Adventskalender: Türchen #14

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Das Familiengeheimnis

Ein paar Stunden waren vergangen, als einer der Wichtel in die Bibliothek kam und Nicholas am Ärmel zupfte, der gerade ein Buch durchblätterte. Er hielt ihm einen Zettel entgegen, den dieser nahm und schnell las.
“Wir sollen zurück ins Haupthaus kommen”, erklärte er Katrin und stand auf.

Im Wohnzimmer hatten sich bereits wieder alle versammelt. Nicole tigerte hin und her und auch Nick trommelte ungeduldig mit den Fingern auf dem Tisch.
“Wo wart ihr? Du solltest im Haus bleiben!”, fuhr Nikolaus seinen Enkel erneut an.
“Ich-wir-”, stotterte Nicholas und wurde sogleich mit einem “Jetzt red endlich!” unterbrochen. Er blickte zur Seite und kniff die Augen zusammen. “In der Bibliothek”, brachte er gepresst hervor, ohne seinen Großvater anzusehen.
“Hast du gedacht, er holt sich etwas zum Lesen, bevor er sich sein nächstes Opfer sucht?”, fragte der Alte hämisch.
“Nein, aber es hätte Aufzeichnungen von vorherigen Ausbrüchen geben können!”, mischte Katrin sich nun ein, da Nicholas sich scheinbar nicht verteidigen wollte.
“Das war eine gute Idee”, versuchte Natascha zu schlichten und strich ihrem Sohn zärtlich über den Rücken, “lasst uns anfangen und sehen, was jeder rausbekommen hat.”
Sie setzten sich unter Nikolaus’ verächtlichem Blick und Nikolai begann zu erzählen. “Wir haben in der Höhle Wasser entdeckt und Fetzen einer Decke. Die Fesseln wurden aufgeschlossen, nicht aufgebrochen. Eine Spur konnten wir auf dem gefrorenen Boden nicht erkennen.” Er wirkte enttäuscht.
“Ich hab mich danach ein wenig unter den Arbeitern umgehört. Keiner konnte sagen, was Ivana in der Gegend gemacht hat, aber sie haben anklingen lassen, dass sie nicht gerade die Netteste war. Einer bezeichnete sie sogar als ‘Poison Ivy’, weil sie wohl immer irgendwelche Gerüchte verbreitet  und die Stimmung damit vergiftet hat”, berichtete Nicole und man merkte, wie es in ihr arbeitete, aber etwas fehlte ihr, um eine Schlussfolgerung zu treffen.
“Da hat jemand den Comic nicht verstanden…”, brummte Nick völlig am Thema vorbei.
“Das ist doch egal”, schnauzte Nicole ihn an und setzte sich endlich hin. “Das ergibt doch alles keinen Sinn…” Verzweifelt verbarg sie ihr Gesicht hinter ihren Händen.
“Doch tut es…”, dachte Katrin laut nach. Alle Augen landeten auf ihr. “Ich meine, ich hätte eine Idee, wie es zusammenhängt, aber vielleicht hab ich auch einfach zu viele Krimis gelesen…”, versuchte sie ihre Aussage etwas zurückzunehmen.
Natürlich schnaubte Nikolaus daraufhin, aber sein Sohn wollte hören, was sie zu sagen hatte.
“Frau Maros, Natascha, gibt es auch Decken mit Ihrer Magie?”, war das Erste was sie fragte.
“Ja, ein paar Arbeiter haben mich um Decken für die kälteren Nächte des Winters gebeten, aber was – oh – du meinst die Fetzen stammen von einer meiner Decken, die auf das Eis gepackt wurden?”, verstand Natascha.
“Genau. Wer auch immer den Krampus befreit hat, brauchte also keinen Fön, sondern hat die Decken genommen”, bestätigte Katrin und verwendete ihr eigenes Beispiel von zuvor zur Verdeutlichung. “In den Sachen, die wir in der kurzen Zeit in der Bibliothek gefunden haben, wurde immer wieder gesagt, dass der Krampus unartige Kinder bestraft beziehungsweise frisst, wenn Ivana also wirklich gerne Gerüchte verbreitet hat, dann wird sie wohl zu den unartigen gezählt haben”, fuhr sie fort.
“So betrachtet ergibt das wirklich Sinn…”, pflichtete Nicole ihr bei.
“Also müssen wir bei den verbliebenen Arbeitern prüfen, wer zu den unartigen zählt, um diese besser schützen zu können”, überlegte Klaus.
“Aber wie können wir sie schützen? Wie können wir den Krampus ausschalten?”, wollte Nick wissen.
“Wir können ihn nicht ausschalten, wir müssen ihn wieder einsperren”, widersprach Nikolaus. Er schaute seine Familie nicht an, erwartete aber gehorsam.
“Sie verheimlichen etwas”, kommentierte Katrin verwundert.
“Was willst du damit sagen?”, raunte er sie an, aber etwas stimmte in seiner Tonlage nicht. Er schien sich ertappt zu fühlen.
“Wenn ein Kind partout nicht zugeben will, dass es Schuld an etwas ist, attackiert es andere, um von sich selbst abzulenken. Sie verhalten sich gerade genauso”, versuchte sie sachlich zu erklären.
“Jetzt vergleichst du mich mit einem Kleinkind?! Was erdreistest du dich?!”, schrie er nun fast.
“Far! Beruhige dich!”, trat Nikolai dazwischen.
Nikolaus schnaubte, aber schwieg. Seinen Sohn sah er dennoch nicht an.
“Sie hat recht, nicht wahr? Du verheimlichst uns etwas”, hakte Nikolai nach.
Nikolaus rutschte in seinem alten Sessel hin und her. Sah seine Enkelkinder einzeln an, ließ seinen Blick kurz auf Katrin ruhen und wandte sich dann seinem Sohn zu. “Ja, es gibt eine Sache, die ich euch noch nicht erzählt habe…”, gab er widerwillig mit einem Seufzen zu. “Es war noch lange vor deiner Geburt, Nikolai, als ich noch ein junge Mann war, noch jünger als Nicholas. Damals war der Krampus, den wir in der Höhle angekettet hatten, alt und klapprig, mit schneeweißem Fell. Eines Tages sackte er einfach in sich zusammen und war tot. Wir dachten, wir wären ihn endlich los geworden, aber dann kam alles anders.” Er pausierte und strich sich mit der altersfleckigen Hand übers Gesicht. “Ein paar Monate später beschloss mein Vater, dass ich das nächste Familienoberhaupt werden sollte, nicht mein älterer Bruder. Das gefiel ihm gar nicht. Er war wütend, auf mich, auf unseren Vater. Seine Wut schlug in Aggressivität um und bald darauf war er nicht mehr er selbst.” Wieder hielt er inne, lehnte sich in seinen Sessel zurück und sprach Richtung Decke weiter: “Er war zum Krampus geworden.”
“Dein Bruder ist der Krampus?”, versicherte sich Nikolai mit trockener Stimme.
Sein Vater nickte nur. “Kurz darauf fing er an zu töten und nur mit viel Mühe gelang es mir ihn einzufangen und schließlich in der Höhle einzufrieren.”
“Warum hast du mir das nie erzählt?” Das Entsetzen und die Enttäuschung klang aus Nikolais Stimme heraus.
“Wie hätte ich es dir denn sagen sollen?”, fuhr Nikolaus ihn an, “Das Ding in der Höhle ist übrigens dein Onkel?”
Nikolai sah betreten zur Seite.

“Das heißt, wenn wir den Krampus töten, dann könnte einer von uns der nächste werden?”, schloss Klaus aus der Erzählung und brach das Schweigen, dass sich über den Raum gelegt hatte.
“Ja, das ist gut möglich…”, musste Nikolaus zugeben.
“Und vermutlich wird er es auf dich abgesehen haben”, fügte Nicole an ihren Großvater gewandt hinzu, “wir sollten sichergehen, dass dir nichts geschehen kann.”
“Ich verschanz’ mich doch nicht in meinem eigenen Heim!”, widersprach er ihr vehement.
“Far, sei doch vernünftig! Du bist nicht mehr der Jüngste und noch einmal wirst du es nicht schaffen ihn in Schach zu halten!”, pflichtete Nikolai seiner Tochter bei.
“Wir aber auch nicht, wenn wir nicht wissen, wie wir ihn einsperren können ohne ihn zu töten…”, ergänzte Nick und ließ die Hände auf den Tisch fallen.
“Scheiße…”, kommentierte Nicole und sprach damit aus, was alle dachten.

Behind the Scenes

Da es hier nochmal explizit auftaucht: Wir bzw. ich haben uns (nach einem Vorschlag von Nebu) für das norwegische „Far“ entschieden, wenn die Väter angesprochen werden und in einem vorherigen Kapitel gab es auch „Mor“, das ist dann natürlich die Mutter. Und ja, dieses kleine Detail sollte trotz Sprachzauber vorhanden sein. 😉

Abgesehen davon, kann ich voll und ganz nachvollziehen, wie Katrin zu ihrem Gedankengang kommt. Wenn man viele Krimis liest – oder schaut – dann findet man einfach die Hinweise schneller bzw. kann sie besser kombinieren.

PoiSonPaiNter

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I’m sorry so far there is no translation of this door

PoiSonPaiNter

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