: Carmen Capiti
Twitter: @CarmenCapiti
Instagram: kittens_n_keyboard

Anne/PoiSonPaiNter

#CroMär: Kapitel 5

Reginas Oma hat ihr letzte Woche eine unglaubliche Geschichte erzählt, ob sie sich dadurch vom Ball abbringen lässt? Wies es weiter mit dem fünften Kapitel des #CroMär, des Crossover Märchens, könnt ihr heute lesen.

Kapitel 5 – Eingeschneit

Als Regina unten vor die Haustür trat, traute sie ihren Augen kaum: Schnee! Wohin sie auch blickte, alles war unter einer weißen Decke verborgen, ihr Fahrrad eingeschlossen. Sie blinzelte und kniff sich zur Sicherheit kurz in den Arm, doch der Schnee blieb. Sanft segelten noch einige Flocken vom Himmel und landeten auf ihrer ausgestreckten Hand, wo sie sogleich zu kleinen, kalten Wassertropfen wurden.
Regina schüttelte den Kopf. Ob sie nun auch noch halluzinierte? Wenn ja, lag das eindeutig an dem vermaledeiten Apfel, den Tante Susi ihr angedreht hatte. Wenn nein … War das überhaupt möglich, dass so schnell, so viel Schnee fiel? Sie war doch nur ein paar Minuten drinnen bei Oma gewesen.
Mit beiden Händen schaufelte Regina den Fahrradkorb frei, in dem sie das Essen für ihre Großmutter verstaut hatte. Vorsichtig schaute sie in die Plastikdose, die neben dem Kuchen auch den angebissenen Apfel enthielt, und zuckte zusammen: Der Apfel war wieder ganz, als hätte sie nie hineingebissen! Doch irgendwie sah der Kuchen anders aus. Vorhin war er noch saftig gewesen, jetzt wirkte er trocken und krümelig – als hätte er schon mehrere Wochen in der Dose zugebracht und nicht nur etwas mehr als eine Stunde.
Schnell drückte sie den Deckel fest zu, ergriff die Dose mit spitzen Fingern und schaute sich nach dem nächsten Mülleimer um. Dort verstaute sie den Plastikbehälter unter einer alten Zeitung, damit bloß niemand auf die Idee kam, Dose und Inhalt mitzunehmen.
Mit dem restlichen Essen kehrte Regina in die Wohnung zurück.

Während sie noch ihre Schuhe an der Fußmatte abstreifte, hörte sie ihre Oma aus dem Wohnzimmer rufen: „Komm schnell! Sie haben eine ganz sonderbare Eilmeldung durchgegeben!“
Regina hängte ihre Jacke an der Garderobe auf und stapfte dann auf Socken zu ihrer Oma.
„Du wirst nicht glauben –“ Ihre Oma stockte. Sie musterte Regina und an ihrem Gesicht konnte die sehr gut ablesen, wie die Rädchen hinter der Stirn ihrer Oma ratterten. „Was ist mit deinen Haaren passiert?“
Regina strich sich eine feuchte Strähne aus der Stirn. „Schnee“, sagte sie schlicht.
„Schnee?“ Ihrer Oma blieb der Mund offen stehen.
Regina deutete auf die flimmernde Mattscheibe des Fernsehers. „Das da.“
Ihre Oma folgte ihrem Blick. Zusammen sahen sie zu, wie ein sichtlich verwirrter Wettermann auf die hinter ihm eingeblendete Deutschlandkarte zeigte und den Zuschauern mitteilte: „Wie Sie sehen, gibt es in allen Teilen des Bundesgebiets Sonnenschein bei angenehmen, für die Jahreszeit schon fast überraschend hohen Temperaturen. Nur in einem Teil nicht. Dort ist ein drastischer Temperatursturz zu vermelden – mit Schneefall. Wir warnen vor plötzlicher Glätte und bitten Sie, vorsichtig zu sein.“ Er lachte nervös. „Schließlich wissen wir nicht, was das Wetter als Nächstes für uns bereithält. Vielleicht die nächste Eiszeit.“
Ihre Oma stellte den Ton aus und wandte sich Regina zu. „Schnee?“, wiederholte sie.
Regina nickte nur.
Ihre Oma schüttelte den Kopf. „Normal hätte ich das ja für einen schlechten Scherz gehalten. Versteckte Kamera oder so etwas, du weißt schon. Aber wenn du den Schnee gesehen hast …“
„Und gespürt.“
Ihre Oma schüttelte erneut den Kopf, doch zu Reginas Überraschung blieb sie stumm. Das passierte nicht oft. Normal hatte ihre Oma zu allem einen Spruch auf den Lippen – meistens ein Zitat aus einer ihrer Lieblingssoaps.

Statt weiter auf das Thema einzugehen, trug Regina die Plastikdosen in die Küche und stellte sie auf der Arbeitsplatte ab. „Hast du Hunger, Oma?“, rief sie über ihre Schulter. „Ich könnte dir etwas Lasagne aufwärmen.“
„Nein, nein, Liebling“, rief ihre Oma zurück. „Ich habe mir vorhin eine Tütensuppe gemacht. Das reicht erst mal.“
Regina grinste. Was das Essen anging, kam sie wirklich eher nach ihrer Oma als nach ihrer Mutter – die wiederum würde die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, wenn sie wüsste, was die beiden verspeisten, wenn sie nicht dabei war. Also räumte Regina das Essen und die zusätzlichen Lebensmittel, die ihre Mutter ihr mitgegeben hatte, in Omas Kühlschrank.
Dabei nahm sie aus dem Augenwinkel eine Bewegung war. Sie blinzelte und schaute noch einmal hin. Das konnte doch nicht sein … Hatte der Backofen ihr gerade wirklich zugeblinzelt? Nein, das war unmöglich. Sie rieb sich über die Augen und wandte sich zur Tür, um die Küche zu verlassen. Heute war wirklich der Wurm drin – erst recht seit Tante Susis Apfel!
Trotzdem verharrte sie auf der Schwelle und blickte noch einmal über die Schulter zurück. Ein leises Pling ertönte und das Licht im Backofen ging an. Regina zuckte zusammen, dennoch lief sie instinktiv auf das Gerät zu. „Oma? Hast du etwas im Ofen?“
Es war unwahrscheinlich, aber wie sonst sollte sie sich die plötzliche Interaktion des Backofens erklären? Sie bückte sich, schaute durch die Scheibe in den Ofen und sah ein Brot darin. „Oma? Da ist Brot in deinem Ofen!“
Sie wollte den Backofen ausschalten, denn wenn ein Pling ertönte, war das Brot darin sicherlich fertig, doch in dem Moment sah sie, dass dieser gar nicht an war. Wenn sie nach dem Temperaturregler ging, sollte nicht einmal das Licht an sein. Regina runzelte die Stirn, öffnete aber dennoch die Klappe – und der Duft von frisch gebackenem Brot stieg ihr in die Nase. Vorsichtig streckte sie die Hand aus und berührte das Brot mit einem Finger. Es war warm – nicht so heiß, wie es eigentlich sein sollte, wenn es gerade noch gebacken worden war. Aber doch so, als hätte man es vor einer halben Stunde gebacken und dann zum Abkühlen nach draußen gestellt.
Sie hörte langsame Schritte, die kurz hinter ihr verstummten. Regina drehte sich um und sah ihre Oma, die sich am Türrahmen festhielt. Sie schnupperte und dann richtete sie sich plötzlich auf und wirkte wieder fit, als hätte allein der Duft des Brots sie gesund gemacht.
„Oma, da ist Brot im Ofen“, wiederholte Regina, obwohl ihre Oma das natürlich längst selbst gesehen hatte. Doch etwas anderes fiel ihr nicht ein.
Als sie sich erneut zum Ofen umdrehte, bemerkte sie, dass sich dessen Inhalt in der Zwischenzeit noch weiter ›vermehrt‹ hatte: Das ganze Blech war voller Teigwaren – Brot, Brötchen, Croissants –, als wäre eine Großfamilie zum Brunch eingeladen.
Ganz vorsichtig und mit zwei Topflappen – von Reginas Mutter gestrickt, nicht von ihrer Oma – holte sie das Brot schließlich aus dem Ofen und stellte es auf der Arbeitsplatte ab. Skeptisch begutachtete sie es von allen Seiten, doch es sah aus wie ein ganz normales Gebäck, es roch so gut wie frisch vom Bäcker und auch sonst konnte Regina nichts erkennen, das sonderbar war. Nachdem sie auch die anderen Backwaren auf den Tisch gestellt hatte, blickte sie zu ihrer Oma auf. Die war allerdings bereits ins Wohnzimmer zurückgekehrt und schaute wahrscheinlich weiter Telenovelas.
Nachdem Regina sich eine Limo eingegossen hatte, fläzte sie sich neben ihrer Großmutter in einen Sessel und beobachtete sie für einen Augenblick. Eingekuschelt in ihre Decke starrte ihre Oma wie gebannt auf den Bildschirm. Mit einem Kopfschütteln versuchte Regina, das Geschehene zu verdrängen. Vermutlich konnte Oma sich nur nicht dran erinnern, dass sie etwas in den Ofen getan hatte. Schließlich zog Regina ihr Handy hervor und schaute, wie es um ihre Monster stand. Sie freute sich, dass eines der schon ewig liegenden Eier endlich geschlüpft war – da hatte sich die Wegstrecke von zu Hause zu ihrer Großmutter ja irgendwie doch noch ausgezahlt.

Erst in der nächsten Werbeunterbrechung schnitt Oma das andere Thema wieder an, dem Regina mit ihrem Gang nach draußen aus dem Weg gegangen war. „Wieso willst du eigentlich ausgerechnet mit Wolf zum Wunderjunggesellenball?“, fragte sie und schaute Regina stirnrunzelnd an. „Du könntest auch allein gehen oder mit einer deiner Freundinnen. Wäre das nicht einfacher?“

Weiter geht’s: Kapitel 6

Hinter den Kulissen

Dieses Kapitel von Märchenspinnerin Christina Löw, musste auch noch ein bisschen überarbeitet werden. Ursprünglich hatte sie nämlich nicht geplant die Oma zu Frau Holle zu machen, aber so finde ich es irgendwie passender. 😀

Nächste Woche wird es hier ein bisschen mehr zu ihr geben. Nicht nur meine Rezension zu „Träume voller Schatten„, ihrer Zwerg Nase Adaption, sondern auch ein Interview mit ihr und meine Station ihrer Kreativtour #IchAlsZwerg zum Buch.

Im Verlauf des Märchensommers könnt ihr das Buch auch als E-Book gewinnen.

Anne/PoiSonPaiNter

Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?

Read in English

Na aus welcher Ballade stammt der Titel? Natürlich aus dem Erlkönig! Einer Ballade, die wir vermutlich alle in unserer Schulzeit lernen mussten.

Carola Wolff hat sich das Geheimnis des Erlkönigs mal etwas genauer angeschaut …

Der Erlkönig – zwischen Märchen, Mythos und Ballade

Goethes Erlkönig zählt zu den naturmagischen Balladen, in denen die Natur von ihrer lockenden, beglückenden aber auch tödlichen Seite dargestellt wird. Ein Vater reitet mit seinem Sohn des nachts nach Hause, der Knabe wird von einem magischen Wesen angesprochen und zum Bleiben verlockt. Der Vater hört davon nichts, sieht jedoch die Angst seines Sohnes, reitet verzweifelt schneller und schafft es am Ende doch nicht. Der Knabe stirbt.

Balladen sind eine Gedichtform, in der Geschichten erzählt werden. Für die des Erlkönig gibt es verschiedene Interpretationen. Erzählt die Ballade von einem kranken Kind, das nicht mehr rechtzeitig zum Arzt gelangt? Handelt es sich um die schreckliche Geschichte eines sexuellen Mißbrauchs, oder geht es noch um etwas ganz anderes, steckt vielleicht ein uralter Mythos dahinter?

Mich hat die Ballade von jeher schon fasziniert. Ich habe ein wenig nachgeforscht, und finde es sehr spannend, was sich für Querverweise und Wurzeln finden lassen.

Goethe soll unter anderem von einer Dänischen Ballade inspiriert worden sein: Erlkönigs Tochter. Dort gibt es einen Ellerkonge (oder Elverkonge), einen Elfenkönig, der, falsch übersetzt, zu einem Erlkönig wurde. Oder hat Goethe das etwa absichtlich getan?

Der Dichter und Schriftsteller Robert Ranke-Graves schreibt in Die weiße Göttin, dass der dänische Ellerkonge tatsächlich der altenglische Gott Bran (der König der Erlen) sei. Und Bran entführt Kinder in die andere Welt.

Ranke-Graves wird von Burk zitiert in seinem Essay Die Erlkönigin. Dort beschreibt Burk, wie alte Mythen um die Welt reisen, ihre Gestalt wandeln, in neuem Kleid auftauchen und kommt zu dem Schluss:

„Die Legende vom männlichen Erlen-und Elfenkönig überliefert daher eine nur noch schemenhafte Erinnerung an eine uralte weibliche weiße und dreifaltige Todesgöttin, die ursprünglich im alten Griechenland beheimatet war und deren Kult über Spanien nach England wanderte, wo Alphito alias Cerriwen ihr Geschlecht wechselte und zu Bran wurde.“

Und welcher Mythos verbirgt sich hinter der griechischen Göttin Alphito (die kleine Jungen stiehlt)? Niemand anderes als Lilith, Adams erste Frau.

Lilith wurde bestraft, weil sie sich weigerte, Adam zu gehorchen und im Paradies zu bleiben. Deshalb werden seither jeden Tag hundert ihrer Kinder von drei Engeln getötet. Kein Wunder, dass sie sich in einen Nachtdämon verwandelt und an menschlichen Kindern schadlos hält. Bilder zeigen Lilith mit langen, wirren Haaren und Flügeln. Die Krone und der Schweif des Erlkönigs könnten also durchaus eine volkstümliche Verballhornung ihrer Haare und Flügel sein.

Der Erlkönig ist also eigentlich … eine Erlkönigin?

Ich finde das faszinierend. Und es hat mich angeregt, den Fluch des Erlkönigs zu schreiben. Eine etwas andere Geschichte vom Erlkönig.

Wie erklären wir uns die Welt? Durch Geschichten: Mythen, Märchen, Überlieferungen.

Der Kampf mit dem Drachen, die Begegnung mit Hexen und magischen Wesen, darin spiegeln sich Naturgewalten wieder, denen der Mensch hilflos gegenüber steht. Wie gehen wir mit ihnen um, lassen sie sich durch Opfer bezähmen, oder durch Tapferkeit und List? Aber auch die eigene Psyche, die dunklen Strömungen in uns, finden Eingang z.B. in Märchen. Das Ungezähmte, Wilde in uns, die alten Instinkte, nur notdürftig von Zivilisation und guten Manieren übertüncht. Eine Quelle, die wir anzapfen, in Kreativität verwandeln können.

Am Anfang war das Wort.

Also lasst uns eine Geschichte erzählen …

Die Autorin

Carola Wolff lebt in Berlin, zusammen mit Stapeln ungezogener Bücher, die überall herum lümmeln und einer extensiven Sammlung literarischer Teebecher. Sie ist gelernte Buchhändlerin, hat einen BA in englischer Literatur und ein Faible für alles Britische. Jetzt schreibt sie u.a. Jugendfantasyromane. Wer mehr über sprechende Raben und magische Musenküsse wissen möchte, der sei hiermit herzlich eingeladen, Carola auf Twitter, Facebook oder ihrer Homepage beim Schreiben über die Schulter zu gucken.

Homepage: Carola Wolff
Facebook: Carola Wolff
Twitter: @carolawolff

Im Verlauf des Märchensommers kannst du übrigens „Der Fluch des Erlkönigs“ als Gesamtpreis der vier Märchenrallye Runden und als einen der Hauptpreise des Sommers gewinnen.

Anne/PoiSonPaiNter
____________________________
Lies auf Deutsch

Who rides there so late through the night dark and drear?

Well, what ballad does the title come from? From the Erlkönig, of course! A ballad we all probably had to learn in our school days.

Carola Wolff took a closer look at the Erlkönig’s secret…

The Erlkönig – between fairy tale, myth and ballad

Goethe’s Erlkönig is one of the nature magical ballads, in which nature is represented by its luring, pleasing yet also deadly side. A father rides home at night with his son, the boy is approached by a magical being and enticed to stay. The father hears nothing of this, but sees the fear of his son, desperately rides faster and still does not succeed in the end. The boy dies.

Ballads are a form of poetry in which stories are told. There are different interpretations for the Erlkönig’s. Does the ballad tell of a sick child who can’t get to the doctor in time? Is it the terrible story of a sexual abuse, or is there something completely different, perhaps an ancient myth behind it?

I have always been fascinated by the ballad. I did some research and find it very exciting what cross-references and roots can be found.

Goethe is said to have been inspired by a Danish ballad: Erlkönig’s daughter. There is an Ellerkonge (or Elverkonge), an elf king who, wrongly translated, became an Erlking/Erlkönig. Or did Goethe do it deliberately?

The poet and writer Robert Ranke-Graves writes in The White Goddess that the Danish Ellerkonge is indeed the old English god Bran (the king of the alders). And Bran abducts children to the other world.

Ranke-Graves is quoted by Burk in his essay Die Erlkönigin (The Alder Queen). There Burk describes how old myths travel around the world, change their shape, appear in a new dress and comes to the conclusion:

„The legend of the male alder- and elven-king tells of an only shadowy memory of an ancient female white and triune goddess of death, who originally lived in ancient Greece and whose cult migrated via Spain to England, where Alphito alias Cerriwen changed her gender and became Bran.“

And what myth hides behind the Greek goddess Alphito (who steals little boys)? None other than Lilith, Adam’s first wife.

Lilith was punished for refusing to obey Adam and stay in paradise. That is why since then one hundred of their children have been killed by three angels every day. No wonder she’s turning into a night demon and harming human children. Pictures show Lilith with long, chaotic hair and wings. The crown and tail of the Erlkönig could therefore be a folkloric corruption of her hair and wings.

So the Erlking is actually… an Erlqueen?

I find that fascinating. And it has inspired me to write Fluch des Erlkönigs (The Curse of the Erlkönig). A slightly different story about the Erlkönig.

How do we explain the world? Through stories: Myths, fairy tales, lore.

The struggle with the dragon, the encounter with witches and magical beings, this reflects the forces of nature that humans face helplessly. How do we deal with them, can they be tamed by sacrifice, or by bravery and cunning? But also our own psyche, the dark currents within us, find their way into e.g. fairy tales. The untamed, savage in us, the old instincts, only poorly obscured by civilization and good manners. A source that we can tap into, transform into creativity.

In the beginning was the word.

So let’s tell a story…

The Authoress

Carola Wolff lives in Berlin, along with stacks of naughty books lurking around and an extensive collection of literary tea cups. She is a trained bookseller, has a BA in English literature and a weakness for everything British. Now she writes, among other things, fantasy novels for young people. If you want to know more about talking ravens and magical muse kisses, you are kindly invited to look Carola over her shoulder on Twitter, Facebook or her homepage while writing.

Homepage: Carola Wolff
Facebook: Carola Wolff
Twitter: @carolawolff

Anne/PoiSonPaiNter

#CroMär: Kapitel 4

Regina hat letzte Woche mit sich gehadert, wird sie tatsächlich in den fragwürdigen Apfel beißen? Wies es weiter mit dem vierten Kapitel des #CroMär, des Crossover Märchens, könnt ihr heute lesen.

Kapitel 4 – Fischige Angelegenheiten

Bevor Regina noch einmal die Zweifel überkommen konnten, biss sie in den Apfel. Er war tatsächlich saftig, sofort tropfte es ihr übers Kinn. Er schmeckte auch nicht schlecht, aber trotzdem… irgendwie falsch. Als wäre es ganzer Apfelkuchen, nicht nur ein Apfel.
Vorsichtshalber nahm sie keinen zweiten Bissen, sondern stapfte zurück zu ihrem Fahrrad und steckte den Apfel in eine der unzähligen Plastikdosen, die ihre Mutter für ihre Oma mitgeben hatte. Der Kuchen wurde dadurch zwar ein Bisschen gedrückt, aber ansonsten verstanden sie sich bestimmt gut. Jedenfalls würde sie erst einmal die Wirkung abwarten. Neuen Code testete man schließlich auch erst einmal Häppchenweise.
Sie kettete das Fahrrad ab, prüfte ihr Handy – das Spiel lief noch, alles gut – und schob das Fahrrad den lästigen Stück des Weges, der zu dicht bewachsen war. Seltsam, dass ausgerechnet hier heute so viele Leute unterwegs waren. Und am seltsamsten war definitiv dieser Förster gewesen. Einen Kuss wollte er. Ihren ersten richtigen mit Wolf, Sandkasten Küsschen zählten da nicht.
In Reginas Magen gurgelte es, der Apfel war an der Arbeit.
Jedenfalls würde sie ihm weder ihren ersten noch sonst einen geben. So ein Unsinn! Der Kerl hatte überhaupt nichts in der Hand, womit er sie zwingen könnte. Und wenn es doch darauf ankäme, dann wäre wenn dann sie diejenige, die hier im Vorteil wäre. Einen Kuss, pah. Wenn das nicht eindeutig unter sexuelle Belästigung fiel!
Die Geräusche aus ihrem Bauch wurden noch unheimlicher. Als würden kleine Blubberblasen in ihr aufsteigen. Und tatsächlich, wenn sie den Mund öffnete, hatte sie sogar das Gefühl, sie würde Marzipangeruch ausatmen. Was das wohl bedeutete?
Erleichtert sah sie, dass der Pfad wieder befahrbar wurde und schwang sich auf den Sattel. Was auch immer mit ihr passierte, es sollte am besten nicht hier unbeobachtet mitten im dichten Wald geschehen, wo man sie erst nach Tagen finden würde. Obwohl sie bei der Besucherfrequenz heute vielleicht wiederum Glück hätte, aber man musste es ja nicht darauf ankommen lassen.
Eine schöne Geschichte war das, jetzt wurde ihr auch noch übel. Was hatte ihr ihre Tante da nur angedreht? Regina trat rascher in die Pedale.

Sie war selten so froh gewesen, selbst einen Schlüssel zur Wohnung ihrer Oma zu haben, wie in diesem Moment. Das Nicht-darauf-warten-müssen, dass die Tür von innen geöffnet wurde, verschaffte ihr wertvolle Sekunden. Sie stürzte zur Tür hinein, mitsamt Schuhen durch den Flur und direkt zum Klo. Dann war alles vorbei.
„Bist du das, Regina?“, kam es aus dem Wohnzimmer, begleitet von gedämpften Gesprächen des Fernsehers.
„Ja“, schniefte sie.
„Was?“
Den Kopf über der Kloschüssel wartete sie noch eine Salve ab. „Ja!“, brüllte sie dann.
„Warum machst du so komische Geräusche?“
Regina verdrehte gedanklich die Augen, hatte praktisch jedoch gerade andere Dinge zu tun. Verdammt, das war doch nicht normal! Und das war nur die Wirkung von einem einzigen Bissen. So bekamen sechs Kilo in einer Woche natürlich einen ganz anderen Beigeschmack. Und so viel stimmte natürlich auch: Sie hatte jetzt definitiv keinen Hunger mehr.
Dann, endlich, war es vorbei. Zittrig kam Regina auf die Füße, spülte erst das Klo, dann den Mund. Noch während sie das Bad verließ, wählte sie bereits die Telefonnummer ihrer Tante.
„Hallo, Susi. Du, dein Apfel ist furchtbar zum Kotzen.“
„Hallöchen Regina. Was ist dir denn über die Leber gelaufen? Probier ihn doch erst einmal, dann wirst du sehen, dass ich –“
„Ich hab ihn schon gekostet, das ist doch das Problem!“
Reginas Oma lag auf dem Sofa, die Decke bis zur Brust gezogen und winkte Regina mit der Fernbedienung zu. Regina signalisierte ihr, dass sie den Fernseher leiser stellen sollte und diese kam augenblicklich der Bitte nach. Für Skandälchen war sie ganz Ohr, eigene Erkrankung hin oder her. Und am besten wandelte sie die danach gleich in eine kleine, fragwürdige Geschichte um, die sie bei nächster Gelegenheit zum Besten gab.
„Du meinst, er hat zu Erbrechen geführt?“
„Wie der beste Magen-Darm-Infekt.“
„So war das aber nicht gedacht. Die bisherigen Tests an Tieren haben nichts dergleichen ergeben. Es wirkt leicht abführend, das ist richtig, aber von Erbrechen wurde nicht berichtet.“
„Frag sie, welche Tiere es waren“, forderte Reginas Oma.
War ihr Handy so laut, dass sie das hatte mithören können? „Welche Tiere waren es denn?“
„Ratten und Kaninchen, so weit ich weiß. Die Routine eben.“
„Kein Wunder, dass sie nichts festgestellt haben. Die können auch nicht erbrechen“, behauptete ihre Oma.
Regina schirmte das Mikro mit einer Hand ab. „Woher weißt du das denn bitte?“
Ihre Oma deutete vielsagend auf den Fernseher.
„Das stimmt zwar“, hörte Regina Tante Susi in deutlich pikiertem Tonfall sagen (die hatte anscheinend auch viel zu gute Ohren!), „aber du kannst Mama ausrichten, dass Übelkeit bei Ratten sozusagen einen Fressflash verursacht und das hätte wohl kaum zum gewünschten Ergebnis geführt. Das haben zumindest die zuständigen Experten gesagt.“
Das wurde Regina eindeutig zu viel Spekulation. „Egal, was der Grund ist, es war jedenfalls eine Sauerei und du solltest alle anderen Testkandidaten vorwarnen. Ich werde jedenfalls keinen weiteren von diesen Höllendingern essen.“
Und um ihrer Aussage Nachdruck zu verleihen, legte sie auf.
„Das war aber unhöflich.“
Regina schnauffte nur und ließ sich dann neben ihrer Oma aufs Sofa sinken. Jetzt saßen sie hier und waren beide krank. Und vielleicht, ging ihr verspätet auf, war sie doch etwas zu unhöflich zu ihrer Tante gewesen. Was, wenn diese gar nichts dafür konnte, und stattdessen dieser Polizist etwas an dem Apfel gedreht hatte? Immerhin hatte er ihn sogar in seiner Tasche gehabt!
„Was sollte der Apfel überhaupt bewirken?“, fragte ihre Oma neugierig.
„Er sollte mich abnehmen lassen.“
„Und was sollte er wirklich bewirken?“
Regina ließ den Kopf zurücksinken. Sie fühlte sich zittrig und elend. Sie wollte gar nicht wissen, was ein ganzer Apfel bewirkt hätte. Mindestens Bewusstseinsverlust, so viel stand fest.
„Gibt es da etwa einen jungen Herren?“, neckte ihre Oma.
Was half es da, es zu leugnen? „Er hat mich zum Wunderjunggesellenball eingeladen“, brummte Regina. „Und mir sogar das Kleid gezeigt, in dem er mich am liebsten sehen will.“
„Ich kann dich sehr gut verstehen. Als ich in deinem Alter war…“
Na also, hier kam sie schon, eine ihrer Geschichten. Das hatte ja nicht lange gedauert.
„Da hatte ich, ob du es glaubst oder nicht, auch ein paar Pfunde mehr auf den Rippen. Außerdem gab es da einen Jungen… ach, alle Mädchen der Klasse waren hinter ihm her. Er sah aber auch unverschämt gut aus, mit seinen Grübchen. Und witzig war er! Ich konnte mein Glück kaum fassen, als er mich einlud, beim Frühlingsball seine Begleitung zu sein. Aber es gäbe eine Bedingung, meinte er. Es gäbe einen Kostümwettbewerb und den müssten wir unbedingt gewinnen. Da er schon sein Kostüm ausgewählt hatte und als Wassermann gehen würde, müsste ich meins anpassen und als Meerjungfrau gehen. Mit Fischschwanz und Muschel-BH.“
Regina runzelte die Stirn. Na klar.
„Ich hatte natürlich meine Bedenken“, fuhr ihre Oma fort. „Der enganliegende Fischschwanz würde mich wie eine Leberwurst aussehen lassen und noch dazu bauchfrei… Aber es war mein Schwarm, also verkaufte ich meine Seele und wurde zur Meerjungfrau.“ Sie seufzte melodramatisch. „Was ich jedoch nicht wusste, war, dass der Wettbewerb in Wahrheit eine Wette war und die ging darum, wer seine Begleitung dazu bringen konnte, im absurdesten Aufzug zu erscheinen. Und natürlich hatte er mich ausgewählt, weil er wusste, dass er mit mir das leichteste Spiel haben würde. Tatsächlich getanzt hat er dann den ganzen Abend mit einer anderen.“ Sie klopfte Regina sacht auf den Arm. „Deswegen, meine Liebe, sollte man vorsichtig sein und sich nicht für jemanden verbiegen, nur weil er einem einmal angelächelt hat.“
„Muschel-BH? Schwarm? Aus welcher Telenovela hast du denn diese Geschichte? Die muss ja ganz schrecklich gewesen sein.“
„Aber sie hätte mir so passieren können.“
„Ach, Oma. Ich bin doch keine zehn mehr, ich bin zu alt für Märchen. Du hattest nie Gewichtsprobleme, ich kenn doch die alten Fotos von dir.“
„Es ist doch die Botschaft, die zählt.“
„Eigentlich ist es die Wahrheit, die zählt.“ Regina schälte sich wieder vom Sofa. „Ich hol mal die Sachen rein, die Mama für dich mitgegeben hat, bevor sie noch jemand aus dem Fahrradkorb klaut.“
„Das heißt, du willst trotzdem zum Ball.“
Natürlich wollte sie trotzdem. Es war nun mal nicht irgendjemand, es war Wolf. Und zum Glück würde sie nicht als Meerjungfrau gehen, sondern ein normales Kleid anziehen. Nun ja, mit Glitzersteinen. Und zu viel Ausschnitt. Aber was tat man nicht alles.
„Dann lass wenigstens deine Mutter deine gute Fee sein und das Kleid für dich anpassen“, rief ihr ihre Oma hinterher. „Damit es wenigstens dein Kleid wird und nicht das für eines dieser super skinny Models.“
Wo auch immer sie diesen Begriff schon wieder aufgeschnappt hatte. Regina seufzte. Manchmal wünschte sie sich, sie könnte auch einfach eine dieser ganz normalen Omas haben, die Tee kochten, Kuchen backten und strickten. Aber diese Fähigkeiten waren irgendwie alle direkt zu ihrer Mutter übergegangen.

Weiter geht’s: Kapitel 5

Hinter den Kulissen

Letztes Jahr hat sie noch mitgerätselt, in diesem Märchensommer ist Anne Danck, die selbst auch an eigenen Märchenadaptionen schreibt, direkt beteiligt. Wer weiß, vielleicht ist sie dann in Auflage 3 mit ihrem eigenen Buch vertreten. 😀

Anne/PoiSonPaiNter

Die Baba? Die Jaga? Die Baba Jaga! (Teil 2)

Read in English

Letzte Woche hat Katherina bereits anfangen euch etwas zu einer meiner Lieblingsfiguren zu erzählen, heute folgt der zweite Teil ihres Gastbeitrags.

Grimm’sche Hexe und Baba Jaga – zwei Mal Hexe? – Teil 2

Ihr habt erfahren woher sie und ihr Name stammen, wie sie aussieht und was sie so für Fähigkeiten hat. Heute geht es weiter mit:

Behausung

Die Grimm’schen Hexen haben in unterschiedlichen Märchen unterschiedliche Behausungen. So lebt die Hexe aus „Hänsel und Gretel“ im Pfefferkuchenhaus, das gleichzeitig Behausung und Falle ist. Die Hexe in „Jorinde und Joringel“ dagegen besitzt gleich ein ganzes Schloss voller Singvögel. Die Behausung der Hexe hängt also von ihrer Funktion im jeweiligen Märchen ab. In einem der wenigen Märchen mit Hexenmeister wird die Behausung gar nicht erwähnt, nur, dass es eine gibt und scheinbar die Menschen wissen, wo sie sich befindet, um ihr Kind dem Hexer in die Lehre zu geben, wie in „Der Gaudieb und sein Meister„.
Abgesehen davon befinden sich die Häuser der meisten Hexen im Wald. Ähnlich wie der Zaun als Trennung zwischen Menschenwelt und magischer Dämonenwelt fungiert, ist der Wald als Abgrenzung zum Dorf zu verstehen – die magische Welt, über die eine Hexe Macht hat.

Baba Jagas Behausung dagegen ist immer gleich. Es handelt sich hierbei um ein Haus auf einem Hühnerbein, umringt von einem Zaun aus Totenschädeln. Laut einigen Forschern ist das Hühnerbeinhaus ein Überrest altslawischen Glaubens, als Baba Jaga noch eine tierische – und keine menschliche – Gestalt hatte. Die Totenschädel symbolisieren, dass sie teils im Totenreich steht – wer also sich in ihr Haus begibt, übertritt damit auch symbolisch die Schwelle ins Reich der Toten. Wenn also ein Recke sich im Zuge der Heldenreise eines Märchens bei ihr aufhält, ist das oft sinnbildlich die Entsprechung der Jenseitsfahrt in der klassischen Heldenreise der antiken Mythen.
Anders als bei der Hexe, ist der Wald um ihr Haus herum allerdings nicht magisch, weil Baba Jaga dort wohnt. Der Wald ist immer magisch und Baba Jaga als Waldhüterin ist das Wesen, das man besänftigen muss, um sicher dort zu sein. Denn in den Vorstellungen der alten Slaw*innen war grundsätzlich jeder Bereich magisch und von Geistern bevölkert – egal ob es sich um das eigene Haus, das Dorf oder den Bereich außerhalb handelte. Nur dass für unterschiedliche Bereiche unterschiedliche Wesen zuständig waren. Diese Vorstellungen leben in abgeschwächter Form auf dem Lande teilweise weiter oder werden im Zuge der Besinnung auf alte, vorsowjetische Traditionen wiederbelebt.

Bedeutung

Baba Jaga ist eine mehrdeutige Figur. Laut Vladimir Ja. Propp hat sie drei Gesichter:

  • Die Schenkende, die den Held*innen ein magisches Pferd oder einen anderen magischen Gegenstand übergibt
  • Die Kindsräuberin (wie u.a. in „Wilde Schwäne“ und „Baba Jaga„)
  • Die Kriegerin, gegen die sich der Held im Kampf behaupten muss, um zu einer höheren Bewusstseinsstufe aufzusteigen

Diese Dreiernatur hängt mit mehreren Dingen zusammen. Zum einen gilt Baba Jaga in der Folklore als Herrin des Waldes, die besänftigt werden muss, wenn man den Wald gefahrlos nutzen/durchschreiten möchte. Als solche ist sie also ein Überbleibsel der vorchristlichen slawischen Überlieferungen. Zum anderen kommt hier die ursprüngliche Natur der vorchristlichen Gottheiten und mystischen Frauengestalten zum Tragen, die sowohl Gutes als auch Böses in einer Person verbanden.

Um die Bedeutung der Grimm’schen Hexe zu thematisieren, muss man weiter ausholen und die Geschichte der zauberkundigen Frauen an sich im europäischen Raum betrachten. Während zauberkundige Frauen in der Frühantike noch ambivalent – also gut wie schlecht – sein konnten, nahm das Ansehen schon zur Römerzeit immer weiter ab. Bereits im Zwölftafelgesetz im antiken Rom standen Schadenszauber jeder Art unter Todesstrafe. Was freilich niemanden daran hinderte, solche beispielsweise im Tempel der Isis in Auftrag zu geben. Im Laufe der Zeit wurde zudem das Wissen heilkundiger Frauen zunehmend stigmatisiert, was letzten Endes in der Hexenverfolgung mündete (um es stark vereinfacht auszudrücken).
Der Effekt ist zweigleisig – aus den Dämonen und Göttinen der alten Geschichten werden Menschenfrauen. Gleichzeitig verlieren Zauberinnen alle ihnen zugeschriebenen positiven Eigenschaften. Bis ins achtzehnte Jahrhundert gehörten Hexen nicht in Geschichten, da sie für die Menschen durchaus Realitäten darstellten. Mit der Verbrennung der letzten Hexe in Deutschland – 1775 – ändert sich das. Da Hexen nicht mehr Teil der gelebten Realität sind, kann die Märchenhexe sich von einigen der herrschenden Vorstellungen lösen und zu etwas Eigenem werden. Sie ist dabei eine Mischung aus den vorchristlichen Vorstellungen der Zauberfrau und dem Hexenbild von Mittelalter und früher Neuzeit.

Ihre Funktion ist dabei meist die eines Kinderschrecks: In den meisten Märchen versucht sie, Kinder zu sich zu locken, um sie zu verzaubern oder zu essen. Seltener sind die Gegner*innen Jugendliche oder junge Erwachsene (wie bei Jorinde und Joringel).
Einige Forscher*innen sehen in der Märchenhexe eine ausschließlich böse Figur (so Max Lüthi) oder als Figur, die gegen alle Gesetze handelt und somit als abschreckendes Beispiel dient, wie ein Mensch nicht zu handeln hat. Somit soll ihr grausames Ende Kindern aufzeigen, was passiert, wenn sie sich nicht an die Gesetze des guten Zusammenlebens handeln. Die drastischen Strafen dienen der Prävention.

Psychologisch gesehen können Hexen auch als die schlechten Seiten eines Menschen gelesen werden, die am Ende des Märchens zu vernichten sind. So wird zwar die Stiefmutter von Schneewittchen nicht explizit als Hexe benannt, hat jedoch spätestens im letzten Drittel des Märchens ihre äußeren und inneren Eigenschaften, während sie in der Verkleidung der hässlichen Alten auftritt. Indem die Hexe sich in heißen Schuhen zu Tode tanzt, „verbrennt“ die negative Seite in der Persönlichkeit von Schneewittchen, die somit mit dem Prinz an der Seite erwachsen werden kann.

Interessanterweise sind Hexenfiguren grundsätzlich regional. Die Rolle, die in deutschen Märchen oft eine Hexe einnimmt, nimmt in vielen Märchen aus anderen Ländern ein*e Menschenfresser*in ein. In einigen Ländern fehlen Hexen völlig und werden durch Feen oder hexenähnliche Geschöpfe der eigenen Mythologie ersetzt.

Fazit

Auch wenn auf den ersten Blick die Grimm’sche Hexe und die russische Baba Jaga viele Gemeinsamkeiten haben, haben die beiden Figuren sehr unterschiedliche Entstehungsgeschichten und Bedeutungsspektren. Dass sie sich jedoch einander annähern, liegt nicht zuletzt daran, dass auf der ganzen Welt ungefähr zur gleichen Zeit mit dem Niederschreiben der Märchenstoffe begonnen wurde. Und auch wenn es damals kein Internet gab, tauschten sich die Menschen rege international über ihre Arbeit aus. So würde es mich nicht wundern, wenn sich die zwei Archetypen nicht mit der Zeit dadurch einander angenähert hätten, sodass exotischere Ausformungen der Baba Jaga (wie die als Dreiergruppe) verdrängt wurden.

In jedem Fall sind beide Gestalten vielschichtige und interessante Figuren, die auch die folgenden Generationen nicht loslassen werden.

Die Autorin

Katherina Ushachov zog im Alter von sechs Jahren aus dem sonnigen Odessa nach Deutschland. Zwanzig Jahre später machte sie Vorarlberg zur neuen Wahlheimat. Sie schreibt seit der Schulzeit, weil sie ohne das Schreiben nicht mehr leben kann. Wenn die freie Lektorin nicht gerade an einem ihrer Romane arbeitet, textet sie für mehrere gemeinschaftlich geführte Blogs oder erzählt auf ihrer Homepage vom Alltag als junge Autorin.

Homepage: Keller im 3. Stock
Lektorat: Phoenixlektorat
Weltenbau: Weltenschmiede
Facebook: Katherina Ushachov – Autorin
Twitter: @evanesca

Morgen wird es mal ein bisschen zeichnerisch … neben den Bilderrätseln, die ihr auch weiterhin bei Trimagie und Drachengeschichten und Nordlichter auf Facebook lösen könnt.

Anne/PoiSonPaiNter
_________________________________
Lies auf Deutsch

Last week Katherina already started to tell you something about one of my favorite characters, today you can read the second part of her guest post.

Grimm’s Witch and Baba Jaga – Twice a Witch? – Part 2

You learned where she and her name come from, what she looks like and what her abilities are. Today we continue with:

Dwelling

Grimm’s witches have different dwellings in different fairy tales. Thus the witch from „Hansel and Gretel“ lives in the gingerbread house, which is both a dwelling and a trap. The witch in „Jorinde and Joringel„, on the other hand, owns a whole castle full of songbirds. The witch’s dwelling depends on her function in the respective fairy tale. In one of the few fairy tales with a sorcerer, the dwelling is not mentioned at all, only that there is one and apparently people know where it is to teach their child to the sorcerer, as in „The Thief and His Master„.
Apart from that, most witches‘ houses are in the forest. Just as the fence acts as a separation between the human world and the magical demon world, the forest is to be understood as a boundary to the village – the magical world over which a witch has power.

Baba Jaga’s dwelling, on the other hand, is always the same. It is a house on a chicken leg, surrounded by a fence of skulls. According to some researchers, the Chicken House is a remnant of ancient Slavic belief, when Baba Jaga still had an animal – and not a human – form. The skulls symbolize that she is partly in the realm of the dead – so whoever enters her house symbolically crosses the threshold into the realm of the dead. So when a hero stays with her during a fairy tale’s hero’s journey, this is often symbolically the equivalent of the afterlife journey in the classical hero’s journey of ancient myths.
Unlike the witch, the forest around her house is not magical because Baba Jaga lives there. The forest is always magical and Baba Jaga as a forest keeper is the being you have to soothe to be safe there. For in the ideas of the old Slavs, every area was basically magical and populated by spirits – regardless of whether it was their own house, the village or the area outside. Only that different beings were responsible for different areas. Some of these ideas live on in the countryside in a diluted form or are being revived in the course of reflecting on old, pre-Soviet traditions.

Meaning

Baba Jaga is an ambiguous figure. According to Vladimir Ja. Propp she has three faces:

  • The giver who gives the heroines a magic horse or other magic object
  • The Child Thief (as in „The Magic Swan Geese“ and „Baba Jaga„, among others)
  • The warrior, against whom the hero has to fight in order to advance to a higher level of consciousness.

This tripple nature is connected with several things. On the one hand, Baba Jaga is considered in folklore as the mistress of the forest, who must be calmed down if one wants to use the forest safely. As such, it is a remnant of pre-Christian Slavic traditions. On the other hand, there is the original nature of the pre-Christian deities and mystical female figures, who combined both good and evil in one person.

In order to address the meaning of Grimm’s witch, one must go further and look at the history of magical women in Europe. While magical women in early antiquity could still be ambivalent – good as bad -, the reputation already decreased further and further in Roman times. Already in the Twelve Tables Act in ancient Rome, all kinds of harmful spells were punishable by death. Which, of course, did not prevent anyone from commissioning such in the temple of Isis, for example. In the course of time, the knowledge of healer women was increasingly stigmatized, which ultimately led to witch hunts (to put it very simply).
The effect is twofold – the demons and goddesses of ancient stories become human women. At the same time, sorceresses lose all the positive qualities attributed to them. Until the eighteenth century witches did not belong in stories because they were realities for people. With the burning of the last witch in Germany – 1775 – this changed. Since witches are no longer part of lived reality, the fairy tale witch can detach herself from some of the ruling ideas and become something of her own. It is a mixture of the pre-Christian ideas of the sorceress and the witch image of the Middle Ages and early modern times.

Their function is usually that of a child’s fright: In most fairy tales she tries to attract children to enchant or eat them. Rarer are the opponents young people or young adults (as with Jorinde and Joringel).
Some researchers see the fairy tale witch as an exclusively evil figure (according to Max Lüthi) or as a figure who acts against all laws and thus serves as a cautionary example of how a person should not act. Thus their cruel end is to show children what happens when they do not abide by the laws of good coexistence. The drastic penalties are for prevention.

Psychologically speaking, witches can also be read as the bad sides of a person to be destroyed at the end of a fairy tale. Although Snow White’s stepmother is not explicitly named as a witch, she has her external and internal characteristics in the last third of the fairy tale at the latest, while she appears in the disguise of the ugly old woman. By dancing herself to death in hot shoes, the witch „burns“ the negative side in the personality of Snow White, who can thus grow up with the prince by her side.

Interestingly, witch figures are basically regional. The role often played by a witch in German fairy tales is played by a man-eater in many fairy tales from other countries. In some countries witches are completely absent and are replaced by fairies or witch-like creatures of their own mythology.

Conclusion

Even if the Grimm witch and the Russian Baba Jaga have a lot in common at first glance, the two figures have very different origin stories and spectra of meaning. However, the fact that they are converging is not least due to the fact that the recording of fairytale materials began around the same time all over the world. And even if there was no Internet at that time, people actively exchanged their work internationally. So it wouldn’t surprise me if the two archetypes hadn’t come closer together over time, displacing more exotic forms of the Baba Jaga (like those as a group of three).

In any case, both figures are multi-layered and interesting figures that will go unnoticed by future generations either.

The Authoress

Katherina Ushachov moved from the sunny Odessa to Germany at the age of six. Twenty years later she turned Vorarlberg into her new chosen home. She is writing since school times, as she can’t live without writing any more. When the free Copy Editor isn’t working on one of her novels, she writes for several collaboratively lead Blogs or talks about her every day life as young authoress on her homepage.

Homepage: Keller im 3. Stock
Copy Editor: Phoenixlektorat
Worldbuilding: Weltenschmiede
Facebook: Katherina Ushachov – Autorin
Twitter: @evanesca

Tomorrow it will be a bit graphical…

Anne/PoiSonPaiNter

#CroMär: Kapitel 3

Letzte Woche wurde Regina ein etwas fragwürdiges Obst angedreht, was sie damit macht und wies es weiter mit dem dritten Kapitel des #CroMär, des Crossover Märchens, könnt ihr heute lesen.

Kapitel 3 – Forsthilfe

Es war wirklich nicht fair von ihrer Tante, ausgerechnet Wolf ins Spiel zu bringen. Todesmutig hatte sie ihm ihre Gefühle gestanden und er hatte sie einfach nur ausgelacht. Nur Freunde seien sie. Nach dem er den Talentwettbewerb gewonnen hatte, nicht mal mehr das. Weil er keine Zeit mehr hatte. Sie hätte ihm die Augen auskratzen sollen. Stattdessen hat sie sich zurückgezogen und einfach nicht aufhören können, an ihn zu denken. Wenn er sich genug in der Welt ausgetobt hatte, vielleicht, das hoffte sie ganz insgeheim, vielleicht würde er zu ihr zurückkommen. Niemand vergaß seine Sandkastenliebe. Oder? Bestimmt nicht! Schmachtend starrte sie auf den Apfel. Sieben Kilo. In einer Woche. Er war wirklich wunderbar rot. Aber bildetet sie sich das ein oder roch er nach Marzipan? Wie eklig war das denn? Urplötzlich fielen ihr die Mädchen ein, mit denen Wolf in der Zeitung abgebildet war. Im hohen Bogen schleuderte sie den Apfel zwischen die Bäume, lobte sich ihre Pfunde und schob das Rad weiter.
Nach ein paar Metern sah sie ihn noch einmal im Moos liegen. Er war in der Nähe einer Ameisenstraße gelandet, doch die emsigen Arbeiter stürzten sich nicht auf ihn, sondern machten einen großen Bogen darum. Regina warf einen Blick über die Schulter, ob der pinke Neonblitz noch irgendwo zu sehen war – Tante Susi war verschwunden –, und kickte den Apfel tiefer ins Unterholz. Sie konnten sie mal, alle Wölfe und Hungerhaken dieser Welt. Sie blieb bei richtigen Äpfeln, echtem Marzipan und kaschierenden Kapuzenpullovern.
Der Wald wurde dichter. Schon oft hatte sie es verflucht, dass man die letzte Strecke nur schieben konnte, wenn man nicht von der anderen Seite kommen und die Straße nehmen wollte. Und das wollte sie definitiv nicht, auch wenn es hier manchmal unheimlich war. Kurz überlegte sie, ihr Rad an einen Baum zu ketten, um ohne besser vorwärts zu kommen, da entdeckte sie zwischen den Stämmen eine Gestalt auf sich zu kommen. Nicht schon wieder jemand, oder? War denn die ganze Stadt heute im Wald unterwegs? Das mit dem Anketten erübrigte sich. Schnell wegkommen war jetzt gefragt, aber die Gestalt bemerkte wohl ihren Plan und beschleunigte den Schritt.
„Hey, Regina, warte mal!“
Wie vom Donner gerührt blieb sie stehen. Unter tausend Stimmen hätte sie diese eine wiedererkannt. Hastig drehte sie sich um und nahm nun tatsächlich den Kopfhörer aus dem Ohr.
„Mensch, gut, dass ich dich gefunden habe!“ Er lächelte. Das gleiche zauberhafte, pulsbeschleunigende Lächeln wie damals, als er noch auf dem Schulhof die Pausen mit ihr verbracht hatte.
„Wolf? Bist du das?“
Er grinste. „Und ob. Ich musste ganz schön suchen, um dich zu finden.“
„Aber … aber … woher?“ Ihr blieb der Mund offen stehen. Er stand wirklich vor ihr. Hier. Mitten im Wald.
„Deine Mutter. Sie hat mir gesagt, dass du zu deiner Oma unterwegs bist. Da bin ich hinterher.“
„Du warst bei mir zuhause?“
„Gott, nein, wie kommst du darauf? Ich habe angerufen.“
Der Mund klappte wieder zu. „Ach so.“ Angerufen? „Aber wieso?“
„Hör zu! Ich brauche dich.“
„Mich?“
„Genau dich.“
„Wozu?“
„Nächsten Samstag ist der Wunderjunggesellenball. Na ja, wir bringen alle unsere erste Liebe mit. Und meine warst ja nun mal du.“
„Ich? Und was ist mit Lisa? Leonie? Sabrina? Elke? Martina? Und die hundert anderen, die mir nicht mehr einfallen?“
Er hob beschwichtigend die Hände. „Schon gut, schon gut. Es hat ein paar gegeben. Aber nur eine war die Erste. Und das bist du. Wie sollte ich meine Sandkastenliebe vergessen?“
Sie schluckte. „Im Ernst?“
„Würdest du mich begleiten?“
„Wunderjunggesellenball?“
„So heißt er nun mal.“
„Ich habe Samstag schon was vor.“
„Kannst du das nicht verschieben? Um der alten Zeiten willen?“
„Du solltest lieber eine von deinen Magermodels fragen.“ Sie wünschte sich, dass ihr Herz nicht wie verrückt pochen würde. Er sah noch tausend mal besser aus, als auf den vielen Fotos, die sie von ihm gesammelt hatte. Und war er wirklich durch den ganzen Wald gehetzt, um sie zu finden?
„Hab ich d… hab doch nur eine Sandkastenliebe.“
Ihr Blick schweifte langsam zwischen den Baumstämmen hin und her, als suchte sie dort nach dem Haken. Das war doch alles ein Traum, oder?
„Komm schon, sag ja!“ Da war es wieder, dieses Lächeln.
„Ich … ich kann nicht tanzen. Und ich habe kein Kleid.“
„Das mit dem Tanzen kriegen wir schon hin. Und für ein Kleid habe ich natürlich gesorgt.“ Er griff in seine Hosentasche und zog ein Bild heraus. „Wie wäre es mit dem hier?“ Ein Traum aus dunkelblauer Seide, schwingendem Rock und Swarovskisteinen besetztem Dekolleté zeigte sich darauf.
„Das … das … ich … da passe ich niemals rein.“ Es war abscheulich diese Worte sagen zu müssen. Feurige Röte zog sich über ihre Wangen. War ja klar, dass das alles nur ein Witz war. Er wollte sie demütigen, auf übelste Weise. Und sie wäre beinahe darauf reingefallen. Mit zittrigen Händen zog sie sich die Kapuze über und wandte sich ab.
Wolf legte ihr die Hand auf die Schulter. „Hey, warte. Das ist kein Witz. Geh mit mir zum Wunderjunggesellenball. Das Kleid ist wirklich für dich. Irgendwie wirst du da schon reinpassen. Natürlich nur, wenn du willst. Aber wie es aussieht, hast du wohl keine Lust.“
Doch. Hatte sie.
„Na, dann …“ Jetzt war er es, der sich abwandte.
Blitzartig fiel ihr Tante Susis Apfel ein. „Äh, doch. Warte! Ich habe Lust.“
„Du kommst mit?“ Seine Augen blitzen auf. So wie früher.
„Ja. Das mit dem Kleid bekomme ich hin. Wann treffen wir uns?“
Ein breites Grinsen überzog sein Gesicht. „Ich hole dich ab. Samstag um sechs.“
„In einer Woche?“
„In einer Woche, Baby.“
„Okay. Abgemacht.“
„Das Kleid lasse ich dir vorbeibringen.“
„Gut.“
„Dann bis Samstag in einer Woche.“
„Bis Samstag.“
Seine athletische Gestalt verschwand zwischen den Bäumen. Sie starrte ihm hinterher, als wäre er ein Geist. Ein wunderschöner Geist, ein Traum von einem Mann. Sie musste jetzt nur noch dafür sorgen, dass dieser Traum nicht ungeträumt blieb – und diesen verdammten Apfel wiederfinden, damit sie pünktlich zum Fest eher für das Kleid passende Figur hatte. Denn Tante Susi um einen weiteren Apfel zu bitten – eher würde sie sich von einer Klippe stürzen, als sich das dumme Grinsen ihrer Tante anzutun.
Das Fahrrad wurde jetzt doch an den Baum gekettet, samt Korb, denn beim Suchen brauchte sie die Hände frei. Aber wo zum Teufel hatte sie den Apfel hingetreten? Wo hatte sie ihre Tante getroffen. Wo war die Ameisenstraße? Gab es denn in diesem Wald nichts als Bäume, Bäume, Bäume?
Innerlich verfluchte sie ihre nerdige Angewohnheit, niemals ganz genau den gleichen Weg zu nehmen. Trotzdem musste sie es versuchen. In Gedanken tanzte sie schon einen Walzer mit Wolf, schwebte in seinen Armen, spürte seine Hand auf der Hüfte, roch seinen Atem. Sie. Brauchte. Diesen. Apfel.
Die Äste knackten unter ihren Schritten, Brombeerdornen verfingen sich in ihrem Hosenbein, mit einem Ruck befreite sie sich, stürzte vornüber und landete im Moos.
Verdammt.
„Kann ich Ihnen helfen, junge Frau?“
Verwirrt fuhr sie herum, nur, um festzustellen, dass sie dank ihres Körpergewichts gar nicht so einfach herumfahren konnte. Also drehte sie sich um.
Vor ihr stand ein kleiner, untersetzter Herr mit Rauschebart und Rotzbremse. An den äußersten Haaren über der Oberlippe klebten noch gelbe Reste der letzten Mahlzeit. Eine Forstuniform umspannte seine Wampe, der Hut hing halb über seinem Ohr. Er reichte Regina eine Hand und half ihr wieder auf die Beine.
„Kann ich Ihnen helfen?“, wiederholte er seine Frage, nachdem sie ihre Hosenbeine sortiert hatte.
„Ich such einen Apfel.“
„Einen Apfel?“
„Einen roten.“
„Einen roten Apfel?“
„Ja.“ Sein übler Atem ließ sie einen Schritt zurückweichen. „Einen roten Apfel. Er war ein Geschenk von meiner Tante. Ich brauche ihn dringend. Man könnte sagen, mein Leben hängt davon ab. Oder mein Glück. Meine Liebe. Einfach alles.“
„Wo haben sie ihn verloren?“
„Zwischen den Bäumen bei der Ameisenstraße.“
„Aha. Welcher Baum genau?“ Während er sprach, wippte sein Schnäuzer auf und ab, ein Teilchen des gelben Speiserestes löste sich, fiel herab und blieb im Rauschebart kleben.
„Das weiß ich doch nicht mehr.“
„Hmm. Schwierig, schwierig. Wenn sie keine genauere Beschreibung haben …“
„Nein.“
„Ich könnte Ihnen natürlich auch anders helfen.“
„Und wie?“ Sie tat einen Schritt auf ihn zu, bereute es augenblicklich, aber traute sich nicht, wieder zurückzutreten.
„Ich kann Ihnen den Apfel beschaffen.“
„Wirklich?“ Das Kleid blitzte vor ihrem inneren Auge auf. Sie tanzte mit Wolf in einem wunderschönen Kartenhaus.
„Sicher.“
„Ja dann.“
„Es hätte natürlich einen Preis.“
Das Kartenhaus stürzte zusammen. „Wie teuer wird es denn?“
Der Förster lachte hämisch. „Nicht teuer, eine winzige Kleinigkeit.“
„Und was?“
„Sollten sie ihren Liebsten auf dem Fest erobern …“
Woher wusste er denn jetzt von Wolf und dem Ball? „Ja?“
„… gehört der erste Kuss mir.“
„Was?“
„Also? Was ist?“
„Sie wollen einen Kuss?“ Sie presste die Lippen aufeinander.
„Den ersten Kuss. Nur, wenn Sie ihren Liebsten gewinnen. Sonst natürlich nicht.“
„Aber?“
„Das ist doch wohl nicht zuviel verlangt, wenn man bedenkt, was Sie bekommen.“
„Nein. Natürlich.“
„Und? Wollen Sie ihren Apfel zurück?“
Was sollte geschehen? Sollte sie wirklich Wolfs Herz erobern, dann würde ihr liebster doch verhindern, dass dieser sabbernde Bartträger sie küsste, oder nicht? Eigentlich war es ein völlig gefahrloser Deal. „Ja. Bitte helfen Sie mir.“
„Und ich bekomme den ersten Kuss?“
„Ja.“
„Abgemacht?“
„Abgemacht.“
Mit einem Freierlächeln schnippte er mit den Fingern. Ein winziger Blitz fuhr aus den Fingerspitzen. Dann steckte er seine Hand in die Uniformtasche und zog … den Apfel heraus. „Bitte sehr.“
„Aber.“ Ihr blieb nun schon zum zweiten Mal an diesem Tag der Mund offen stehen. „Woher?“ Es war tatsächlich Tante Susis Apfel, samt Marzipangeruch.
„Wir sehen uns. Danken Sie mir später.“
Ehe sie sich versah, stand sie wieder alleine im Wald.

Weiter geht’s: Kapitel 4

Hinter den Kulissen

Heute war Paula Roose dran, an deren Kapitel wir etwas rumdoktern mussten, da sich Regina in der ersten Fassung doch etwas zu sehr „geistig umnachtet“ anfühlte, als sie viel zu schnell auf Wolf eingegangen ist.
Ursprünglich war der Förster auch ein Polizist, aber so tief im Wald, war das dann doch etwas unpassend.
Von Paula könnt ihr übrigens im Verlauf des Märchensommers ihr Buch „Drachenschuld“ als Rundenpreis der dritten Märchenrallye Runde und als zwei der kleinen Hauptpreise des Sommers gewinnen.
Anne/PoiSonPaiNter