Adventskalender: Türchen #5

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Joulky

Das Gespräch mit ihrer Chefin war kurz und knapp. Zum Glück hatten sie eine Regelung, die es ihr ermöglichte mal ein paar Tage für sich frei zu nehmen, ohne, dass sie es groß begründen musste. Von einer Kindergärtnerin, die nicht bei der Sache war hatten die Kinder schließlich nichts. Auf Anraten von Nicholas hatte Katrin sich die wärmste Kleidung zusammengesucht, die sie besaß – zwei dicke Strumpfhosen, einen Schneeanzug, Thermounterwäsche zum Skifahren, zwei Pullover, einer davon aus Wolle und mit typischem Norwergerstrickmuster versehen, zwei Schals ein Paar Handschuhe und natürlich ihre geliebte Bommelmütze – und alles in einen Wanderrucksack gestopft. Das Paar Wanderstiefel trug sie in der Hand. „Und du meinst wirklich, dass das alles nötig ist?“ Kopfschüttelnd besah sie sich den riesengroßen Rucksack, während Nicholas ihn auf seine Schultern hob.
„Oh ja, da kannst du mir glauben!“, antwortete Nicholas und legte sich ihren langen Wintermantel über den Arm.

Kurze Zeit später traten Nicholas und Katrin durch ein Portal, das unweit von Katrins Heimatort und einigermaßen gut versteckt in einem Wäldchen lag. An sich war es eigentlich unscheinbar gewesen – ein großer schmaler Metallring, aufrecht stehend, aber dennoch durch das Geäst erst auf den dritten Blick und nur wenn man wusste, wonach man suchte, zu erkennen. Sobald die beiden sich näherten, flackerte im Inneren des Kreises jedoch ein Nebel auf. Hellblau, weiße Schlieren, ein Luftzug.

In dem Moment, wo sie durch den Ring und somit das Portal traten, brachte es sie direkt in die Mitte eines magisch anmutenden Dorfes. “Willkommen in Joulky, dem Zuhause der Weihnachtsfamilie und ihrer Angehörigen und Mitarbeiter!” Nicholas strahlte sie an. Kaum aus dem runden, wesentlich opulenter aussehenden Portal-Gegenstück, eines mit winterlichen Symbolen verzierten breiteren Ringes, herausgetreten, wurde Katrin sofort bewusst, wie ernst Nicholas es mit der Anweisung, sie solle ihre wärmsten Klamotten mitnehmen, gemeint hatte. Der sie umgebende wabernde Portalnebel zog sich zurück und eröffnete den Blick für nicht mal zehn Häuser, einige Fachwerk, ein paar andere moderner, gemütlich dicht gedrängt um einen zentralen Dorfplatz, in einer wunderhübschen Idylle, komplett mit rauchenden Schonsteinen und dem Geruch nach Heu, frisch gesägtem Brennholz und duftendem Tannengrün.

Katrin wandte sich um ihre eigene Achse, um den Anblick komplett zu erfassen und in sich aufzunehmen. Dieser Anblick trug zwar dazu bei, dass sich ihr Herz erwärmte, dennoch zeigte ihr ihr Körper schnell durch starkes Zittern, was er davon hielt, plötzlich aus einem mitteleuropäischen warmen Frühsommer in die alljährige Kälte des nördlichen Polarkreises geschickt zu werden.

Nicholas zog Katrin kurz am Arm und winkte ihr, ihm zu folgen. Es ging ein kurzes Stück in Richtung Norden, zum beeindruckendsten Haus hier am Marktplatz.
„Hier wohnen wir!“, rief er ihr zu, als er schon etwas vorausgeeilt war, um ihr die Tür aufzuhalten. Katrin nahm das Angebot einzutreten sehr gern an, auch wenn sie immer noch fasziniert von der im wahrsten Sinne wunderbaren Schönheit dieses Fleckchens Erde war.

Direkt von der Eingangstür aus, die sich mit einem leisen Glöckchenläuten hinter ihnen geschlossen hatte, konnte Katrin einen Blick auf einen weiten, einladenden Flur werfen während Nicholas den Mantel an die Garderobe hängte. Anschließend führte sie eine Treppe hinauf und auch hier zweigten mehrere Türen in anliegende Räume hab. Schräg hinter einer geöffneten Tür erblickte sie einen offenen Kamin, der mit einem prasselnden Feuer nur darauf zu warten schien, dass sie in den Genuss seiner Wärme käme. Nicholas legte ihren Rucksack ab und trat mit ihr in die Stube, nur um sich dort umgehend den Pullover auszuziehen. “Der Kamin glüht ja schon fast”, stellte er fest.
Neben dem Kamin, eben noch verborgen, saß eine ältere Frau mit hochgesteckten leicht ergrauten Haaren in einem Schaukelstuhl, blickte kurz durch ihre kleine Nickelbrille hoch zu den beiden Neuankömmlingen, dann wieder auf das Strickzeug, was sie in den Händen hielt, und meinte dann: „Verzeih, Kindchen, dass ich nicht aufstehe, aber die alten Glieder vertragen die Kälte auch nicht mehr so gut wie früher.“ Mit einem offenherzigen Lächeln bedachte sie Katrin, während ihre Stimme sich etwas erhob, als sie sich an Nicholas wand. „Dein Vater hat dir gesagt, du sollst das klären, nicht, sie mit hierher bringen!“ Kopfschüttelnd richtete sie den Blick wieder auf Katrin, wieder deutlich freundlicher. „Ich muss mich nochmal entschuldigen. Mein Sohn hat noch nie sonderlich darauf achtgegeben, was man ihm gesagt hat. Nun, komm, wo du schon mal hier bist, sollst du auch unsere eigentlich vorhandene Gastfreundschaft zu spüren bekommen und genießen! Nicole wird dir gleich was zum Überwerfen geben. Ist ja schrecklich, wie Nicholas dich rumlaufen lässt! Du holst dir noch den Tod!“ Ein missbilligender Seitenblick streifte Nicholas‘ nackte nur noch vom T-Shirt bedeckten Arme. „Und du gleich mit, Freundchen! Los, plünn‘ dich vernünftig an!“
„Du bist eine Frostbeule, Mor!“ antwortete er, begleitet von einem Augenrollen und einem Grinsen, verzog sich dann aber, um Katrin seine Schwester Nicole vorzustellen und dann ihre Sachen zu verstauen, die drei Frauen im Wohnzimmer zurücklassend.

„Da hat sich mein Bruderherz aber was Schickes angelacht, oder, Mutter? Du bist die, die ihm den niedlichen Brief geschrieben hat, hmm?“ Nicole betrachtete Katrin mit einer Mischung aus Neugier und Spott. „Naja, immerhin kannst du uns jetzt helfen bei der Vorbereitung auf das Fest. Sind ja schließlich nur noch knapp sechseinhalb Monate bis zum nächsten und etwa vier, bis die ersten Lebkuchen in den Supermarktregalen stehen und uns die ganze Welt mit ihren Wunschzetteln bombardiert.“ Mit den letzten Worten schob sie Katrin zur Tür hinaus, die Treppe hinunter und schließlich in die kleine gemütliche Küchenzeile, die an eine kleinere Tafel anschloss. „So, du trinkst jetzt erst mal einen heißen Grog und ich hole dir was Hübsches zum Anziehen! Naja, hübsch sei mal dahingestellt, aber etwas, was zuverlässig warm hält und mit Liebe und Magie von Mutter gestrickt wurde.“ Mit diesen Worten und einem breiten Lächeln schenkte sie Katrin einen kleinen Tonbecher dunkelrote, dampfende und gut riechende Flüssigkeit ein, drückte ihn ihr in die Hand und entschwand über die knarrende Holztreppe ins obere Stockwerk. Kurze Zeit später kamen Bruder und Schwester zusammen die Treppe wieder herunter. Sie waren dabei, sich über irgendwas zu kabbeln, was Katrin aber nicht verstand. „So, hier, du kannst meinen Pulli und wenn du raus willst auch diese Jacke haben. Sie sind dir vielleicht etwas zu lang, aber besser als zu kurz, oder? Katrin musste grinsen, nickte, stand auf und nahm die Kleidung entgegen. „Vielen Dank.“

Nachdem Nicole sich wieder gegangen war, fragte Katrin etwas, dass ihr schon eine Weile auf der Zunge brannte: “Wo genau sind wir hier eigentlich?”
“Im Norden Norwegens”, erklärte Nicholas mit einem Grinsen.
“Norwegen? Also nicht am Nordpol?”
“Nein”, Nicholas lachte, “Das ist einer der Mythen, die wir einfach stehen lassen, um den Ort zu schützen.”
Katrin ließ das einen Moment sacken, dann drängte sich auch schon der nächste Gedanke auf: “Dafür sprichst du aber wirklich gut Deutsch…”
Wieder grinste er. “Um ehrlich zu sein: Ich spreche Norwegisch, du verstehst es nur auf Deutsch, weil das Dorf und wir von einem Sprachzauber umgeben sind. Aber ich kann auch etwas Deutsch ohne den Zauber.”
“Das ist nicht dein ernst…” Ungläubig starrte sie ihn an.
“Doch. Das vereinfacht die Arbeit mit Leuten aus vielen unterschiedlichen Regionen ungemein und man muss keine anderen Sprachen lernen”, bestätigte Nicholas.
“Und die Briefe? Für die braucht ihr doch Übersetzer!”
Nicholas schüttelte den Kopf. “Nein, für die gilt der Zauber auch.”
“Unglaublich…” Katrin war beeindruckt und nahm einen Schluck Grog, der ihr wärmend durch die Glieder floss.

Für einen Moment saß sie einfach nur da, bis ihr Blick auf Nicholas‘ Handgelenke fiel. “Was sind das für Tätowierungen?“ Katrin deutete auf eine Stelle, an der sich eine Girlande aus Eiszapfen aus dem Handgelenk den Arm herauf oder hinunter, je nachdem, wie Nicholas den Arm hielt, fortsetzte. „Ich meine, hast du so eine Schwäche für Eis, dass du es dir auf die Haut tätowieren lässt?“, kicherte sie.

„Ganz ehrlich?“ Nicholas‘ Blick ruhte auf Katrin. „Ja, ich habe eine Schwäche für Eis – und doch ist es gleichzeitig meine Stärke.“ Wie in Gedanken fuhr er die Linie der Eiszapfen mit dem Finger der anderen Hand nach.

„Diese Tattoos sind unsere Kraft. Jeder von uns trägt eines. Meins ist dieses hier. Sie verleihen uns allen eine besondere Fähigkeit.“ Mit einer schnellen und undeutlichen Handbewegung über seinem Arm hielt er plötzlich einen etwa 10 cm langen Eiszapfen in der Hand. „Eignet sich wunderbar als Wurfgeschoss, aber wenn ich mal nicht so kampfeslustig drauf bin, fungiert er auch gut als Partyzubehör. Eiswürfel gefällig, die Dame?“ Nicholas beugte sich zu Katrin herunter und ließ den Eiszapfen in ihren fast noch gefüllten Grogbecher fallen.

Behind the Scenes

Der zweite Teil von Nebus Kapitel und ein erster Blick auf das Weihnachtsdorf Joulky. Hier habe ich nachträglich eine Szene ergänzt, die für eine interessante Diskussion sorgte im Vorfeld. Kurz vor Schluss fiel mir nämlich auf, dass nie erklärt wurde, wie die deutschsprachige Katrin überhaupt mit dem Norweger Nicholas kommunizieren kann. Mein erster Gedanke galt einem Übersetzungsfeld, das Santas und Dorf umgibt, ähnlich wie die „Übersetzungssoftware“ der TARDIS. Eva brachte noch etwas ganz anderes ein: Magische Schneeflocken, die bei Hautkontakt für Verständigung sorgten. Mein Hirn kombinierte es daraufhin gleich mit „Per Anhalter durch die Galaxis“ und bezeichnete sie als „Babelflocke“. Die ist es dann letztendlich nicht geworden, weil das Feld einfacher umsetzbar ist, aber ich mag das Wort trotzdem. 😀

Der Name Joulky selbst stammt übrigens von Eva, Anne fragte nach einem Namen des Dorfes und stieß bei ihrer Recherche auf „Joulupukin Pajakylä“ dem Weihnachtsmann-Dorf in Finnland – dicht neben Norwegen, wo die Geschichte ja spielt. Das war uns allen aber etwas sperrig und Eva schlug dann als Abwandlung Joulky vor, was dann für gut befunden und verwendet wurde. 🙂

Eventuell interessant ist hier auch, dass mir erst recht spät aufgefallen ist, dass Katrin ihrer Arbeitgeberin ja Bescheid geben müsste, dass sie mal eben ein paar Tage weg ist. Das System, was ich hier – ja, da hab ich mich mal kurz eingemischt – beschreibe finde ich übrigens sehr praktisch, sollte man an diversen Arbeitsplätzen einführen. 😉
Achja und erst beim letzten Korrekturlesen ist mir klargeworden, das Nebu sich das Haus etwas anders vorgestellt hat. Für sie waren Wohnzimmer und Küche auf einer Etage, für mich lag das Wohnzimmer eine Etage höher. Ich hoffe ich hab alle Stellen erwischt…

PoiSonPaiNter

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PoiSonPaiNter

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