Adventskalender: Türchen #4

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(Un)erwarteter Besuch

Katrin war mit dem Buch über der Nase in ihrem Sessel im Wohnzimmer eingeschlafen, wie es ihr bei guten Büchern, die sie einfach nicht aus der Hand legen konnte, viel zu oft geschah.
Die Sonne stand schon hoch am Himmel und im ersten Moment erschrak sie, merkte dann aber, dass glücklicherweise Sonnabend war und sie nicht arbeiten musste.

Da es ein schöner Sommertag zu werden versprach, machte sie sich daran, die Milch von der Kommode zu nehmen und schalt sich innerlich dafür, dass sie das leicht verderbliche Lebensmittel hatte draußen stehen lassen. Aber was solls, es hätte ja sowieso niemand Interesse an der Milch und den Keksen haben können – und eine herumstreunende Katze gab es in ihrer Wohngegend nicht, soweit sie wusste. Sie hob das Glas und den Teller, die sie gestern Abend neben den Briefumschlag gestellt hatte, an, um sie in die Küche zu tragen, als ihr plötzlich bewusst wurde, dass der Brief weg war! Ungläubig starrte sie aufs Bord, stellte den Teller und das Glas wieder hin, sah nach, ob der Wind den Brief vielleicht heruntergeweht haben konnte, und blickte dann auf die Kekskrümelchen. Nicht nur der Brief war weg, sondern tatsächlich auch ein paar Happen der Kekse. Und vielleicht etwas von der Milch?
Katrin blieb der Mund offen stehen.
Sollte tatsächlich… der Brief… das kann doch gar nicht…
Katrin beschloss, die Milch und die Kekse einfach stehen zu lassen und erst einmal richtig wach zu werden. Sie sprang unter die Dusche, drehte den Temperaturregler nach kurzer Zeit auf ‚kühl‘ und ließ sich vom Wasser erfrischen.

Weil es draußen schon fast sommerlich warm und es außerdem ein freier Tag war, rief sie ihre Freundin an und lud sie zu einem verspäteten Frühstück im Sonnenschein ein. Bei Marmeladenbrot, Orangensaft und gekochten Eiern ließen die beiden jungen Frauen es sich gut gehen, unterhielten sich über das neueste Geschehen in der Stadt und in ihrem Freundeskreis und schon bald dachte Katrin nicht mehr an das merkwürdige Erlebnis vom Morgen.
Nachdem die beiden noch Bummeln und auf einen Cocktail in einem kleinen Laden in der Fußgängerzone eingekehrt waren, wo sie noch ein paar Freunde trafen, fiel Katrin schließlich erschöpft ins Bett, griff nach der Fernbedienung ihrer kleinen Stereoanlage, schaltete ein Hörbuch ein und war nach zehn Minuten eingeschlafen.

Nach einem ausgiebigen Ausschlafen betrat Katrin am Sonntag ihr Wohnzimmer, um dort zuende aufzuräumen. Das Geschirr vom gestrigen Frühstück stand noch herum, nur die Marmelade war schon im Kühlschrank verschwunden. Seufzend stellte Katrin Teller und Tassen auf ein Tablett, wischte die Krümel vom Tisch und wandte sich um, als ihr Blick auf den Keksteller und das halbleere Glas Milch fiel. Ihr Herz begann zu pochen. Nicholas! Da fiel es ihr wieder ein. Der Brief. Der Wunsch, ihn wiederzusehen. Dass sie das Tablett, das sie in den Händen trug, in die Küche bringen wollte, hatte sie völlig vergessen.

Während sie noch in ihrem Wohnzimmer stand, hörte sie hinter sich ein Geräusch. Es klang, als hätten sich die Fenstervorhänge bewegt, obwohl kein Lüftchen zu spüren war, gefolgt von kurzen Schritten. Intuitiv umfasste sie das Tablett fester, um sich zu verteidigen, hielt dann aber inne und drehte sich langsam um, als sie einen leichten Geruch nach gebrannten Mandeln wahrnahm. Ihr Schreck und ihr Erstaunen wichen großer Freude, als sie Nicholas, diesmal nicht in entsprechender Winterkluft sondern nur mit Bluejeans und sportlichem Pulli sowie mit flachen Schuhen statt der schweren Stiefel bekleidet erkannte.
Katrin war noch immer sprachlos, während Nicholas schon auf sie zutrat, ihr die Hand entgegen streckte und eine leichte Verbeugung andeutete.
„Du wolltest mich sprechen? Da bin ich.“ Er zwinkerte ihr zu. Katrin wurde rot, stellte das Tablett ab, nahm vor lauter Verlegenheit den Keksteller von der Kommode und hielt ihn ihm hin. „Möchtest du?“
Nicholas lachte schallend, nahm aber einen der halb übrig gebliebenen Kekse. „Na, da haben die Schlaraffen mir ja sogar noch was übrig gelassen, wie es scheint! Naja, sie sind, was Kekse betrifft, Zuhause einfach unheimlich verwöhnt. Es geht eben nichts über die Hausgemachten von Mama!“
Katrin wurde erneut rot und dachte daran, dass sie die Kekse nicht selbst gebacken hatte. Schnell stellte sie den Teller wieder auf die Kommode. „Wo kommst du denn so plötzlich einfach her?“ Die junge Frau schien ihre Sprache wiedergefunden zu haben. Sie ließ ihn gar nicht zu Wort kommen, sondern legte, genau wie die Kinder im Kindergarten ein paar Tage zuvor, sofort mit einem großen Redeschwall los. „Wie schaffst du es, dich so schnell und vor allem so ungewöhnlich fortzubewegen? Wo sind deine Rentiere und dein Schlitten? Fährst du im Sommer mangels Schnee Kutsche? Wie hat der Brief dich so schnell erreicht? Kein Wunder, dass die Kinder und erst recht wir Erwachsenen nicht nachvollziehen können, wie es denn so etwas wie einen Weihnachtsmann geben kann, wenn dieser wie du so unglaubliche Sachen vollbringt! Und …“
Nicholas lächelte gutmütig. „Immer mit der Ruhe! Ich bin hier, um auf viele deiner Fragen zu antworten.”
„Wollen wir uns setzen?“, bot Katrin an.
„Aber warum denn? Lass uns doch ein wenig spazieren gehen! Wir haben bei uns im hohen Norden fast ein halbes Jahr lang viel zu lange dunkle Tage.“
Nickend willigte Katrin ein und nahm lachend Nicholas‘ Angebot an, sich bei ihm einzuhaken.

Während sie an sommerlichen Feldern am Stadtrand entlang gingen, gab Katrin viele der Fragen, die ihr die Kinder gestellt hatten, an Nicholas weiter. Sie berichtete ihm, wie es dazu kam, dass sie ihnen von ihrem Treffen letztes Weihnachten erzählt hatte.
„Hoffentlich warst du nicht allzu glaubwürdig“, spöttelte Nicholas, ließ Katrin aber nicht merken, wie sehr er dabei an den Satz seines Vaters denken musste. ‚Sie darf nicht über, was auch immer da vorgefallen ist, sprechen. Aber das versteht sich ja von selbst. Erinnere sie daran.‘ Leichter gesagt als getan und offensichtlich sowieso zu spät – aber gut, Kindergärtnerinnen wissen es sicherlich gekonnt, eine einmal erzählte Geschichte als genau das zu verkaufen – eine Geschichte.
Ernster fuhr er deshalb fort: „Du bist dir aber darüber im Klaren, was passiert, wenn die reale Welt, die Welt, in der du lebst und in der Weihnachtsmänner dicke, alte, gutmütige Männer mit angeklebtem Rauschebart und ausstaffierten roten Wintermänteln sind, davon Wind bekommen, dass es mich und meine Familie wirklich gibt, oder?“
„Nein,“ antwortete Katrin. „Was wäre denn daran so schlimm? Sie werden euch schon nicht besuchen kommen!“
„Nein, wahrscheinlich nicht“, antwortete Nicholas, scheinbar in Gedanken versunken. Ein paar Minuten gingen sie schweigend nebeneinander her. Katrin hatte ihre Hände in die Hosentaschen gesteckt. Der Mann neben ihr schien plötzlich zu einer Figur aus einer Geschichte geworden zu sein. Nicht real. Und das machte ihr Angst.
„Du meinst, wenn die reale Welt von euch erführe… was ist denn deine Welt? Warum ist sie nicht Teil unserer Realen?“
„Das kann ich dir nicht beschreiben. Wir sind Teil eurer Welt. Wir sind da und doch wieder nicht. Niemand, der uns und unser Dorf suchen wollte, könnte uns finden. Das geht nur auf Einladung.“
Nicholas zögerte einen Moment. Dann blieb er stehen, drehte sich zu Katrin um und hob eine Hand. „Ich habe eine Idee. Ich beschreibe es dir nicht, ich zeige es dir. ‚Auf Einladung‘ habe ich eben gesagt – wenn du magst, lade ich dich hiermit zu uns ein.“

Behind the Scenes

Das heutige Gastkapitel ist tatsächlich dank meines Aufrufs entstanden. Nebu, sah ihn und bot gleich an zwei Kapitel zu übernehmen. Dieses ist das Erste, das auch wieder der Teilschere zum „Opfer“ gefallen ist, sodass es letztendlich drei Kapitel geworden sind. Teil 2 gibt es dann morgen. 😉
An dem Kapitel mussten wir vom Weltenbau und Zeitplan her noch etwas herumdoktern.
Wie lange braucht der Brief um von Katrin zu Nicholas zu kommen und wann reagiert er darauf? War nur eine der Fragen, die wir uns stellten.

PoiSonPaiNter

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I’m sorry so far there is no translation of this door

PoiSonPaiNter

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