Monthly Archives: December 2017

Adventskalender: Türchen #24

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Offenbarung

Für den Rest der Nacht holte Katrin die restlichen Decken, um sie beide darin einzuwickeln. Nicholas hatte derweil die Stelle gefunden an der er sich auch mit den Fesseln hinsetzen konnte; schließlich waren sie zum Festhalten und nicht zum Foltern gedacht. Sie setzten sich dicht nebeneinander, um sich auch gegenseitig Wärme zu spenden. Damit sie es beide bequem hatten, legte Nicholas seinen Arm um Katrin, da die Kette ihr sonst in den Rücken drücken würde. Sie sträubte sich zwar erst etwas dagegen, gestand sich dann aber ein, dass es so wesentlich angenehmer war.

Für eine Weile musste Katrin ihm davon erzählen, was sie getan hatte, um die Verwandlung umzukehren. Dabei ließ sie allerdings ihren Fehlversuch aus, das war ihr dann doch zu peinlich einem nur leicht bekleideten Nicholas gegenüber. Allein der Gedanke ließ sie rot werden und auch seine wiederholten Nachfragen änderten nichts an ihrer Entscheidung. Nicht viel später überkam Katrin schließlich die Erschöpfung. Der Weg durch den Schnee und ihre Sorge um Nicholas forderten ihren Tribut. Ihren Kopf an Nicholas’ Schulter gelehnt schlief sie schließlich ein.

Am nächsten Morgen wurden sie von einem erstaunten “Nicholas!” geweckt. Katrin hob den Kopf und konnte den Umriss, der sich ihnen näherte, erst als Nicole erkennen, als sie schon vor Nicholas kniete und ihn fest in die Arme schloss.
“Du- ihr- was?”, fragte sie, lehnte sich etwas zurück und sah verwirrt zwischen ihnen hin und her.
“Guten Morgen”, begrüßte Nicholas sie mit einem breiten Grinsen, was Nicole zum Lachen brachte. Es war ein erleichtertes, fröhliches Lachen.
“Wie habt ihr das geschafft?”, brachte sie schließlich hervor.
“Das wissen wir selbst nicht so genau …”, gab Nicholas beschämt zu. “Katrin hat auf mich eingeredet und ich hab darauf reagiert …”
“Hauptsache, du bist wieder du selbst!” Nicole schüttelte lächelnd den Kopf. Eigentlich wollte sie mit Katrin schimpfen, weil sie einfach mitten in der Nacht alleine in die Höhle gegangen war, aber sie konnte nicht. Das Ergebnis dieser wahnsinnigen Aktion war schließlich ihr kleiner Bruder, der nun nicht mehr von Fell bedeckt war.
“Ihr müsst beide ja total durchgefroren sein …”, war alles, was sie sagen konnte und rieb Nicholas über die Arme.
“Es geht. Mors Decken haben geholfen”, winkte Nicholas ab und klirrte dabei mit der Kette. “Nur die sind etwas lästig”, ergänzte er mit einem Lächeln.
Nicole erwiderte es und präsentierte lässig den Schlüssel, den sie aus ihrer Jackentasche gezogen hatte. “Na dann wollen wir dich mal davon befreien.”

Von den Ketten befreit rieb Nicholas über seine aufgeschürften Handgelenke. Katrin hatte ihm erzählt, wie sehr er sich gegen seine Fesseln gewehrt hatte, aber es so zu sehen, war nochmal etwas anderes.
Nicole zog sanft seine Hand weg. „So machst du es nur noch schlimmer.“
Er gehorchte und fing damit an sich erstmal ausgiebig zu strecken. Die Decke um seine Schulter hatte er dafür abgelegt. Katrin sah beschämt zur Seite, denn die provisorisch um seine Hüfte gelegte Decke verdeckte nicht sonderlich viel.
“Hätte ich gewusst, dass du ne Enthaarungskur gemacht hast, hätte ich dir Sachen mitgebracht”, kommentierte Nicole als die Decke vollends den Halt verlor. Vorwurfsvoll blickte sie zu Katrin, die immer weiter in sich zusammensank.
“Es ist doch nicht ihre Schuld, dass wir hier draußen keinen Empfang haben…”, gab Nicholas zu Bedenken. Er wollte damit Katrin zur Seite stehen, aber dass er dabei mit hochrotem Kopf die Decke wieder um seine Hüfte band, half nicht gerade.
Nicole schüttelte nur den Kopf und hob eine weitere Decke auf, die sie ihrem kleinen Bruder mit einem aufrichtigen Lächeln um die Schultern legte. “Jetzt sorgen wir erstmal dafür, dass du ins Warme kommst.”

Mit ihren Fähigkeiten hielt Nicole den Schnee, der auf sie hinab rieselte davon ab sie zu erreichen und sorgte dafür, dass der bereits liegende zu einer festen Fläche wurde. Zumindest wenn sie Nicole in direkter Linie folgten, was Katrin am eigenen Fuß erfuhr, der bei einem Fehltritt tief in den Schnee einsank. Schmunzelnd half Nicholas ihr auf die Beine, während Nicole es ihr knapp erklärte.

Nach einer gefühlten Ewigkeit erreichten sie endlich das Haupthaus. Katrin war trotz wärmender Decke komplett durchgefroren. Sie wollte sich gar nicht vorstellen, wie es Nicholas ging, der Barfuß durch den Schnee lief.
Nicole öffnete die Tür. Geschirrklappern und Gespräche drangen zu ihnen hinaus und hielten schließlich inne.
“Ist alles in Ordnung?”, fragte Natascha besorgt. Ihr Stuhl schabte über den Küchenboden.
“Schaut mal, wen ich mitgebracht habe”, verkündete Nicole stattdessen freudig und machte Platz für Nicholas, der mit eingezogenem Kopf durch die Tür ging.
“Nicholas …”, hauchte Natascha und schloss ihren Sohn sogleich fest in die Arme und auch seine anderen Familienmitglieder kamen auf ihn zu, um ihn willkommen zu heißen.
Katrin drängte sich an ihnen vorbei in die warme Küche. Sie lächelte und war einfach nur froh, dass ihr kleines Abenteuer ein solches Ergebnis erzielt hatte.

Kaum war die erste Welle der stürmischen Umarmungen verflogen und alle hatten sich etwas beruhigt, da piepte Katrins Handy wie wild los. Alle sahen sie an und peinlich berührt schaute sie, was das Gerät wollte. 7 verpasste Anrufe, 3 Nachrichten und 5 neue E-Mails prangten auf ihrem Display, alle von der gleichen Person: Dem Vater, dem sie die Seiten zur Übersetzung gegeben hatte. Nervös öffnete sie die erste Nachricht und überflog sie. Ein Lächeln begann sich auf ihrem Gesicht auszubreiten.
Habe auf einem Symposium einen Kollegen getroffen, der die Sprache spricht. Es handelt sich um eine Mischung aus Alt-Norwegisch und der Sprache der Sami. Er war so begeistert, er wird sich umgehend um eine Übersetzung bemühen”, stand dort in den kleinen digitalen Buchstaben. Die zweite Nachricht verkündete, dass sie die Übersetzung am Ende des Tages erwarten könnte. Die dritte verwies auf eine E-Mail. Schnell wechselte sie das Programm, noch immer unter den verwirrten Blicken der Familie. “Im Anhang die fertige Übersetzung.” Katrin konnte sich ein freudiges Quieken nicht verkneifen und öffnete diesen hoffnungsvoll. Sie las die Übersetzung und las sie noch ein zweites Mal, um sicherzugehen, dass sie alles richtig verstanden hatte. Das Lächeln wurde zu einem breiten Grinsen als sie den ungeduldig Wartenden verkündete: “Die Übersetzung ist da.”

“Na, lies schon vor!”, drängte Nick, aber es war Nicholas auf dessen Antwort sie wartete. Als er kaum merklich nickte, begann sie zu lesen.
Der Krampus-Zauber ist einer der ältesten und mächtigsten Schutzauber Joulkys,”, Katrin musste über die Schreibweise ‘Julki’ schmunzeln, aber vielleicht wurde es früher so geschrieben, “der seinen Wirt mit besonderen Fähigkeiten ausstattet, um das Dorf und die Familie zu schützen. Mit seiner Fähigkeit, die Bösartigkeit eines Menschen zu erspüren, kann er Gefahren bereits abwenden, bevor sie zu einer Bedrohung werden. Durch die Verwandlung in die Bestie gewinnt der Wirt an Schnelligkeit und Stärke. Jedoch sind diese Vorteile nur nutzbar, sofern der Wirt seine Menschlichkeit nach der ersten Verwandlung, seiner ‘Wilden Phase’, zurückerlangt.” Katrin machte eine Pause um Luft zu holen und die Gesichter zu betrachten. Der Krampus war kein Monster, er war ein Beschützer! Nicholas war der neue Beschützer des Dorfes! Doch noch schien diese Nachricht nicht angekommen zu sein, denn er starrte lethargisch zu Boden, während Nicole nachfragte, ob das alles war. Katrin schüttelte den Kopf und las weiter. “Stirbt ein Krampus-Wirt sucht sich der Zauber einen neuen aus dem Kreis der Familie. Einst ging man davon aus, dass der Zauber von der größten Quelle der Wut angezogen wurde, heute wissen wir jedoch mit Bestimmtheit, dass für die Wahl des nächsten Wirtes dessen vorhandener Hass eine stärkere Rolle spielt.” Dieser Abschnitt hatte sie schon beim vorherigen Lesen verwirrt. Sie konnte sich einfach nicht vorstellen, dass jemand wie Nicholas einen solchen Hass in sich tragen könnte. “Wurde ein neuer Wirt gefunden, so dauert es bis zu den nächsten Rauhnächten, dass die Verwandlung beginnt und sich unterschiedlich schnell ausbreitet, bis er vollkommen zur Bestie wird. Nur durch eine Konfrontation mit seiner eigenen Menschlichkeit und der Wahrheit über seine Situation, kann der Wirt aus der Wilden Phase herausgerissen werden und seinen Aufgaben gezielt nachkommen.” Katrin schluckte, bevor sie weiterlas: “Gelingt es nicht, den Krampus-Wirt aus der Wilden Phase zurückzuholen, so muss er einem magischen Ende zugeführt werden, damit ein anderer Wirt seinen Platz einnehmen kann.” Damit schloss sie. Das Dokument endete mit einem Hinweis auf kommende Übersetzungen, da der Text wesentlich länger gewesen war, sie aber vor allem um Passagen zur Verwandlung und Entstehung gebeten hatte. Allerdings hatte sie das Vorwort verschwiegen: “Um das Wissen über den Krampus zu bewahren, schreibe ich diese Zeilen. Mögen sie kommenden Generationen dienen den kommenden Krampus-Wirten auf ihrem Weg zu helfen.” Das würde Ephraim mit seinem Gewissen ausmachen müssen.

Über den Raum hatte sich Schweigen gelegt, es fühlte sich an, wie die Ruhe vor dem Sturm.

“Wen hasst du?”, brach es schließlich aus jemandem heraus. Katrin konnte nicht sagen wer es war, denn die Stimmen überschlugen und vermischten sich, als sie auf Nicholas eindrängten.
“Was hasst du?”
“Du bist doch immer so freundlich zu jedem!”
“MICH!”, brach es schließlich aus Nicholas hervor und er presste seine Hände gegen seine Stirn. “Ich bin ein Nichtsnutz, ein Versager…”, brummte er erschöpft, “Ich kann von allem ein bisschen, aber nichts wirklich gut…” Zwischen seinen Haaren brachen langsam die Hörner erneut hervor, aber seine Familie starrte ihn lediglich verwirrt an. Da niemand von ihnen reagierte, nahm Katrin es auf sich, ihn von den anderen wegzudrehen.
“Sieh mich an”, forderte sie ihn auf und fixierte sein Gesicht mit beiden Händen in ihre Richtung. Seine sonst so dunklen Augen hatten sich bereits aufgehellt und suchten hektisch nach Halt. “Nicholas”, versuchte sie erneut seine Aufmerksamkeit zu erlangen, vehement und mit einer Ruhe, die nicht ihr Innerstes erreichte; wie bei einem verängstigten Kind.  Endlich blieben seine Augen auf den ihren ruhen.
“Du bist kein Versager, es ist nur dein Kopf, der dir das einreden will!”, versuchte sie ihm klar zu machen, “Das ist ganz normal. Es gibt sogar viele Leute, die so denken. Du bist damit nicht allein.” Mit einem aufmunternden Lächeln fuhr sie fort: “In meiner Welt gibt es Ärzte – Psychologen –  die dir helfen können mit diesen Gedanken zu leben, damit sie dich nicht kaputt machen. Aber nur, wenn du das auch willst.”
“Einen Arzt? Der Junge ist doch nicht krank!”, protestierte Nikolaus abweisend.
Nicholas zuckte zusammen, doch Katrin ließ ihn nicht los.
“Doch ist er!”, widersprach Claudia und strich Nicholas beruhigend über die Schulter, “Wenn sein Selbsthass so stark ist, dass der Krampus-Zauber ihn für würdig hält, dann braucht er dringend Hilfe…” Über Nicholas’ Schulter hinweg sah sie zu Katrin, die zustimmend nickte. Bedrückendes Schweigen hatte sich über den Raum gelegt und Katrin spürte, wie Nicholas langsam anfing zu zittern. Seine Augen verdunkelten sich wieder und ohne Vorwarnung krallte er sich an sie, sein Gesicht an ihrer Schulter verborgen. Tränen benetzten ihre Jacke und alles was sie tun konnte war, ihm in beruhigenden Kreisen über den Rücken zu streichen.

Nachdem er sich gefangen hatte, richtete er sich wieder auf, sah sie betrübt an und flüsterte: “Es tut mir Leid.”
“Das braucht es nicht”, versicherte sie ihm. “Aber jetzt brauche ich erstmal eine warme Dusche und du auch”, versuchte sie ihn abzulenken und klopfte ihm aufmunternd auf den Oberarm.
Verstohlen blickte Nicholas an sich herab und murmelte: “Etwas zum Anziehen wäre auch gut…”
“Das wollte ich jetzt nicht nochmal extra betonen…”, gab Katrin zu und beiden stieg die Röte ins Gesicht.
“Geht, Claudia kann uns alles erklären”, bestimmte Nicole und wuschelte ihrem kleinen Bruder durch die Haare.
Dieser blickte sie dankbar an und ließ sich dann von Katrin hinausbegleiten.

Als sie im Flur ankamen blieb Nicholas nachdenklich stehen und Katrin drehte sich fragend zu ihm um.
“Ich- Du- Kannst du- Kannst du noch ein paar Tage hier bleiben?”, fragte er sie, den Blick unsicher zu Boden gerichtet. “Und-und mir… mir helfen jemanden zu finden… der mir glaubt ..?”
“Natürlich”, versicherte sie ihm mit einem halben Lächeln, “außerdem brauchst du dich nur zu verwandeln, dann glaubt dir jeder.“ Als Nicholas mit einem Schmunzeln reagierte, fügte sie ernster hinzu: ”Und wenn es dir hier zu viel wird, hast du ja mein Haus gesehen.”
Er nickte erschöpft. “Danke.”
“Dafür nicht”, widersprach Katrin mit einem dezenten Kopfschütteln. “Und jetzt ab unter die Dusche mit dir.”
Mit einem letzten Lächeln wandte Nicholas sich zum Bad, während Katrin ihm noch einen Moment lang hinterher sah. Sie dachte ihre erste Begegnung mit ihm war schon merkwürdig gewesen, aber nun half sie einem depressiven Krampus-Santa auf die Beine zu kommen. Das würden ihr noch viel weniger Leute glauben …

Behind the Scenes

Wir haben das Ende erreicht, das ursprünglich drei Kapitel waren. Ja, es ist ein offeneres Ende, aber ich hab schon ein paar Ideen, wie es mit Nicholas and Katrin weitergehen soll … 😉

Es war ein anstrengender und interessanter Weg hier her – und ich meine nicht nur die Geschichte – und ich möchte auch an dieser Stelle nochmal ein

GANZ GROßES DANKE!

an die Autorinnen, die mir bei dieser Geschichte geholfen haben, senden:

Irina ChristmannAnne Danck, Marina von DarkFairys SenfNebuEva-Maria Obermann and Paula Roose!

Ohne euch hätte ich das dieses Jahr nicht geschafft!

Ich hoffe alle Leser*innen und Autorinnen hatten Spaß – und Letztere waren nicht zu arg genervt, wenn ich doch nochmal was geändert haben wollte bzw. geändert habe. 😉

Damit wünsche ich uns:

Besinnliche Feiertage und vielleicht noch ein paar Flocken Schnee, die unsere Zuhause zu einem kleinen Joulky machen. 😉

PoiSonPaiNter

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Adventskalender: Türchen #23

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Monster

“Alles gut”, sagte Katrin, obwohl nichts gut war. Gar nichts. “Jetzt beruhigen wir uns beide erst einmal. Ich bin für dich da. Sag mir, was das Problem ist, und wir finden gemeinsam eine Lösung. Alles wird gut.”
Aber die Sätze, die sonst bei ihren Kindergartenkindern immer so gut wirkten, gingen in dem furchterregenden, langgezogenen Knurren unter, das von den Höhlenwänden widerhallte. Also verstummte sie und wartete auf eine Lücke im Knurren. Sie würde ihn nicht anschreien. Geduldig holte sie Luft und versuchte es, in der winzigen Stille noch einmal.
“Nicholas, ich will dir helfen. Ich -”
Wieder begann er zu knurren. Als hätte er keines ihrer Worte verstanden.
War das möglich? Konnte sich mit der Form seiner Ohren auch seine Fähigkeit, ihre Sprache zu verstehen – oder zu sprechen – verändert haben?
Wenn ja, dann würde alles Reden nichts nutzen – womöglich nahm er das nur als Knurren ihrerseits wahr. Aber wie konnte sie ihn dann dazu bringen, sich zu beruhigen? Katrin beobachtete, wie sich Nicholas immer und immer wieder gegen seine Ketten warf, seine ganze Wut und Aufmerksamkeit auf sie, den Eindringling gerichtet. Das Herz blutete ihr bei diesem Anblick. Und wenn er so weitermachte, dann würde ihm bald die Handgelenke bluten. So ging das nicht weiter. Wenn sie schon nicht mit ihm reden konnte, dann würde sie ihm zeigen müssen, dass sie ihm nichts böses wollte.
Warum, verdammt, hatten sie diese dumme Übersetzung noch nicht bekommen?
Entgegen allem, was ihr die Instinkte zuschrien, setzte sich Katrin in Bewegung und näherte sich dem Wildgewordenen. Ganz langsam. Wie vorher durch den Tiefschnee, so kostete sie auch jetzt jeder Schritt unglaubliche Überwindung. Denn natürlich wurde er zunächst nicht ruhiger, sondern raste nur um so mehr.
Ganz ruhig. Alles wird gut.
Jetzt war sie selbst es, der sie dieses Mantra aufsagen musste. Noch drei Meter. Zwei. Eine Armlänge. Noch nie war ihr so deutlich bewusst gewesen wie groß Nicholas im Vergleich zu ihr war. Wie kräftig. Sie musste verrückt sein.
Auch die Hand streckte sie ganz langsam aus. Nicholas kämpfte gegen die schweren Ketten, die seine Arme zurückhielten, und versuchte stattdessen mit dem Kiefer nach ihr zu schnappen. Zu schnappen. Wie ein Tier. Katrins Atem ging flach. Trotzdem schob sie Zentimeter für Zentimeter ihre Finger vor. Sie wagte nicht, sich vorzustellen, was es bedeuten würde, wenn die Zähne des Krampus’ sie tatsächlich erreichten. Wenn diese Kiefer…
Nicholas. Es war immer noch Nicholas.
In dem Moment, in dem er erneut nach ihr zielte, drehte sie die Hand und legte sie ihm an die Wange.
Er erstarrte. Gelbe Augen fixierten sie.
Sie bewegte die Finger, vorsichtig. Das Fell war rau unter ihren Fingerspitzen. Und er schnaufte noch immer – ob vor Wut oder Angst vermochte sie nicht zu sagen. Aber irgendetwas in ihm, schien noch Nicholas genug zu sein, um diese Berührung als eine ungefährliche wiederzuerkennen.
Und wenn der Weg zu seiner Erlösung damit zusammenhing? Wenn sie ihn ganz ans Menschsein erinnern musste? War es nicht auch das Wundermittel in sämtlichen Märchen? …und wenn das hier keine wahrgewordene Sagengestalt war, was dann?
Ein unangebracht aufgeregtes Prickeln stieg in ihr auf, trieb ihr das Herzklopfen in die Kehle und das Blut in die Wangen. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn. Einfach so. Auf den Mund.
Eine nervöse Sekunde lang passierte nichts.
Dann kam wieder Bewegung in den Krampus und er schüttelte sie ab. Nicht absichtlich. Er zog und zerrte lediglich wieder mit aller Kraft an seinen Ketten und brüllte auf, als er feststellte, dass sie sich nicht bewegten.
Und er besaß immer noch Hufe, Krallen und Hörner wie zuvor.
“Verdammt, Nicholas! Was soll ich denn noch tun?” Plötzlich war die Angst wieder mit voller Wucht da, schnürte ihr den Hals zu. “Du könntest mir ja auch mal nachdenken helfen, anstatt mich nur anzuknurren! Oder wenigstens stillstehen, verflucht! So machst du doch alles nur noch schlimmer!” Aufgewühlt drehte sie sich fort und begann, in der Höhle auf- und abzulaufen. “Es muss einfach einen Ausweg geben! Es muss einfach! Und ich werde dich nicht im Stich lassen – da kannst du mich noch so bedrohlich anknurren! Hast du gehört, du Fellschädel?”
Doch genauso gut hätte sie mit der Höhlenwand reden können. Er war wieder ganz das beißwütige Monster geworden, dass allein durch die Ketten daran gehindert wurde, sich auf sie zu stürzen.
“Hörst du mir überhaupt zu, verdammt?!” Aufgebracht bückte sich Katrin nach dem hereingewehten Schnee zu ihren Füßen und warf ihn Nicholas an den Kopf. Er zuckte zusammen, schüttelte sich wie ein Hund und machte dann weiter wie zuvor. Manisch.
“Ach, verflucht!” Was tat sie hier? Sie konnte doch sehen, dass ihre Anwesenheit ihm mehr schadete, als half! Meine Güte, hatte sie sich nicht geschworen, nicht zu schreien? Was war es dann, was sie gerade machte? Hatte sie ihn ernsthaft beworfen?
“Ich bin dir keine gute Gesellschaft, oder? Jetzt nicht… Aber vermutlich war ich das auch zuvor nicht. Ich meine, was habe ich denn schon für dich getan? Konnte ich dir auch nur in einem Punkt helfen? Du warst doch derjenige, der mich immerzu beschenkt hat – indem du mir das Dorf gezeigt hast. Und eure Bibliothek. Die Rentiere! Aber ich? Ich habe nur alles durcheinandergebracht. Dein Bruder hatte Recht, ich hätte nie in euer Dorf kommen dürfen. Wäre ich nicht gewesen, hättest du mich auch nicht vor dem Krampus schützen müssen. Und ohne den getöteten Krampus wärst du nie… ”
Ein weiteres Mal warf sich Nicholas grollend gegen die Ketten. Die Haut an seinen Handgelenken war inzwischen schon beinahe fellfrei – abgescheuert, nicht erlöst.
“Was habe ich nur getan?” Katrin würgte an dem Kloß in ihrem Hals, kämpfte gegen das Brennen in ihren Augen. Und fand sich plötzlich auf den Knien wieder, direkt vor Nicholas und doch so unendlich weit weg, und die Schluchzer rollten nur so über sie hinweg, schüttelten sie, bis sie selbst kaum noch Luft bekam. Die ganze Welt war verschwommen, nichts mehr übrig außer dem Eingeständnis ihrer Hilflosigkeit.
Es dauerte eine Ewigkeit, ehe sie sich wieder unter Kontrolle hatte. Als sie sich auf die Lippen biss und beschloss, dass sie ebenso gut gehen und wenigstens Nicholas seine ungestörte Einsamkeit wiedergeben konnte. Schuldbewusst hob sie den Kopf, um ihn anzusehen –
Und fand sich erneut zwei goldenen Augen gegenüber.
Er riss nicht an seinen Ketten, er brüllte nicht. Er hatte sich so weit wie möglich zu ihr herabgebeugt und war erneut erstarrt, fixierte sie eindringlich.
Menschlichkeit, begriff Katrin durch den Nebel in ihrem Kopf hindurch. Weinen war auch etwas, was nur Menschen konnten.
Dann, jäh, klirrte es laut und Katrin zuckte zusammen. Die Kette von Nicholas rechtem Arm war erneut straff gespannt. Er zerrte daran. Aber diesmal nur einseitig. Was…
Rechts. Nicholas war Rechtshänder. Er wollte etwas zeigen. Oder berühren?
Unsicher blinzelte Katrin gegen die verbliebenen Tränen an und rutschte ein winziges Stück vor – wenn er jetzt erneut einen Rückfall erlitt…? – und noch ein Stück und noch eines…
Seine Hand zielte auf ihr Gesicht. Erschrocken hielt Katrin die Luft an und schloss instinktiv die Augen.
Doch die Kralle kratzte nur ganz sacht über ihre Haut und war dann wieder fort. Sie öffnete die Augen.
Der Krampus – Nicholas – betrachtete die Träne auf seinem Finger.
Katrin schnappte nach Luft. Finger – keine Kralle! Und noch während sie voller Unglauben darauf starrte, konnte sie sehen, wie das Fell sich, angefangen von dem Finger, immer weiter zurückzog. Auflöste, als wäre es nie dagewesen, nur ein schlimmer Spuk, ein Albtraum, nichts weiter.
Mit einem Aufschrei zwischen Lachen und Weinen sprang sie auf und schlang Nicholas die Arme um den Körper. Erneut strömten die Tränen ohne Halt aus ihr heraus. Unter ihrer Wange schmolz das Fell dahin und wurde zu glatter Haut. “Du bist wieder da”, brachte sie schniefend heraus. “Also war es doch eine Märchenerlösung! Wie konnte ich nur vergessen, dass Tränen auch eine Option sind?”
“Tränen?”
Wie gut es war, seine normale Stimme wieder zu hören! Auch wenn sie vom vielen Brüllen noch etwas rau klang. Ohne ihn loszulassen, lehnte sie sich zurück, um in sein Gesicht sehen zu können. Gerade in dem Moment, als der Zauber sich von seiner Stirn zurückzog und beide Hörner abbrachen und mit einem Klappern zu Boden fielen.
Nicholas blinzelte. “Was -”
Er war nun wieder ganz der Alte. Kein Krampus mehr. Einfach nur Nicholas. Und…
Sie sahen beide gleichzeitig an ihm herab.
“Ähm”, machte Katrin, räusperte sich nervös und trat einen Schritt zurück. “Vielleicht sollten wir dir etwas zum Anziehen beschaffen.”
“Ist ja auch ziemlich kalt”, stimmte Nicholas zu – und sein Tonfall klang dabei schon wieder so unbeschwert und so sehr nach ihm, dass es sie zum Lachen brachte.

“Das ist das einzige, was ich finden konnte.” Katrin hielt Nicholas eine der Decken hin. Sie waren aus Wolle gestrickt und mit Mustern von Schneeflocken und Rentieren versehen.
“Ist das…?”
“Das Werkzeug, mit dem der Krampus aufgetaut wurde? Ich vermute, ja.” Sie drückte es Nicholas mit Nachdruck in die Hand. “Nur angemessen, dass sie jetzt dich auch etwas auftauen, findest du nicht?”
Umständlich versuchte Nicholas, sich in die Wolle zu hüllen – die Ketten kamen ihm immer wieder in den Weg. Notgedrungen sprang ihm Katrin zu Hilfe und kämpfte währenddessen gegen den eigenen hochroten Kopf und das Verlegenheitslachen in ihrem Hals an.
“Du solltest dir auch eine nehmen”, forderte Nicholas sie auf.
Katrin verzog den Mund. “Ich sollte eigentlich durch den ganzen Schnee zurückstapfen und dir echte Kleidung holen. Und mich bei der Gelegenheit gleich deiner ganzen Familie stellen und ihnen beichten, was ich getan habe. Wobei ich dann vermutlich nicht diejenige bin, die dir die Sachen bringt. Vermutlich werden sie mich gleich wieder zurück nach Hause verfrachten.” Je mehr Katrin darüber nachdachte, desto wahrscheinlicher erschien ihr das und umso mehr sank ihr Mut. Am Liebsten hätte sie sich in der hintersten Höhlenecke unter den restlichen Decken versteckt, nur um den Reaktionen der anderen zu entgehen. Was hatte sie sich nur dabei gedacht, hierher zu kommen?
“Dann tu es nicht.”
Katrin blinzelte. “Aber -”
“Die Decken werden schon reichen. Außerdem kann ich doch nicht zulassen, dass du meine Familie konfrontierst, ohne mich als Fürsprecher dabeizuhaben. Ich will nicht sagen, dass es ungefährlich oder auch nur ansatzweise vernünftig war, was du getan hast. Aber ohne dich wäre ich weiterhin in einem Zustand, in dem ich nicht einmal wüsste, was Vernunft bedeutet.” Er lächelte – nein, strahlte – sie an, wie er es schon damals getan hatte, als sie ihm die Ofenbürste für den Auspuff angeboten hatte. Oder er ihr eine Schlittenfahrt angeboten hatte. Jedenfalls nicht, als hätte er nicht vor wenigen Minuten noch Hufe besessen und sich mit verzweifeltem Brüllen gegen seine Ketten geworfen.
“Wenn du das sagst… “
“Nicole wird diejenige sein, die morgens nach mir gucken kommt, denke ich. Sie sollte am leichtesten auf unsere Seite zu ziehen sein, und vielleicht kann sie mich dann auch direkt aus diesen lästige Ketten befreien. Mann, die jucken aber auch!”
“Tut mir leid.”
Nicholas winkte ab und die Ketten rasselten bei der Bewegung. “Ich hab dir doch eben schon gesagt, es liegt nicht an dir, dass du sie nicht aufbekommst. Jede Wette, dass sie mit einem Zauber belegt sind.”
“Falls ich irgendetwas tun kann…”
Nicholas schüttelte den Kopf. “Nein, das ist… – Oder warte, doch.” Er grinste ein wenig verlegen. “Ich will nicht, dass du glaubst, ich hätte schon wieder den Verstand verloren, aber -”
“Dafür konntest du ja wohl kaum was!”
“Aber wärst du so nett und würdest mich absuchen?”
“Absuchen? Wonach?”
“Ich frag mich nur… So wie sich die Rückverwandlung angefühlt hat – oder das, was ich davon mitbekommen habe – könnte ich schwören, dass es die gleiche Art von Magie war, die mich auch Eiszapfen erschaffen lässt. Und vielleicht ist das auch etwas ähnliches? Jedenfalls dachte ich…”
“Dann müsstest du ein weiteres Tattoo haben.”
“Genau.” Wieder das verlegene Lächeln. “Würdest du? Es würde mir Sicherheit geben, wenn ich wüsste, dass die Rückverwandlung jetzt zu einer beherrschbaren Fähigkeit geworden ist. Aber klar, ich würde auch verstehen, wenn es dir zu unangenehm wäre, immerhin bin ich…”
“Halbnackt?” Katrin hob eine Augenbraue.
Er grinste entschuldigend. “Nun ja…”
“In Ordnung. Streck deine Arme aus. Wir fangen mit dem einfachsten an.”
Doch Arme und Rücken waren tattoofrei. Ebenso Hals, Waden, und…
“Hier!” Aufgeregt ging Katrin in die Knie und deutete auf Nicholas rechten Knöchel, eine Stelle, die gerade so unter der Fußfessel sichtbar war. “Wie wäre es damit?”
Es war eine Miniaturausgabe eines einzelnen Krampushorns. In seiner Winzigkeit sah es unschuldig aus, geradezu irritierend harmlos, nicht annähernd so mächtig und todbringend wie es auf Nicholas‘ Kopf ausgesehen hatte.
“Könntest du dich willentlich zurück in den Krampus verwandeln?”
“Katrin, ich glaube nicht -”
“Du hast es selbst gesagt! Die Verwandlung gehört jetzt zu deinen Fähigkeiten. Du wirst mir nichts tun.”
“Dann trete wenigstens einen Schritt zurück.”
Sie tat wie geheißen.
Nicholas schloss die Augen. Mehr, weil er nicht ihre Reaktion auf die Verwandlung sehen wollte, denn weil er sich wirklich konzentrieren musste, vermutete sie.
Nichts geschah.
Nicholas öffnete die Augen wieder. “Ich spüre die Magie, aber sie scheint zu verpuffen, sobald sie Gestalt annimmt. Ich vermute, es sind die Ketten. Ich werde es wieder versuchen, sobald ich sie los bin. Und dann… werden wir sehen.”

Behind the Scenes

Das vorletzte Kapitel ist erneut von Anne Danck und auch hier hatten wir ein paar Positionsprobleme und mussten uns erstmal abstimmen, wer eigentlich wann, wie steht/kniet und umarmt. 😀

Was aber die längste Diskussion angezettelt hat, war die eigentliche Erlösung und wie das zustatten kommt, da hatte ich das Bild in meinem Kopf anfangs nicht genau genug kommuniziert und Anne musste nochmal ran und die Stelle umschreiben.

Und ja, mir ist bewusst, dass die Nacktheit nach einer Rückverwandlung ein alter Hut ist, aber immerhin ein peinlich-witziger, alter Hut. 😉

PoiSonPaiNter

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Adventskalender: Türchen #22

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Eine wirklich dumme Idee

Sie drückte auf die Wahlwiederholungstaste. Es tutete. Wieder nahm keiner ab.
“Komm schon, Nicholas.” Stirnrunzelnd starrte Katrin das Telefon an und legt auf. Es machte sie nervös, diese Funkstille. Es hatte so schön funktioniert, die letzten Wochen. Sie schrieb ihm Nachrichten über den Stand ihrer Suche, er schrieb zurück. Doch seit zwei Tagen…
Erneut drückte sie auf die Wahlwiederholung. Entschied sich dagegen und legte wieder auf. Stattdessen durchsuchte sie das Telefonbuch nach Nicoles Nummer. Zögerte. Und rief dann an.
Es klingelte nur dreimal.
“Ja?”
“Ich bin’s, Katrin.” Sie presste sich die Finger gegen die Nasenwurzel. “Du, sag mal, ich kann Nicholas nicht erreichen…”
“Was? Ja…Moment.” Vom Hörer weg sagte Nicole etwas auf Norwegisch. Im Hintergrund war einiges an Tumult zu hören. Mehrere Leute riefen gleichzeitig, ohne dass Katrin jedoch hätte verstehen könne, worum es ging. “Ist gerade ein ganz schlechter Zeitpunkt”, hörte Katrin dann wieder lauter auf fast akzentfreiem Deutsch. “Ich ruf dich später zurück.”
“Nicole.” Katrin legte alle Autorität in ihre Stimme wie sie es sonst nur bei ihrer Kindergartengruppe tat. “Lass mich helfen.”
“Nein, das ist -” Noch mehr laute Stimmen im Hintergrund. Ein Splittern, das klang, als wäre Holz zu Bruch gegangen. “In Ordnung. Ich bin gleich bei dir.”

Auf dem Weg vom Portal zum Haus sprach keiner von ihnen. Sie hasteten nur schnellstmöglich durch die Schneemassen, beinahe sogar zu schnell, als dass Katrin Zeit zum Frieren gehabt hätte. Aber nicht schnell genug, dass nicht trotzdem die Gedanken hochgekommen wären. Was war in ihrer Abwesenheit passiert? Wie konnte Nicholas – der Nicholas, der mit ihr im Schlitten geflogen war, sie blind an der Hand durch die Bibliothek geführt hatte und sich bei Verlegenheit auf die Lippe biss – wie konnte derselbe Nicholas für das Chaos am anderen Ende des Telefons verantwortlich gewesen sein? Wollte sie wirklich sehen, wie er jetzt war? Würde sie tatsächlich etwas ändern können?
Als sie das Haus betraten, war es totenstill. Kein lautes Stimmengewirr, kein Poltern.
Am Wohnzimmertisch fanden sie dann lediglich Carlos und Natascha, umgeben von einem Chaos aus Holzsplittern und Porzellanscherben. Anscheinend hatte es Kuchen gegeben – doch die Reste des Gedecks waren überall im Raum verteilt. Eine Gabel steckte sogar auf Augenhöhe im Türrahmen und Katrin wollte sich nicht ausmalen, wie sie dorthin gekommen war.
Während Carlos unbeholfen auf Natascha einredete, drückte sich diese stumm ein Taschentuch gegen die Augen, die Schultern von gelegentlichem Beben geschüttelt. Doch beim Knarren ihrer Schritte auf dem Boden, verstummte Carlos und sah sich um.
“Wo sind die anderen?”, platzte Nicole sofort heraus. “Wo ist Nicholas?”
Von Natascha war lediglich ein leises Japsen zu hören.
“Carlos?”
Er murmelte etwas Unverständliches.
“Was ist passiert? Was habt ihr mit ihm gemacht!”
Unter Nicoles Ausbruch schrumpfte Carlos in sich zusammen. “Nicholas – er war nicht mehr er selbst und -“
“Das habe ich gesehen!”
“Nein, es wurde noch schlimmer und er…” Carlos presste die Augen zusammen, als würden die Bilder ihm Schmerzen bereiten.
“Er hat Klaus verletzt.” Nataschas Stimme war heiser. “Ich bin mir sicher, er wollte es nicht. Aber in seinem jetzigen Zustand… Nick hat keine andere Wahl mehr gesehen, als die Glocke zu benutzen.”
“Die Glocke? Ihr habt ihm seinen eigenen Willen genommen? Ihn handlungsunfähig gemacht?” Nicoles Worte überschlugen sich fast, sie begann am ganzen Körper zu zittern. “Wie könnt ihr – wie könnt ihr…”
Auch wenn Katrin selbst die Knie weich waren, so war sie doch noch geistesgegenwärtig genug, um Nicole einen Stuhl hinzuschieben und sie sanft darauf zu bugsieren. Allein dass diese es ohne Widerstand geschehen ließ, sprach Bände. “Wo ist er jetzt?”, fragte Katrin an Carlos und Natascha gewandt.
“Er musste fort von hier, wo er sich selbst oder anderen Schaden kann.”
“Wo ist er?”, wiederholte Katrin stur.
“In der Krampus-Höhle”, antwortete Natascha kaum hörbar und drückte sich erneut das Taschentuch gegen die Augenwinkel.
Sie hatten ihn weggesperrt.

Sie konnte nicht schlafen.
Katrin lag in dem fremden Bett und starrte an die Decke. Zum Fenster, vor dem die dunkle Nacht gähnte. Auf den Wecker, dessen Zahlen in schwachem Grün leuchteten. Ein Uhr drei. Wundervoll. Wütend starrte sie wieder zur Decke auf.
Warum bitte war sie hier, wenn sie nichts tun konnte? Ob nun hier oder in ihrem eigenen Bett – Nicholas war unerreichbar. Nicht räumlich, vielleicht, aber dennoch geistig. Wenn sich nicht einmal mehr seine magische Familie in seine Nähe traute…
Plötzlich saß sie aufrecht im Bett, das Herz schmerzhaft klopfend. Statt dem dunklen Zimmer sah sie den alten Krampus vor sich, wie er eingefroren im Eisblock hing. Was, wenn… Das würden sie nicht… Sie waren seine Familie! Sie würden doch nicht…
Auch der alte Krampus war Teil der Familie gewesen.
Sie hatte die Bettdecke zur Seite geschlagen und sich die Hose übergestreift, bevor sie sich überhaupt bewusst war, was sie tat. Sie konnte einfach nicht anders. Sie musste es wissen. Sie musste es sehen. Sie musste ihn sehen. Wenn er nun gar nicht weiter verändert war und sie ihn trotzdem angekettet hatten? Sicher, sie würde nichts tun können – außer ihm Gesellschaft zu leisten – aber dann hätte sie wenigstens die Gewissheit, mit was für Menschen sie es hier zu tun hatte.
Und falls sie doch allen Grund hatten, ihn anzuketten… Aber diesen Gedanken schob sie ganz schnell wieder fort.
Pullover. Noch einen Pullover. Dicke Socken. Schal. In ihrer Hast stolperte sie beinahe über ihre eigenen Füße, als sie den Flur entlanghuschte. Dabei musste sie doch um alles in der Welt leise sein! Wenn auch nur einer von ihnen Wind davon bekam, was sie vorhatte…
Die Treppe hinunter. Stiefel überziehen. Sie angelte nach der geborgten Winterjacke und riss dabei beinahe eine andere mit hinunter. Atmen. Mütze über, Handschuhe an, Schal feststopfen. Kein Zurück.
Sie stürzte sich hinaus in die Kälte.

Schon der erste Luftzug biss sich mit eisigen Zähnen von innen in ihre Lunge. Ihre Wangen erstarrten, ihre Augen brannten. Es hatte noch einmal geschneit, die weiße Schicht war jetzt noch höher, ging ihr beinahe bis zu den Knien und machte jeden einzelnen Schritt zu einem Kraftakt. Sie musste wahnsinnig sein.
Außerdem hätte sie sich eine Taschenlampe besorgen sollen. Schon hier auf der Rückseite des Wohnhauses, ohne den Schein der Laternen und Lichterketten des Marktplatzes, war es so duster, dass sie kaum die Hand vor Augen sehen konnte. Auch auf die Gefahr hin, von den Fenstern aus gesehen werden zu können, zog sie ihr Handy aus der Tasche und betätigte den Bildschirm, um wenigstens den leisesten Hauch eines Lichtscheines zu haben. Die Kälte kroch ihr bereits tief in die Glieder, die Hose war vom Schnee komplett durchgeweicht.
Dumme Idee, ganz dumme Idee.
Katrin biss die Zähne zusammen und stapfte weiter. Immer weiter. Es war zu dunkel, um von Weitem die Höhle zu erkennen und sie konnte nur hoffen, dass sie nicht in der Richtung irrte.
Wie ihre Kindergartenkinder gucken würden, wenn sie ihnen von diesem Abenteuer erzählte. Wie sie ganz allein und verfroren durch die Nacht stiefelte, nur um einen Blick auf Nicholas werfen zu können. Nein, besser sie hörten solche Geschichten nicht. Das hier war längst kein Weihnachtsmärchen mehr, es war zu einem Albtraum geworden.
Selbst in den Handschuhen waren ihre Finger allmählich steife Eisklumpen, die kaum noch in der Lage waren, das Handy zu halten. Unsicher warf Katrin einen Blick zurück in Richtung Dorf, wo ein schwacher Lichtschimmer Schnee und Nacht erhellte. Dann schob sie das Handy zurück in die Tasche und kämpfte sich im Dunkeln weiter. Zwang sich dazu, nicht zu denken und stattdessen die Anzahl der Schritte zu zählen.

Sie war bei zweihundertdreiundachtzig, als sie erkannte, dass die Verdichtung der Dunkelheit zu ihrer Linken die Höhle sein musste und sie beinahe daran vorbeigegangen wäre. Mit unendlich steifen Gliedern und vor Frost schmerzenden Zehen legte sie die letzten Meter im Tiefschnee zurück.
In der Höhle war es auch jetzt noch erstaunlich trocken. Kein Schnee hatte es über die ersten paar Meter hineingeschafft. Außerdem gab es hier wenigstens Fackellicht, es fühlte sich beinahe wieder wie Zivilisation an. Dankbar klopfte sich Katrin den Schnee von den Beinen und lehnte sich für einen Augenblick nur gegen die raue Höhlenwand, um durchzuatmen. Um die Angst in Schach zu halten, was sie gleich sehen würde.
Was, wenn er womöglich doch gar nicht hier war? Wenn sie den ganzen Weg umsonst zurückgelegt hatte?
Hastig stieß sie sich von der Wand ab und wandte sich dem Inneren der Höhle zu. “Nicholas?”, rief sie aufs Geradewohl und ihre zu hohe, halb erfrorene Stimme hallte von den schartigen Wänden wider. “Nicholas, bist du hier? Nicho-”
Das Knurren, das ihr antwortete, fuhr ihr durch Mark und Bein. Für einen Herzschlag lang vergaß sie zu atmen.
Das… das war kein Versuch gewesen, ein Wort zu formulieren. Das hatte nichts Menschliches mehr an sich gehabt.
Wieder ein Knurren. Und ein lautes Rasseln, das beinahe noch unheimlicher war.
Betroffen stürzte Katrin um die letzte Ecke.
Das Wesen, was dort angekettet war, bestand nur noch aus Fell und Klauen und gelbglühenden Augen, die ihr wild entgegenstarrten. Es hätte der alte Krampus sein können – selbst Hufe und Hörner waren identisch – hätte er nicht unverkennbar eine größere Statur besessen.
“Nicholas?”, hauchte Katrin.
Mit einem weiteren nackenhaarsträubenden Knurren warf sich das Wesen gegen seine Ketten. Nicht, wie es ein Mensch getan hätte, der sich befreien wollte. Sondern wie ein gefährlicher, zähnefletschender Rottweiler, der den Eindringling aus seinem Revier verjagen wollte.

Er erkannte sie nicht mehr.

Behind the Scenes

Heute gibt es wieder ein Doppelkapitel, diesmal alle beide von Anne Danck. Auch hier war ursprünglich angedacht zwei Kapitel draus zu machen, aber es passte dann doch besser zusammen, dass Katrin im gleichen Atemzug erfährt was geschehen ist und es mit eigenen Augen sieht. Da ich Anne erst nachträglich gebeten haben auch den ersten Teil zu übernehmen, war die zweite Hälfte vorher fertig. 😀

Und wer aufgepasst hat, hat vielleicht gemerkt, dass ein Charakter so ziemlich die Nase voll haben sollte von Krampen, Krampussen … oder wie auch immer die Mehrzahl von Krampus ist. 😉

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Adventskalender: Türchen #21

Read in English

Lost in Translation

Es war nicht einfach mit Nicholas zu arbeiten. Seine Antworten waren entweder sehr einsilbig oder nur ein grummeln. Es war frustrierend, aber Katrin gab ihr Bestes, um ihn bei Laune zu halten und ihn dazu zu bringen nicht aufzugeben. Sie würden eine Lösung finden, da war sie sich sicher. In irgendeinem dieser abertausenden Bücher musste der entscheidende Hinweis zur Verwandlung eines Krampus stehen! Es musste einfach!

Um nicht ins Haupthaus zu gehen hatte Nicholas sich ein Lager in einer Ecke der Bibliothek aufgeschlagen, sehr zu Ephraims Missfallen, der ihn dennoch hin und wieder in sein eigenes Bett scheuchte. Dort blieb er allerdings meist nicht lang, denn noch vor Morgengrauen kehrte er wieder in die Bibliothek zurück. Bisher wusste seine Familie nicht, was mit ihm los war. Sie wussten lediglich, dass er während der Auslieferung, nicht unweit von Katrins Wohnort, zusammengebrochen war und sich seitdem zurückgezogen hatte. Letzteres hatte er Katrin ebenfalls gestanden, was ihm eine Standpauke eingebracht hatte. „Warum hast du denn nicht geklopft? Ich hatte alles schon vorbereitet und dekoriert!„, hatte sie ihn geschmipft und auch wenn er sich darüber freute, dass sie tatsächlich auf ihn gewartet hatte, so konnte er ihr seine Gründe nicht nennen. Sie würde es nicht verstehen. Stattdessen hatte er Katrin gebeten ihn nicht zu verraten, auch wenn es ihr schwer fiel und sie ihn immer wieder aufs Neue geradezu anflehte es ihnen endlich zu sagen. “Vielleicht können sie helfen!” oder “Sie müssen doch wissen, was mit dir los ist!” waren ihre Hauptargumente. Nein, er wollte es ihnen nicht sagen bis sie ein Gegenmittel oder etwas gefunden hatten, womit er es kontrollieren konnte. Er wollte nicht zur mörderischen Bestie werden. Er hatte bereits ein Leben genommen und das war bereits eines zu viel. Manche schlaflose Nacht dachte er darüber nach, ob seine Verwandlung dadurch kam, dass er den alten Krampus getötet hatte, aber er kam nie zu einem schlüssigen Ergebnis.

Katrin war nun nahezu täglich bei ihm. Sie kam direkt nach der Arbeit und ging wenn er sie spät nachts rauswarf, wenn sie wieder über einem Buch eingeschlafen war. Auf diese Weise ging sie seiner Familie so gut es ging aus dem Weg und musste sich dennoch nicht frei nehmen – auch wenn sie es sofort getan hätte, wie sie ihm mehrfach beteuerte, aber das wollte er nicht. Er wollte gar nicht, dass sie sich weiter einmischte. Sie sollte einfach ihr Leben weiterführen und ihn, ja, ihn weiter zum Monster werden lassen. Immer wenn er ihr das vorhielt, schallte sie ihn einen Dummkopf. “Freunde lassen Freunde nicht im Stich!” Freunde, mehr waren sie nicht. Es schmerzte wenn sie das sagte und es schmerzte noch viel mehr, wenn Carlos oder Ephraim sie nachts nach Hause begleiteten, damit ihr im Dunkeln nichts geschah. Er wollte sie selbst bringen. Auf sie aufpassen, aber er traute sich nicht aus seinem Versteck.

Als die Haare auf seinem linken Arm sich zu Fell verdichteten und seine Fingernägel zu Krallen wurden, sie aber immer noch keine Lösung gefunden hatten, erlaubte er Katrin endlich seiner Familie zu erzählen, warum er sich abschottete. Die Reaktionen überraschten ihn nicht. Die Blicke, mit denen sie ihn bedachten, als er sich ihnen offenbarte waren mitleidig und verzweifelt. Sie alle schauten hin und wieder nach ihm. Seine Mutter brachte ihm Kekse, Nicole und Klaus halfen gelegentlich mit der Recherche, aber insgeheim wusste Nicholas, dass sie nur sehen wollten, wie weit die Verwandlung vorangeschritten war. Natascha verlangte, dass er nun auch wieder mit ihnen aß und in seinem Zimmer schlief, aber bei jedem Essen konnte er die Blicke auf sich spüren, die die pelzige Seite seines Gesichts anstarrten. Das Horn brach er vorsorglich immer ab. Je mehr Zeit verging, umso mehr ergab er sich seinem Schicksal. Sie würden wohl nie ein Gegenmittel finden.

Die Verwandlung war mittlerweile weit vorangeschritten, mehr als die Hälfte von Nicholas’ Körpers war bereits von Fell übersät, dass nun von beiden Seiten sich immer weiter zu seinem Herzen vorarbeitete. Katrin erzählte ihm gerade von ihrem Tag mit den Kindern und was sie heute für Blödsinn angestellt hatten, als Ephraim vor ihnen stand. Er war vor Tagen aufgebrochen, um irgendeine Art Aufzeichnung zu finden, die ihnen weiterhalf. Scheinbar war er fündig geworden, denn er hielt ein sehr alt aussehendes, in Leder gebundenes Buch in den Armen. Er wirkte müde und erschöpft und Katrin bot ihm sogleich ihren Stuhl an und goss ihm eine Tasse frischen Tee ein. Gebannt warteten die beiden darauf, dass der Bibliothekar etwas sagte, doch dieser konzentrierte sich zunächst auf sich selbst und den wohltuenden Tee.
Endlich sah er sie an. Ein leichtes Lächeln huschte über seine Züge. “Vielleicht habe ich unsere Lösung gefunden”, verkündete er mit vorsichtiger Freude.
Katrin drückte Nicholas’ Schultern, dieser sah nur auf das Buch. Emphraim öffnete sorgsam das Lederband, dass die Buchdeckel zusammenhielt. “Ich bin weit in die Vergangenheit gereist”, erzählte er wie beiläufig, “und bin schließlich doch wieder hier gelandet. Nur, dass hier damals noch ganz anders war. Mit meinem damaligen Vorgänger haben wir festgestellt, dass dadurch, dass ich wohl das Buch ins Jetzt geholt habe, wir es bisher nicht finden konnten, denn dies sind die Aufzeichnungen deiner Ur-ur-ur-wie-auch-immer Großmutter, die über das Leben im Dorf und den Krampus geschrieben hat. Wissen, dass wir heute nicht mehr haben. Weil ich es damals weggenommen habe und es nicht wieder zurückbringen kann, weil es sonst ein Paradox geben würde. Zeitreisen.” Er lachte kurz und bitter auf, dann öffnete er das Buch an der mit dem Leseband markierten Stelle. “Huh, sieht so aus, als wenn der Übersetzungszauber nicht für Zeitreise-Bücher gilt…”, stellte er verwundert fest und drehte es zu den beiden um.
Es war in einer Sprache geschrieben, die keiner von ihnen lesen konnte.
“Ich bringe es zu deinem Großvater, vielleicht kann er das noch lesen”, schlug Ephraim vor und Nicholas bestätigte es nur mit einem Nicken.

“Das ist doch großartig! Wir haben endlich einen Hinweis!”, versuchte Katrin Nicholas aufzumuntern nachdem sie sich wieder neben ihn gesetzt hatte und schüttelte ihn leicht an den Schultern.
“Ja, einen Hinweis, den keiner lesen kann und in dem vermutlich auch nur steht: Gefährlich, frisst unartige Kinder, wegsperren.” Er konnte nicht mehr, egal in welchem Buch sie lasen, überall stand das Gleiche.
Katrin zog ihn in eine Umarmung und er ließ es geschehen. Ihre Wärme und Nähe gaben ihm Kraft, die Kälte in seinem Inneren zu verdrängen, aber lange würde auch das das Unvermeidliche nicht mehr aufhalten können.

Nach einer Weile kam Ephraim zurück. Er wirkte noch erschöpfter als zuvor.
“Er kann es auch nicht lesen”, eröffnete er ihnen, nachdem er einen weiteren Stuhl zu ihnen herangezogen und sich gesetzt hatte, das Buch auf seinem Schoß ruhend. “Dafür hatte Klaus eine Vermutung, warum der Zauber es nicht übersetzt”, ergänzte er und die Faszination etwas Neues entdeckt zu haben, glimmte in seinen Augen, “Er meint, weil der Zauber aus der Zeit aus dem das Buch stammt auf eine andere Sprache ausgelegt war, die wir heute nicht mehr kennen, wird es nicht übersetzt, weil der Zauber immer noch denkt, dass wir sie noch kennen. Es klingt auf eine gewisse Art plausibel, aber vielleicht ist es auch nur so etwas Banales wie eine Chiffre, die erst entschlüsselt werden muss. Wer weiß.” Kurz warf er seine Arme in die Luft, dann seufzte er. “Es tut mir Leid, Nicholas. Er sagte mir, da steht alles drin, was wir wissen müssen, dass wir es nicht lesen können ist schrecklich…”
Für einen Moment starrte Nicholas auf das Buch, dann stand er auf und fegte mit einem Arm über den Tisch und schmiss alles was darauf lag zu Boden. Seine Atmung ging schnell und er krallte sich in die Tischplatte. “Nicholas…”, versuchte es Katrin und strich ihm beruhigend über den Rücken, doch er zuckte weg von ihr. Er wusste nicht, ob er sie womöglich verletzen würde.

“Es gibt noch einen anderen Weg eine Übersetzung zu bekommen”, dachte Katrin laut nach, die Arme fest um sich geschlossen, Nicholas Abweisung schmerzte. Als die beiden Männer sie ansahen, fuhr sie fort: “Wenn ich mich richtig erinnere ist einer der Väter meiner Kinder Linguist, wenn das eine alte Version von norwegisch ist, dann wäre es möglich, dass er oder jemand in seinem Bekanntenkreis es übersetzen könnte. Man könnte zur Not auch irgendwelche Historiker oder Archälogen fragen.”
“Das ist gar keine so schlechte Idee…”, stimmte Ephraim ihr zu und fuhr sich übers Kinn. “Ich würde aber ungern das Original herausgeben, aber ein paar Seiten bekommen wir ja leicht gescannt. Ja, so machen wir das!”, beschloss er schließlich und stand auf, um den Plan in die Tat umzusetzen.

“Du meinst wirklich das bringt was?”, fragte Nicholas vorsichtig in seiner immer kratziger werdenden Stimme.
“Ja, einen Versuch ist es wert”, bestätigte sie ihm bestimmt und legte ihm die Hand auf den Arm.

Mit den gescannten Seiten, digital und als Kopie, machte sich Katrin schließlich auf den Weg nach Hause, aber nicht ohne Nicholas noch einmal fest zu umarmen.

Behind the Scenes

Wenn man eine Bibliothek hat von der aus man in jede Bibliothek kommt, die ist und je war, dann hat das so seine Vorteile. 😀 Ursprünglich waren das hier zwei Kapitel, da es aber doch recht kurz ist, habe ich sie zusammengelegt um Platz zu machen für die Aufteilungen weiter vorne.

Was haltet ihr von der Erklärung mit der Übersetzung?

Auf die Idee mit dem Linguisten bin ich übrigens durch InGenius gekommen, der als Germanist einfach jemand ist, der gerne andere Leute mit Sprach-Wissen zutextet. 😉

Eine Sache, die mir wirklich erst einen Tag vor der Veröffentlichung des vorherigen Kapitels aufgefallen ist, hat mit den Rauhnächten zu tun. Von der Zeitlinie her, sind wir noch mittendrin und es passt irgendwie, dass die Krampus-Verwandlung dann einsetzt, wenn auch zauberkundige Leute sich in Werwölfe verwandeln. 😀
Dadurch, dass mir das so spät erst aufgefallen ist, ist aber keine Erwähnung in beiden Kapitelhälften WANN die Verwandlung eingesetzt hat. Daher hier noch kurz vor knapp das Ganze ergänzt – auch wenn der Begriff Rauhnächte in dem Zusammenhang nicht fällt.

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Adventskalender: Türchen #20

Read in English

Eine verdammt gute Ausrede

Nicole schnaubte etwas von „Viel Erfolg“ und „Ich hoffe, du hast mehr Glück als ich“ und blieb dann am Eingang bei den Druckerpressen zurück. Katrin war es nur Recht. Es würde einfacher sein, offen mit Nicholas zu reden, wenn sie das nicht mit sarkastischen Zwischeneinwürfen seiner Schwester tun mussten.

Schummrige Lichter, tausende und abertausende von Buchrücken und der Geruch nach altem, schwerem Papier empfingen Katrin im hinteren Teil der Bibliothek wie alte Bekannte, die sie gerade erst verlassen hatte. Doch sie hatte keine Zeit für andächtiges Staunen und verträumtes Umherstreifen zwischen den Regalen. Sie hastete durch die Gänge ohne einen weiteren Blick für die Wunder ringsum. Wenn sie nach links oder rechts sah, dann lediglich in der Hoffnung, dort Nicholas‘ vertrauten Rücken sehen zu können. Es fiel ihr schwer, sich zu orientieren, wo sie doch beim ersten Mal nur den Weg hinaus, nicht jedoch hinein kennengelernt hatte.

Sie fand ihn schließlich im hintersten Winkel der Bibliothek, als hätte er sich wie ein Murmeltier in Angst vor dem Wintereinbruch zurückgezogen. Schon über seine Schulter hinweg, konnte sie die Unmengen an Bücherstapeln und leuchtenden Laptopbildschirmen sehen, die er vor sich auf dem Tisch positioniert hatte. Wie er in allen gleichzeitig lesen konnte, war ihr ein Rätsel.
Kurz hielt sie inne und versuchte, zu Atem zu kommen. „Nicholas?“, fragte sie dann vorsichtig.
Sie konnte sehen, wie sich seine Schultern verkrampften. Er musste ihre Stimme erkannt haben. Und doch… Und doch drehte er sich nicht um.
Zögernd ging Katrin auf ihn zu. Was, wenn er sie nicht hierhaben wollte? Wenn er doch sauer war wegen des Krampus-Zwischenfalls? Wenn er sich absichtlich nicht gemeldet hatte und Nicole ihm nur einen bösen Streich spielte?
„Tut mir leid“, erklärte sie vorsichtig, während sie nähertrat. „Ich will gar nicht stören. Sieht aus, als hättest du viel zu tun. Aber Nicole sagte…“
Statt sie anzusehen, drehte er den Kopf schief weg, sodass sie wieder nur seinen Hinterkopf anblickte. „Geh weg.“ Es klang beinahe wie ein Knurren. Noch nie hatte Katrin einen derartig verzerrten Klang aus dem Mund eines Menschen vernommen. Noch nie –
Doch dann sah sie wieder den haarigen Körper vor sich, wie er sich aufrappelte und die Muskeln anspannte, bereit, sich auf sie zu werfen, zu verletzen, zu töten…
„Oh nein!“
Sie hatte es gar nicht sagen wollen, doch die Worte entwichen ihr in einem einzigen Luftschwall. Instinktiv stolperte sie vor und griff nach Nicholas‘ Händen – sie waren krallenfrei. Dann streckte sie die Hand um ihn herum nach seinem Kinn aus… und obwohl er dem Druck ihrer Finger nicht nachgab, das Gesicht nicht drehte, konnte sie doch das krause Haar fühlen. Es war zu dicht und zu weich, um es für einen Bart halten zu können.
Wie hatte sie ihm jemals insgeheim vorwerfen können, dass er sich hätte melden müssen? Dass er ihre Verabredung nicht einfach fallen lassen konnte, egal wie wütend er auf sie sein mochte? Sie hätte wissen müssen, dass er einen triftigen Grund gehabt hatte, nicht zu kommen.
„Es tut mir so leid.“ Ohne drüber nachzudenken schlang Katrin die Arme seitlich um seine Schultern und zog ihn in eine Umarmung. Er blieb steif und abwehrend unter ihrer Berührung – aber immerhin, er entzog sich ihr auch nicht.
„Was?“, fragte er mit seiner neuen Raspelstimme.
„Ich hatte ja keine Ahnung! Ich… Wie lange ist das schon so? Wie fühlt sich das für dich an? Wie schnell breitet es sich aus?“
Er schwieg.
„Ist es… Das war zu viel auf einmal, oder?“ Vorsichtig ließ sie ihn los. Sah sich um und zog sich dann einen der Stühle heran, um sich neben ihn zu setzen. Dann wartete sie. Versuchte den eigenen aufgeregten Herzschlag zu beruhigen, all die Fragen auszublenden, die ihren Verstand bestürmten, versuchte nur auf seine Reaktion zu achten.
Und dann, langsam, nachdem ihm wohl aufgegangen war, dass sie nicht weggehen würde, wandte er den Kopf.
Sein Kinn, eine Wange und die Hälfte seiner Stirn waren von dunklem, dichtem Fell überzogen. Eines seiner Augen war gelb. Und jetzt konnte sie auch das kurze Horn sehen, dass sich aus seinen Kopf herauswand. Ein Horn!
Nicholas sah sie an, als würde er damit rechnen, dass sie jeden Moment aufsprang und davonrannte.
„Darf ich…“ Sie räusperte sich. „Ich würde gerne wissen, wie sich das Horn anfühlt. Ist das unhöflich oder dürfte ich es mal…“
Die bärige Seite seines Mundwinkels rutschte ein Stück nach oben.
„Bitte…?“
„Ein halbes Jahr und du hast dich anscheinend kein Bisschen verändert.“
„Und du hast dich anscheinend seitdem nicht mehr rasiert!“
Der zweite Mundwinkel folgte. Dann sanken beide wieder herab. „Du solltest besser gehen.“
„Mache ich dir Angst?“
„Du mir?“
„Du duckst dich weg, wenn ich komme. Du kannst mich kaum ansehen. Du willst, dass ich gehe…“
„Hast du denn keine Angst?“
„Sehr große sogar! Ich will nicht zurückkehren müssen und dich dann erst nächstes Jahr wiedersehen dürfen.“
„Aber ich bin gefährlich!“
Katrin schüttelte den Kopf. „Unsinn. Vielleicht wirst du irgendwann – vielleicht auch nicht. Aber im Moment bist du noch nicht einmal halb verwandelt.“
„Es kommt in Schüben. Was, wenn es jeden Moment –“
„Umso wichtiger, wäre es doch, dass ich dir bei der Suche nach einem Ausweg helfe, oder?“ Sie deutete auf all die Bildschirme und aufgeschlagenen Bücher. „Was hast du bisher herausfinden können?“
„Aber –“
„Ich würde gerne helfen. Wirklich. Irgendwie schulde ich es dir auch, immerhin hast du mir vor einem halben Jahr das Leben gerettet.“
„Das ist nicht –“
„Nur deswegen musste einer von euch zum neuen Krampus werden!“
„Katrin!“ Nicholas krallte die Hände in die Haare, erwischte dabei das Horn – und brach es mit einem Ruck ab, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. „Das damals war allein mein Fehler! Ich habe dich hierher gebracht, ich hab dich dieser Gefahr ausgesetzt. Also schuldest du mir gar nichts, denn ohne mich wärst du gar nicht erst in diese Lage geraten!“
Einen Moment konnte sie nicht anders, als auf das Horn starren, das er zu Boden fallen lassen hatte, wie einen Fingernagelschnipsel. Dann riss sie sich zusammen und sah ihm fest ins Gesicht. „Ich bin ein erwachsener Mensch und treffe freie Entscheidungen. Ich hätte dir nicht folgen müssen, aber ich wollte es und ich würde es wieder tun. Und ich hätte auch heute nicht Nicole folgen müssen, aber ich wollte es.“
„Aber –“
„Denkst du etwa, ich könnte jetzt einfach zurückkehren und Däumchen drehen, während für dich die Zeit tickt? Könntest du das?“
„Katrin…“
„Na also!“ Entschlossen beugte sie sich vor und suchte in dem Chaos aus Büchern nach seinen Notizen. „Dann zeig mal her, was du bisher gefunden hast.“

Behind the Scenes

Die Fortsetzung von Anne Dancks gestrigem Kapitel. Das Bild wie Nicholas einfach dasitzt und das Horn abbricht war für mich eines der Dinge, die ich für dieses („damals“ noch Teil-)Kapitel am meisten im Kopf hatte. Es ist irgendwie so eine schöne Mischung aus kindlichem Trotz und Resignation. Ich finde Anne hat das sehr gut umgesetzt.

Hat eigentlich die Andeutung aus Irina’s Abschiedskapitel schon gereicht, um diese Wendung vorhersehbar zu machen?

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Adventskalender: Türchen #19

Read in English

Im Wein liegt die Wahrheit

Vielleicht hatte Carlos ihren Brief abgefangen und nicht weitergereicht. Katrin zog ihren Mantel enger um sich, während sie weiter voranstapfte. Jeder ihrer Atemzüge hinterließ Nebelwolken in der Luft. Bei ihren letzten Begegnungen war Carlos nicht mehr ganz so offensichtlich ablehnend gewesen wie zum Anfang, sondern beinahe … freundlich. Aber womöglich hatte sie sich getäuscht.
Oder das System der Wünscherfüllungsroutine sah keine direkten Adressaten vor und daher war der Brief als falsch aussortiert worden. Immerhin hatte sie beim letzten Mal keinen Namen explizit außen draufgeschrieben.
Oder aber die Wichtel waren gerade im Streik für höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen. Nein, jetzt machte sie sich lächerlich.
Katrin klaubte in ihrer Jackentasche nach dem Haustürschlüssel. Obwohl sie nur einen kurzen Spaziergang gemacht hatte, um sich die Beine zu vertreten, waren ihre Finger eiskalt. Sie würde sich einfach der unangenehmen Wahrheit stellen müssen: Nicholas wollte nichts mehr mit ihr zu tun haben. Was auch immer sie da geglaubt hatte, zwischen ihnen gespürt zu haben … es war entweder nie dagewesen oder erloschen.
Verflucht. Katrin brauchte tatsächlich drei Anläufe, um mit ihren steifen Fingern das Schloss zu treffen. Dann endlich öffnete sich die Tür und gestattete ihr in die lauschige, warme –
„Ah!“ Klirrend landete der Schlüssel auf dem Parkett.

Der dunkle Umriss einer Gestalt zeichnete sich in der Küche ab. Jemand war in ihre Wohnung eingedrungen. Jemand saß an ihrem Küchentresen.
„Da bist du ja endlich.“
Katrin erkannte die Stimme. „Himmel, Nicole!“
„Was?“
Ihr Herz hämmerte noch immer wie wild. „Du kannst doch nicht –… Du hast mich –… Ist das etwa mein Rotwein, den du da trinkst?“
Grinsend prostete Nicholas‘ Schwester ihr zu. „Der ist echt gut. Ich wusste doch, dass du nicht irgendein Gesöff für den Abend mit meinem Bruder besorgt haben würdest.“
“Bitte was?”
“Na Weihnachten. Du warst doch mit Nicholas verabredet.”
“Woher -” Katrin atmete tief durch. “Also ist mein Brief doch angekommen.”
Nicole grinste schief. “Wenn du das Briefgeheimnis gewahrt sehen willst, solltest du deine Post nicht auf diesem Weg verschicken.”
“Wahrung der Privatsphäre aus reiner Höflichkeit wird ja auch eindeutig überschätzt.“ Katrin schälte sich mühsam aus dem Mantel und machte sich daran, ihre Stiefel aufzuschnüren. Die ganze Situation kam ihr unwirklich vor. Sie hatte Nicole seit einem halben Jahr nicht gesehen und jetzt saß sie hier in Katrins Küche, die Beine auf ihrem Stuhl hochgelegt, ihren Rotwein im Glas und scherzte als wäre Katrin nur für den kurzen Spaziergang weggewesen.
Wie geht es Nicholas? Die Fragen brannten ihr auf der Zunge, drängten geradezu schmerzhaft aus ihr heraus. Geht es ihm gut? Warum hat er sich nicht gemeldet?
Doch sie hielt sich mühsam zurück. Einen Rest an Würde besaß sie noch. „Wie geht’s dir?“, fragte sie stattdessen und stützte sich auf die Lehne ihres Lesesessels. „Was macht Joulky? Ist noch Eis übrig?“
Nicole winkte ab. „Wenn das so weitergeht, ist bald nichts mehr mit rotem Mantel und Schlitten, sondern Badeshorts und Wasserski. Aber das ist schließlich nicht unsere Sache. Wenn die Normalsterblichen das so wollen…“
„Beeinträchtigt das eure Fähigkeiten?“
„Die hier?“ Nicole tippte sich auf den Rücken. „Nicht, dass ich es bisher gemerkt hätte.“
„Wenn ich also in zehn Jahren Sehnsucht nach Winter haben sollte, kann ich dich einfach besuchen kommen und dann machst du mir meinen privaten Schneesturm, ja?“
Es hatte ein Scherz sein sollen. Doch noch während sie es aussprach, merkte Katrin selbst, wie hilflos das klang. Bitte, bitte, lass mich wieder zu euch mitkommen.
Nicole legte den Kopf schief, als hätte auch sie die unterschwellige Note herausgehört. „Du vermisst meinen Bruder?“
Ertappt verzog Katrin das Gesicht. „Ja.“
„Gut.“ Nicole leerte das Glas aus und stellte es mit einem melodischen Klingen auf der Arbeitsplatte ab. „War mir nicht ganz sicher. Aber das ist gut. Sehr gut.“
„Warum in aller Welt sollte das gut sein?“, platzte es aus Katrin heraus. „Ihr lasst seit Monaten kein Wort von euch hören und trotzdem gibt es nichts anderes, was mir im Kopf herumspukt! Ich habe versucht, ein Kinderbuch aus dem Erlebten zu machen, um mir endlich klar zu machen, dass es nichts anderes war als das: eine Märchengeschichte. Aber stattdessen habe ich mit jeder Seite gemerkt, wie sehr ich zurückwill. Und das ist nicht gut, das ist dumm. Schließlich weiß ich doch, dass ich nicht zu euch gehöre und niemals mit euren Fähigkeiten und den magischen Portalen und fliegenden Rentieren mithalten könnte. Wie soll man mit jemandem befreundet sein, wenn man ihn nicht mal nach eigenem Belieben besuchen kann? Das ist…“ Sie warf die Hände in die Luft. „Ein Hirngespinst. Unsinn.“
„Vor allem ein verdammt langer Monolog.“
Katrin lachte bedrückt. „Tut mir leid.“ Sie fuhr sich übers Gesicht, das von der Winterluft draußen noch immer kalt und steif war. „Ich hätte diese Dinge einfach nie sehen sollen.“
„Stimmt.“

Ein so schlichtes Wort – und trotzdem fühlte es sich an wie ein spitzer Nadelstich.
„Aber da es nun nicht mehr rückgängig zu machen ist und du ohnehin alles weißt…“ Nicole nahm die Füße vom Stuhl und stand auf. „Kannst du dich ebenso gut nützlich machen.“
„Das heißt?“
„Dass du mich zurückbegleiten wirst.“
„Nach Joulky?“
„Nein, ins Auenland. Natürlich nach Joulky, Dummerchen.“
„Aber –“
„Nun hör mir mal gut zu.“ Nicole wies mit dem Finger auf sie. „Das ist eine Familienangelegenheit und ich würde behaupten, dass sie dich keinen Pfifferling angeht, aber so wie die Dinge stehen, habe ich keine andere Wahl! Klar?“
„Ja – Nein – Worüber redest du?“
„Nicholas weigert sich, mit uns zu reden.“
Katrin blinzelte.
„Er hat sich auch geweigert, deinen Brief zu lesen. Oder auch nur irgendjemanden anzusehen. Er sitzt nur tagein, tagaus in der Bibliothek und zieht sich einen Wälzer nach dem nächsten rein.“
„Aber warum…“
„Tja. Das“, Nicole hob die Brauen, „fragst du ihn am besten selbst.“

Behind the Scenes

Und die letzte Gastautorin: Anne Danck! Nicht nur im Fairy Tale Summer war sie fleißig dabei, auch hier hat sie – neben mir – die meisten Kapitel beigesteuert, nur das sie etwas anders aufgeteilt sind, als ursprünglich geplant. 😉

Dieses Kapitel war eines der ersten, die geschrieben wurden, daher mussten wir eine ganze Weile warten, bis die letzten Anpassungen hier gemacht werden konnten, damit ich dann alles hier einpflegen konnte. Das ist für mich immer der nervigste Teil an Adventskalendern: Man fängt irgendwann im Sommer an, ist aber in der Weihnachtszeit immer noch nicht fertig. Zumindest ist das bei mir so … wobei ich vergessen habe, wo mein Rekord mit schnellster Fertigstellung liegt … irgendwas im Dezember (ich hab 17. und 9. im Kopf irgendwie …). 😀 (Anm.: Dieser Beitrag wurde am 13.12. geplant.)

Abgesehen davon, dass sie die Emotionen toll getroffen hat, finde ich übrigens das alternative Ausflugsziel sehr gut gewählt. 😀

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Adventskalender: Türchen #18

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Weihnachtswarterei

Endlich stand Weihnachten vor der Tür. Lange hatte Katrin sich darauf gefreut Nicholas wieder zu sehen. Allerdings gab es noch einiges zu tun: Das Haus musste auf Vordermann gebracht und weihnachtlich geschmückt werden. Sie wusste nicht, wie viel Zeit er haben und ob er tatsächlich kommen würde, aber wenn er es tat, sollte alles weihnachtlich aussehen. Auch wenn sie Joulky nicht zu Weihnachten gesehen hatte konnte sie sich nicht vorstellen, dass sie das Dorf nicht festlich dekorierten. Schließlich war es das Weihnachtsdorf. Ein Bisschen davon in ihr Haus zu bringen, war das Geringste das sie nach allem, was geschehen war tun konnte, damit Nicholas sich auch hier wohl fühlte. Sie hatte ihn und ihre Zeit in Joulky nicht vergessen, ein Teil von ihr befürchtete jedoch, dass er es getan hatte, um über die schrecklichen Ereignisse hinweg zu kommen, wenn er sie nicht sogar dafür verantwortlich machte. Immer wieder hatte sie im vergangenen Jahr Albträume vom Angriff des Krampus gehabt und immer wieder war es Nicholas, der sie vor dem Monstrum rettete, bevor sie schweißgebadet aufwachte. Wieder und wieder hatte sie sich gefragt, wie es ihm wohl ging und ärgerte sich darüber, dass sie nicht Telefonnummern getauscht hatten. Nicholas hatte so verloren gewirkt, als sie sich verabschiedet hatten. Ob er sich überhaupt noch an ihre Verabredung erinnerte? Ob er sie überhaupt wiedersehen wollte? Nein, daran durfte sie nicht denken, auch wenn es bedeutete, dass sie doch etwas Hoffnung in Carlos’ Worte legte. Sie konzentrierte sich einfach darauf, alles für seinen Besuch vorzubereiten.

Heute war Samstag und Katrin hatte schon am frühen Morgen ihre Weihnachtsschallplatten aus dem Schrank geholt und jetzt schallte Andy Williams‘ Stimme mit “The Most Wonderful Time Of The Year” durch die Räume. Gerade hatte Katrin das Wohnzimmer geputzt. Sie richtete sich auf und wischte sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht, die sich aus dem Kopftuch gelöst hatte, das sie immer zur Hausarbeit trug. Ein Blick zur Uhr verriet ihr, dass sie nur noch etwa eine Stunde Zeit hatte, bis sie mit ihrem Nachbarn Thomas verabredet war. Er hatte sich bereit erklärt sie zum Weihnachtsbaumkauf zu begleiten und ihr zu helfen den Baum aufzustellen. Katrin schüttete das Putzwasser in die Toilette und kehrte mit einer Kiste mit Weihnachtsdeko zurück ins Wohnzimmer.

Als sie sich schließlich mit Thomas auf dem Gehweg traf, leuchteten in allen Fenstern eine Lichterkette – auch um die Haustür herum hatte sie eine angebracht.
“Hallo Katrin. Und kann’s losgehen?”, begrüßte Thomas sie.
“Unbedingt!”, antwortete sie strahlend, worauf Thomas seinen Wagen aufschloss und die beiden sich auf den Weg machten.
Praktischerweise fuhr Thomas ein relativ großes Auto. Mit Katrins Kleinwagen hätten sie das Ungetüm von Baum, das sie sich aussuchte, vermutlich nicht einmal auf dem Dach transportieren können.

Nachdem der Baum verstaut war, lud Katrin Thomas zum Dank noch auf einen alkoholfreien Glühwein ein.
“Du bist wirklich sicher, dass der Baum in dein Wohnzimmer passt?”, fragte Thomas schmunzelnd. In Händen hielt er die dampfende Tasse und zog den Duft ein.
“Jaaa-ha! Wie oft willst du das noch fragen?”, entgegnete Katrin, verdrehte gespielt genervt die Augen und trank einen Schluck. Ja, er war größer als alle, die sie in den vergangenen Jahren zusammen hatte, aber dies war ja auch ein etwas anderes Weihnachtsfest. “Hast du schon einen Baum?”, wechselte sie das Thema.
“Ne, noch nicht. Aber meiner wird auch deutlich kleiner ausfallen. Ich werde ihn vermutlich am 23. auf dem Weg von der Arbeit irgendwo besorgen.”
“Dann gehörst du also zu denen, die einfach irgendeinen Baum nehmen?”, hakte Katrin nach.
“Vorher lohnt es sich aber einfach nicht, ich bin ja den ganzen Tag arbeiten. Außerdem… die hässlichen Bäume haben auch eine Chance verdient.”
Seine letzte Bemerkung ließ Katrin grinsen. Das war normalerweise auch ihr Gedanke beim Baumkauf, aber dieses Jahr wollte sie es einfach etwas festlicher haben.
Sie plauderten eine Weile weiter, bis sie ausgetrunken hatten und machten sich dann auf den Heimweg.

“Krass! Du stehst echt auf Weihnachten!”
Thomas hätte fast sein Ende vom Baum fallen lassen, als er das Wohnzimmer betrat, das seit heute Vormittag eher einem Winter-Weihnachts-Wunderland, denn einem normalen Wohnzimmer glich.
Katrin wurde leicht rot und nickte unverbindlich, sie konnte ihm ja schlecht sagen, dass sie für einen Santa dekoriert hatte. “Es ist einfach toll. Weihnachten ist die schönste Zeit im Jahr. Man kann wieder Kind sein und sich verzaubern lassen”, erklärte sie stattdessen und es war gar nicht mal gelogen.
Thomas schenkte ihr ein Lächeln und half ihr den Baum in den Ständer zu stellen. Während Katrin sich schon den Kerzen für den Baum widmete, nahm ihr Nachbar alles unter die Lupe. Es gab wirklich einiges zu entdecken. Unwillkürlich fragte Katrin sich, ob sie es vielleicht übertrieben hatte.
“Meinst du es ist zu viel?”, fragte sie verunsichert und hielt im Dekorieren inne.
“Nein. Mir gefällt es irgendwie. Du hast Recht… irgendwie magisch.”, entgegnete Thomas.
“Danke!”, strahle Katrin.
Thomas stand einen Moment etwas unschlüssig da und musterte Katrin aufmerksam.
“Ähm… ja… ich geh dann mal. War nett. Wenn du mal wieder Hilfe beim Baum schleppen brauchst, melde dich einfach”, meinte er schließlich und wandte sich um.
“Oh, ja. Danke! Ich bring dich noch zur Tür!” Katrin flitzte an ihm vorbei, um ihm die Tür zu öffnen und ihm noch kurz nachzuwinken.

Die letzten Tage vor Weihnachten verbrachte Katrin damit den Baum und noch ein paar Ecken ihres Hauses zu dekorieren – Nicholas sollte sich schließlich wohlfühlen – und einkaufen zu gehen. In ihrer Nervosität hatte sie sich auch extra ein neues Kleid zugelegt.

Endlich war Heiligabend gekommen. Gegen Mittag bereitete Katrin das Essen vor. Eigentlich hatte sie auch vorgehabt Kekse und Milch bereit zu stellen, aber irgendwie kam sie sich jetzt doch albern vor. Außerdem wusste sie ja, dass beides von den Wichteln beim Abholen der Briefe verzehrt wurde.
“Was mach ich denn jetzt?”, murmelte sie, die Packung Kekse in der Hand, vor sich hin. Ein Blick zur Uhr zeigte ihr, dass die Geschäfte noch etwa eine Dreiviertelstunde geöffnet hätten. Kurzentschlossen warf Katrin die Kekse auf die Anrichte in der Küche, schnappte ihren Autoschlüssel und ihre Jacke und verließ das Haus. Während sie zu ihrem Auto eilte zog sie die Jacke an und klemmte sich dann hinters Lenkrad. Zum Glück waren die meisten Leute scheinbar schon fertig mit ihren Weihnachtseinkäufen, sodass die Straßen leer waren und Katrin schnell vorankam.
Auf dem bereits menschenleeren Parkplatz stellte sie den Wagen ab und hastete in den Supermarkt. Noch 20 Minuten. Gut, sie konnte sich also etwas Zeit lassen. Katrin nahm am Eingang einen Korb und ging durch die Gänge. Der Laden sah schon ziemlich geplündert aus, was aber um diese Zeit nicht weiter verwunderlich war. Katrin suchte sowohl einen Rot- als auch einen Weißwein aus, Trauben und verschiedene Käse legte sie ebenfalls in den Korb. Dann ging sie zur Kasse. Sie wünschte der Kassiererin frohe Festtage und fuhr zurück nach Hause.

“Mist. Das hat meinen Zeitplan jetzt total durcheinander geworfen. Ich muss doch fertig sein, wenn Nicholas kommt…”, brabbelte sie vor sich hin während sie den Weißwein in den Kühlschrank legte und den Rotwein auf die Anrichte stellte.
“Mal sehen, was muss ich noch machen?”
Katrin hielt inne und lächelte.
“Okay, zuerst einmal muss ich mit den Selbstgesprächen aufhören und mich beruhigen. Ich bin doch kein Teenager mehr, ein Date sollte mich nicht so nervös machen, oder? Außerdem ist es ja auch gar kein Date. Nur zwei Leute, die sich gut verstehen und sich zu Weihnachten verabredet haben”, versuchte sie sich einzureden, merkte aber die Wärme auf ihren Wangen. Allein, dass er dich hergebracht hat und dir seine Welt zeigt, um zu sehen, wie du darauf reagierst, sagt doch schon alles’, hallten Carlos’ Worte in ihrem Gedächtnis wieder und wenn er damit Recht hatte, dann war das hier genauso ein Date, wie Nicholas ein Santa war.
Schließlich schob Katrin den Gedanken beiseite und stattdessen den Braten in den Ofen und ging in der Zwischenzeit duschen. Das neue Kleid war tannengrün und glänzend. Eine ihrer silbernen Ketten passte hervorragend dazu. Auch wenn sie mehrfach schwankte, ob sie es wirklich anziehen sollte, entschloss sie sich schließlich doch dafür. Vielleicht würde Nicholas so ein bisschen aus seinem Schneckenhaus herauskommen und ihr sagen, ob er tatsächlich etwas für sie empfand. Vielleicht würde sie ihn aber auch komplett verschrecken, wenn er davon ausging, dass sie sich nur als Freunde trafen. Sicherheitshalber zog sie noch eine schwarze Strickjacke darüber.
Anschließend deckte sie den Tisch, holte den Braten aus dem Ofen und sah auf die Uhr. Hatten sie überhaupt eine Zeit ausgemacht? Eigentlich ja noch nicht einmal genau den Tag. Bloß Weihnachten. Gut, ein bisschen konnte sie ja noch warten.

Nach fast einer Stunde hatte Katrin wieder eine ihrer Weihnachtschallplatten aufgelegt und ihr Magen knurrte. Durch die ganze Vorbereitung hatte sie heute selbst kaum etwas gegessen. Schließlich machte sie es sich mit einem Teller Braten, Klößen und Rotkohl, den sie gerade in der Mikrowelle aufgewärmt hatte, bequem. Nicholas hatte sicher sowieso keine Zeit etwas mit ihr zu essen und wenn doch, könnte sie ihm ja auch einen Teller aufwärmen wenn er kam.

Schließlich wurde es Mitternacht. Gerade lief “I saw Mommy kissing Santa Claus”. Katrin seufzte enttäuscht. Sie räumte auf, schaltete die Musik ab und ging zu Bett.

“Ja… Ja, Mama… Ja es tut mir wirklich leid, aber ich bin nunmal verabredet… Ja, ich weiß, dass es kurzfristig ist… Ich komme nach den Feiertagen vorbei, versprochen… Was? Nein… Ach Mama, ich würde dir schon sagen, wenn ich einen neuen Freund hätte… Ja… Mhm… Ja ist gut. Hab dich auch lieb. Frohe Weihnachten.”
Katrin legte den Hörer auf und seufzte. Sie hatte genau gewusst, wie ihre Mutter reagieren würde, wenn sie ihren Besuch für Weihnachten absagen würde. Dennoch hatte sie sich für die Absage entschieden. Bestimmt hatte Nicholas an Heiligabend einfach zu viel zu tun gehabt.

Der erste Weihnachtstag endete, ohne dass Katrin etwas von Nicholas sah oder hörte. Nachdem dann auch der zweite Weihnachtstag ohne einen Besucher verging, gab Katrin auf.
Sicher hatte er es sich anders überlegt. Oder hatte sie vielleicht etwas falsch gemacht? Fieberhaft überlegte Katrin, was sie in der letzten Zeit getan hatte, was einen Santa verärgern könnte. Als sie sich mit einem Teller Kekse auf dem Sofa niederließ, fiel ihr Blick auf den Weihnachtsbaum. Vielleicht hatte sie ja doch übertrieben. Oder lag es an Thomas?! Hatte Nicholas da vielleicht irgendetwas falsch verstanden? Aber konnte er überhaupt davon wissen? Oder war er doch sauer auf sie wegen der Sache mit dem Krampus? Schließlich wurde ihr Besuch als Anlass für die Befreiung genutzt. Nachdenklich knabberte Katrin an einem Keks. Warum hatte sie sich überhaupt Hoffnungen gemacht? Zu Carlos hatte sie noch großspurig gesagt, sie würde das erst tun, wenn Nicholas etwas Entsprechendes sagen würde, aber irgendwie hatte sie das nicht durchgehalten. Sie hatten nur knapp eine Woche miteinander verbracht, in der nicht einmal etwas zwischen ihnen geschehen war und doch … Sie verfluchte ihr dummes Herz, dass viel zu viel in eine vollkommen normale Situation hinein interpretierte. Ja, vollkommen normal. Privatführung im Weihnachtsdorf von einem Weihnachtsmann höchstpersönlich … Sie schob sich einen weiteren Keks in den Mund. Natürlich war das frustessen, aber das war jetzt auch egal. Zu einem Ergebnis kam sie an diesem Tag trotzdem nicht.

Um sich von diesem Desaster abzulenken, beschloss sie gleich am nächsten Morgen zu ihrer Familie zu fahren, aber nicht ohne auf ihrer Anrichte einen Zettel für Nicholas zu hinterlassen. Nur für den Fall, dass er doch noch auftauchte und sie nicht da war.

Eine Woche war seit Weihnachten vergangen, das neue Jahr hatte mit einem Feuerwerk begonnen und Nicholas hatte sich immer noch nicht gemeldet. Katrin machte sich langsam wirklich Sorgen. Irgendwie hatte sie so ein komisches Gefühl, immer wenn sie an Nicholas dachte. Was wenn bereits einer seiner Familie der nächste Krampus geworden war? Was wenn es einen der Jungs … Nein, daran wollte sie gar nicht denken …
Nicholas hatte bestimmt einen guten Grund, trotzdem entschied sie sich ihm zu schreiben, wenn er sich schon nicht meldete.

Lieber Nicholas,

schade, dass es dieses Weihnachten nicht mit deinem Besuch geklappt hat. Ich hatte mich schon sehr darauf gefreut, aber vermutlich hattest du einfach zu viel um die Ohren.

Dir ging es schlecht, als wir uns das letzte Mal gesehen haben und ich hatte gehofft so zu erfahren, ob es dir besser geht. Wenn du nicht gekommen bist, um nicht wieder an die Ereignisse meines Besuchs erinnert zu werden, kann ich das vollkommen verstehen. Vermutlich ist dieser Brief eine entsprechend blöde Idee und es tut mir Leid, aber ich möchte eigentlich einfach nur wissen, ob es dir gut geht (und ob es vielleicht doch an mir liegt, dass unser Treffen nicht stattgefunden hat).

Da wir dummerweise keine Nummern ausgetauscht haben (meine ist übrigens: +49160/8846125), kann ich auch nur wieder diesen Weg nehmen um dir zu schreiben, in der Hoffnung, so eine Antwort zu bekommen.

Alles Liebe

Katrin

Sie steckte den Brief in einem Umschlag auf den sie unter das Für Santa, damit die Wichtel ihn auch fanden und mitnahmen, ein kleines Nicholas in Klammern schrieb und ergänzte ein Von Katrin auf der Rückseite. Mit einem Glas Milch und ein paar Keksen, die noch vom Weihnachtsbacken ihrer Schwester übrig waren, von ihrer Nichte hübsch verziert mit Perlen und rosa Zuckerguss, stellte sie ihn auf die Kommode. Mit einem Seufzen ließ sie sich auf ihren Lesesessel plumpsen. Nun hieß es abwarten.

Behind the Scenes

Dieses Kapitel ist irgendwie eine direkte Zusammenarbeit von Marina/DarkFairy und mir. Nicht unsere erste, schreiben wir doch an Warlords zusammen und darüber als DFPP Entertainment – und endlich auch wieder ein Stück weiter! Sie hat das Grundgerüst geschrieben und Thomas eingeführt und ich habe mit den Sachen ergänzt, die zum Rest der Geschichte ver- öhm -linken? Ah, verweisen!, denn als Buchhändlerin in Ausbildung hat Marina einen straffen Zeitplan und es leider nicht geschafft die vorherigen Kapitel ausführlich genug zu lesen, um das selbst einzubauen. Aber ich denke, die Mischung ist uns ganz gut gelungen. 🙂

PoiSonPaiNter

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PoiSonPaiNter

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Adventskalender: Türchen #17

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Abschied und Erinnerungen

Nicole, Nikolai, Klaus … sie alle bemühten sich wirklich um Nicholas. Dieser jedoch antwortete wenn überhaupt nur recht einsilbig. Nicht einmal der Sonnenschein Carlos mit seiner fast unerschütterlichen Frohnatur konnte ihn aufheitern, obwohl er sich redlich bemühte. Katrin versuche ebenfalls ihn zu erreichen, was immerhin etwas besser gelang, als bei seiner Familie. Aber auch wenn er etwas aus seiner Lethargie erwachte, tat er nicht sehr viel mehr als sich entschuldigen.
Daher beschloss die Familie ihn vom Begräbnis für den Krampus fernzuhalten. Alles wurde so geplant, dass er am Morgen mit Katrin aufbrechen konnte, um diese nach Hause zu bringen, während der Rest des Dorfes dem Verstorbenen die Letzte Ehre erwies. Immerhin war er ein Teil der Familie gewesen.

Still ging Nicholas an Katrins Seite durchs Dorf. Warum auch immer, sie hatte darauf bestanden, sich von einigen Bewohnern persönlich zu verabschieden. So auch von Carlos. Während sie hinein ging, wartete er vor der Tür, starrte hinüber zur Fabrik. Erneut lief die ganze Szene wie wie ein Film in seiner Erinnerung ab. Er suchte nach einer Möglichkeit, wie er die Situation hätte retten können, ohne den Krampus zu töten. Aber er fand keine. Außer wenn er Katrin gar nicht erst hierher gebracht hätte. Oder hätte er doch versuchen sollen, mit ihm zu reden. Sicher hätte es eine Möglichkeit gegeben.
Unwillig schüttelte er den Kopf, drehte sich um und sah durchs Fenster, wie Katrin von Carlos im Arm gehalten wurde. Eifersucht wallte in ihm auf. Schon unter normalen Umständen wäre es unmöglich gewesen, auch nur eine Freundschaft mit Katrin in Erwägung zu ziehen. Aber sie dann mit Carlos zu sehen, der das Dorf jederzeit verlassen konnte … das tat weh. Mehr als es sollte und er erwartet hatte.

Wenig später öffnete Nicholas das Portal, das Katrin nach Hause bringen sollte. Eigentlich hatte er ja vorgehabt, sie mit dem Schlitten zu fahren, aber die Familie war dagegen gewesen. Schweigend gingen sie den Weg vom Wald bis zu Katrins Haus. Sie setzte mehrmals an, um etwas zu sagen, entschied sich aber doch immer wieder dagegen. Sie hatte ihre Hände tief in ihre Taschen vergraben und nicht wie so oft in den vergangenen Tagen an seinem Arm. Ein Teil von ihm hätte gerne in diesen letzten Minuten noch einmal ihre Nähe gespürt, dem anderen war es lieber, dass sie Abstand voneinander nahmen. Immerhin würde er sie vermutlich sowieso nie wieder sehen.

Vor ihrer Tür angekommen stellte er ihre Rucksack ab. Er wusste nicht, was er sagen sollte und starrte einfach nur auf den Boden.
“Bis Weihnachten?” Ihre Worte ließen ihn aufblicken. Katrin sah ihn intensiv an. Ein Blick, den er nicht deuten konnte. Er wollte, dass es bedeutete, dass er ihr wichtig war. Aber konnte er das sein? Nach allem was passiert war? Er wusste es nicht, bezweifelte es.
„Ja natürlich“, erwiderte er daher schwach, wandte sich ab und ging.

Als er durch das Portal zurück nach Haus kehrte fühlte er eine Kälte, die nach ihm griff. Schob das aber auf seine allgemein nicht gute Verfassung und legte sich einfach ins Bett. Am Liebsten würde er alles vergessen. Nicht das was mit Katrin zu tun hatte, aber den Rest. Warum hatte er es nur soweit kommen lassen? Wie dumm konnte man eigentlich sein? Es gab all die Regeln ja nicht zum Spaß! Tatsächlich würde er aber um Katrin zu beschützen jederzeit wieder so handeln. Absprache hin oder her, dass sein Bruder ihm das unter die Nase gerieben hatte schmerzte. Auch wenn es ein Wunder war, dass Katrin überhaupt noch mit ihm redete, nachdem er zum Mörder geworden war. Sie behauptete zwar dankbar zu sein, aber er sah ihr an, dass auch sie ihn insgeheim dafür verurteilte. So wie auch seine Familie.

Da er auch nach Stunden keine Ruhe geschweige denn Schlaf finden konnte, schlüpfte er wieder in seine Kleidung. Vorsichtig lauschte er, er wollte niemandem von seiner Familie begegnen. Endlich hatte er die Haustür erreicht und trat hinaus in die Nacht. Er lief durch das schlafende Dorf, sah in den Himmel, ließ sich einfach treiben. Ebenso wie seine Gedanken, ohne ein bestimmtes Ziel. Und doch landete er immer wieder bei dem „Was-Wäre-Wenn“ … Wenn er nicht bei Katrin gelandet wäre, wenn sie nicht diesen Brief geschrieben hätte, wenn … wenn … wenn … Es war einfach frustrierend.
Mit Katrin hatte sich alles viel leichter angefühlt, einfacher. Jetzt war dieses Gefühl weg, begraben unter seinem schlechten Gewissen, den Zweifeln, die er einfach nicht los wurde.
Kein Wunder, dass keiner ihn mochte. Schon gar nicht Katrin. Er hatte sie beinahe umgebracht. Nicht nur sie, er hatte das ganze Dorf in Gefahr gebracht. Dass er den Krampus nicht selbst befreit hatte, spielte da auch schon keine Rolle mehr.

Als der Morgen hereinbrach ging er zurück ins Haus. Das Letzte was er brauchen konnte waren Vorhaltungen seiner Mutter, warum er nicht zum Frühstück gekommen war. Und ganz sicher hatten seine Geschwister auch noch ein paar Worte mit ihm zu wechseln.
Während er mit den Anderen am Tisch saß und so tat als höre er ihnen zu, ging er wieder und wieder ihren Abschied durch. Natürlich fielen ihm jetzt tausend Dinge ein, die er hätte sagen können. Witzige Dinge, charmante Dinge, nette Dinge. Alles besser, als „Ja, natürlich“, jedenfalls.
Aber die Chance hatte er verpasst. Wahrscheinlich würde sie nicht mal da sein, wenn er mit dem Schlitten vor ihrem Haus halt machen würde. Wieso sollte sie auch auf ihn warten? An ihm war nichts Besonderes. Er war nicht einmal der einzige Weihnachtsmann. Nicholas hatte genau gesehen, dass sie über diese Information sehr überrascht war. Bestimmt dachte sie, dass er es alleine nicht auf die Reihe bekäme, genau wie seine Geschwister. Und wahrscheinlich hatte sie sogar recht. Er konnte ja nicht mal in seinem eigenen Dorf auf sie aufpassen.
Nach dem Frühstück machte er sich an seine Arbeit. Musste aber immer öfter eine Pause mache. Ihm war kalt. Schrecklich kalt, so als ob er von innen am Erfrieren wäre und nicht einmal der Pullover seiner Mutter half dagegen.

*

Katrin konnte am Abend ihrer Rückkehr kaum einschlafen. Die ganze Zeit drehten sich ihre Gedanken darum, was sie alles erlebt hatte. Fast eine ganze Woche war sie in einem Märchenland gewesen. Hatte Zeit mit dem Weihnachtsmann – nein, den Weihnachtsmännern, -frauen und -wichteln verbracht, sich das Dorf und die verschiedenen Auslieferungsschlittentypen angesehen, die Wunscherfüllungs- und die Geschenkverteilungsroutine erklären und das Postamt und die Fabrik der B-Waren-Reparatur zeigen lassen und Rentiere hinter sicher verschließbaren Stallanlagen gestriegelt. Na gut, ein Rentier. Aber dafür ein Rentierkalb namens Lucifer.
Sie hatte duftende Pancakes gegessen, wunderbar warme von Mama Maros gestrickte Winterkleidung getragen und herausgefunden, dass auch die ganze Arbeit der Santas von eigenen Steuern finanziert wurde.
Ihr Herz machte einen besonders dollen Hopser, als Katrin daran dachte, dass der Bibliothekar sich noch an ihre Sonderwunscherfüllung, an das Buch, welches Nicholas ihr als Dankeschön für das Ausleihen der Ofenbürste gebracht hatte, erinnern konnte.

Schließlich wandten sich ihre Gedanken der Familie mit ihrer ganzen Geschichte und ihrer Herkunft sowie dem Thema „Krampus“ zu und sie verspürte ein Ziehen in der Brust. So ganz ungetrübt war die Idylle nach einem Blick hinter die Kulissen leider doch nicht gewesen. Zum Glück hatte sich alles aufgeklärt, die Vorurteile über sie als Fremde und möglicherweise Verantwortliche aus dem Weg geräumt und es herrschte wieder Sicherheit, aber dennoch blieb ein schaler Beigeschmack. Vor allem was Nicholas‘ Verfassung anging. Sie hoffte einfach nur, dass es ihm bald besser gehen und sie ihn dann Weihnachten wiedersehen würde.

Am nächsten Morgen musste sie wieder arbeiten gehen. Die Kinder würden fragen, warum sie eine Woche nicht da war. Ob sie wieder gesund sei, auch wenn sie das nicht gewesen war, und wieder mit ihnen spielen und ihnen Geschichten erzählen würde.
Und WAS für Geschichten könnte sie erzählen!
Aber was DURFTE sie erzählen? Katrin war zur Geheimhaltung verpflichtet, das hatte Nikolai ihr zum Abschied klargemacht. Niemand durfte von dem Dorf wissen, oder zumindest nicht, wo es lag.
Und wie könnte sie gewährleisten, sich nicht etwa zu verplappern oder – aus Nervosität – Widersprüche zu verbreiten?
Sie müsste sich Notizen machen. Notizen und Stichworte zur Reihenfolge der Geschehnisse. Die Namen verfremden, das Dorf anders beschreiben. Sollte in ihrer Version der Geschichte nicht doch die Geschenke lieber alle neu produziert werden? Oder könnte sie damit vielleicht auf die Recyclingmöglichkeit und gegen die Wegwerfgesellschaft ein Statement setzen? Sollte sie den Kindern gegenüber den Krampus erwähnen? Von Vorurteilen und deren Wiedergutmachung sprechen?
Von ihrer Begegnung mit dem waschechten Weihnachtsmann mit Motorschlitten und Rentieren hatte sie bereits berichtet – das müsste sie auch so stehen lassen.
Was also, wenn sie… wenn sie sich nicht nur Notizen machte? Sicherlich ließe sich auch ein ganzes Buch mit der Darstellung der Geschehnisse füllen! Vor ihrem inneren Auge erschien ein Buch, dick eingebunden mit einem roten Lederumschlag, und vorn eine grazile Zeichnung des Wohnzimmers samt angeheiztem Ofen und der im Schaukelstuhl sitzenden und strickenden Natascha.
Die erste Seite dieses Buches würde von den Worten geziert „für Nicholas“ und auf der nächsten würde ihre Geschichte beginnen!
Gerade weit genug von der Wahrheit entfernt, um das Dorf und die Familie und ihre Freunde zu schützen, könnte sie von ihren Erlebnissen berichten.
Meine Woche mit Santa‘ – oh Gott nein, das klänge wie eine Liebesschnulze! Katrins Lächeln verwandelte sich bei dem Gedanken in ein Grinsen. ‚Die Magie des Nordens‘, ja, das hingegen könnte man nehmen.
Mit diesem Gedanken schlief Katrin schließlich ein.

Als sie am nächsten Morgen von der Meute wissenshungriger Kinder umgeben war, von denen sich einige an sie kuschelten und im wahrsten Sinne des Wortes an ihrem Rockzipfel hingen und andere sich bereits hingesetzt hatten und sie um eine neue Geschichte baten, langte Katrin ins Regal, um ein Buch herauszunehmen, das sich mit den Abenteuern der Biene Maja beschäftigte und begann, daraus vorzulesen. Schließlich fing der Sommer gerade an und eine weitere Weihnachtsgeschichte zu erzählen, wäre wahrlich noch zu verfrüht.

Am Nachmittag, nachdem die Kids sich draußen auf dem Spielplatz ausgetobt und begonnen hatten zu malen, fiel Katrins Blick auf einen Prospekt, der in einem Projekt vor einem Jahr entstanden war. Der Kindergarten hatte zu einem Tag der offenen Tür eingeladen und statt Fotos für die Broschüre zu verwenden, waren die spielenden Kinder von einem Zeichner eingefangen und in Bleistiftskizzen verewigt worden. Die Bilder waren sehr gut angekommen und viele Eltern haben sich gewünscht, eine Kopie des Originals, auf dem ihr Kind zu sehen war, zu bekommen.
Auch Katrin hatten die Bilder gut gefallen – trotz der einfachen Skizzentechnik strahlten sie Lebensfreude aus, Bewegung, Dynamik. Der Zeichner hatte es verstanden, die Gesichtsausdrücke festzuhalten, den Bleistiftfiguren einen Charakter zu geben.
Was wäre, wenn Katrin diesen Zeichner für die Arbeit an ihrem Kinderbuch gewinnen könnte? Wenn sie mit ihm zusammen ein Projekt auf die Beine stellen könnte, dessen Ergebnis sie in der Vorweihnachtszeit im Kindergarten vorlesen und ausleihen könnte? Was, wenn sie dieses Buch sogar an einen Verlag vermitteln und die Geschichte so noch mehr Menschen zugänglich machen könnte?
Kurzentschlossen schnappte sie sich die Broschüre, recherchierte im Internet nach den Kontaktdaten und rief den Zeichner an.

Drei Tage später hielt Katrin die ersten Skizzen in der Hand. Noch nicht mal ein Foto hätte den Krampus, die Schlitten und den Stapel Pancakes besser erfassen können als der Zeichner es binnen einiger Minuten vermochte.

Behind the Scenes

Heute gibt es ein Doppelkapitel, ein zusammengefügtes Kapitel und das sogar von zwei verschiedenen Autorinnen (mit kleinen Ergänzungen meinerseits). Nicholas‘ Sichtweise stammt von  Irina Christmann, Katrins ist von Nebu. Nebu brauchte drei Ansätze, um diese Fassung so hinzubekommen, wie sie es wollte ohne einfach nur nachzuerzählen, was zuvor schon stand. Auch Irina musste nochmal nachbessern, denn sie ist etwas spät in die Szene eingestiegen und musste zusätzlich noch auf mein vorheriges Kapitel reagieren.

Ursprünglich waren es einzelne Kapitel, aber da an anderer Stelle die Aufspaltungen notwendig waren, musste es eben auch ein paar Zusammenführungen geben und hier passte es auch thematisch ganz gut.

PoiSonPaiNter

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PoiSonPaiNter

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Adventskalender: Türchen #16

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Der Krampus

Im zweiten Fabrikgebäude fanden sie ihn schließlich. Er stand alleine am Ende eines stillstehenden Fließbands und tüfftelte an einem kleinen metallischen Spielzeugauto.
“Hallo Heinrich”, grüßte Carlos ihn, nicht viel von seiner normalen Freundlichkeit war zu hören.
“Hab ich Post bekommen, Carlos?”, fragte er ohne aufzusehen.
“Nein. Wieso bist du hier alleine? Der Chef hat gesagt, wir sollen immer zu zweit unterwegs sein”, antwortete dieser stattdessen.
“Schmarrn. Nach der Aussortierung heute Vormittag weiß jeder, dass der Krampus nur hinter unartigen Menschen her ist”, winkte Heinrich unbekümmert ab und schraubte weiter an einem kleinen Rad, “Ich hab nichts unartiges getan, also bin ich vor ihm sicher und kann in Ruhe arbeiten.”
“Interessante Sichtweise”, kommentierte Carlos und warf Katrin einen vielsagenden Blick zu. Sie nickte und er stellte sie vor, wobei er sie etwas vor sich schob: “Katrin hier, möchte dir ein paar Fragen stellen.”
Heinrich sah auf und rückte seine Brille zurecht. “Die berühmte Besucherin. Wie kann ich helfen? Möchtest du Tipps, wie man ein Spielzeugauto effizient repariert?”
“Nein, ich möchte wissen, ob es stimmt, dass Nikolaus Maros Ihnen Pläne zur Überarbeitung eines Spielzeugs abgekauft und als seine eigenen ausgegeben hat?”, fragte sie geradeheraus.
“Wie kommst du darauf?”, versuchte Heinrich es runterzuspielen.
“Er hat es mir selbst erzählt, ich möchte Ihre Version davon hören.”
“Er hat -? Sieht er auf seine alten Tage doch noch seine Fehler ein?” Heinrich lachte bitter. “Nein, er hat sie mir nicht abgekauft. Ich habe nie Geld für meine Pläne erhalten. Er hat sie sich einfach genommen.”
“Und das konnten Sie nicht auf sich sitzen lassen? Sie mussten etwas dagegen tun?”, hakte Katrin nach.
“Worauf spielst du an, junge Dame?”, versuchte er sie aus der Reserve zu locken, aber Katrin hatte keine Lust auf Spielchen: “Den Krampus.”
“Was hat der damit zu tun?”, wunderte sich Heinrich, aber ein leichtes Zittern war in seiner Stimme zu hören.
“Den ältesten Santa mit Hilfe des Krampus als unartig zu entlarven, klingt nach einer sehr passenden Rache, oder was meinst du, Carlos?” Katrin rief sich alle Kriminalisten ins Gedächtnis, von denen sie je gelesen hatte und tat ihr Bestes es ihnen gleich zu tun in der Überführung des Täters. Auch wenn es vermutlich albern wirkte und ihr Herz wie wild pochte.
“J-ja, das klingt nach einer gelungenen Rache”, bestätigte Carlos etwas verwirrt.
“Und wie soll ich das bitteschön angestellt haben?”, wollte Heinrich wissen und verschränkte die Arme herausfordernd.
“Sie haben sich von Natascha hergestellte Decken besorgt um damit nach und nach das Eis zu schmelzen, dass den Krampus eingesperrt hielt. Meinen Aufenthalt, der Nikolaus sowieso schon ein Dorn im Auge war, haben Sie dann als perfekte Gelegenheit gesehen, um Ihren Plan zu vollenden. Sie haben sich irgendwann eine Kopie der Schlüssel zugelegt, die Arme und Beine abgetaut, die Ketten geöffnet und eine Decke so lange über den restlichen Eisblock gelegt, bis er sich von selbst befreien konnte”, fasste Katrin zusammen.
“Eine schöne Theorie”, erklärte er leicht beeindruckt, schaute sie dann aber herablassend an: “Aber beweisen kannst du sie nicht.”
“Das brauchen wir auch nicht. Wir brauchen dich nur zu einem der Santas zu bringen und die werden schon herausbekommen, ob du unartig warst Heinrich”, erinnerte ihn Carlos mit einem fiesen Grinsen.
Heinrichs Gesicht verfinsterte sich und er griff nach dem Auto, nur um es kurz danach Carlos an die Stirn zu werfen und in die andere Richtung davonzulaufen. Doch weit kam er nicht. Direkt neben ihm zerbarst ein Fenster und der Krampus sprang auf das Fließband, beäugte ihn wie ein Jäger seine Beute.
“Nein, nein, nein! Du sollst ihn bestrafen! Nicht mich! Er hat es verdient!”, schrie Heinrich den Krampus an, doch das interessierte das Monstrum nicht. Er sprang vom Fließband und ging gemächlich auf ihn zu, seine Hufen klackten laut auf dem Fliesenboden, ein tiefes Knurren drang aus seiner Kehle. Katrin war erstarrt und auch Carlos presste nur die Hand an seine Stirn. Blut tropfte aus einer Wunde an seiner Schläfe. Sie mussten etwas tun. Sie konnte nicht zulassen, dass der Krampus Heinrich tötete. Aber sie wusste nicht, wie sie ihn aufhalten konnten. Stattdessen schubste sie Carlos zu Boden, damit sie aus dem möglichen Blickfeld verschwanden. Wenn sie schon nichts für Heinrich tun konnte, dann musste sie wenigstens Carlos beschützen, den sie mit reingezogen hatte. Unter dem Fließband hindurch sah sie, dass Heinrich sich nicht mehr bewegte, er war wie eingefroren, während der Krampus immer weiter auf ihn zuging. Sie musste den anderen Bescheid geben. Sie griff nach ihrem Handy, nur um festzustellen, dass sie es in ihrem Zimmer hatte liegen lassen. Wunderbar. Sie brauchte etwas das Krach machte, etwas Lautes, etwas – ihr Blick fiel auf eine Handglocke, die zusammen mit anderen Kleinigkeiten im Regal neben Carlos stand, der zu benommen war, um sich zu bewegen. Sie griff an ihm vorbei und begann, so laut sie konnte damit zu läuten.

Kaum hatte sich der erste Ton aus dem Metall gelöst, so stoppte der Krampus. Seine Hände legten sich über seine Ohren und mehr und mehr krümmte er sich bis seine Stirn den Boden berührte. Sein erbärmliches Brüllen hallte durch die Fabrik. Als Katrin das sah hörte sie nicht auf die Glocke zu läuten und versuchte ihn so in Schach halten, bis endlich Hilfe kam, doch bald schon begann sich Angstschweiß auf ihren Händen auszubreiten.
Heinrich war derweil in sich zusammengesunken. Katrin starrte unter dem Fließband hindurch auf den Krampus und bemerkte nicht, wie Nicholas im Raum erschien.
Dieser nahm die Szene vor sich auf. Noch war der Krampus wehrlos, noch könnten sie ihn bändigen und zurück ins Eis sperren. Doch während er überlegte, wie er ihn am besten festhalten konnte bis seine Geschwister kamen, rutschte Katrin die Glocke aus der mittlerweile schwitzigen Hand und landete mit letzten verklingenden Tönen unter dem Rollcontainer am Ende des Fließbandes.

Verängstigt ließ Katrin sich auf den Boden fallen und angelte danach, doch sie konnte sie nicht erreichen. Sogleich rappelte der Krampus sich auf und setzte an in Katrins Richtung zu springen. Doch weit kam er nicht. Sein Bein machte einen letzten Schritt, dann sackte er der Länge nach zu Boden, ein großer Eiszapfen ragte aus seinem Rücken.
“Es ist vorbei…”, verkündete Nicholas, die Hand noch halb im Wurf. Sein Herz und seine Gedanken rasten. Panik stieg in ihm auf. Was wenn er dadurch eines seiner Geschwister, schlimmer, einen seiner Neffen dazu verdammt hatte, der nächste Krampus zu werden?
Vorsichtig lugte Katrin unter dem Fließband hervor. Vor ihr schrumpfte der haarige Körper und sie sah weg. Sie wollte nicht mit ansehen, wie aus dem Monster wieder ein Mensch wurde.

Bald darauf erschienen Nicholas’ Geschwister.
“Bist du von allen guten Geistern verlassen?”, fragte Nick aufgebracht, als er den Krampus sah, “Verstehst du das unter NICHT töten? Ist dir überhaupt klar, was du dadurch angerichtet hast?!”
“Ich-ich…”, setzte Nicholas an, aber brachte keinen Ton mehr raus. Wie ein Häufchen Elend kniete er vor der Leiche.
“Es ist meine Schuld. Er hat mich beschützt”, mischte Katrin sich ein, die sich damit abgelenkt hatte, Carlos’ Wunde so gut es ging zu versorgen, um nicht den toten Körper ansehen zu müssen.
“Das alles ist deine Schuld!”, fuhr Nick nun sie an, “Wärst du doch bloß nie hergekommen!”
“Sei still!”, befahl Nicole ihrem jüngeren Bruder, “Es ist nicht ihre Schuld, dass jemand die Gelegenheit nutzt um sowas abzuziehen!”
“Nicht jemand. Heinrich”, offenbarte Katrin und deutete vage in die Richtung ihres Verdächtigen.
Nicole beugte sich zu ihm und prüfte seinen Puls und sah dabei, was er getan hatte. “Verdammte Scheiße…”, kommentierte sie und strich sich über das Gesicht. Sie sah sich kurz in der Fabrik um und holte schließlich eine Plane aus einem Regal und legte sie über den Leichnam. “Nick reiß dich zusammen und geh Klaus holen! Sag ihm was passiert ist”, befahl sie ihrem Bruder, während sie sich zu ihrem jüngsten hinkniete.
Nick wollte widersprechen, beließ es aber bei einem Schnauben und verschwand.
“Alles gut bei dir, Kleiner?”, fragte Nicole vorsichtig und legte ihrem Bruder einen Arm um die Schulter. Nicholas schüttelte nur seinen Kopf und starrte weiter auf die Hand mit der er den Eiszapfen geworfen hatte. Nicole zog ihren Bruder in eine feste Umarmung und sogleich begann dieser zu schluchzen und krallte sich an sie, ganz so, als wäre er wieder ein kleiner Junge und seine Brüder hätten ihm einen fiesen Streich gespielt. Zärtlich strich sie ihm über den Rücken und die Haare um ihn zu beruhigen. “Alles wird gut, Kleiner, wir schaffen das”, versicherte sie ihm wieder und wieder.

Als er sich etwas gefasst hatte, zwang sie ihn aufzustehen und mit ihr zum Ausgang zu gehen. Er schlurfte mehr, als das er ging und Nicole bugsierte ihn mit einem Arm auf seinem Rücken. Katrin sprang auf und stellte sich den beiden in den Weg. Ohne Vorwarnung schlang sie ihre Arme um Nicholas. “Danke.” Ihr ging es nicht aus dem Kopf, dass er für sie ein Leben genommen hatte, auch wenn sie gerade nicht darüber nachdenken wollte. Dennoch wollte sie ihm zumindest zeigen, dass sie dankbar dafür war, dass sie ihres noch hatte.
“Wofür? Dass ich einen aus meiner Familie dazu verdammt habe zum Krampus zu werden?”, erwiderte er bitter und mit trockener Kehle.
“Dafür, dass du mir – uns”, sie deutete auf Carlos, der noch immer etwas benommen am Regal lehnte, “das Leben gerettet hast.”
Nicholas sah die beiden an und dann zur Seite. “Zu welchem Preis?”, murmelte er nur und wandte sich ab. Er hatte versagt. Er wollte seine Familie schützen, Katrin beschützen und hatte doch alles viel schlimmer gemacht. Nicole blickte kurz zu den beiden, dann kümmerte sie sich wieder um ihren Bruder, den sie einfach nur aus der Fabrik raus haben wollte. Katrin wandte sich schließlich Carlos zu und half ihm auf die Beine.
“Es gibt hier bestimmt irgendwo eine Krankenstation, oder?”, fragte sie ihn in der Hoffnung, er wäre noch – oder wieder – klar genug, ihr den Weg zu beschreiben.
“Ja, da links”, sagte er und deutete nach rechts.

Nachdem Carlos versorgt war, traute Katrin sich nicht die Familie zu stören und verzog sich in ihr Zimmer, in der Hoffnung sie würde geholt werden, wenn sie gebraucht wurde. Stattdessen wurde ihr gegen Mittag eine Portion Essen gebracht, aber der Wächter reagierte nicht auf ihre Fragen.

Endlich, als es Abend wurde, holte Nicole sie und brachte sie ins Wohnzimmer.
“Erzähl uns was geschehen ist”, forderte Nikolai sie auf. Er klang nicht wütend, aber auch sonst schwangen keine Emotionen in seiner Stimme mit, was es noch wesentlich schlimmer machte.
Katrin holte tief Luft bevor sie alles erzählte. Vom Gespräch mit Nikolaus, von der Konfrontation Heinrichs, vom Erscheinen des Krampus bis zum bitteren Ende.
“Woher wusstest du, dass die Glocke ihn aufhalten würde?”, hakte Nikolai nach.
“Wusste ich nicht, ich habe nur nach etwas Lautem gesucht, um auf uns aufmerksam zu machen. Im Nachhinein betrachtet war es eine dumme Idee, da ich ihn dadurch auch hätte ablenken können, sodass er uns stattdessen angreift…”, dachte Katrin laut nach.
“Ich glaube nicht, dass er euch angegriffen hätte”, merkte Klaus an, dessen Bein bandagiert auf einem kleinen Hocker ruhte. “So wie ich das verstehe, hat er sich nur dir zugewandt, weil das Glockenläuten ihn gestört hat. Du fällst nicht in sein Beuteschema.”
“Das heißt, hätte ich nicht durch Zufall seine Schwachstelle gefunden, hätte Nicholas ihn nicht -” Sie konnte nicht weiter reden. Nicht bei dem Anblick den Nicholas bot, wie er zusammengekauert an der Wand hockte, die Arme eng um seine angezogenen Beine geschlungen.
“Ich befürchte, wir hätten sowieso keine andere Wahl gehabt”, gestand Nikolai ein, “unsere Kräfte sind einfach nicht darauf ausgelegt, ein Wesen wie den Krampus festzuhalten, ohne ihm zu Schaden.” Er betrachtete seinen jüngsten Sohn mit einem mitleidigen Blick. “Dass das Los auf Nicholas gefallen ist, ist…bedauernswert.” Er wusste nicht, wie er es sonst ausdrücken sollte. Nicholas hatte sich schon immer Dinge viel zu sehr zu Herzen genommen und er befürchtete, dass sein Sohn noch eine ganze Weile daran zu knabbern haben würde, dass er ein Leben genommen hatte, um andere zu retten. “Alles was wir jetzt tun können, ist Entwarnung zu geben und ihm ein angemessenes Begräbnis zu geben.”
“Und einander im Auge behalten, wer in seine Hufstapfen tritt”, kommentierte Nick bitter.

Behind the Scenes

In der Ursprungsfassung dieses Kapitels gab es Carlos noch nicht, aber irgendwie hat Irina’s Postbeamter sich mehr und mehr auch in die anderen Kapitel geschlichen … auch die Reaktion auf die Tötung fiel anfangs etwas spärlich aus, das kam dann erst, als es an die Umsetzung ging.

In der Bearbeitungsphase gehörte die erste Unterhaltung von Katrin und Carlos noch mit zu diesem Kapitel, aber da es zu lang wurde und noch zu gestern gepasst hat, habe ich sie verschoben.

PoiSonPaiNter

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Lies auf Deutsch

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Adventskalender: Türchen #15

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Monsterjagd

So sehr sich Nikolaus auch sträubte, er konnte sich gegen seinen Sohn und seine Enkel nicht durchsetzen. Er musste im Haus bleiben und stets war jemand an seiner Seite. Auch Katrin durfte nicht weiter raus gehen, da Nicholas für die Suche gebraucht wurde. Nicht mal in die Bibliothek ließen sie sie. Immerhin hatte man ihr noch ein paar Bücher zum Lesen gegeben. Doch irgendwann ging es nicht mehr. Sie konnte nicht länger einfach nur rumsitzen und in alten Märchenbüchern blättern.

Überall in den Fluren standen Wachen, vermutlich einfache Arbeiter, die den Krampus nicht zu fürchten hatten oder nicht fürchteten. An ihren Hüften hingen Taser statt Waffen, der Befehl war klar: Der Krampus darf nicht getötet werden. Höflich fragte Katrin eine der Wachen, wo Nikolaus sich gerade aufhielt und er verwies sie auf das Wohnzimmer. Mit einem ‘Danke’ machte sie sich auf den Weg. Auch hier standen Wachen, aber sie ließen sie ohne Probleme ein, auch wenn Nikolaus sich nicht über ihre Anwesenheit freute.
“Was willst du hier, Mädchen?”, fuhr er sie an.
“Ihnen Gesellschaft leisten”, antwortete Katrin aufrichtig, “und vielleicht mit Ihnen zusammen herausfinden, wer Ihnen schaden möchte.”
“Willst Detektivin spielen, was?”, schnaubte der Alte.
“Nein, ich möchte helfen”, widersprach Katrin, auch wenn sie wusste, dass es schon ein wenig in die Richtung ging.
“Lass dir gesagt sein, Mädchen, das hier ist kein Spiel. Hier geht um Leben und Tod und wenn du dich einmischt, wer weiß, ob du nicht die Nächste bist, die zerfleischt und zerrissen auf dem Boden liegt”, drohte er ihr unbekümmert.
“Ich habe mir nichts zu schulden kommen lassen. Wenn der Krampus wirklich auf unartige Menschen reagiert, dann bin ich kein Ziel für ihn”, erwiderte sie selbstbewusst und sah ihn herausfordernd an: “Bei Ihnen bin ich mir da nicht so sicher.”

Derweil hatten Nick und Klaus einen Plan entwickelt, um den Krampus in eine Falle zu locken. Durch das Gespräch hatten sie erfahren, dass er womöglich auf Unartigkeit reagiert und nun war es an Nicole und Nicholas unter den übrigen Arbeitern diejenigen herauszufiltern, auf die dies zutraf, während Klaus und Nick einen passenden Ort für die Falle suchten. Für Nicholas und Nicole war es einfacher die Kandidaten zu finden, jeder von ihnen konnte fühlen, wenn jemand unartig war, aber im Gegensatz zu ihren Geschwistern brauchten sie beide meist keinen Körperkontakt dafür. Es dauerte nicht lange, da hatten sie einen kleinen Teil Arbeiter in einen extra Raum gebeten und Nicole erklärte den Plan. Einige von ihnen hatten Angst ihren Job zu verlieren, andere Angst um ihr Leben, dennoch gab es einen Mutigen, der bereit war, sein schlechtes Verhalten dadurch wieder gut zu machen. Mit dem Köder in der Falle legten die vier sich auf die Lauer.

Es dauerte mehrere Stunden bis sie ein Anzeichen vom Krampus hörten, aber dann kam er. Wie sie erwartet hatten, stürzte er sich direkt auf ihren Köder, aber Klaus war schneller. Er schleuderte eine Ladung Hagel in den Weg des Krampus. Er wich zurück und setzte erneut an, nur um ebenso von einer Reihe Eiszapfen davon abgehalten zu werden. Wütend versuchte dieser den Köder von einer anderen Seite zu erwischen, doch diesmal schlug Nick ihm ein Schnippchen indem er den Köder mit einem Windstoß außer Reichweite pustete. Nicole legte nach und umschloss den Krampus mit Schneeflocken. Er schlug aus und versuchte wieder ein freies Sichtfeld zu bekommen, doch immer mehr Flocken blockierten ihn. Nick und Klaus nutzten die Gelegenheit und nahmen die bereitgelegten Stahlseile, die sie um das Monstrum wickelten. Er wand und wehrte sich, aber schließlich hatten sie ihn so fest verschnürt, dass er sich kaum noch bewegen konnte. Mit ihrer Beute auf einen Transportschlitten gebunden, machten sie sich auf den Weg zur Höhle, um ihn dort wieder festzuketten.

“Du hast Mumm, dass muss ich dir lassen”, machte Nikolaus Katrin ein Kompliment, was Katrin zunächst verwunderte.
“Also gibt es wirklich etwas, dass jemanden zu solch drastischen Maßnahmen veranlasst haben könnte?”, vermutete sie.
“Ja, da könnte es eine Situation gegeben haben, die jemandem sehr missfallen hat…”, gab er schließlich widerwillig zu, “Es ist Jahre her. Nicole und Klaus waren damals vielleicht etwas jünger als die Jungs heute. Ich war noch der Leiter der Produktion und wir waren gerade dabei von Eigenproduktion auf Ausbesserung umzustellen. Es war ein großer Schritt und wir brauchten gute Entwürfe, um es flüssig und schnell umsetzen zu können. Ein junger Mitarbeiter hatte damals einen wirklich guten Entwurf eingereicht und ich habe ihn ihm abgekauft und als meinen eigenen ausgegeben. Es wurde eines unserer besten Spielzeuge. Meines Wissens hat er sich nie direkt darüber beschwert, aber er hat einigen weiß machen wollen, dass es sein Entwurf war, was ich aber wieder und wieder abgestritten habe.”
“Arbeitet er noch hier?”, hakte Katrin nach.
“Soweit ich weiß, ja. Er heißt Heinrich und ist vermutlich noch heute in der Produktion tätig”, bestätigte Nikolaus.
“Würde es Ihnen etwas ausmachen, wenn ich ihn darauf anspreche?”, bot Katrin an.
“Du? Das sollte eher jemand aus meiner Familie übernehmen…”, wies er sie ab.
“Die sind gerade damit beschäftigt die Belegschaft zu schützen und Ihren mörderischen Bruder einzufangen”, gab Katrin zu bedenken.
Nikolaus zögerter, sie konnte sehen wie es in ihm arbeitete. Schließlich gab er nach und Katrin machte sich sogleich auf die Suche nach ihm.

Die vier hatten gerade das Haupthaus hinter sich gelassen, als der Krampus sich zur Seite warf und den Schlitten mit sich umriss. Vor Schreck ließen Klaus und Nick die Seile los und er konnte einen Arm befreien. Seine Klaue fand ihren Weg in Klaus’ Bein. Nicholas stieß seinen vor Schmerzen aufbrüllenden Bruder zur Seite, um ihn außer Reichweite zu bekommen. Diese Chance nutzte der Krampus, um sich Nick zu widmen, der bereits wieder an den Fesseln zog. Da das zweite Ende noch locker am Boden lag, brachte es nichts und stattdessen nutzte der Krampus Nicks Momentum aus und rammte ihm seine Hörner in die Brust. Keuchend fiel dieser zu Boden. Nicole versuchte ihm mit ihren Schneeflocken erneut die Sicht zu nehmen, doch der Krampus schleuderte ihr das Seilende entgegen, das sie mitten im Gesicht traf und nach hinten warf. In einem letzten Versuch ihn aufzuhalten griff Nicholas nach dem zweiten Ende, doch sein ziehen half genauso wenig und der Krampus nutzte es eher, um sich aus dem Seil zu entwinden. Kurz darauf war er im Wald, der das Dorf umgab, verschwunden.
“Verdammt…”, fluchte Klaus und schlug auf den Boden.
“Ich finde ihn”, versprach Nicholas und eilte dem Monstrum hinterher.

Es war nicht einfach herauszufinden, ob Heinrich noch im Dorf war und noch wesentlich schwerer aus dem Haupthaus rauszukommen, um mit ihm zu reden. Letzten Endes war es Carlos, der Postbeamte, der sie zu ihm brachte, da auch er wissen wollte, ob Heinrich wirklich dahinter steckte. Auf dem Weg dorthin beobachtete er Katrin, als wäre sie ein ansteckender Fremdkörper. Schließlich war es ihr zu bunt. Mitten auf dem Weg blieb sie stehen und konfrontierte ihn: “Was ist dein Problem mit mir? Denkst du auch, dass ich es war, die den Krampus freigelassen hat?”
Carlos sah zur Seite. “Nein, du bist nicht unartig. Sonst hätte dir Nicholas kein Geschenk gebracht”, widersprach er und ergänzte: “oder dich hergebracht.”
“Was ist es dann?”, verlangte sie zu wissen und verschränkte die Arme vor der Brust.
Carlos druckste, sah sie nicht an und wollte es ihr am Liebsten nicht sagen.
“Bitte Carlos, ich möchte doch nur wissen, was ich falsch gemacht habe, dass du mich so abstoßend findest”, bat sie ihn ehrlich und lockerte ihre Arme.
“Nicholas ist ein toller Kerl. Ich möchte nicht, dass du ihm das Herz brichst”, offenbarte er ihr und leichte Röte stieg ihm ins Gesicht.
“Du-du magst ihn?”, vermutete sie und Carlos nickte kaum merkbar. “Ich-er-wir, da war nichts! Ja, wir verstehen uns gut, aber mehr war da nicht, mehr ist da nicht!”, versuchte sie ihm zu erklären, “Es würde mich wundern, wenn er überhaupt ein solches Interesse an mir hat …”
Carlos sah verwundert auf. War sie so blind? “Natürlich hat er das, allein, dass er dich hergebracht hat und dir seine Welt zeigt, um zu sehen, wie du darauf reagierst, sagt doch schon alles”, widersprach er.
“Solange ich es nicht aus seinem Mund höre, mache ich mir keine Hoffnungen, das führt zu nichts. Und jetzt lass uns Heinrich suchen”, beendete sie das Thema, über das sie gerade nicht weiter nachdenken wollte.
“In Ordnung”, gab Carlos nach, nun etwas offener als zuvor. Vielleicht war sie doch nicht so verkehrt.

Behind the Scenes

Hier habe ich versucht die Kampfszenen mit den ruhigeren Sprachszenen zu kombinieren, ihr müsst entscheiden, wie gut mir das gelungen ist. 😀

Ich fand es vor allem wichtig zu zeigen, dass selbst in der Weihnachtsfamilie bzw. unter deren Arbeitern schwarze Schafe sind und nicht alle lupenreine Westen haben.

PoiSonPaiNter

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