Daily Archives: 10. Juli 2020

Wie die Märchen in die Rap-Songs kamen …

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In den letzten Märchensommern hat Jan Laumeier sich mit Sprache (Mär vom Chen, Einfluss der Brüder Grimm auf die deutsche Sprache) und Adaptionen im Japanischen beschäftigt. Diesmal geht er wieder einen neuen Weg und nimmt uns mit in die Texte seines Lieblings-Rappers.

Das Märchensommer Banner zeigt eine Scherenschnitt-Fee, die Glitzer auf den verschnörkelten Schriftzug "Märchensommer" über einem aufgeschlagenen Buch streut. Alles vor einer grünen Wiese neben einem Baum und Sonnenstrahlen im Hintergrund.

Teilnehmerin der ersten Stunde, reiht sich Anne Danck nun in die Reihen der Märchensommer Gastbeitragschreiber:innen ein und erzählt euch ein bisschen was zu verschiedenen Märchenadaptionen.

Das Märchen von Marshall Mathers

Wenn ich an Märchen denke, habe ich zuerst Disney-Filme vor Augen, manche habe ich gesehen und manche nicht. Dann kommen mir die Brüder Grimm in den Sinn, gelesen habe ich ihre Ausführungen meist nicht oder vielleicht doch. Natürlich gibt es 1001 Weg, Märchen zu erleben, doch das Interessante ist: Selbst wer sie nicht aktiv aufsucht, kennt eine Handvoll genug um Referenzen zu verstehen. Märchen schlagen tiefe Wurzeln in unsere Kultur.

Es sollte daher nicht überraschen, dass Märchen nicht nur in Disney-Filmen sondern auch in Fernsehserien auftauchen, dass sie für Kinder aufbereitet werden aber auch in Erwachsenenunterhaltung vorkommen. Es gibt sie in Büchern und im Theater und in Comics und in der Musik.

Beispielsweise: Eminem. Der erste Gedanken bei diesem Künstlername ist sicherlich Rapper, manche glauben zu wissen, dass er frauen- und schwulenfeindliche Lieder schreibt (darüber kann man streiten) und vielleicht finden sie ihn lustig oder eklig oder inspirierend – je nachdem welches Lied gerade aus den Kopfhörern tönt. Lose Yourself lautet das Motto.

Was nicht jeder sofort sieht, Eminem ist ein ziemlicher Nerd, nicht nur was Hip Hop angeht sondern auch die typischen Dinge des Nerdtums wie Comics und Videospiele. In seinen Liedern finden sich dazu ständig Referenzen.

„So you’ll be Thor, I’ll be Odin
You rodent, I’m omnipotent“
(Tr.: Also wirst du Thor sein, und ich werde Odin sein. Du ein Nagetier, ich allmächtig)

(Rap God, Marshall Mathers LP 2)

Im Zuge der Comic-Verfilmungen von Marvel wissen nun auch viele nicht-Comicleser, dass es die nordischen Götter in eben diesem Medium gibt. So kann Eminem hier eine schnelle Referenz zum Allvater Odin aufbauen und seine eigene Überlegenheit hervorheben. Eminem als Allvater des Hip Hop, als Gott der Dichtung und des Kampfes – zwei wichtige Zutaten des Battleraps, aus dessen Szene Eminem einst hervortrat und in dessen Geist er heute noch an seine Kunst herangeht. Rap God ist, wie der Titel des Liedes bereits verrät, eine hyperbolische Prahlerei seiner Fähigkeiten und Erfolge im Rap. Unter anderem ausgewiesen durch den Fast Rap im dritten Vers, wo er stellenweise 4 Wörter pro Sekunde rappt.

Von den nordischen Göttern ist es nicht weit zu europäischen Märchen, Legenden und anderen Mythen, die in der westlichen Kultursphäre weit verbreitet sind. Im gleichen Song kommt diese Zeile vor:

„And I don’t know what the fuck that you rhyme for
You’re pointless as Rapunzel with fuckin‘ cornrows“
(Tr.: Und ich weiß nicht, wozu zur Hölle du reimst. Du bist sinnlos wie Rapunzel mit verdammten Cornrows)

(Rap God, Marshall Mathers LP 2)

Rapunzel ist für ihr sehr langes, wallendes Haar bekannt und dies wird häufig offen oder in einem einfachen Zopf dargestellt. Cornrows bezeichnet eine Flechtfrisur, die aus Afrika stammt und zum Markenzeichen hat, dass die Zöpfe sehr eng an der Haut anliegen – also nichts mit Wallen. Der schnelle Hinweis auf die beiden Haartraditionen und ihre gegensätzlichen Herangehensweisen werden damit zum Sinnbild der Inkompetenz des Gegenübers.

Aber Eminem nutzt Referenzen auf Märchen nicht nur, um sich über sich selbst zu prahlen, sondern auch um seine Lebensgeschichte präzise zusammenzufassen. Seine Lebensgeschichte kann anderen als Inspiration dienen.

„turn nothin‘ into somethin‘, still can make that
Straw into gold, chump, I will spin—Rumpelstiltskin in a haystack“
(Tr.: wandel nichts in etwas um, trotzdem kann ich das Stroh zu Gold machen, Trottel, ich werde spinnen – Rumpelstilzchen in einem Heuhaufen)

(Monster ft. Rihanna, Marshall Mathers LP 2)

Aus Stroh Gold spinnen, aus dem Nichts etwas Erschaffen ist im Grunde genau das, was Eminem mit seinem Leben getan hat. Ihm waren nicht viele Möglichkeiten auf den Weg gegeben, sich eine Karriere aufzubauen und in seinem Leben erfolgreich zu sein. Man kennt die Geschichte vielleicht: alleinerziehende Mutter, auf Sozialhilfe angewiesen, Schulabbrecher; dazu noch die Spannung wie er als Weißer in einer Musikrichtung von und für Schwarze Fuß fassen will. Geschafft hat er es dennoch, trotz der widrigen Umstände – aus dem Stroh hat er eine der langlebigsten und erfolgreichsten Karrieren im Hip-Hop geschaffen.

Ein letztes Beispiel, wie eine künstlerische Umformung von Märchen und Sprichwörtern neuen und personalisierten Sinn gibt.

„Unicorn in human form, saw a gift horse
Looked him dead in the mouth“
(Tr.: Einhorn in Menschengestalt, sah einen geschenkten Gaul und sah ihm direkt ins Maul)

(Lord Above ft Mary J. Blige & Eminem, Family Ties von Fat Joe & Dr. Dre)

Bekannt sind Einhörner als weiße, meist pferdeähnliche Wesen mit einem Horn auf der Stirn. Ein märchenhaftes Wesen als Vergleich zu seinem märchenhaften Leben. Einhörner sind magisch aber auch wild, das gleiche lässt sich leicht über seine Lieder sagen. Seine Gabe, Wörter in komplexe Reime zu verpacken, wird von vielen Meistern des Genres hochgelobt. Gleichzeitig umgeben ihn immer wieder Kontroversen bezüglich seiner Texte, über vermeintliche frauen- und schwulenfeindliche Äußerungen, die blutrünstigen Horror-Elemente und die Verherrlichung von Drogen, ganz abgesehen von all dem Fluchen. Aber statt, dass ihn harsche Kritik zähmt, macht er unbeirrbar weiter.

Die Abwandlung des auch im Englischen vorkommenden Sprichworts: einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul, spielt auf sein schwieriges Verhältnis mit Ruhm an. Seine Fähigkeiten im Rap sind ihm sowohl Segen als auch Fluch manchmal, ein wiederkehrendes Thema in seiner Musik.

Es zeigt sich also, Referenzen auf Märchen, Legen und Mythen sind nicht nur althergebrachte Elemente des westlichen Kulturkreises, sie können noch heute produktiv eingesetzt werden. Auch in einer Kunstform, die man nicht sofort mit den Brüdern Grimm assoziiert.

Der Gastautor:

In Greifswald studierte Jan Laumeier Sprachwissenschaft und trat mit dem Autorenverein GUStAV zu Lesungen auf. Das Publikum lachte, weinte und staunte mit seinen Kurzgeschichten. Er schreibt von Problemen der Liebe und des Alltags, von Mythen, Magie und Tod, von fremden Kulturen und Sprachen. Sein Lieblingszitat ist: „Habe keine Angst vor der Perfektion: du wirst sie nie erreichen.“ (Salvador Dalí)

Homepage: Tintenlöwe
Twitter: @Ingenius11


Lies auf Deutsch

During the last Märchensommers (Fairy Tale Summrs) Jan Laumeier talked about language (Tale of Chen, Influence of the Brothers Grimm on German) and about adaptions in Japanese. This time he takes a new route and takes a closer look at the lyrics of his favourite rapper.

Das Märchensommer Banner zeigt eine Scherenschnitt-Fee, die Glitzer auf den verschnörkelten Schriftzug "Märchensommer" über einem aufgeschlagenen Buch streut. Alles vor einer grünen Wiese neben einem Baum und Sonnenstrahlen im Hintergrund.

The Eminem Tale

When I think about fairy tales, I think about Disney movies first, some I watched and some I haven’t. Second thought goes to Brothers Grimm, which I probably haven’t read or maybe I did. Of course there are 1001 ways to consume fairy tales, but the interesting thing is: Even if we don’t engage with them actively, we know about a handful well enough to understand references. Fairy tales have deep roots in our culture.

It’s then unsurprising, that fairy tales don’t only appear in Disney movies but also in TV shows, they are sanitized for children to enjoy but are also part in more adult content. They are present in books and in theaters, in comics and in music.

Case and point: Eminem. Your first thought reading that name probably is: rapper, some think he writes misogynistic and homophobic song (which is debatable), but some might find him funny or disgusting or inspiring – depends entirely on the song you’re listing to. Lose yourself in the music.

What you might not know is that Eminem is quite the nerd, not just all things hip hop, but also about rather typical aspects of nerd culture like comic books and video games. In his songs are numerous references to this.

„So you’ll be Thor, I’ll be Odin
You rodent, I’m omnipotent“

(Rap God, Marshall Mathers LP 2)

Now with all of Marvel’s movies even people without much knowledge about comic books know, that the nordic gods are very well present in this medium. So, Eminem can throw a quick line about allfather Odin to show his own superiority. Eminem as the allfather of hip hop, as the god of poetry and battle – two important pieces of competitive rap, which is where Eminem comes from and how he still views his work. Rap God, as the title implies, is a hyperbolic bravado about his skills and success in rap. Not the least exemplified by the fast rap in the third verse, when he gets as fast as four words per second.

Close to the nordic pantheon are European fairy tales, legends and myths, which are common in Western culture. In the same song we hear this line:

„And I don’t know what the fuck that you rhyme for
You’re pointless as Rapunzel with fuckin‘ cornrows“

(Rap God, Marshall Mathers LP 2)

Rapunzel is widely known for her very long and flowy hair, often depicted open or in a simple pigtail. Cornrows describe a hair tradition from Africa, in which the hair is braided very close to the scalp – the opposite of flowy. This quick juxtaposition of hair traditions highlights the opposing strategies and the mix of them signifies the incompetence of Eminem’s opponent.

But he uses references to fairy tales not just to overtly brag about himself, but also to concisely sum up his life’s story. A life story that shall inspire the listener.

„turn nothin‘ into somethin‘, still can make that
Straw into gold, chump, I will spin—Rumpelstiltskin in a haystack“

(Monster ft. Rihanna, Marshall Mathers LP 2)

Make straw into gold, make something out of nothing is precisely what Eminem did with his life. He didn’t have many opportunities growing up to build himself a better life or a career. You heard the story before: single mom, dependent on welfare, high school drop-out. On top of that, the tension of him, a white guy, wanting to be a respected part of a music genre made by and for Black people. Nevertheless, he succeeded despite all adversity – from straw he made one of the long-lasting and most successful careers in hip hop.

A last example of how art can reshape fairy tales and proverbs into a new and personalized truth.

„Unicorn in human form, saw a gift horse
Looked him dead in the mouth“

(Lord Above ft Mary J. Blige & Eminem, Family Ties von Fat Joe & Dr. Dre)

Basic knowledge about unicorns is that they are white, horse-like creatures with a horn on their head. A legendary creature to compare a legendary life. Unicorns are magic but also wild, the same can be said about his music. His skill to put words into complex rhyme schemes is broadly praised but other masters of the craft. At the same time, Eminem is surrounded by controversy: His songs are often perceived as misogynistic and homophobic, the horror elements are often too bloodthirsty and there’s some glorification of drug use; also all the cursing. But the harsh critic never tamed him, instead he raps on single-mindedly.

The modification of the proverb: never look a gift horse in the mouth, alludes to the difficult relationship he has with fame. His skills sometimes feel like a gift but also like a curse, a recurring motive in his songs.

Although fairy tales, legends and myths are old and traditional elements of Western culture, they are still productive pieces of our shared imagination. Equally so in an art form one may not readily associate with the Brothers Grimm.

The Guest-Author:

Jan Laumeier studied linguistics in Greifswald and performed readings with the author association GUStAV. The audience laughed, cried and marveled at his short stories. He writes about the problems of Love and everyday life, about myths, magic and death, about foreign cultures and language. His favourite quote is: „Don’t fear perfection: You will never reach it.“ (Salvador Dalí)

Homepage: Tintenlöwe
Twitter: @Ingenius11

Anne/Poisonpainter