Lost in Translation
Es war nicht einfach mit Nicholas zu arbeiten. Seine Antworten waren entweder sehr einsilbig oder nur ein grummeln. Es war frustrierend, aber Katrin gab ihr Bestes, um ihn bei Laune zu halten und ihn dazu zu bringen nicht aufzugeben. Sie wĂŒrden eine Lösung finden, da war sie sich sicher. In irgendeinem dieser abertausenden BĂŒcher musste der entscheidende Hinweis zur Verwandlung eines Krampus stehen! Es musste einfach!
Um nicht ins Haupthaus zu gehen hatte Nicholas sich ein Lager in einer Ecke der Bibliothek aufgeschlagen, sehr zu Ephraims Missfallen, der ihn dennoch hin und wieder in sein eigenes Bett scheuchte. Dort blieb er allerdings meist nicht lang, denn noch vor Morgengrauen kehrte er wieder in die Bibliothek zurĂŒck. Bisher wusste seine Familie nicht, was mit ihm los war. Sie wussten lediglich, dass er wĂ€hrend der Auslieferung, nicht unweit von Katrins Wohnort, zusammengebrochen war und sich seitdem zurĂŒckgezogen hatte. Letzteres hatte er Katrin ebenfalls gestanden, was ihm eine Standpauke eingebracht hatte. „Warum hast du denn nicht geklopft? Ich hatte alles schon vorbereitet und dekoriert!„, hatte sie ihn geschmipft und auch wenn er sich darĂŒber freute, dass sie tatsĂ€chlich auf ihn gewartet hatte, so konnte er ihr seine GrĂŒnde nicht nennen. Sie wĂŒrde es nicht verstehen. Stattdessen hatte er Katrin gebeten ihn nicht zu verraten, auch wenn es ihr schwer fiel und sie ihn immer wieder aufs Neue geradezu anflehte es ihnen endlich zu sagen. âVielleicht können sie helfen!â oder âSie mĂŒssen doch wissen, was mit dir los ist!â waren ihre Hauptargumente. Nein, er wollte es ihnen nicht sagen bis sie ein Gegenmittel oder etwas gefunden hatten, womit er es kontrollieren konnte. Er wollte nicht zur mörderischen Bestie werden. Er hatte bereits ein Leben genommen und das war bereits eines zu viel. Manche schlaflose Nacht dachte er darĂŒber nach, ob seine Verwandlung dadurch kam, dass er den alten Krampus getötet hatte, aber er kam nie zu einem schlĂŒssigen Ergebnis.
Katrin war nun nahezu tĂ€glich bei ihm. Sie kam direkt nach der Arbeit und ging wenn er sie spĂ€t nachts rauswarf, wenn sie wieder ĂŒber einem Buch eingeschlafen war. Auf diese Weise ging sie seiner Familie so gut es ging aus dem Weg und musste sich dennoch nicht frei nehmen – auch wenn sie es sofort getan hĂ€tte, wie sie ihm mehrfach beteuerte, aber das wollte er nicht. Er wollte gar nicht, dass sie sich weiter einmischte. Sie sollte einfach ihr Leben weiterfĂŒhren und ihn, ja, ihn weiter zum Monster werden lassen. Immer wenn er ihr das vorhielt, schallte sie ihn einen Dummkopf. âFreunde lassen Freunde nicht im Stich!â Freunde, mehr waren sie nicht. Es schmerzte wenn sie das sagte und es schmerzte noch viel mehr, wenn Carlos oder Ephraim sie nachts nach Hause begleiteten, damit ihr im Dunkeln nichts geschah. Er wollte sie selbst bringen. Auf sie aufpassen, aber er traute sich nicht aus seinem Versteck.
Als die Haare auf seinem linken Arm sich zu Fell verdichteten und seine FingernĂ€gel zu Krallen wurden, sie aber immer noch keine Lösung gefunden hatten, erlaubte er Katrin endlich seiner Familie zu erzĂ€hlen, warum er sich abschottete. Die Reaktionen ĂŒberraschten ihn nicht. Die Blicke, mit denen sie ihn bedachten, als er sich ihnen offenbarte waren mitleidig und verzweifelt. Sie alle schauten hin und wieder nach ihm. Seine Mutter brachte ihm Kekse, Nicole und Klaus halfen gelegentlich mit der Recherche, aber insgeheim wusste Nicholas, dass sie nur sehen wollten, wie weit die Verwandlung vorangeschritten war. Natascha verlangte, dass er nun auch wieder mit ihnen aĂ und in seinem Zimmer schlief, aber bei jedem Essen konnte er die Blicke auf sich spĂŒren, die die pelzige Seite seines Gesichts anstarrten. Das Horn brach er vorsorglich immer ab. Je mehr Zeit verging, umso mehr ergab er sich seinem Schicksal. Sie wĂŒrden wohl nie ein Gegenmittel finden.
Die Verwandlung war mittlerweile weit vorangeschritten, mehr als die HĂ€lfte von Nicholasâ Körpers war bereits von Fell ĂŒbersĂ€t, dass nun von beiden Seiten sich immer weiter zu seinem Herzen vorarbeitete. Katrin erzĂ€hlte ihm gerade von ihrem Tag mit den Kindern und was sie heute fĂŒr Blödsinn angestellt hatten, als Ephraim vor ihnen stand. Er war vor Tagen aufgebrochen, um irgendeine Art Aufzeichnung zu finden, die ihnen weiterhalf. Scheinbar war er fĂŒndig geworden, denn er hielt ein sehr alt aussehendes, in Leder gebundenes Buch in den Armen. Er wirkte mĂŒde und erschöpft und Katrin bot ihm sogleich ihren Stuhl an und goss ihm eine Tasse frischen Tee ein. Gebannt warteten die beiden darauf, dass der Bibliothekar etwas sagte, doch dieser konzentrierte sich zunĂ€chst auf sich selbst und den wohltuenden Tee.
Endlich sah er sie an. Ein leichtes LĂ€cheln huschte ĂŒber seine ZĂŒge. âVielleicht habe ich unsere Lösung gefundenâ, verkĂŒndete er mit vorsichtiger Freude.
Katrin drĂŒckte Nicholasâ Schultern, dieser sah nur auf das Buch. Emphraim öffnete sorgsam das Lederband, dass die Buchdeckel zusammenhielt. âIch bin weit in die Vergangenheit gereistâ, erzĂ€hlte er wie beilĂ€ufig, âund bin schlieĂlich doch wieder hier gelandet. Nur, dass hier damals noch ganz anders war. Mit meinem damaligen VorgĂ€nger haben wir festgestellt, dass dadurch, dass ich wohl das Buch ins Jetzt geholt habe, wir es bisher nicht finden konnten, denn dies sind die Aufzeichnungen deiner Ur-ur-ur-wie-auch-immer GroĂmutter, die ĂŒber das Leben im Dorf und den Krampus geschrieben hat. Wissen, dass wir heute nicht mehr haben. Weil ich es damals weggenommen habe und es nicht wieder zurĂŒckbringen kann, weil es sonst ein Paradox geben wĂŒrde. Zeitreisen.â Er lachte kurz und bitter auf, dann öffnete er das Buch an der mit dem Leseband markierten Stelle. âHuh, sieht so aus, als wenn der Ăbersetzungszauber nicht fĂŒr Zeitreise-BĂŒcher giltâŠâ, stellte er verwundert fest und drehte es zu den beiden um.
Es war in einer Sprache geschrieben, die keiner von ihnen lesen konnte.
âIch bringe es zu deinem GroĂvater, vielleicht kann er das noch lesenâ, schlug Ephraim vor und Nicholas bestĂ€tigte es nur mit einem Nicken.
âDas ist doch groĂartig! Wir haben endlich einen Hinweis!â, versuchte Katrin Nicholas aufzumuntern nachdem sie sich wieder neben ihn gesetzt hatte und schĂŒttelte ihn leicht an den Schultern.
âJa, einen Hinweis, den keiner lesen kann und in dem vermutlich auch nur steht: GefĂ€hrlich, frisst unartige Kinder, wegsperren.â Er konnte nicht mehr, egal in welchem Buch sie lasen, ĂŒberall stand das Gleiche.
Katrin zog ihn in eine Umarmung und er lieĂ es geschehen. Ihre WĂ€rme und NĂ€he gaben ihm Kraft, die KĂ€lte in seinem Inneren zu verdrĂ€ngen, aber lange wĂŒrde auch das das Unvermeidliche nicht mehr aufhalten können.
Nach einer Weile kam Ephraim zurĂŒck. Er wirkte noch erschöpfter als zuvor.
âEr kann es auch nicht lesenâ, eröffnete er ihnen, nachdem er einen weiteren Stuhl zu ihnen herangezogen und sich gesetzt hatte, das Buch auf seinem SchoĂ ruhend. âDafĂŒr hatte Klaus eine Vermutung, warum der Zauber es nicht ĂŒbersetztâ, ergĂ€nzte er und die Faszination etwas Neues entdeckt zu haben, glimmte in seinen Augen, âEr meint, weil der Zauber aus der Zeit aus dem das Buch stammt auf eine andere Sprache ausgelegt war, die wir heute nicht mehr kennen, wird es nicht ĂŒbersetzt, weil der Zauber immer noch denkt, dass wir sie noch kennen. Es klingt auf eine gewisse Art plausibel, aber vielleicht ist es auch nur so etwas Banales wie eine Chiffre, die erst entschlĂŒsselt werden muss. Wer weiĂ.â Kurz warf er seine Arme in die Luft, dann seufzte er. âEs tut mir Leid, Nicholas. Er sagte mir, da steht alles drin, was wir wissen mĂŒssen, dass wir es nicht lesen können ist schrecklichâŠâ
FĂŒr einen Moment starrte Nicholas auf das Buch, dann stand er auf und fegte mit einem Arm ĂŒber den Tisch und schmiss alles was darauf lag zu Boden. Seine Atmung ging schnell und er krallte sich in die Tischplatte. âNicholasâŠâ, versuchte es Katrin und strich ihm beruhigend ĂŒber den RĂŒcken, doch er zuckte weg von ihr. Er wusste nicht, ob er sie womöglich verletzen wĂŒrde.
âEs gibt noch einen anderen Weg eine Ăbersetzung zu bekommenâ, dachte Katrin laut nach, die Arme fest um sich geschlossen, Nicholas Abweisung schmerzte. Als die beiden MĂ€nner sie ansahen, fuhr sie fort: âWenn ich mich richtig erinnere ist einer der VĂ€ter meiner Kinder Linguist, wenn das eine alte Version von norwegisch ist, dann wĂ€re es möglich, dass er oder jemand in seinem Bekanntenkreis es ĂŒbersetzen könnte. Man könnte zur Not auch irgendwelche Historiker oder ArchĂ€logen fragen.â
âDas ist gar keine so schlechte IdeeâŠâ, stimmte Ephraim ihr zu und fuhr sich ĂŒbers Kinn. âIch wĂŒrde aber ungern das Original herausgeben, aber ein paar Seiten bekommen wir ja leicht gescannt. Ja, so machen wir das!â, beschloss er schlieĂlich und stand auf, um den Plan in die Tat umzusetzen.
âDu meinst wirklich das bringt was?â, fragte Nicholas vorsichtig in seiner immer kratziger werdenden Stimme.
âJa, einen Versuch ist es wertâ, bestĂ€tigte sie ihm bestimmt und legte ihm die Hand auf den Arm.
Mit den gescannten Seiten, digital und als Kopie, machte sich Katrin schlieĂlich auf den Weg nach Hause, aber nicht ohne Nicholas noch einmal fest zu umarmen.
Behind the Scenes
Wenn man eine Bibliothek hat von der aus man in jede Bibliothek kommt, die ist und je war, dann hat das so seine Vorteile. đ UrsprĂŒnglich waren das hier zwei Kapitel, da es aber doch recht kurz ist, habe ich sie zusammengelegt um Platz zu machen fĂŒr die Aufteilungen weiter vorne.
Was haltet ihr von der ErklĂ€rung mit der Ăbersetzung?
Auf die Idee mit dem Linguisten bin ich ĂŒbrigens durch InGenius gekommen, der als Germanist einfach jemand ist, der gerne andere Leute mit Sprach-Wissen zutextet. đ
Eine Sache, die mir wirklich erst einen Tag vor der Veröffentlichung des vorherigen Kapitels aufgefallen ist, hat mit den RauhnĂ€chten zu tun. Von der Zeitlinie her, sind wir noch mittendrin und es passt irgendwie, dass die Krampus-Verwandlung dann einsetzt, wenn auch zauberkundige Leute sich in Werwölfe verwandeln. đ
Dadurch, dass mir das so spĂ€t erst aufgefallen ist, ist aber keine ErwĂ€hnung in beiden KapitelhĂ€lften WANN die Verwandlung eingesetzt hat. Daher hier noch kurz vor knapp das Ganze ergĂ€nzt – auch wenn der Begriff RauhnĂ€chte in dem Zusammenhang nicht fĂ€llt.
PoiSonPaiNter
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I’m sorry so far there is no translation of this door
PoiSonPaiNter
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