Auch an diesem Adventssonntag bekommt ihr wieder eine Geschichte. Dieses Mal von Britta Redweik.

Zum Teufel mit den Prinzen
Rapunzel schaute aus dem Turmfenster auf die Lichtung unter sich und runzelte die Stirn. Ăber die Jahre hatte sie einigen Wandel dort drauĂen mitansehen mĂŒssen. StĂ€dte waren gewachsen, StraĂen hatten sich ausgebreitet und immer mehr des Waldes, der ihren Turm umschloss, war abgeholzt worden. Wo sie als Kind noch mit ihrer Ziehmutter Gothel zusammen hatte Tiere beobachten können, wo Reisende zwischen dichten BĂ€umen ihr Lager mit Wache und Feuer gesichert hatten, standen nun GasthĂ€user und Brunnen, WachtĂŒrme und StĂ€lle. Mit jedem Jahr kam die AuĂenwelt nĂ€her zu ihrem Turm. Als Kind hatte sie sich noch darĂŒber gefreut, davon getrĂ€umt, einmal Andere Menschen kennenzulernen, wirklich aus Fleisch und Blut und nicht nur weit entfernte Punkte unten auf der StraĂe. Nun aber wuchs mehr und mehr das Bedauern ĂŒber all das, was sie verlor. Schon lange hatte kein Reh mehr auf der Lichtung vor dem Turm gegrast. Und die Tage, an denen Rapunzel noch von Vogelgezwitscher geweckt wurde, konnte man mittlerweile an einer Hand abzĂ€hlen. Im Jahr.
Und doch, ganz war der Traum noch nicht verpufft. So schön sie es hier im Turm hatte, so gern hÀtte sie auch immer noch jemanden zum Reden gehabt. Jemand anderen als nur Gothel.
Mit einem letzten Atemzug der lĂ€ngst nicht mehr so frischen Waldluft wandte sie sich vom Fenster ab. Es brachte ja doch nichts, hier ihren Gedanken nachzuhĂ€ngen. Sie hatte Arbeit zu erledigen. Gothel wĂŒrde ihr sicher bald ihren wöchentlichen Besuch abstatten und Ergebnisse fordern.
Rapunzel nahm ihr Stickzeug und begann, kunstvoll die TĂŒcher zu besticken, die Gothel wiederum auf dem Markt der Hauptstadt verkaufte, um ihnen beiden das Leben zu finanzieren.
Sie summte dabei vertrĂ€umt vor sich hin, bis sie die Stimme ihrer Ziehmutter hörte: âRapunzel, lass dein Haar hinunterâ
Schnell eilte sie zum Flaschenzug und spannte ihren langen Zopf dort ein. Dann lieĂ sie ihn aus dem Fenster hinab und hielt das Ende auf ihrer Seite zusĂ€tzlich fest. Aus Erfahrung wusste sie, dass sie sonst Kopfschmerzen bekommen wĂŒrde, wenn nur ihr Kopf das Gewicht zu tragen hatte.
Die dunkelhaarige Zauberin stieg ĂŒber den Fenstersims in den Raum und blickte sich um. Anerkennend nickte sie. âOrdentlich und sauber, wie immer. Ich bin stolz auf dich, mein TĂ€ubchen.â
Sie stellte den Korb mit frischem GemĂŒse, Obst und Brot auf den Tisch. VorrĂ€te, die bis zu Gothels nĂ€chstem Besuch alles waren, was die junge Frau an Nahrung bekam. Aber der Korb war gut gefĂŒllt, so dass Rapunzel nicht glaubte, Hunger leiden zu mĂŒssen.
Schnell rĂ€umte sie die Speisen aus, froh, dass der Zopf noch zum Fenster hinaushing und damit nicht im Weg war. Dann fĂŒllte sie den Korb mit ihren bestickten TĂŒchern. SchlieĂlich schaute sie ihre Ziehmutter an, vorsichtig und unterwĂŒrfig. Sie setzte ihre sĂŒĂeste KleinmĂ€dchenstimme auf. âGothel, kann ich nicht endlich mitkommen? Ich bin sicher, ich kann dort drauĂen noch nĂŒtzlicher sein als eh schon. Nur Hausarbeit kann doch nicht alles sein?â
Die alte Zauberin kniff dem MĂ€dchen in die Wange und schĂŒttelte den Kopf. âAber TĂ€ubchen, ich muss dich doch beschĂŒtzen. Du bist alles, was ich habe. Und die Welt dort drauĂen ist so grausam. Du hast keine Ahnung, was man dir dort antun wĂŒrde. Nein, du bist noch nicht soweit. Eines Tages vielleicht.â
Damit drĂŒckte sie Rapunzel einen Kuss auf die Stirn und schwang sich am Zopf wieder aus dem Fenster.
Schon bald war das Gewicht verschwunden und das MÀdchen wandte sich wieder summend ihrer Arbeit zu. Mit einem fröhlichen Lied auf den Lippen ging ihr das Tagwerk gleich leichter von der Hand.
Auf einmal wurde ihr Zopf, der noch vergessen im Flaschenzug und damit aus dem Turm hing, wieder gespannt. Erneut musste sie ein Gewicht daran ertragen.
Rapunzel ging zum Fenster. Hatte Gothel etwas vergessen? Das war ihr doch noch nie passiert.
Aber statt in das Gesicht ihrer Ziehmutter zu sehen, erblickte das MÀdchen einen bÀrtigen Mann.
âWas willst du und wer bist du?â, fragte sie und hielt ihren Zopf fest umklammert. Das Gewicht war viel unangenehmer als Gothels, viel mehr. Sie spĂŒrte bereits, wie der Zug am Hinterkopf einen stechenden Kopfschmerz auslöste.
âIch komme, um dich zu befreienâ, sagte der junge Mann am anderen Ende ihrer Haare. Seine Stimme klang leicht gequĂ€lt, dabei hatte er sich erst eine ArmlĂ€nge hochgezogen.
âWer sagt denn, dass ich befreit werden möchte?â Rapunzel blickte ihn neugierig an, eine Augenbraue hochgezogen. NatĂŒrlich interessierte sie die Welt dort drauĂen. Aber er hĂ€tte ja wenigstens erst fragen können. Vor allem, da sie hier gerade die eigentliche Arbeit machte und sein Gewicht trug.
âWer so schön summt, sollte nicht eingesperrt seinâ, antwortete der Mann, dessen Stimme nun noch gepresster klang. Er zog sich eine weitere ArmlĂ€nge hoch.
âWas fĂŒr eine seltsame Antwort, haben denn die beiden Dinge ĂŒberhaupt etwas mit einander zu tun?â, fragte sie mit einem schlecht verborgenen Unterton der Herausforderung in der Stimme.
Doch der Mann antwortete nicht. Stattdessen gab er erst ein sehr unschönes GerÀusch und dann seinen Mageninhalt von sich.
Plötzlich lieĂ das Gewicht am Zopf wieder nach und war schlieĂlich ganz fort.
Rapunzel sah zu, wie der junge Mann seinen Bauch hielt. âVerdammte Höhenangstâ, hörte sie ihn noch fluchen, dann wandte sie sich vom Fenster ab.
Sie schnaubte zu sich selbst. Was fĂŒr ein Held. Wollte sie ungefragt befreien und schaffte es nicht einmal einen Meter hoch. Nicht, dass sie nicht froh darĂŒber war. Sympathisch erschien der Möchtegernheld nun wirklich nicht.
Rapunzel wollte gerade ihre Haare aus dem Flaschenzug ziehen, damit er nicht noch einen Versuch startete, als sich der Zopf wieder spannte. War er wirklich so dreist? Und so schnell wieder auf den Beinen?
Aber nein, der letzte Störenfried lehnte noch unten an der Turmmauer, etwas bleich um die Nase, soweit sie das von oben sehen konnte. Stattdessen kam nun ein neuer Mann daher.
âUnd was willst du jetzt?â, fragte Rapunzel genervt. Sie war doch kein SportgerĂ€t, an dem man nach Lust und Laune herumklettern konnte.
âPrinz Theobald meinte, hier warte eine hĂŒbsche Maid auf Rettung. Das trifft sich gutâ, meinte der Kletterer und grinste zu ihr hinauf. âMein Vater will erst abdanken, wenn ich ihm eine Braut prĂ€sentieren kann. Und all die MĂ€dchen im Dorf stellen AnsprĂŒche. Romantik, Umwerben, Liebe. Als ob ich Zeit fĂŒr so etwas hĂ€tte.â
Rapunzel rollte die Augen. âIch nehme an, der Feigling dort ist Theobald?â
Der Mann am Zopf nickte.
âUnd du bist?â
âPrinz Ansgar.â
Wo kamen nur plötzlich all die Prinzen her? âSo, Ansgar. Was bringt dich auf die Idee, ich wĂŒrde deine Braut werden wollen? Und dann auch noch keine AnsprĂŒche haben?â
Ansgar schien mit den Schultern zucken zu wollen. Da das beim Klettern aber nicht richtig ging, wirkte es kurz eher, als hÀtte er einen Anfall.
âDas ist Tradition. Eine gerettete Maid ist auf ewig dankbar und heiratet ihren Helden. Ungeschriebenes Gesetzâ, antwortete er dann. âKannst du eigentlich auch kochen? Du ahnst ja gar nicht, wie schwer man heutzutage gutes Personal findet.â
Da hatte Rapunzel genug. Sie nahm ihre NĂ€hschere und schnitt sich den Zopf ab. Lieber verzichtete sie auf Gothels Besuche und verhungerte ohne die Essenlieferungen hier oben, als dass sie sich von so einem Mann retten lieĂ, nur um dann auf ewig in seiner Schuld zu stehen.
Voll Genugtuung sah sie zu, wie ihr selbsternannter Retter in die Tiefe stĂŒrzte, hörte seine RĂŒstung scheppern.
âUnd jetzt hört mir mal gut zuâ, erhob sie die Stimme und blickte von einem Prinzen zum anderen. âFrauen sind keine Objekte. Sie haben einen eigenen Willen. Sie sind es euch nicht schuldig, euch zu heiraten, nur weil ihr mal etwas fĂŒr sie tut. Sie können selbst entscheiden, ob sie mit jemandem wie euch leben wollen. Oder ob sie vielleicht sogar in einem Turm glĂŒcklich sind. Ohne euch. Wenn ihr eine Braut sucht, versucht einfach mal, nett und aufmerksam zu sein. Und wagt es nie wieder, mich retten zu wollen.â
Sie wandte sich vom Fenster ab und rieb sich die von der Anstrengung schmerzende Kehle. Sie seufzte leise. Jetzt war ihr letzter Kontakt zur AuĂenwelt gekappt. Aber sie brachte es nicht ĂŒber sich, die Entscheidung zu bereuen.
Sie hatte sich ihr Essen rationiert und machte sich nun darauf gefasst, Gothel zu erklĂ€ren, was geschehen war. Vielleicht kannte die Zauberin ja sogar einen Trick, die vielen Meter vom Boden bis hoch zu Rapunzel ohne Zopf ĂŒberwinden zu können? Nun schaute sie wieder aus dem Fenster und wartete auf ihre Ziehmutter.
Allerdings betrat gerade eine viel jĂŒngere Gestalt die Lichtung. Eine junge Frau blickte sich um, als wĂŒrde sie gejagt werden, entspannte sich dann aber und warf etwas um sich.
âWas tust du da?â, fragte Rapunzel.
Die Frau am Boden schaute sich erst verwirrt um, bis sie sah, woher die Stimme kam. âWonach sieht es denn aus?â
âAls wĂŒrdest du irgendwas durch die Gegend werfen. Und wohl ohne Erlaubnis?â Immerhin sah die Frau sich immer wieder verstohlen um. âAber was? Und warum hier?â
âDies sind kleine Kugeln aus Blumensamen und DĂŒnger.â
Rapunzel blinzelte zunĂ€chst nur. Das klang nicht wirklich, als wĂŒrde man dafĂŒr gejagt werden. âWarum?
âSiehst du denn nicht, wie der Mensch hier die Natur verdrĂ€ngt? Insekten finden keinen Lebensraum mehr, damit auch Vögel und Nager nicht. Und letztlich auch der Mensch nicht, denn ohne Insekten wachsen auch unsere Nutzpflanzen nicht. Aber die Menschen scheinen zu dumm, um das zu begreifen. Nennen mich Vandalin, wenn ich versuche, sie zu retten.â
Rapunzel nickte. Pflanzen ansĂ€en, das klang gut. NĂŒtzlich.
âUnd was machst du da oben?â, fragte die junge Frau am Boden nun.
âFestsitzen. Ich komm hier nicht mehr raus.â Rapunzel deutete auf ihren abgeschnittenen Zopf, der noch am Boden vor dem Turm lag.
âNicht? Na, das wollen wir doch mal sehen.â
Noch bevor Rapunzel fragen konnte, was das heiĂen sollte, war die junge Frau im Wald verschwunden.
Nach kurzer Zeit kam sie wieder, mit mehreren aneinander geknoteten Seilen und einem improvisierten Bogen samt Pfeil. âGeh mal zur Seite, nicht, dass ich dich verletze. Ich bin nicht allzu gut mit sowas.â
Rapunzel hob eine Hand. Nicht, dass sie sich selbst in eine unangenehme Lage brachte. Sie wollte nicht um jeden Preis aus dem Turm heraus. âWarte kurz. Ich muss dich aber nicht heiraten oder bekochen, wenn du mich hier rausholst, oder?â
Die junge Frau lachte auf. âKochen kann ich ganz gut allein. Und heiraten ⊠Ich bin mir nicht ganz sicher, ob das erlaubt wĂ€re. Nein, du bist mir nichts schuldig. Zu helfen ist eine SelbstverstĂ€ndlichkeit.â
Dann zielte sie und Rapunzel ging in Deckung.
Lange Zeit hörte sie nichts, auĂer leisen GerĂ€uschen an der Turmmauer und einigen FlĂŒchen, die ihr die Röte ins Gesicht trieben. Dann aber flog der Pfeil durch ihr Fenster. An ihn gebunden war das Seil, das sie schnell an der Halterung des Flaschenzugs festknotete. Dann packte sie alles zusammen, was ihr wichtig war.
Der Weg nach unten erschien beinahe unendlich, doch schlieĂlich kam sie am Boden an und schaute sich um. Der Wald sah von hier unten so viel eindrucksvoller aus. Die BĂ€ume waren ja riesig. Und von hier unten konnte sie sehen, dass nicht nur Gras um den Turm herum wuchs, sondern auch Moos und Klee. So eine wunderschöne Vielfalt.
âUnd du rettest die Tiere?â, fragte sie dann ihre Helferin beeindruckt.
âReiner Eigennutzâ, zuckte diese mit den Schultern. âMeine Eltern sind Obstbauern. Und ohne Bienen gibt es kein Obst, ohne Obst verarmen wir und verhungern. Aber ⊠ja.â
Rapunzel ĂŒberlegte einen Moment lang. Sie war jetzt frei und konnte tun, was sie wollte, richtig? âBraucht ihr vielleicht noch Hilfe?â Sie holte ein Tuch aus ihrer Tasche. âIch kann auch arbeiten. Meine Stickereien sind am Hof beliebt, sagte man mir. Ich komme fĂŒr meinen Unterhalt also selbst auf. Aber ich ⊠möchte, dass der Wald wieder aussieht, wie frĂŒher. Ich will die Vögel wieder hören. Kann ich da bitte helfen?â
Die junge Frau lÀchelte und nickte, dann zeigte sie Rapunzel den Weg zu sich nach Hause.
Keine der beiden sah Gothel, die sie aus den Schatten heraus beobachtete. Stolz ruhten die dunklen Augen der Zauberin auf den beiden Frauen, dann löste sie sich auf. Sie hatte ein junges, mutiges MÀdchen erzogen, das wusste, was es wollte und nicht nur den erstbesten Mann heiratete, weil sie nichts mit sich anzufangen wusste. Ihre Arbeit hier war getan. Und sicher brauchte man sie anderswo.
Die Autorin
Britta Redweik wurde in eine Familie der GeschichtenerzĂ€hler geboren. Wurde ihr als Kind noch erzĂ€hlt, wie die GummibĂ€rchen an Board der Enterprise kamen, hat sie sich erst daran gemacht, den Menschen zu studieren, um ihn besser zu verstehen. Nachdem sie dank ihrem Soziologiestudium aber gelernt hat, dass die RealitĂ€t einfach nicht magisch genug ist, zieht sie sich jetzt lieber in die Welt in ihrem Kopf zurĂŒck und nimmt gerne mal Leser auf diese Reise mit.
Homepage: Britta Redweik
Twitter: @britta_redweik
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Hinter den Kulissen
Diese Geschichte hatte Britta ursprĂŒnglich bei der Prinzen-Anthologie des Chaospony Verlags eingereicht. Dieselbe Anthologie, aus der Anne Danck ihre Geschichte mit ein paar weiteren Nornen und mir auf der BuchBerlin gelesen hat.
So schlieĂen sich Kreise. đ
Ăbrigens erscheint heute die neue Folge des ComicKlatsch, fĂŒr die ich im GesprĂ€ch mit Sandra von Booknapping ein paar VorschlĂ€ge fĂŒr Comics unterm Weihnachtsbaum gemacht habe. Wer also noch Geschenke sucht, sollte unbedingt reinhören! đ
Anne